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Vorsicht, Heilpraktiker!: Warum die sanfte Medizin Ihrer Gesundheit schaden kann

Die Journalistin Anousch Mueller hat sich zur Heilpraktikerin ausbilden lassen. Was sie dabei erlebte, erschütterte ihr Vertrauen in die Alternativmedizin. In ihrem Buch plädiert sie für eine Reform des Heilpraktikerberufs.

Von Lea Wolz

Wer sich in die Hände eines Heilpraktikers begibt, sollte sich zuvor über die Qualifikation des Behandelnden informiert haben

Wer sich in die Hände eines Heilpraktikers begibt, sollte sich zuvor über die Qualifikation des Behandelnden informiert haben

"Vernunft, das ist so etwas wie ansteckende Gesundheit." Dieses Zitat des italienischen Schriftstellers Alberto Moravia hat die Journalistin Anousch Mueller ihrem Buch "Un-Heilpraktiker" vorangestellt, das am Dienstag erschienen ist. Darin beschäftigt sich die Autorin kritisch mit dem Heilpraktikerwesen in Deutschland und deckt auf, "wie Heilpraktiker mit unserer Gesundheit spielen", so der Untertitel.

Das Buch ist auch ein Erfahrungsbericht. Denn Mueller hat selbst eine Heilpraktiker-Ausbildung abgeschlossen, motiviert durch ihre eigene Leidensgeschichte und ihre Erfahrungen mit der Schulmedizin. Wegen Atembeschwerden, die plötzlich im Alter von 27 Jahren auftraten, suchte sie zahlreiche Ärzte auf - doch keiner konnte ihr helfen, die Befunde waren unauffällig, aber die Symptome blieben. "Nach meinen ernüchternden Erfahrungen in zahlreichen Arztpraxen stieß ich - wie sollte es anders sein - auf die Alternativmedizin", schreibt die heute 36-Jährige.

Was sie an der Heilpraktikerschule erlebte, ließ ihre Begeisterung allerdings schnell in Skepsis umschlagen. Mit ihrem Buch will Mueller keineswegs Heilpraktiker generell verdammen, aber sie weist auf Gesetzeslücken bei der Ausbildung und in der Praxis hin. Sie hinterfragt die Wirksamkeit gängiger Behandlungsmethoden wie Akupunktur, Atemtherapie, Reiki oder Kinesiologie und beleuchtet Phrasen wie "Wer heilt, hat recht" kritisch. Zudem gibt sie Patienten Tipps an die Hand, wie sich ein seriöser Heilpraktiker von einem Scharlatan unterscheiden lässt.

Wie man in Deutschland Heilpraktiker wird

Den meisten Menschen dürfte wohl unbekannt sein, dass es für Heilpraktiker keine staatlich anerkannte Ausbildung gibt. Eine rechtlich bindende Berufsordnung und eine Kontrollinstanz - wie sie etwa die Ärztekammer für Ärzte darstellt - fehlen ebenfalls. Daher verwundert es zum Beispiel auch nicht, dass etwa über das Rabattportal Groupon momentan ein Online-Kurs zum Heilpraktiker angeboten wird. Der "Deal" kostet 149,99 Euro - statt angeblich 1740 Euro. Mit der Sehnsucht nach "sanfter" Medizin lässt sich kräftig Kasse machen - auch bei denjenigen, die sich wie Mueller selbst einst zum Heilpraktiker "berufen" fühlen. Nicht selten aufgrund einer eigenen Leidensgeschichte und der Enttäuschung über die Schulmedizin.

Ob dieser mitunter missionarische Eifer allerdings immer eine gute Triebfeder ist, darf zumindest angezweifelt werden. Etwa 35.000 Heilpraktiker gibt es in Deutschland laut Statistischem Bundesamt. Andere Quellen, schreibt Mueller, gingen von deutlich mehr aus, da in einigen Bundesländern die Zahl der Heilpraktiker nicht erfasst wird. "Das sind Zehntausende von Heilbehandlern, die ohne fundierte medizinische Ausbildung beängstigend viele Befugnisse haben, die in vielerlei Hinsicht an die von Ärzten heranreichen", kritisiert die Autorin.

So dürfen sie etwa Injektionen setzen, Aderlass und Eigenbluttherapien durchführen, offene Wunden behandeln und sogar Psychotherapie anbieten. Auch schwerwiegende Krankheiten wie Krebs zu therapieren, ist ihnen gestattet. Lediglich bei Infektionskrankheiten, Zahnbehandlungen und Geburtshilfe seien ihnen gesetzlich Grenzen gesetzt, schreibt Mueller.

Doch wie wird man in Deutschland Heilpraktiker? Nötig ist dafür eine Heilerlaubnis, die das Gesundheitsamt erteilt. Diese erhält, wer die sogenannte Heilpraktikerprüfung bestanden hat. Dafür müssen Berufsanwärter einen schriftlichen Multiple-Choice-Test und eine mündliche Prüfung ablegen. Die Prüfung ist rein theoretisch, Patientenkontakt und Praxiserfahrung sind nicht vorgeschrieben. "Das ist fast so als dürfe man Flugzeuge fliegen, nur weil man 'Motorflug kompakt' auswendig gelernt hat", kritisiert die Autorin. Zwar räumt sie ein, dass bei der Ausbildung auf medizinische Kenntnisse Wert gelegt wird und betont: Ein Heilpraktiker in spe habe ein beachtliches Pensum in Medizin zu absolvieren.

