H5N1 Die Abwehr steht noch immer nicht


In diesen Wochen beginnt die "normale" Grippesaison - aber auch H5N1, der Erreger der gefährlichen Vogelgrippe, grassiert weiter. Mitschuld ist Schlamperei und Imagepflege einiger Staaten ohne Rücksicht auf schlimmstenfalls weltweite Folgen.
Von Frank Ochmann

Wenn in diesen Tagen imposante Formationen Hunderter Vögel über den herbstlichen Himmel gen Süden ziehen, blickt man auch hierzulande wieder skeptisch hinauf und fragt sich: Was ist eigentlich aus der großen Sorge geworden, die während der warmen Monate verdrängt werden konnte? Was ist nun mit H5N1, der Vogelgrippe?

Die Mitte Februar auf Rügen am Virus verendeten Vögel sind fast vergessen: Der bislang letzte bestätigte Infektionsfall in Deutschland wurde am 3. August gemeldet, ein Trauerschwan des Dresdner Zoos. Obwohl das Virus seither kaum noch den Weg in die Schlagzeilen schaffte, hat sich die Lage nicht entschärft.

Unverhindert hohe Gefahr

Zum einen gehen die Fachleute des Friedrich-Löffler-Instituts für Tiergesundheit in ihrer jüngsten Risikobewertung davon aus, dass Wildvögel das Virus auch bei uns nach wie vor in sich tragen. Die Gefahr eines Ausbruchs beim Nutzgeflügel durch eine Infektion von außen sei darum unverändert hoch. Zum anderen geht es nicht primär um Deutschland. Denn die Grippe ist immer eine globale Herausforderung, wie eben erst wieder unangenehm deutlich wurde.

Da musste die chinesische Regierung eine Rüge der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hinnehmen. Eine Untersuchung in den südlichen, besonders vom H5N1-Virus betroffenen Provinzen hatte nämlich Ergebnisse gebracht, die mit den staatlichen Angaben beim besten Willen nicht übereinstimmten.

Diagnosemethoden am unpassenden Erregertyp getestet

Drei begrenzte Ausbrüche waren seit dem Wiederaufflammen der Seuche 2003 gemeldet worden. Tatsächlich fanden die Forscher den Erreger flächendeckend in jedem 30. Tier auf den Geflügelmärkten des Südens. Schlimmer noch: 95 Prozent der Proben enthielten denselben Virusstamm, der jetzt "H5N1-Fujian-like" heißt. Von dem aber war nicht eine einzige Probe an die WHO geschickt worden. Nicht einmal gemeldet hatten ihn die Behörden, was entweder darauf hindeutet, dass sie bei den Kontrollen nachlässig waren, oder, dass es etwas zu vertuschen gab.

Folglich gingen die weltweiten Situationsanalysen in den vergangenen Monaten von teils falschen Voraussetzungen aus. Diagnosemethoden wurden am unpassenden Erregertyp getestet. Impfstofftests fanden mit Virenarten statt, die im asiatischen Zentrum des Geschehens kaum noch von Bedeutung sind.

Der Stoff, aus dem die Albträume der Grippeforscher sind

Solche Schlampereien und die hartnäckige Imagepflege einiger Staaten - ohne jede Rücksicht auf schlimmstenfalls weltweite Folgen - sind so gefährlich wie der Erreger selbst. Denn nur eine möglichst lückenlose Überwachung des Infektionsgeschehens erlaubt eine rechtzeitige Gegenwehr, wenn die von Experten wie Laien gleichermaßen gefürchtete Pandemie eines Tages ihren tödlichen Zug über die Kontinente beginnt.

Als sich im September Experten der WHO trafen, um ein aktuelles Bild der Grippeforschung zu gewinnen, stießen sie auf immer noch erhebliche Mängel: So fehlt weiter ein einfach und überall einsetzbarer, verlässlicher Test auf H5N1. Nicht verstanden haben die Forscher bis heute, warum sich offenbar besonders junge Menschen infizieren. Ungeklärt ist auch, ob das durch eine bestimmte genetische Veranlagung begünstigt oder sogar erst ermöglicht wird. Das könnte jedenfalls erklären, warum sich Menschen bislang so selten angesteckt haben, und auch, warum Übertragungen von Mensch zu Mensch bislang so gut wie nie vorgekommen sind: 256 bekannte H5N1-Infektionen bei Menschen mit 151 Todesfällen, weltweit und seit Beginn der zweiten Welle 2003, sind für sich genommen kein wirklich beängstigender Befund.

Doch niemand kann sagen, wie lange es bei diesem moderaten Verlauf der Seuche bleibt. Ein neuer, bisher übersehener und offenbar schon weit verbreiteter Virustyp wie der gerade in China entdeckte "Fujian-like" ist jedenfalls genau der Stoff, aus dem die Albträume der Grippeforscher sind.

Es gibt noch keinen verlässlichen Impfstoff

Die alljährliche "normale" Influenza-Saison verlief bei uns im vergangenen Winter und Frühjahr sehr mild: 860.000 Erkrankungen wurden verzeichnet. 5500 waren so schwer, dass sie im Krankenhaus behandelt werden mussten. Das war nur etwa ein Fünftel der Zahlen des Vorjahres. Etwa 10.000 Tote in einer Saison halten die Experten des Berliner Robert-Koch-Instituts für durchschnittlich. Grippe ist eben nie eine Bagatelle.

Deshalb empfehlen die Mediziner auch in diesem Jahr Vorbeugung. Es gibt noch keinen verlässlichen Impfstoff gegen H5N1. Trotzdem ist es auch in Deutschland sinnvoll, sich zumindest vor den gängigen Influenzavarianten zu schützen. Bei uns stehen nach Auskunft des Robert-Koch-Instituts etwa 22 Millionen Impfdosen zur Verfügung. Das sollte wenigstens für die besonders gefährdeten Menschen reichen: Ältere über 60 Jahre, chronisch Kranke und alle, die in medizinischen oder pflegerischen Berufen arbeiten.

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