HOME
Aus dem Leben einer Mutter

Gebt den Kindern Zucker!: Meine Kinder bekommen Süßes – und ich lasse mich dafür nicht verurteilen

Nicht zu viel, schon klar. Aber in Zeiten, in denen in Berlin Eltern (wegen des Milchzuckers) gegen Schulmilch demonstrieren und Journalisten Horror-Bildchen von verfaulten Zähnen auf Limonadenflaschen fordern, muss man sich fragen: Sind die noch ganz frisch?

Von Andrea Müller

Wie viel Zucker ist zu viel Zucker?

Was die Zucker-Moralapostel wohl zu dieser Zuckerwatte sagen würden? Vermutlich würden sie in Ohnmacht fallen.

Getty Images

Bens zehnter Geburtstag am Wochenende stand im Zeichen des Zuckers. Die Gäste des Jubilars erschienen vollzählig zur kollektiven Saccharose-Überdosis im "Bonscheladen", inzwischen Touristen-Attraktion an der Elbe: köstliche Bonbons in allen Farben und Geschmackssorten, gelb-grün mit Maracuja-Limette, mit Herz oder Anker in der Mitte, süße Verheißungen aus purem Zucker. Zwölf Kinder hat Ben zu seiner Zucker-Party eingeladen, alle sind gekommen.

Mein erster Gedanke als Bens Vater die Feier im Zuckerparadies buchte: Cool, Ben liebt den Bonscheladen. Der Zweite: Wie reagieren wohl die Eltern seiner Freunde angesichts der vielen Anti-Zucker-Kampagnen, die es in letzter Zeit auf Titelseiten großer Zeitungen und sogar bis ins Kino schafften?

Etwa Englands ehemaliger Hipster-Koch Jamie Oliver polierte unlängst seinen nicht mehr ganz so hellen Stern am Kochhimmel mit einem Anti-Zucker-Film auf ("Sugar Rush – Jamie Olivers Kampf gegen den Zucker"). Übrigens genau der Jamie Oliver, der einst in seinem Kochbuch erklärte, das Kapitel Süßes falle aufgrund seiner Vorliebe für Desserts besonders umfangreich aus: 40 Seiten voller Zucker-Schocks, von denen jeder die empfohlene Tagesdosis der WHO ("World Health Organization") um ein Vielfaches sprengt.

Es gibt Schulen, an denen Verträge gegen Zucker unterschrieben werden müssen

Ich schätze mal, am Prenzlauer Berg hätten vier von zehn Eltern die Teilnahme ihrer Kinder an Bens Geburtstag wegen unpädagogischer Anleitung zur Überzuckerung abgesagt. Motto: Raucht euer Crack mal alleine.

Laut "Zeit"-Autorin Judith Luig demonstrieren Eltern an Berliner Grundschulen jetzt für die Abschaffung von Schulmilch, Grund: zu viel Milchzucker! Andere mussten bei der Einschulung einen Vertrag gegen Zucker unterzeichnen, es wurden Merkzettel verteilt, die klarstellten, was in die Brotdose gehört (Vollkorn-Dinkel-Käse-Stulle) und was nicht (Hefezopf mit Honig). Bei jedem Ausflug, jeder Klassenfahrt muss diese Erklärung neu unterschrieben werden.

Das Traurige daran ist, dass Zucker-Gegner die Seite der Guten verkörpern, der Gesunden, derer, die moralisch im Recht sind. Im Gewand des "Kampfes für die Gesundheit" machen sie ihren Anti-Zucker-Terror zur Ersatzreligion, vielleicht weil sie einfach nichts Wichtigeres zu tun haben. Die Mutter des achtjährigen Johann, eine Medizinerin, packte neulich nebst Obst und Gemüse einen Muffin in die Brotdose ihres Sohnes. Flugs bekam sie eine Mail aus der Schule:  "Liebe Frau X ... zum Thema Schulfrühstück kurz Folgendes: In eine Brotdose gehört kein Kuchen und in die Trinkflasche nur Wasser. Bei Johann eine Ausnahme zu machen, wäre den anderen Kindern gegenüber ungerecht und schwer zu rechtfertigen. Gerne habe ich ein Auge auf Johanns Essverhalten in der Pause und kann ihn motivieren, den hoffentlich demnächst nur noch gesunden Inhalt seiner Brotdose zu essen. Ich bin sicher, Sie verstehen das."

Die Nachricht der frisch der Schulbank entwachsenen Grundschullehrerin ist zwischen den Zeilen ein Mix aus Beleidigung und lehrerhafter Maßregelung. Motto: Na, gehören Sie angesichts ihres asozialen Verhaltens auch zu den Hinterwäldlern, den Ignoranten, oder gar der Unterschicht, wo die Faktenlage über die Schädlichkeit von Zucker noch immer nicht angekommen ist? Was packen Sie ihrem Kind als nächstes in die Brotdose? Einen Joint?

