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Neid-Forscherin Corcoran "Als ich das erste Mal von Impfneid gehört habe, dachte ich: Ach, wie schön"

Impfschlange in Peking
Impfschlange in Peking - soll man neidisch sein auf diejenigen, die die Spritze schon bekommen haben
© Kevin Frayer / Getty Images
Die Corona-Impf-Kampagne läuft zäh an, neidisch blicken manche auf diejenigen, die nun vor dem Virus schützt sind. Oder sind sie missgünstig? Die Grazer Neid-Forscherin Katja Corcoran über ein unschönes Gefühl mit durchaus positivem Effekt.

Frau Corcoran, die Corona-Impfungen kommen nur schleppend voran. Können Sie verstehen, dass diejenigen, die in der Warteschleife stehen (oder nicht einmal das) neidisch auf die bereits Geimpften sind?

Als ich das erste Mal von Impfneid gehört habe, dachte ich: Ach, wie schön. Dass es dieses Gefühl gibt, bedeutet schließlich, dass sich die Menschen impfen lassen wollen. Denn ich bin nicht auf etwas neidisch, das ich nicht haben will.

Sie haben nichts gegen Impfneid?

Neid ist zunächst etwas zutiefst Menschliches. In dem Moment, in dem ich sehe, dass jemand anderes etwas hat, darf oder kann, dass ich auch gerne hätte, dürfte oder können würde, kann das Neid auslösen. Ich hatte befürchtet, dass viele Menschen Impfungen ablehnen. Aber wenn die Menschen auf Geimpfte neidisch sind, habe ich die Hoffnung, dass sie den Wunsch haben, sich impfen zu lassen. Das ist doch positiv.

Leider haben wir selbst keine Möglichkeit, den Impf-Zeitpunkt zu bestimmen und fühlen uns deshalb ohnmächtig. Wirkt sich das auf das Neid-Empfinden aus?

Kontrollverlust ist nicht so entscheidend, kann aber die Art des Neids beeinflussen und zum Beispiel zur bösartigen Form führen: der Missgunst.

Es gibt verschiedene Formen von Neid?

Ja. Der Ausgangspunkt ist immer eine wahrgenommene Diskrepanz. Und die kann ich auf zwei Arten reduzieren: Ich kann den anderen zu mir runterziehen oder ich versuche, zu dem anderen hochzukommen. Im Fall von Missgunst möchte ich dem anderen etwas wegnehmen – bei Geimpften etwa die Privilegien, die sie durch das Impfen bekommen haben. Oder ich ziehe sie auf einer anderen Eben herunter, zum Beispiel, in dem schlecht über sie rede. In dem Fall kann Neid eine destruktive Dynamik entfalten.

Und was ist mit dem anderen Neid?

Er kann motivieren. Und als Kompass dienen. Es ist ja nicht so, als würden wir immer genau wissen, was wir wollen. Manchmal haben wir widerstrebende Ziele und müssen uns fragen, welche davon die wichtigen sind. Neid bringt uns dazu, uns damit auseinanderzusetzen. So kann das Gefühl Neid zu einer bewussten Auseinandersetzung mit Dingen führen, die wir vielleicht beachten sollten.

Kann Vernunft auch beim hässlichen Gefühl Missgunst helfen?

Zum Teil schon, etwa in der Frage der Wahrnehmung. Manchmal hilft es, sich klar zu machen, wen und was ich eigentlich beneide. Geht es um Dinge, die ich selbst vermisse oder um Privilegien von anderen? Neulich sagte jemand, es sei ja ein Privileg alt zu sein – weil man schneller geimpft werde. Das fand ich spannend, weil unsere Gesellschaft sonst eher selten neidisch auf die Alten ist. Doch Menschen sind mehr als eine Impfkategorie und jeder hat Bereiche, um die ich diese Personen nicht beneide. Es ist hilfreich, den ganzen Menschen zu sehen, statt sich nur auf einen Aspekt zu fokussieren.

In der Debatte wird oft von Sonderrechten gesprochen oder "Impfpriviligien" – dabei geht es doch eigentlich um die Rückgabe verbriefter Grundrechte. Spielt diese Wortwahl eine Rolle beim Impfneid?

Ganz sicher prägt die Wortwahl die Wahrnehmung. Aber gleichzeitig ist unsere Wahrnehmung auch abhängig vom Kontext. Und der Kontext ist momentan stark über Beschränkungen geprägt. Das heißt, viele erleben das eigentlich Normale aktuell eben als Privileg.

Wenn hinter Impfneid im Grunde der Wunsch nach einer Rückkehr zur (gewohnten) Normalität steht, muss sich eigentlich niemand davor fürchten, oder?

Viele Menschen wollen sich impfen lassen und Impfen ist ein Weg aus der Pandemie heraus. Wir stehen ihr also nicht hilflos gegenüber. Doch wie bei jeder Verteilung einer knappen Ressource ist Impfen derzeit auch eine Gerechtigkeitsfrage. Wer ist zuerst dran, wer muss warten und warum. Es gibt da viele unterschiedliche Prinzipien und man wird nie allen gerecht werden können. Als Individuum kann man da schon einmal neidisch werden, aber für die Gesellschaft ist die Entwicklung in meinen Augen ein Hoffnungsschimmer.


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