VG-Wort Pixel

Hohe Krebsrate alamiert Anwohner Atommüllager Asse bleibt in den Negativ-Schlagzeilen


Das Gebiet rund um das Atommülllager Asse in Niedersachsen verzeichnet überdurchschnittlich viele Krebsfälle. Die ansässige Bevölkerung zeigt sich entsetzt. Ein Zusammenhang zwischen der Asse und den Erkrankungen könne aber nicht hergeleitet werden, so Landrat Jörg Röhmann.

Eigentlich ist Asse lediglich die Bezeichnung eines sanften Höhenzuges am Harzrand im Landkreis Wolfenbüttel. Als sich 1974 sieben kleine Gemeinden zu einer neuen großen Samtgemeinde zusammen fanden, wählten sie diesen Namen ausdrücklich wegen der herrlichen Laubwälder und vielfältigen Wanderwege. So sollten Touristen anlockt werden. Inzwischen aber ist der Begriff Asse zum Synonym geworden für den schlampigen Umgang mit 126.000 Fässern mit schwach- und mittelradioaktivem Atommüll, die hier zwischen 1967 und 1978 in einem alten Salzbergwerk gelagert worden sind.

Und nun kommt es noch schlimmer: Das niedersächsische Krebsregister weist für die Samtgemeinde in den Jahren 2002 bis 2009 einen dramatischen Anstieg von Leukämieerkrankungen bei Männern und von Schilddrüsenkrebs bei Frauen aus. Als in dieser Woche die ersten Auswertungen der aktuellen Zahlen des Krebsregisters diese gravierende Abweichung vom Landestrend belegten, reagierte das Gesundheitsministerium in Hannover sofort. Der Landkreis, das Landesgesundheitsamt und das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) als Betreiber des Atomlagers wurden informiert, eine Ad-Hoc-Arbeitsgruppe eingerichtet.

Der Wolfenbütteler Landrat Jörg Röhmann (SPD) bemühte sich am Freitag, auch die neuen Negativ-Schlagzeilen sachlich zu betrachten: "Ein Zusammenhang zwischen den gehäuften Krebserkrankungen und der Asse-Thematik kann derzeit nicht hergeleitet werden". Bislang gebe es nur anonymisiertes Datenmaterial. Und das BfS verweist auf über 600 Messungen der Umweltradioaktivität, die vier staatliche Institutionen allein 2009 im Umfeld der Asse gemacht hätten: "Die Überwachungsmessungen über und unter Tage zeigen, dass zum jetzigen Zeitpunkt von der Asse weder für die Beschäftigten noch für die Bevölkerung eine Gesundheitsgefährdung ausgeht".

Es ist nicht das erste Mal, dass Atomanlagen in Deutschland in den Verdacht geraten, Krebs auszulösen. 2007 sorgte eine vom BfS in Auftrag gegebene Studie für Aufsehen, der zufolge Kleinkinder im Umkreis von Atomkraftwerken einem höheren Krebs- und Leukämierisiko ausgesetzt seien. Geradezu als Symbol einer möglichen schleichenden Gefahr galt lange Zeit das schleswig-holsteinische Atomkraftwerk Krümmel, in dessen Einzugsbereich in den 1980er und 1990er Jahre laut Atomkraftgegnern eine so starke Häufung von Leukämiefällen bei Kindern verzeichnet wurde wie nirgendwo sonst auf der Welt.

Geklärt sind die Ursachen für derartige Beobachtungen bis heute nicht. Das BfS ebenso wie die von den Bundesländern Schleswig-Holstein und Niedersachsen im Fall Krümmel beauftragten Experten schlossen aus, dass Atomkraftwerke im Normalbetrieb Strahlungsmengen freisetzen, die Leukämie und andere Krebsarten auslösen könnten. Das sei "nach derzeitigem wissenschaftlichen Erkenntnisstand" nicht der Fall, erklärte das BfS etwa zu den Ergebnissen der Studie von 2007.

Die knapp 10.000 Menschen in der Samtgemeinde Asse werden die Beteuerungen über die Sicherheit von Atomanlagen kaum beruhigen. Die Anwohner des Atommülllagers, das bis Ende 2008 vom Münchner Helmholtz-Zentrum betrieben worden war, leben seit geraumer Zeit mit der Angst, dass das Salzbergwerk wegen Wassereinbrüchen absaufen könnte. Das BfS will deshalb den gesamten Atommüll wieder herausholen.

Nicht vergessen haben die Anwohner in den kleinen Asse-Ortsteilen wie Remlingen, Denkte oder Hedeper die vielen Skandale rund um das Bergwerk. Erst wurden die gefährlichen Wassereinbrüche über Jahre verschwiegen, dann kam der Befund, dass das Bergwerk nur noch begrenzte Standsicherheit hat. Erst im September dann stellte sich heraus, dass die Menge des hier gelagerten mittelradiokaktiven Mülls zehn mal so groß war, wie dies bis dahin auch die Behörden angenommen hatten: Von den 126.000 Fässern im Bergwerk sind nicht 1300, sondern 16.000 mittelaktiv. Und jetzt also auch noch die Ungewissheit über die Gründe für den Anstieg der Krebserkrankungen.

Josef Harnischmacher und Sebastian Bronst, AFP AFP

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker