Hausapotheke Vorsorgen mit Verstand


Tausende rezeptfreie Medikamente überschwemmen den deutschen Arzneimittelmarkt. Dabei genügt meist ein gutes Dutzend Produkte, um gegen die Leiden des Alltags gewappnet zu sein.

Eines der besten Mittel gegen die gemeine Erkältung steht nicht im Arzneischränkchen, sondern in der Küche: eine Büchse Hühnerbrühe. Heiß gemacht und Fettaugen-geschmückt hilft sie gegen triefende Nasen und kratzende Hälse - und das sogar mit wissenschaftlicher Begründung. Amerikanische Forscher haben die Wirkung des Gebräus untersucht. Dabei wurde ein nützlicher Effekt auf das Immunsystem nachgewiesen: Hühnersuppe hemmt die Aktivität von weißen Blutkörperchen. Die sind zwar einerseits für die Abwehr von Krankheitserregern verantwortlich, andererseits aber schuld am Anschwellen von Schleimhäuten in Nase und Mund, den quälenden Symptomen der gemeinen Erkältung. Hühnerbrühe hilft - Oma hatte Recht.

Bei den Medikamenten dagegen ist es so eine Sache: Verglichen mit etlichen Jahrhunderte alten Hausmittelchen schneidet manches Präparat in deutschen Hausapotheken schlecht ab. Da stapelt sich eine Mischung aus Unnützem, Überteuertem und zuweilen gar Schädlichem. Dabei bedarf es nur weniger vernünftiger Tipps, um Ordnung ins Gewirr zu bringen: Der stern hat das essenzielle Set wissenschaftlich wohl begründeter Arzneien zusammengestellt, das jedermann zu Hause haben sollte. Spezielle Bedürfnisse, etwa von Kindern und Reisenden, wurden gesondert berücksichtigt.

Die Zusammenstellung bringt Durchblick ins Chaos des von 50000 Medikamenten überfluteten deutschen Arzneimarktes. Für die Übel und Beschwerden des Alltags reicht sie aus. Bei schlimmeren Leiden muss ohnehin der Doktor ran, und der verordnet nach Bedarf, nicht zur Bevorratung. Bei der Zusammenstellung der Basis-Hausapotheke hat der stern zudem auf die Preisschilder geschaut. Bei Wirkstoffen, die mehrere Hersteller anbieten, wurde stets eines der günstigsten Produkte ausgewählt. Denn preiswerte Generika wirken genauso und vor allem auch genauso gut wie ihre zum Teil mehrfach teureren Original-Vorbilder.

Am Anfang der Hausapotheken-Erneuerung steht die Entrümpelung. Auf was lässt sich problemlos verzichten? Die Liste ist lang. Da sind etwa Heparin-Gels und Diclofenac-Salben gegen Prellungen und Verstauchungen. Deren Wirksamkeit ist bestenfalls umstritten. Auch der Megaseller ACC (Acetylcystein) in der viel beworbenen Brausetablette ist entbehrlich: Er lockert den Husten, sofern man gleichzeitig viel trinkt. Einen vergleichbaren Effekt hat allerdings eine kostengünstige Variation der Therapie: Viel trinken und ACC weglassen.

Ob Echinacea-Präparate für ein gestärktes Immunsystem, Lutschtabletten ge-gen Halsentzündungen oder pflanzliche Präparate, die eine Erkältung stoppen sollen, ob Gels gegen Insektenstiche und Juckreiz: Für viele Mittel gibt es keinen ordentlichen Beweis, dass sie wirken. Selbst die überaus beliebten Haut-Heilsalben mit dem Wirkstoff Dexpanthenol, die von vielen schon fast als Familienmitglied behandelt werden, gehören nach Ansicht führender Experten in die Rubrik "ungenutzte Sparpotenziale".

Ähnlich liegen die Dinge bei Brandsalben: Erzählt man einem Notfallmediziner, man sei zu Hause auch auf echte Notfälle wie Verbrennungen vorbereitet und habe dafür eine spezielle Creme, hält sich seine Begeisterung gewöhnlich in Grenzen. Denn eine salbenverschmierte Brandwunde ist äußerst schwer zu beurteilen, ihre Versorgung bereitet Mühe und kann erst dann beginnen, wenn die Creme aufwendig von der Verletzung entfernt wurde.

Die Beispiele zeigen: Der Inhalt landläufiger Apothekenschränkchen fördert wirksam den Umsatz der Pillen drehenden und Tinkturen abfüllenden Gewerbezweige. Aber stärkt er auch die Gesundheit des Besitzers? Wer seine Hausapotheke nach Überflüssigem durchforstet, findet daneben auch allerlei alte, angebrochene und abgelaufene Arzneien. Also gilt es, die Gelegenheit zum allgemeinen Frühjahrsputz inklusive Entsorgung von Altlasten zu nutzen.

Salben und Gele etwa sind in geöffnetem Zustand nicht so lange haltbar wie auf der Verpackung angegeben, Tropfen erst recht nicht. Einmal geöffnete Augentropfen zum Beispiel sollten nicht wesentlich länger als vier Wochen aufbewahrt werden. Tipp: Wer das Anbruchdatum auf die Verpackung schreibt, kommt erst gar nicht ins Grübeln.

Etwa zweimal im Jahr sollte man sich seiner Medikamentensammlung annehmen, aussortieren und sie neu bestücken mit den wichtigsten Substanzen zur Selbstbehandlung. Bei der Inspektion der Hausapotheke lohnt sich auch ein Blick auf Instrumente und Verbände: In welcher Verfassung befinden sich eigentlich die Pflaster? Kleben sie noch? Und die Schere: Ist sie schon rostig? Oder die Bandagen: Sind sie noch elastisch oder schon brüchig?

Neben dem Inhalt ist auch der richtige Standort des Apothekenschränkchens wichtig. Das Badezimmer ist zwar der wahrscheinlich beliebteste, aber nicht unbedingt der günstigste Platz. Denn Medikamente sollten trocken bei nicht allzu hohen Temperaturen gelagert werden - und nicht im Tropenklima des häuslichen Feuchtbiotops. Sonst verwandeln sich etwa Nasentropfen alsbald in trübe Plörre. Oder Cremes in bröckelige, zähe Pasten.

Ausreichende Höhe des Montageorts wird entscheidend, wenn Kinder im Haus sind und neugierig auf der Suche nach dem Unbekannten durch die Wohnung stromern. Steht das Medikamentenschränkchen gut erreichbar auf dem Boden und ist leicht zu öffnen, landen bunte Pillen schnell im Kindermagen.

Eine gut sortierte Hausapotheke kann aber manchen Arztbesuch ersparen. "Eine ganze Reihe von Erkrankungen eignet sich sehr gut für die Selbstbehandlung, vor allem Atemwegsinfektionen", sagt Gisela Fischer, Professorin für Allgemeinmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Das sehen die Deutschen ähnlich: Im Jahr 2000 gaben sie knapp 4,2 Milliarden Euro für die Selbstbehandlung mit Medikamenten aus, den weitaus größten Teil für Husten- und Erkältungsmittel.

Altbewährte Nulltarif-Methoden ergänzen das Sortiment des wirklich Nützlichen und Nötigen, das der stern auf diesen Seiten zusammengestellt hat (siehe Abbildungen). Bei Fieber etwa sind kühle Wadenwickel sehr effektiv, die man alle 20 Minuten erneuern sollte. Eltern können ihre Kinder nackt in ein Laken einwickeln und zusätzlich mit Ventilatoren für Abkühlung sorgen. Zugeschwollenen Nasen und Hälsen hilft häufiges Trinken - das lockert den Schleim. Eine regelmäßige Nasenspülung mit Salzwasser lindert Schnupfensymptome. Das zeigten Wissenschaftler um den Präventivmediziner Thomas Schmidt von der MHH in einem Modellprojekt.

