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Hilfe gegen Falten: Forscher erschaffen künstliche "zweite Haut"

Der Ansatz ist spannend: Forscher haben eine künstliche zweite Haut entwickelt, die Falten vermindern und die Haut schützen soll. Ob das Produkt hält, was es verspricht, muss sich aber erst noch in größeren Studien zeigen.

Links ist die Creme aus zwei Komponenten unterhalb des Auges aufgebracht, rechts nicht

Eine "zweite Haut" als Stütze: Links ist die Creme aus zwei Komponenten unterhalb des Auges aufgebracht, rechts nicht. Der Effekt hält den Forschern zufolge 24 Stunden lang.

Das Alter setzt auch unserer Haut zu: Mit den Jahren wird sie weniger straff und elastisch. Kleine Fältchen sind die Folge, etwa um die Augen, oder tiefe Tränensäcke. Gegen diese unschönen Zeichen der Zeit halfen bislang nur Schönheitsoperationen, schmerzhafte und mit Risiken behaftete Eingriffe. Vielversprechender ist da ein Ansatz, den Forscher des Massachusetts Institute of Technology, des Massachusetts General Hospital und der Harvard Medical School nun präsentieren: Sie haben eine Art "zweite Haut" entwickelt, einen unsichtbaren elastischen und atmungsaktiven Film, der dabei helfen soll, Falten zu bekämpfen.

Die zweite Haut besteht aus einem Polymer-Material, das in zwei Stufen nacheinander auf die Haut wie eine Creme aufgetragen wird. Ihre Eigenschaften behält die künstliche Hülle circa 24 Stunden lang. Der Schutzfilm habe die "mechanischen und elastischen Eigenschaften von gesunder, junger Haut", schreiben die Forscher. Die Haut erhalte vorübergehend ihre Spannkraft zurück, wodurch sich Falten mindern lassen.

Neben kosmetischen Anwendungen sehen die Wissenschaftler auch medizinische. Altert die Haut, verliert sie nicht nur ihre Spannkraft und ihre Elastizität. Sie schützt auch nicht mehr so gut gegen extreme Temperaturen, Giftstoffe, Mikroorganismen, Strahlungen und Verletzungen, so die Forscher. Eine zweite Haut könnte hier Abhilfe schaffen und etwa als länger anhaltender Sonnenschutz dienen. In Zukunft könnte der aufgetragene Film auch dazu beitragen, entzündliche Hautkrankheiten zu behandeln. Dem Balsam müssten dafür Medikamente zugefügt werden. Doch weitere Forschung sei dafür noch notwendig, betonen die Wissenschaftler.

Erste, kleine Untersuchungen

"Ein Material zu entwickeln, das die Eigenschaften der Haut imitiert, ist äußerst schwierig", sagt Barbara Gilchrest, Dermatologin und Mitautorin der in "Nature Materials" veröffentlichten Studie. 

 "Viele haben sich daran schon versucht, doch die bis jetzt entstandenen Materialien waren nicht flexibel genug, nicht angenehm zu tragen, sie reizten die Haut zu sehr und waren nicht in der Lage, sich gut anzupassen und bei Bewegungen wieder in die Originalform zurückzukehren."

Für das aktuelle Projekt testeten die Forscher mehr als 100 mögliche Polymer-Strukturen. Sie untersuchten sie daraufhin, welcher Kandidat dem Aussehen, der Festigkeit und die Elastizität von Haut am ähnlichsten kommen würde. Das beste Polymer-Material übertrifft sogar die elastischen Fähigkeiten von Haut: Wenn es im Labor um mehr als 250 Prozent gedehnt wurde, kehrte es ganz leicht in seine Originalform zurück. Natürliche Haut könne dagegen nur um etwa 180 Prozent gedehnt werden, schreiben die Forscher.   

Sie testeten die zwei Komponenten der Creme an wenigen Freiwilligen - und trugen den Film etwa unter dem Auge auf, wo er Tränensäcke reduzieren sollte. Tatsächlich erscheint die Haut an den behandelten Stellen glatter, straffer und weniger faltenreich. Den Forschern zufolge kann die zweite Haut den ganzen Tag lang "getragen" werden, ohne zu irritieren. Auch Schweiß und Feuchtigkeit hält sie angeblich stand.

Alle Autoren haben Interessenkonflikte

Tamara Griffiths vom Britischen Hautärzteverband, die nicht an der Studie beteiligt war, findet die Idee der zweiten Haut interessant. Die Ergebnisse bei der Tränensackbehandlung "scheinen mit denen einer Operation vergleichbar, allerdings ohne deren Risiken", sagte sie der BBC. "Es bedarf zwar noch weiterer Forschung, aber es ist ein neuer und sehr vielversprechender Ansatz für ein gängiges Problem."

In der Tat klingt die Entwicklung spannend. Doch ob die zweite Haut wirklich hält, was sie verspricht, müssen unabhängige Studien bestätigen. Denn alle Autoren der vorliegenden Studie haben handfeste finanzielle Interessen: Sie sind entweder an "Living Proof" beteiligt, einer Firma, die Pflegeprodukte herstellt oder an "Olivo Labs", einem Start-Up, das sich um die Weiterentwicklung und Vermarktung der zweiten Haut kümmern soll. Dass die US-Forscher große Hoffnungen in ihre Entwicklung setzen, ist daher wenig verwunderlich.

Auch die Verträglichkeit und die gesundheitliche Unbedenklichkeit müssten garantiert sein, bevor ein solches Produkt auf den Markt kommt. Kosmetische Mittel sind in Deutschland zwar nicht zulassungspflichtig, bestimmte Inhalts- und Zusatzstoffe wie Konservierungsstoffe, Farbstoffe oder UV-Filter aber schon. Hersteller kosmetischer Mittel müssen zudem die Unbedenklichkeit ihrer Produkte durch Sicherheitsbewertungen garantieren, schreibt das Bundesinstitut für Risikobewertung. Die Behörde bewertet hierzulande die Risiken kosmetischer Mittel. 


lea