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Hyperaktivität Weniger ADHS-Medikamente für Grundschüler

Schlechte Erziehung? Die Hinweise mehren sich, dass ADHS zum Teil in den Genen liegt
Schlechte Erziehung? Die Hinweise mehren sich, dass ADHS zum Teil in den Genen liegt
© Colourbox
Ärzte verschreiben der Krankenkasse DAK zufolge weniger Medikamente für Kinder mit ADHS im Grundschulalter. Insgesamt stiegen die Verordnungen leicht an. Unterdessen bestätigt eine Studie, was Experten seit Jahren vermuten: Das Zappelphilipp-Syndrom hat genetische Ursachen.

Die Verschreibung von Medikamenten für Kinder mit dem sogenannten Zappelphilipp-Syndrom ist in Deutschland in den vergangenen Jahren in die Höhe geschnellt. Laut einer am Donnerstag veröffentlichten DAK-Studie verschreiben die Ärzte aber offensichtlich Grundschülern zunehmend weniger ADHS-Medikamente. Die Zahl der Rezepte für Sechs- bis Neunjährige sei zwischen 2007 und 2009 um ein Viertel (24 Prozent) gesunken, teilte die Krankenkasse in Hamburg mit. Ein Grund für den Rückgang der Verschreibungen sei die zunehmende Aufklärung über Nebenwirkungen. Allerdings wurde in der Altersgruppe von 10 bis 13 Jahren ein Anstieg der Verordnungen um einen fast ebenso hohen Prozentsatz (23 Prozent) verzeichnet.

Weniger kleinere Kinder bekommen die Medikamente neu verschrieben, aber die älteren Kinder nehmen ihre schon verschriebenen weiter, sagt eine DAK-Sprecherin. Der Anstieg der Verordnungen für alle Kinder und Jugendlichen von Ende 2007 bis Ende 2009 liege bei vier Prozent.

Jungen häufiger betroffen

Das Zappelphilipp-Syndrom heißt in der Medizin mit langem Namen Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Die Erkrankten sind unruhig und können sich nicht konzentrieren. Schätzungen zufolge sind rund 500.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland betroffen, Jungen dabei drei- bis viermal so häufig wie Mädchen.

Der Einsatz von Medikamenten gegen das Syndrom wird oft stark kritisiert. Insgesamt wurden bei der DAK im Jahr 2009 knapp 130.000 Rezepte für ADHS-Medikamente ausgestellt, rund 30.000 davon gingen an die Altersgruppe der 6 bis 9-Jährigen.

Wirkstoffe gegen ADHS sind Methylphenidat und Atomoxetin. Nebenwirkungen, die genannt werden, sind Appetitlosigkeit, Wachstumsstörungen und Herz-Kreislauf-Beschwerden. Über Langzeitfolgen gibt es noch keine umfassenden Erkenntnisse. "Mediziner und Eltern sind anscheinend zögerlicher geworden, Kinder auf stimulierende Medikamente einzustellen", sagt DAK-Apothekerin Stefanie Schellhammer. Medikamente gegen ADHS können ausschließlich für Kinder und Jugendliche von 6 bis einschließlich 17 Jahren vom Arzt verschrieben werden.

Inzwischen habe auch die beschränkte Zulassung für methylphenidathaltige Arzneimittel Wirkung gezeigt, die seit Sommer 2009 gilt. Der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) hatte beschlossen, dass künftig nur Spezialisten für Verhaltensstörungen ADHS-Medikamente verschreiben dürfen. Außerdem müsse die Therapie regelmäßig unterbrochen werden, um Auswirkungen beurteilen zu können.

Hinweis auf genetische Ursache

Britische Forscher haben unterdessen einen weiteren Hinweis auf eine genetische Ursache für das Zappelphilipp-Syndrom entdeckt. Eine am Donnerstag auf der Website der Fachzeitschrift "The Lancet" veröffentlichte Studie stellte bei Kindern mit der psychischen Störung und solchen ohne deutliche Unterschiede im Erbgut fest. Für die Studie wurde das Erbgut von 366 Kindern mit ADHS mit dem von 1047 Kindern ohne die Störung verglichen. Bei hyperaktiven Kindern liegen demnach bestimmte Abschnitte der DNA, sogenannte Genkopiezahlvarianten (CNV), entweder in doppelter Ausführung vor oder fehlen. Diese Abweichungen, hatten die Forscher auch schon bei Autismus- und Schizophrenie-Patienten entdeckt. Autismus und ADHS haben einige gemeinsame Symptome wie Lernschwierigkeiten.

Hinweise auf eine genetische Abweichung auf Chromosom 16 gab es bereits 2002. Essener Forscher ermittelten bei einigen ADHS-Kindern 2007 zudem eine Kombination von drei Veränderungen im Gen für einen Dopamintransporter. Menschen, die diese Kombination von Vater und Mutter geerbt haben, hätten ein 2,5fach erhöhtes ADHS-Risiko.

"Wir haben bereits seit einigen Jahres gewusst, dass ADHS wohl genetisch bedingt sein muss, weil es in betroffenen Familien immer wieder vorkommt", sagt Anita Thapar, Professorin für neuropsychiatrische Genetik in Cardiff. "Wirklich spannend ist, dass wir erstmals die genetische Verbindung gefunden haben." Hyperaktive Kinder würde wegen ihres Verhaltens oft stigmatisiert, nicht selten werde dies auf angebliche schlechte Erziehung durch die Eltern zurückgeführt. "Die Entdeckung dieses direkten genetischen Zusammenhangs dürfte dieses Missverständnis ausräumen", so Thapar. Die Forscher machten allerdings deutlich, dass noch viel Arbeit bevorstehe, ehe die psychische Störung vollständig verstanden werden könne.

DPA/AFP/lea DPA

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