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Chronisches Leiden: Leben mit Juckreiz: "Ameisenstraßen, die über mich krabbeln"

An der weltweit größten Juckreizambulanz in Münster kämpfen die Ärzte nicht nur gegen ein Volksleiden – sondern auch gegen die Angst und das Stigma der Patienten.

Leben mit chronischem Juckreiz

Wenn die eigene Haut zum Feind wird: Chronischer Juckreiz kann das Leben qualvoll und einsam machen

Bei Linda Mansano* ist es ein Piksen und Stechen: Es beginnt am Hinterkopf und breitet sich schnell über den ganzen Körper aus. 20 ist sie, als es das erste Mal passiert, sie rennt aus der Vorlesung, nur raus, und kratzt, kratzt. "Ich dachte, ich werde irre", erinnert sich die heute 28-Jährige.

Beim 87-jährigen Leon Winter* sind es "dreifache Ameisenstraßen, die über mich hinwegkrabbeln". Sein Enkel findet den sonst so fitten Opa mit nacktem Oberkörper, in gekrümmter Schonhaltung. Jede Bewegung, jedes leichte Reiben eines Stoffes lässt die Ameisen wilder krabbeln.

Bei Karin Peters* ist es ein Brennen, als stünden ihre Arme in Flammen. Im Supermarkt rennt die 60-Jährige zur Kühltruhe und hält die geröteten Arme hinein, wieder und wieder: "Ich tat so, als würde ich nach einer Tiefkühlpizza suchen."

Chronischer Juckreiz raubt den Schlaf, er macht nervös

Er sticht, brennt, ziept oder beißt: chronischer . Jeder fünfte Deutsche leidet irgendwann im Leben daran. Die Haut, das größte Organ des Menschen, ist dann keine schützende Hülle mehr – sondern ein hinterhältiger, unberechenbarer Feind. Er überfällt sein Opfer, wenn es am wenigsten damit rechnet – im Auto, bei einer Besprechung, im Restaurant. Er raubt den Schlaf. Juckreiz putscht auf, er macht nervös und hektisch. Und einsam. Einem Menschen mit Schmerzen schenkt man Mitleid. Jemand, der sich ständig kratzt, wirkt dagegen auf viele abstoßend. Hat er Läuse, Flöhe, die Krätze, wäscht er sich nicht? Hat er einen Tick? Juckreiz treibt nicht nur die, die er heimsucht, in den Wahnsinn – sondern auch ihr Umfeld. Viele Betroffene kratzen sich unablässig, an den Beinen, an den Armen, am Bauch, am Kopf. Wer sich mit ihnen unterhält (oder sogar nur diesen Text liest), spürt plötzlich, wie auch der eigene Körper zu jucken beginnt.

Professionelle Hilfe finden Erkrankte aus der gesamten Bundesrepublik in der Juckreizambulanz des Universitätsklinikums , der größten weltweit. Oft haben sie eine jahrelange Odyssee zu unterschiedlichen Ärzten hinter sich. Geleitet wird die Münsteraner Ambulanz von der 48-jährigen Hautärztin Sonja Ständer.

Als Ständer 1990 ihre Doktorarbeit zu Juckreiz begann, gab es keinerlei Studien zum Thema, nur ein paar Anekdoten von Patienten mit merkwürdigen Symptomen. Juckreiz wurde abgetan als "kleiner Bruder des Schmerzes", ein dubioser Geselle, nicht so ganz ernst zu nehmen. "Immer noch fangen manche Kollegen an zu grinsen, wenn ich mein Fachgebiet nenne, dabei ist Juckreiz ein Volksleiden", sagt Sonja Ständer. Vor allem im Alter, wenn die Haut trockener wird, beginnt bei vielen das große Kribbeln.

Leben mit chronischem Juckreiz

Dermatologie-Professorin Sonja Ständer, hier im Hörsaal, leitet die Ambulanz in Münster


Dass es Nervenfasern gibt, die Schmerzsignale ans Gehirn weiterleiten, ist lange bekannt. Aber erst vor gut 20 Jahren entdeckte man, dass es auch "Juckreizfasern" gibt: ein eigenständiges Sinnessystem mit Nervenbahnen von der Haut bis ins Gehirn. Es gibt sogar ein Juckreizgedächtnis, ähnlich dem Schmerzgedächtnis: Juckt es einen über längere Zeit, kann es passieren, dass die dauererregten Nervenbahnen auch dann noch weiter Alarmsignale feuern, wenn die Ursache längst verschwunden ist.

