HOME

Hüftoperationen: Neue Hüfte vom Onkel Roboter

Operationsroboter für Hüftgelenkoperationen werden gern für ihre Genauigkeit beim Fräsen gelobt. Doch immer mehr Patienten sind unzufrieden mit den Techno-Docs, haben Schmerzen und ziehen vor Gericht.

Die Beschwerdewelle gegen computergestützte Gelenkoperationen schwillt an. Inzwischen wollen rund 200 Patienten vor Gericht ziehen, die sich von Operationsrobotern geschädigt fühlen. Eine Klage gegen den Gerätehersteller in den USA ist in Vorbereitung. Auch in Deutschland hat das erste Verfahren um Schadenersatz und Schmerzensgeld die Justiz erreicht. Die Gerichte werden es schwer haben mit dem Thema, denn die Mediziner sind geteilter Meinung über Nutzen und Schaden von operierenden Robotern.

Seit 1994 wurden in Deutschland 12 000 computergesteuerte Hüftgelenkoperationen durchgeführt, die Hälfte davon an der Berufsgenossenschaftlichen (BG) Unfallklinik in Frankfurt. Zwei konkurrierende Geräte sind auf dem Markt: das US-Modell Robodoc und der deutsche Konkurrent Caspar. Bei beiden bohrt eine computergesteuerte Fräsmaschine ein Loch in den Oberschenkelknochen, um darin eine künstliche Hüfte zu verankern.

Auch unter Ärtzten kritische Stimmen

Klinikdirektor Prof. Manfred Börner steht weiter hinter der Methode. Der Roboter fräse präziser, deswegen habe die Prothese mehr Kontakt mit dem Knochen, wachse schneller ein und halte länger. Die Geschäftsstelle Qualitätssicherung Hessen bestätigt: Von insgesamt 885 implantierten Hüftprothesen im Jahr 2002 lag die Komplikationsrate nach Robodoc unter dem Durchschnitt. "Zurzeit wird so getan, als ob der Roboter ausschließlich Komplikationen verursachte und alle anderen Methoden komplikationslos wären", bedauert Börner.

Nicht wenige Kollegen sehen Robodoc und Caspar durchaus kritisch: "Einiges deutet darauf hin, dass Muskel- und Nervenschäden tatsächlich häufiger auftreten", sagt Prof. Wolfhart Puhl, Generalsekretär der Arbeitsgemeinschaft Endoprothetik und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie. Ein möglicher Grund könnte sein, dass der Patient für die Operation "in einer Extremposition eingespannt" werden muss. Zudem erkenne der Roboter nur Knochen, keine Muskeln oder Weichteile. Das Argument des passgenauen Fräsens zieht für ihn nicht: Ein Mensch sei zwar nicht so genau, aber er könne "fühlen, sehen, hören, wo er hinfräst".

Unabhängige Studie gefordert

Hauptkritikpunkt des Ulmer Orthopäden ist, dass es keine unabhängige Studie zu Schaden oder Nutzen der Roboter-OP gibt. Daher plädiert er für eine Art Moratorium: "Stoppen und schnell und sachlich klären." So lange es keine eindeutige Datenlage gebe, könnten Patienten nicht sachlich über Chancen und Risiken informiert werden.

Der Freiburger Anwalt Jochen Grund vertritt knapp 200 Mandanten aus ganz Deutschland, die Robodoc- oder Caspar-Operationen für ihre Folgebeschwerden verantwortlich machen. Zwei Drittel der Klagewilligen wurden ihm zufolge in Frankfurt operiert. Sie klagen über Muskel- und Nervenschäden. Sie hätten Schmerzen beim Laufen, "watschelten" auf eine bestimmte Art, müssen teils ständig Schmerzmittel schlucken, berichtet Grund.

Im November will der Anwalt eine Klage gegen den US-Hersteller von Robodoc in Los Angeles einreichen. Der Vorwurf: Das Verfahren ist für Hüftoperationen ungeeignet, es biete "nur Nachteile, aber keine Vorteile". In Deutschland versucht Grund außergerichtliche Einigungen mit den Kliniken und den Versicherungen auszuhandeln. Zudem sind an deutschen Gerichten 30 so genannte Beweisverfahren anhängig, um zu klären, inwieweit die Folgeschäden tatsächlich auf diese Operationsmethode zurückzuführen sind.

Vor Gericht gewann der Roboter-Doktor

Ende August stand der Roboter-Doktor erstmals vor einem deutschen Gericht. Eine Hüftpatientin hatte die BG-Klinik auf Schadenersatz und Schmerzensgeld verklagt. Das Frankfurter Landgericht wies die von einer Anwältin eingereichte Klage ab: Die Nervenschäden hätten genau so gut bei einer anderen Operationsmethode auftreten können. Ein klarer Punktsieg für die BG-Klinik, die darauf verweist, dass Anwalt Grund bisher noch keine einzige "richtige" Klage gegen die Klinik eingereicht hat. "Er scheint wohl Zweifel zu haben, ob das Erfolg hätte", sagt eine Juristin im Haus.

Unterdessen sinkt die Nachfrage nach Robodoc- oder Caspar-OPs rapide. In Frankfurt, wo zu Hochzeiten 1200 Patienten pro Jahr operiert wurden, wird das Gerät in diesem Jahr höchstens 500 Mal zum Einsatz kommen. Andernorts stehen der Orthopäden-Gesellschaft zufolge viele Geräte ungenutzt oder gar noch originalverpackt im Keller.

Sandra Trauner / DPA

Wissenscommunity