Den Juckreiz von Insektenstichen mildern geschnittene Zwiebeln oder Umschläge mit Weizenkeimöl. Gegen Brandwunden ist kaltes Wasser aus dem Hahn sehr viel effektiver als die Salbe aus der Apotheke.

Durchfall hingegen wird man nur schwer mit Hausmitteln stoppen können. Doch das muss auch nicht das Ziel sein. Denn mit dem Durchfall werden die Auslöser der Erkrankung aus dem Darm gespült, oft sind es Bakterien. Wichtig ist nur, dem Körper die verlorene Flüssigkeit wiederzugeben. Bewährt hat sich da Wasser, versetzt mit Kochsalz und Zucker. Letzterer liefert dem Körper Energie, zudem kann der durchfallgeplagte Darm Wasser besser aufnehmen, wenn es Zucker enthält. Auch etwas Schmackhafteres wie Tee kann helfen. Entscheidend ist aber immer: Durchfallkranke müssen viel trinken, am besten mehrere Liter am Tag.

Doch bei allem guten Willen, den Praxisbesuch mit Hilfe von Hausmitteln zu vermeiden: Man muss erkennen, wann es ernst wird, wann nur noch ein Arzt helfen kann. Es gibt deutliche Warnzeichen: etwa Durchfall über mehr als drei Tage. Oder Fieber, das länger als drei Tage anhält, ohne dass dafür eine klare Ursache erkennbar ist. Mit Bauchschmerzen sollte man erst gar nicht so lange warten: "Wenn die jemanden länger als einen Tag quälen, sollte er zum Arzt gehen", rät die Allgemeinmedizinerin Fischer. Denn hinter hartnäckigem Bauchgrimmen kann eben auch ein entzündeter Blinddarm stecken.

Ganz eindeutige Alarmsignale sind Bewusstseinsstörungen, Sehausfälle oder bisher unbekannte Schmerzen im Brustraum, sagt Fischer. Da muss der Doktor ran, gegebenenfalls der Notarzt.

Zu langes Herumkurieren kann auch in einen Teufelskreis führen. Wer etwa gegen seine Kopfschmerzen regelmäßig Tabletten schluckt, schürt damit die Dauerpein. Denn auch Schmerzmittel können das pochende Leiden auslösen - wenn sie regelmäßig über längere Zeit eingenommen werden.

Sehr zurückhaltend mit der Selbstbehandlung sollten Schwangere, Allergiker und Zuckerkranke sein. Auch für Kinder ist meist ein Besuch beim Arzt besser als ausdauerndes Abwarten und Herumdoktern zu Hause.

Doch generell gilt: Viele Erkrankungen heilen aus, ohne dass ein Fachmann helfen muss. Und schon gar nicht mehrere. Für ihr "Doktorhopping" sind die Deutschen bekannt und bei den Krankenkassen gefürchtet. Denn jeder Arztbesuch kostet Geld. Um ihnen ihr lieb gewonnenes, aber kostenträchtiges Hobby auszutreiben, könnten die Kassen künftig ein Sortiment mit den wichtigsten Dingen zusammenstellen, das sie kostenlos an ihre Versicherten abgeben - eine Art Pannenset für die Gesundheit. "Das muss gar nicht so teuer sein, denn da gehört nur das Wichtigste hinein: ein Fieberthermometer, Pflaster, Mullbinden und ein fiebersenkendes, schmerzstillendes Mittel wie Paracetamol", schlägt Fischer vor. Fehlen dürfe ferner auf keinen Fall "ein Beratungsheft für die richtige Selbstbehandlung, in dem auch die Fragen beantwortet werden: Wann kann ich mit der Selbstbehandlung nichts mehr erreichen? Wann muss ich zum Doktor?"

So ein Set könne das Bewusstsein für die eigene Verantwortung stärken, vermutet die Allgemeinmedizinerin. Aber: "Die meisten Präparate sollten die Leute nach wie vor selbst kaufen müssen, damit da eine gewisse Hemmschwelle eingebaut ist. Wir stehen heute alle unter Stress, und da ist schnell mal der Inhalt einer ganzen Medikamentenpackung geschluckt."