Allerdings, und hier wird es grotesk, solle so in erster Linie geprüft werden, ob der künftige Heilbehandler eine "Gefahr für die Volksgesundheit" darstellt. "Im Klartext heißt das, wenn sich ein Heiler verpendelt oder die falschen Globuli gibt, besteht keine Gefahr. Wenn ein Patient jedoch mit blutigem Husten in die Praxis kommt, sollte der Heilpraktiker die Lage als potenziell lebensbedrohlich einschätzen können - und nicht die Hand auflegen, sondern zum Arzt überstellen", schreibt Mueller. Überspitzt gesagt: "Es ist den Gesundheitsämtern egal, welchen Humbug der künftige Heilpraktiker treibt, solange er in der Lage ist, bösartige, hochinfektiöse oder lebensbedrohliche Zustände zu erkennen."

Ein reformbedürftiges Gesetz

Das Heilpraktikergesetz, das aus dem Jahr 1939 stammt, lässt also viel Spielraum. Zu viel, glaubt Mueller. Die Prüfung ist "keine Prüfung im Sinne einer Leistungskontrolle zur Feststellung einer bestimmten Qualifikation". So ist es wortwörtlich in einer Verordnung zum Gesetz zu lesen. Das Gesetz regelt also keine Ausbildungsinhalte. Prinzipiell könne jede Heilpraktikerschule anbieten, was sie will, so die Autorin. Auch im Fern- oder Selbststudium ließe sich das theoretische Wissen aneignen. Eine Berufsordnung, die sich die Heilpraktikerverbände selbst gegeben haben, existiert zwar - sie ist aber rechtlich nicht bindend. Einem Verband muss ein Heilbehandler zudem nicht zwingend angehören. "Heilpraktiker ist ein freier Beruf", schreibt Mueller. "Man könnte sagen, ein zu freier."

Ihre eigene Erfahrung an einer Heilpraktikerschule hat diese Ansicht verfestigt. Studenten seien dort indoktriniert, Verschwörungstheorien verbreitet und massiv die Impfangst geschürt worden. "Hier werden Dinge behauptet und praktiziert, als läge das 21. Jahrhundert noch in ferner Zukunft." Mancher Heilpraktiker überschritt seine Kompetenzen deutlich. Weiterbildungen gab es zwar zahlreich im Angebot - etwa zu Irisdiagnostik, Kindernaturheilkunde oder Chiropraktik. Doch diese Seminare unterliegen keiner Qualitätssicherung. "Es gibt unendliche viele angebliche Diplome und Zertifikate, die nach dem Gießkannenprinzip vergeben werden", schreibt Mueller. Manche mögen sinnvoll sein, andere sind Augenwischerei. Für Patienten ist all das kaum zu durchschauen.

Hingegen klingen für viele Erkrankte die Attribute "natürlich", "ganzheitlich", "traditionell" und "sanft", mit denen sich die Alternativmedizin schmückt, wie ein Versprechen. Eine Verheißung auf eine menschliche Medizin, jenseits von Apparaten und Big Pharma. Doch die Schwarz-Weiß-Zeichnerei ist gefährlich, das macht Mueller deutlich. Gerade auf dem unregulierten Markt der Komplimentärmedizin gilt es, wirksame Verfahren von Humbug zu unterscheiden, was die Autorin  in ihrem Buch für die gängigen Verfahren leistet.

Um es noch einmal zu betonen: Es geht Mueller nicht darum, Heilpraktiker generell als Scharlatane anzuschwärzen, den Beruf gänzlich abzuschaffen oder das Tun jedweder Heilpraktikerschule ins Zwielicht zu stellen. Auf die Missstände, die eine viel zu laxe Regulierung mit sich bringt, weist sie allerdings deutlich hin. Und fordert, den Beruf grundlegend zu reformieren. Nötig ist dafür aus ihrer Sicht etwa eine qualifizierte Ausbildung auf der Grundlage eines bundesweit einheitlichen Lehrplans sowie eine staatliche kontrollierte Prüfung und Zulassung. Veraltete Therapien seien kritisch zu hinterfragen. Auch Pflichtpraktika in Arztpraxen oder Krankenhäusern seien wünschenswert, schreibt Mueller. Heilpraktiker könnten von einer solchen Reform durchaus profitieren, da sie sich auf ihre staatlich anerkannte Ausbildung berufen könnten - und ihren Beruf vielleicht weniger gegen Kritiker "verteidigen" müssten, wie es in einem Forum heißt

Muellers gut recherchiertes und verständlich geschriebenes Buch ist ein engagiertes Plädoyer für mehr Vernunft und Wissenschaftlichkeit im Heilpraktikergewerbe zum Wohl der Patienten. Es ist allen zu empfehlen, die sich unreflektiert in die Hände von Heilpraktikern begeben - in der Annahme, dass natürliche  Behandlungsmethoden keinen Schaden anrichten können. Es bietet eine spannende Lektüre, die manchmal einfach staunen lässt, was auf dem Markt der Alternativmedizin alles möglich ist. Und es zeigt, wie sich gefährliche Weltanschauungen und Verschwörungstheorien weiterverbreiten - einem ansteckenden Virus gleich.

Bar jeder Vernunft.


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