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Lebensmittel-Unverträglichkeit Der Hype um laktosefreie Produkte - und wer wirklich davon profitiert

Laktosefreie Produkte
Laktosefreier Milch wird in der Molkerei Laktase zugesetzt, die den Milchzucker aufspaltet. Ein Prozess, der normalerweise erst im menschlichen Körper stattfindet.
© GettyImages
Laktosefreie Milch, Schokolade und Nussnugatcreme: Immer mehr Deutsche kaufen hochpreisige Produkte, die von Milchzucker befreit sind. Warum hält sich dieser Wahnsinns-Trend?
Von Silke Gronwald

Vor ein paar Jahren, da lagerten beim Edeka in Hamburg-Eppendorf die wenigen Tetrapaks laktosefreier Milch irgendwo ganz unten in einem dunklen Eckchen des Ladens. Heute hat der Marktleiter für die Spezialwaren einige seiner besten Regalmeter frei geräumt. Direkt auf Augenhöhe thronen die hippen Produkte – schön über der in Verruf geratenen klassischen Kuhmilch. Für die wird’s allmählich eng. Denn von unten drängen auch Soja-, Hafer- und Ziegenmilch nach. Und im Kühlfach gleich nebenan geht der Platzkampf weiter: Eine riesige Palette mit "Frei von"-Joghurt, -Butter und -Pudding steht prominent in bequemer Griffhöhe.

Das Geschäft mit dem Laktose-Wahn – es läuft und läuft. Seit 2007 hat sich die verkaufte Menge um mehr als 300 Prozent gesteigert. Insgesamt setzte der Handel im vergangenen Jahr 307 Millionen Euro mit von Milchzucker befreiten Lebensmitteln um. Die Zahl der Verbraucher wächst seit Langem zweistellig. Der einstige Ladenhüter ist heute Trendartikel.

Laktosefreie Lebensmittel? Preisaufschläge von bis zu 100 Prozent

Omira, eine kleine Genossenschaftsmolkerei in Ravensburg, war die erste, die das Potenzial erkannte. Im Jahr 2001, als selbst unter Medizinern das Wortungetüm Laktoseintoleranz weitgehend unbekannt war, brachte Omira die erste MinusL-Milch auf den Markt. Damals sah sie noch aus wie der dreckige Schneematsch, der dieser Tage an den Straßenrändern des mittelalterlichen Städtchens liegt, in dessen Mitte die Traditionsmolkerei ihren Sitz hat. Heute empfängt dort Sabine Kramer, Produktmanagerin der MinusL-Produktlinie, mit erfolgsgewöhntem Lächeln und erzählt von der trendentscheidenden Wandlung: "Wir haben viel experimentiert. Bis heute ist es ein streng gehütetes Betriebsgeheimnis, wie viel des natürlichen Enzyms Laktase wir der Milch zusetzen müssen, damit sie schmeckt und trotzdem frei von Milchzucker ist – noch nicht mal ich kenne es."

Dass die Flüssigkeit anfangs bräunlich aussah und etwas süßlicher schmeckte als normale Milch, nahmen die Betroffenen in Kauf. Sie freuten sich, überhaupt eine Alternative zu haben, bedankten sich, riefen in Ravensburg an, schickten Briefe und Mails, wünschten sich weitere Produkte.

Gesunde Menschen müssen nicht auf Laktose verzichten

Die Mitarbeiter im Kundenservice führten Strichlisten. Vollmilchschokolade und Nussnugatcreme standen besonders häufig auf dem Wunschzettel. "Wir sind ja eigentlich eine klassische Molkerei ohne jede Schoko-Expertise, aber wegen der vielen Anfragen entschieden wir uns, das Angebot auszuweiten", sagt Sabine Kramer.

Mittlerweile gibt es unter der Dachmarke MinusL mehr als 80 unterschiedliche Lebensmittel: Milchreis, Schoko- und Erdbeereis, Frischkäse, Mozzarella, Tiefkühlpizza bis hin zu Weihnachtsmännern und jetzt bald wieder Osterhasen. Alles, was sie bei Omira nicht selbst können, stellen sie zusammen mit Partnerunternehmen her. Noch sind die Ravensburger Marktführer, aber längst haben die anderen großen Molkereien wie Weihenstephan oder Landliebe erkannt, wie lukrativ das "Frei von"-Geschäft ist. Schließlich sind Preisaufschläge von bis zu hundert Prozent möglich. Selbst Aldi und Lidl haben ihre eigenen laktosefreien Handelsmarken.

Ist Laktose-Intoleranz nur ein Werbe-Bluff?

Die Kunden greifen zu – auch ohne nachgewiesene Unverträglichkeit. Kaum zu glauben: 80 Prozent der Käufer haben laut einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung gar keine Probleme mit Milchzucker. Tatsächlich sind die Surrogate für viele eher ein Lifestyleprodukt. Auch wenn sie dafür tiefer in die Tasche greifen müssen, am Ende siegt die Autosuggestion, dass es der eigenen Gesundheit diene.

"Die Hersteller vermitteln dem Verbraucher gerne das Gefühl, laktosefrei sei grundsätzlich etwas Gutes", sagt Silke Restemeyer von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Doch für gesunde Menschen haben die Produkte keinen Zusatznutzen. Wer nicht krank ist, sollte eigentlich nicht essen wie ein Kranker.

Die Allergieexpertin Julia Weißkirchen rät sogar weniger schwer Betroffenen davon ab, bei der Ernährung komplett auf Laktose zu verzichten: "Es ist gut, die gerade noch vertragene Milchzuckermenge auch weiterhin zu sich zu nehmen, sonst sinkt der Schwellenwert weiter."

Und für den Geldbeutel sind die Speziallebensmittel eindeutig schädlich. Ein Liter fettarme MinusL-Milch kostet 1,65 Euro – etwa doppelt so viel wie das Standardprodukt. Der Supermarktleiter weiß genau, warum er sie ins Blickfeld rückt.

Lebensmittel-Unverträglichkeit: Der Hype um laktosefreie Produkte - und wer wirklich davon profitiert

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