Ursachen für das Jucken gibt es viele, das macht die Untersuchung zur Detektivarbeit. 2500 Patienten werden jedes Jahr am Universitätsklinikum Münster ambulant behandelt, 500 besonders schwer Erkrankte auf der Station.

Juckreiz-Patienten haben einen hohen Leidensdruck

Die 100 Fragen, die alle neuen Patienten beantworten müssen, zeigen schon, welchen Leidensdruck viele mitbringen. Die Patienten werden nicht nur nach Art und Dauer des Juckens gefragt, sondern auch, ob ihre Krankheit sie depressiv oder traurig macht und was sie sich von der Behandlung erhoffen: etwa besser schlafen zu können oder wieder ein normales Sexualleben zu führen. Wenn die Patienten zustimmen, werden ihre anonymisierten Daten in die weltweit größte Juckreiz-Datenbank eingegeben – Futter für die immer noch junge Forschung.

Dann beginnen die eigentlichen Untersuchungen. Patienten werden gründlich durchgecheckt, Hautärzte arbeiten dabei zusammen mit Internisten, Neurologen, Radiologen, Psychosomatikern, Schmerztherapeuten, manchmal auch mit Gynäkologen oder Kinderärzten. Das Übel kann durch Störungen von Leber, Niere, Darm oder Schilddrüse verursacht sein, aber auch durch Eisenmangel oder Unverträglichkeit von Laktose oder Sorbit. Nach einem Bandscheibenvorfall können Nerven eingeklemmt sein. Es gibt Medikamente, die schlimmen Juckreiz auslösen können. Häufig sind Hauterkrankungen die Ursache – so manches Mal, bevor sie überhaupt ausgebrochen sind. "Juckreiz ist ein Frühwarnsystem", sagt Sonja Ständer. Er kann auch auf einen unentdeckten Diabetes hindeuten, ganz selten sogar auf eine Krebserkrankung: In rund einem Prozent der Fälle beginne bis zu einem Jahr vor Auftreten eines Tumors die Haut zu jucken, sagt Sonja Ständer. "Auf Juckreiz zu achten kann lebensrettend sein."

Bei Linda Mansano, der jungen Patientin, deren Haut völlig normal aussieht, die aber unter rätselhaften Juckreizattacken leidet, macht ein Arzt einen simplen Test mit einem kleinen Holzspatel: Als er ihn kräftig an Linda Mansanos Rücken entlangzieht, färbt sich ihre Haut rot, es bilden sich Quaddeln. Diagnose: eine versteckte Nesselsucht, wahrscheinlich vor Jahren durch ein Medikament ausgelöst, außerdem leichte Neurodermitis. Danach wird bei der jungen Frau eine ein paar Millimeter große Hautprobe am Unterschenkel ausgestanzt. Eine Mitarbeiterin zählt die Nervenfasern unter dem Mikroskop einzeln durch: Sind es die bei jüngeren Patienten üblichen zehn Fasern pro Millimeter? Oder weniger – dann werden die Ärzte hellhörig. Denn dann sendet die Haut falsche Signale: Kribbeln, Brennen, Stechen oder Taubheit.

Etwa 90 Prozent der Patienten kann Sonja Ständer mit einer klaren Diagnose entlassen. Vor allem aber möchte sie ihnen die Angst nehmen, nicht ganz normal zu sein, sich einfach nicht beherrschen zu können. "Gerade Patienten, bei denen an der Haut nichts zu sehen ist – bei uns die Hälfte –, denken oft, sie seien psychisch krank", sagt Ständer. Die Seele sei aber fast nie schuld, wenn die Haut verrückt spiele. Meist seien etwa Depressionen nur die Folge von schlimmem Juckreiz. Psychisch krank macht der Druck der Mitmenschen: Wenn Angehörige und Freunde mit dem sich kratzenden Bündel Mensch schimpfen, statt es vorsichtig in den Arm zu nehmen. Wenn sie voller Ekel vor der blutigen Bettwäsche zurückweichen.

Leben mit chronischem Juckreiz

Ärztin Sonja Ständer sammelt Kratzlöffel aus aller Welt: "Juckreiz ist ein globales Phänomen"


Der vielleicht wichtigste, der erlösende Satz, den Sonja Ständer und ihre Mitarbeiter den Patienten beim Erstgespräch mitgeben, lautet: "Kratzen ist erlaubt." Kratzen sei ein Reflex, sagt Sonja Ständer. "Man kriegt diese Reaktion nur ganz begrenzt in den Griff."

Es gibt "Kratzkissen", die man statt des eigenen Körpers bearbeiten soll. Manche schneiden sich die Fingernägel kurz, tragen abends daheim Handschuhe und binden sich schon mal Mullbinden um Arme und Beine, um nicht mehr an die juckenden Körperstellen ranzukommen.

Wird chronischer Juckreiz nicht behandelt, entwickelt sich etwas, das Ärzte den "Juck-Kratz-Teufelskreis" nennen: Es juckt, der Patient kratzt – oft, bis es blutet. Die wund gekratzten Stellen entzünden sich, nach einiger Zeit bilden sich Knötchen unter der Haut – die dann wiederum zusätzlich jucken.

Bei einer 42-jährigen Patientin ist es an diesem Tag besonders schlimm: Ihre Arme und Beine sind bedeckt mit verkrusteten Blasen. Schon als Kind hatte sie Neurodermitis, später juckende Pusteln, die sich dann durchs Kratzen entzündeten. "Ich gehe nicht mehr schwimmen und trage nur noch langärmelige Blusen und Hose", erzählt die Frau. "So wie ich jetzt aussehe, würde ich mich keinem Mann zeigen. Ich habe mich damit abgefunden, dass ich keinen Partner mehr finde." Ihr Traum: "Irgendwann mal wieder ein Sommerkleid tragen!" Bei ihr werden die schlimmsten Kratzknoten mit Kortison unterspritzt, außerdem erhält die Patientin juckreizlindernde Antihistaminika und sogenannte Immunsuppressiva. Sie hemmen Botenstoffe der körpereigenen Abwehr, die Jucken auslösen.

Chili-Pflaster gegen den Juck-Kratz-Teufelskreis

Viele der Medikamente, die die Ärzte in Münster anwenden, wurden eigentlich für andere Krankheiten entwickelt. So setzen die Ärzte ein Medikament gegen Übelkeit ein, das Nervenbotenstoffe blockiert. Auch eine Nebenwirkung von Antidepressiva hat sich bei einigen Patienten als hilfreich erwiesen: Die Mittel dämpfen allgemein die Wahrnehmung und damit auch das Juckgefühl. Bei manchen Patienten helfen nur Kortisoncremes, bei anderen Kühllotionen mit Menthol. Einige werden mit UV-Licht bestrahlt, um die Entzündungen zu lindern. Akupunktur, kalte Wickel – "erlaubt ist alles, was hilft", sagt Sonja Ständer. Sie hält allerdings nichts davon, wenn manche Patienten ihr komplettes Leben umstellen, sich etwa mit extremen Diäten kasteien oder den Job kündigen. Juckreiz kann sich durch Stress verschlimmern, dann helfen Entspannungstechniken oder Sport.

Karin Peters* Arme brennen noch immer regelmäßig, als Ursache wurden eingeklemmte Nerven ausgemacht. Inzwischen hängt Peters nicht mehr über der Kühltruhe, sondern hat immer eine Tasche mit Kältekompressen dabei, abends geht sie mit Kühlkissen auf den Armen ins Bett. "Mein Eiszapfen", frotzelt dann ihr Mann. In Münster versuchen die Ärzte, das Brennen in ihrer Haut mit Feuer zu löschen: Karin Peters’ Arme sind fest mit Chili-Pflastern umwickelt – sie enthalten 24-mal mehr Chili-Substanz als normale Wärmepflaster aus der Apotheke. Die Arzthelferin hat die Pflaster mit Handschuhen und Schutzbrille aufgeklebt, trotzdem musste sie mehrmals niesen, Chili liegt in der Luft. Die Ärzte haben mit der Substanz gute Erfahrungen gemacht: Der Chili lässt die oberflächlichen Nerven, die den Juckreiz auslösen, absterben. Oft haben die Patienten nach der Anwendung einige Monate Ruhe, manchmal sind die neu gebildeten Nervenfasern sogar ganz gesund. Dafür brennt es während der Behandlung höllisch, viele Patienten halten die eine Stunde, in denen der hoch dosierte Chili einwirken muss, nur mit Schmerztabletten durch. Karin Peters schafft es zu lächeln: "Ich hoffe, das hilft", sagt sie.

Leon Winter hat die Chili-Therapie schon zum zweiten Mal hinter sich, die Pflaster werden abgenommen, seine Haut ist jetzt feuerrot. Schnell holt die Arzthelferin Eis. Der 87-jährige Patient, der seit einer Nierenerkrankung an Juckreiz leidet, erträgt alles geduldig. Leon Winter sagt: "Danach halten die Ameisen endlich still."

*Namen wurden von der Redaktion geändert

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