Wenn mir der Schinken ausgeht, bekommt Ben eben ein Marmeladenbrot mit

Davon abgesehen, dass Johanns Mutter ihren Kindern jeden Abend nach der Praxis noch warmes (gesundes) Essen kocht: Selbst wenn Johann dicklich, kränklich oder mangelernährt wäre, fragt man sich doch, ob Lehrer und alle anderen Anti-Zucker-Aktivisten in diesem Land die einzigen sind, die wissen, was unsere Kinder essen müssen? Ist es nicht unsere Entscheidung, ob ein Honigbrot oder auch mal ein Schokocroissant in der Brotdose liegen? Ist es nicht übergriffig, auch Eltern leicht untergewichtiger Kinder (wie Ben oder Johann) vorzuschreiben, dass für alle das gleiche gilt, wie in einer Militärdiktatur? Wie im Sozialismus unter Herrschaft der Staatspartei?

Ich glaub, ich spinne. Wenn mir der Schinken ausgeht, bekommt Ben eben ein Marmeladenbrot mit.

Es ist nicht nur die Militanz des Zeitgeistes, die so nervt, weil sie einen unmündig macht. Es ist auch die Penetranz jener Aktivisten, die einem uralte Erkenntnisse als neu verkaufen wollen.

Nun denke die große Koalition (laut "Welt am Sonntag") über Gesetze nach, die Unternehmen zwingen sollen, ihren Kunden (noch) genauer zu erklären, was sie ins Essen mischen. Unter anderem, um Zuckerhaltigkeit transparenter zu machen. Auch eine Steuer auf Limonaden und stark zuckerhaltige Getränke stehe auf der Agenda.

Da frage ich mich: Wer weiß eigentlich noch nicht, dass in fast allen Lebensmitteln, auch in Tütensuppe, Fertigbolognese oder TK-Pizza, vor allem jedoch in Säften, Marmelade oder Fruchtjoghurts jede Menge Zucker drin ist? Ich meine, Menschen, die lesen können, steht es doch frei, die Ingredienzenliste auf der Rückseite von Fertig-Lebensmitteln zu studieren – und ihren Supermarktbesuch so zu einer dreistündigen Chemieklausur zu machen.

Ich bin für maximale Eingrenzung realer Gefahren des Alltags von Kindern

Für die, die immer noch nicht begriffen haben, denken Journalisten ernsthaft über Schockfotos von schwarzen, von Karies zerfressenen Zähnen auf Limonadenflaschen nach, wie man sie von Zigarettenschachteln kennt. Warum schreibt die EU stattdessen nicht lieber Horrorfotos auf Alkoholika (vor allem Alkopops) vor, oder warum drucken sie nicht gleich Bilder von Schnapsleichen oder Totenköpfe auf Weinflaschen?

Und nein, ich plädiere nicht für Brausepulver statt Käsestulle in der Brotdose, ich bin grundsätzlich für maximale Eingrenzung realer Gefahren des Alltags von Kindern. Ich bin für Initiativen der Gewaltfreiheit an Schulen, Aufklärung über Drogen und Alkohol.

Aber Schulen, die Süßes als Feind im Schulessen deklarieren und Eltern, die sich als Revoluzzer fühlen, wenn sie im Schulhof Flugblätter mit der Headline "Süße Gefahr: Das macht unsere Kinder krank" verteilen? Was für Lappen, würde mein 15-Jähriger sagen.

Und wissen die eigentlich nicht, welche Begehrlichkeit überzogene Verbote bei Kindern hervorrufen? Ich habe Kinder erlebt, die zu Hause nie einen Schokoriegel bekamen. Sie wirkten ziemlich verzweifelt.

Kinder, die dick werden, die Karies oder Adipositas bekommen, das sind nicht jene, die sich ab und an einen Kinderriegel reinziehen. Es sind Kinder, um die sich keiner kümmert, Kinder, die sich insgesamt schlecht, einseitig und vitaminarm ernähren, die sich nicht oder kaum bewegen.

Ich schätze, es gibt in Deutschland kaum eine Mutter, die das nicht schon irgendwo gelesen hat. Denkende Mütter brauchen keine Limoflaschen mit Horror-Bildchen verfaulter Zähne auf Geburtstagstischen. Und Kinder erst recht nicht!

Das ist nichts als eine Unmündigkeitserklärung des Verbrauchers.

Wir können selbst entscheiden, was wir essen.

Für uns selbst und unsere Kinder.

Geschlechterklischees: Wenn dein Sohn das "tollste Kleid der Welt" entdeckt – darum feiert Twitter diesen Vater