Die beste und günstigste Methode ist aber immer noch die, ohne Medikamente und Arzt auszukommen. "Wenn die Menschen sich genug bewegen, sich vernünftig ernähren und nicht rauchen, dann ist das durchschlagender als jede Form der Selbstbehandlung", sagt Fischer.

Jan Schweitzer, Martin Timmermann (Fotos)

10 Fragen zur Hausapotheke

Was Sie im Umgang mit Arzneimitteln beachten müssen

1. Was sind Kontraindikationen, Nebenwirkungen und Wechselwirkungen?

Viele Medikamente dürfen bei Vorliegen bestimmter Erkrankungen nicht eingenommen werden, da sie das Krankheitsgeschehen verschlimmern könnten - sie sind kontraindiziert. Nebenwirkungen sind allgemeinere unerwünschte Effekte, die ebenfalls gefährlich werden können. "Häufige" Nebenwirkungen treten bei mehr als zehn Prozent der Anwender auf, "gelegentliche" bei ein bis zehn, "seltene" bei weniger als einem Prozent. Wechselwirkungen liegen vor, wenn sich verschiedene Präparate gegenseitig negativ beeinflussen.

2. Wie nimmt man Tabletten am besten ein?

Mit viel Wasser. Die Pillen rutschen dann gut durch die Speiseröhre und lösen sich im Magen besser auf. Das schont auch die Schleimhaut. Milch, Tee oder Grapefruitsaft hingegen können die Aufnahme mancher Arzneien beeinträchtigen.

3. Kann durch Erbrechen oder Durchfall die Aufnahme von Medikamenten aus dem Darm vermindert sein?

Muss man sich innerhalb von vier Stunden nach der Einnahme eines Medikaments übergeben, wird es oft mit erbrochen. Ein massiver Durchfall kann dafür sorgen, dass Substanzen ausgeschieden statt aufgenommen werden.

4. Welche Medikamente dürfen Kinder nicht einnehmen?

Generell sollte man mit Medikamenten bei Kindern zurückhaltend sein. Der Beipackzettel hilft. In ihm finden sich auch oft Tabellen, die erläutern, wie man ein Medikament für ein bestimmtes Alter dosiert.

5. Darf man noch Auto fahren, wenn man ein Medikament eingenommen hat?

Auch hier ist der Beipackzettel entscheidend. Manche Mittel erzeugen Schwindel, andere machen müde oder beeinflussen die Reaktionsfähigkeit. Geschieht ein Unfall unter Einfluss von Medikamenten, kann man den Versicherungsschutz verlieren.

6. Sind Nachahmerpräparate (so genannte Generika) genauso sicher und wirksam wie die Originale?

Eindeutig ja. Und nicht nur das: Sie sind oft auch billiger.

7. Sind Arzneimittel vom Internet-Versandhandel genauso sicher wie die aus der Apotheke?

Ja. Es sind meist die gleichen Präparate, die man in der Apotheke kaufen kann. Im Internet sind sie häufig etwas billiger.

8. Was müssen Schwangere und Stillende beachten?

Sie müssen sehr vorsichtig bei der Medikamenten-Einnahme sein. Im Zweifelsfall hilft die Rücksprache mit dem Frauenarzt.

9. Was soll man tun, wenn man schwanger ist, das bei der Einnahme von Arzneimitteln aber noch nicht wusste?

Zu Beginn der Schwangerschaft gilt meist: alles oder nichts. Entweder der Embryo stirbt ab, oder er entwickelt sich normal weiter. Auch hier hilft ein Gespräch mit dem Frauenarzt.

10. Darf man angebrochene Medikamentenverpackungen in den Hausmüll werfen?

Medikamente, die nicht mehr gebraucht werden, sollte man generell zur Apotheke bringen. Geringe Mengen von Tabletten dürfen aber durchaus mal im häuslichen Mülleimer landen.


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