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Corona-Impfung Ich habe "Impfneid" – und da bin ich nicht die Einzige

Immer mehr Menschen bekommen endlich die Corona-Impfung (Symbolbild)
Immer mehr Menschen bekommen endlich die Corona-Impfung (Symbolbild)
© Getty Images
Immer mehr Menschen haben inzwischen Zugang zu einer Corona-Impfung. Das ist großartig, aber umso unangenehmer wird die Situation für all jene, die bisher weder das Glück hatten, noch Aussicht auf eine Priorisierung in näherer Zukunft haben – und nun bereits Privilegiendiskussionen verfolgen müssen.

Pro oder Kontra Impfneid? Hier finden Sie den Gegen-Kommentar.

Eines vorweg: Ich freue mich für jeden, der bereits geimpft ist. Aus tiefstem Herzen. "Impfneid" heißt nämlich keinesfalls, dass man irgendjemandem seine Impfung missgönnt – man hätte nur wirklich gern endlich auch eine. Aber bei vielen Menschen besteht nach wie vor keine Aussicht auf einen Impftermin. Die einzige Hoffnung stellt derzeit die mögliche Freigabe von Astrazeneca dar, aber wie schnell man da an einen Termin kommt, ist natürlich fraglich. Und hier tun sich auch ganz andere Fragen auf.

Ich bin Mitte 30, gesund, habe in meinem näheren Umfeld keine Schwangeren, niemanden, der pflegebedürftig ist, ich arbeite im Homeoffice. Ich falle in absolut keine mögliche Priorisierungskategorie und wenn wir ehrlich sind, habe ich frühestens im Spätsommer eine Chance auf einen regulären Impftermin. Doch um mich herum haben immer mehr Menschen inzwischen ihre Impfung bekommen. Und während ich mich für sie freue und froh bin, dass sie nicht mehr Gefahr laufen, schlimm zu erkranken, wundere ich mich, dass all die Menschen, die doch in ganz ähnlichen Umständen leben wie ich, trotzdem durch den ein oder anderen Aspekt in die Prio-Gruppen 1, 2 oder 3 gerutscht sind.

Um einen herum sind plötzlich alle geimpft

Wenn ich anfange zu überlegen, ob ich vielleicht etwas falsch mache, ob ich irgendeinen Trick nicht kenne, ob ich mich nicht genug kümmere, dann muss ich mich einmal kurz kräftig schütteln und mir klar machen: Eigentlich ist es sehr, sehr gut, dass niemand in meiner Familie pflegebedürftig ist, dass ich nicht chronisch krank bin, dass ich mir um keine schwangere Freundin Sorgen machen muss. Dass ich (einigermaßen) jung bin und sicher in den eigenen vier Wänden arbeiten kann. Ich stehe auf keiner Prio-Liste, weil ich keine Prio habe. Ich bin sogar ein ausgemachter Stubenhocker, dem das viele Drinnensein nicht mal groß was ausmacht. Bei meinem Impfneid geht es ausschließlich ums Prinzip, um die Angst, was zu verpassen.

Ich finde es nicht mal verwerflich, wenn sich andere irgendwelcher kleiner Tricks bedienen, um auf der Liste weiter nach oben zu rutschen. Sich als Wahlhelfer anmelden, zum Beispiel. Aber irgendwie habe ich zuviel naives Grundvertrauen in den Staat, um das zu machen – ich wünschdenke mir, dass ich schon dran komme, wenn es sinnvoll ist. Dass es nicht notwendig ist, nach Umwegen oder Abkürzungen zu suchen. Aber ich bekomme immer mehr das Gefühl, dass das womöglich eine dümmliche Einstellung ist, und ich vielleicht die Einzige bin, die gerade einfach geduldig wartet.

Astra für alle? Ist das fair?

Die Ankündigung von Jens Spahn, Astrazeneca ohne Priorisierung freizugeben, stellt derzeit die einzige Option für jemanden wie mich dar, zeitnah an eine Impfung zu kommen. Und natürlich werde ich das nutzen, sobald es möglich ist und ich an einen Termin komme – der Ansturm dürfte gewaltig sein. Allerdings ärgert mich dabei, dass ich als Frau mit Mitte 30 eigentlich genau in die Gruppe falle, bei der die Impfung mit Astrazeneca am häufigsten für Probleme gesorgt hat (auch, wenn "häufig" nicht wirklich häufig war). Ich gehöre zu genau der Gruppe, für die der Impfstoff nicht empfohlen wird. Und trotzdem würde ich ihn nach einer kurzen Risikoabwägung nehmen, wenn auch mit einem etwas unguten Gefühl.

Wenn ich auch nur kurz darüber nachdenke, dass die Impfstoff-Freigabe nur daher rührt, dass so viele Menschen, für die bei der Impfung mit Astrazeneca nahezu kein Risiko irgendeiner Art besteht – Männer, Menschen über 60 – ihn nicht wollten, werde ich wütend. Denn so wie mir dürfte es vielen jungen, gesunden Frauen gehen. Sie setzen sich nun bewusst einem Risiko aus, weil sie keine andere Option in Reichweite haben. Fair ist das nicht.

Ärztin impft Patienten.

Die Priorisierungen sind inzwischen schwer durchschaubar

Aber immer, wenn der Impfneid für zuviel Missmut bei mir sorgt, erinnere ich mich daran, dass ich andererseits froh sein kann, dass es mir gerade so gut geht. Es ist in meinem Fall kein Beinbruch, noch ein bisschen zu warten. Aber es ist vermutlich menschlich, irritiert nach links und rechts zu schielen, wo einer nach dem anderen drankommt und danach ohne Angst vor Corona vor sich hin leben kann. Auch die grandios verfrühte Diskussion um "Impfprivilegien" hilft meiner Laune nicht unbedingt. Geht den rund 70 Prozent Ungeimpften in Deutschland vermutlich ähnlich. Vor allem an junge Mütter und Väter muss ich da denken, deren Belastung in den vergangenen Monaten enorm gewesen sein dürfte. Auch viele von ihnen werden noch warten müssen – ein Unding.

Dass es derzeit so etwas wie Impfneid überhaupt gibt, liegt letztlich an einer nicht optimalen Organisation der Impfkampagne. Es ging von Anfang an zu langsam, und die Priorisierungen verfasern gerade derart, dass kaum noch jemand versteht, warum diese Gruppe bereits dran ist und jene noch nicht. Ich werde das weder mit Meckern noch mit Neiden ändern können – aber es ist manchmal einfach frustrierend.


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