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Ärztlicher Leiter des Hamburger Impfzentrums "Das ist egoistisch": Impfarzt berichtet über Masche bei Zweitimpfungs-Dränglern

Dirk Heinrich, ärtzlicher Leiter des Hamburger Impfzentrums
"Wir sind mitten in einer Pandemie, die wir mit den Impfungen bekämpfen müssen – zum Wohle aller", betont Dr. Dirk Heinrich (62), ärztlicher Leiter des Impfzentrums Hamburg. "Es geht hier also um die Gemeinschaft, nicht um Einzelpersonen."
© Christian Charisius / DPA
Hunderte Menschen schwänzten am Wochenende die Zweitimpfungen im Hamburger Impfzentrum – standen dann aber Montag auf der Matte und sorgten für Stau. "Null Verständnis" hat dafür Dirk Heinrich, ärztlicher Leiter des Impfzentrums. Im Interview spricht er außerdem über eine Drängel-Masche bei den Zweitimpfungen.

Am Montag bildete sich eine lange Warteschlange vor dem Hamburger Impfzentrum. Darunter: viele Menschen, die ihre Zweitimpfungen am Wochenende versäumt hatten. Herr Dr. Heinrich, was haben Sie gedacht, als Sie die Schlange gesehen haben?

Mein erster Gedanke war: Wie sollen wir das bloß schaffen? Wir hatten an dem Tag ohnehin ein ambitioniertes Programm und rund 9000 Impfungen geplant. Dazu kamen dann noch einmal schätzungsweise 700 bis 800 Leute vom Wochenende rübergeschwappt, ohne dass wir mit ihnen rechnen konnten. Wenn ein Impfzentrum an der Leistungsgrenze arbeitet, dann sind die Termine ohnehin eng getaktet und die Abläufe entsprechend fragil. Wenn dann irgendwas dazwischenkommt, dann gibt es sehr schnell Stau.

Warum kamen die Nachzügler erst am Montag, nicht schon am Wochenende, als sie die Termine hatten?

Ich habe den Eindruck, dass viele Menschen sehr leichtsinnig mit dem Termin für die Zweitimpfung umgegangen sind: Einige gaben an, sie wären noch im Urlaub gewesen, hätten keine Zeit gehabt oder seien über das Wochenende weggefahren gewesen und hätten deshalb nicht kommen können. Sicher spielt da auch mit rein, dass die Leute wissen, dass sie die Zweitimpfung auf jeden Fall bekommen werden. Anders sieht das bei denjenigen aus, die ihren Termin für die Erstimpfung schwänzen.

Das passiert auch?

Ja, auch das haben wir am Wochenende gesehen. Einige von denjenigen, die Samstag oder Sonntag einen Termin hatten, kamen auch erst am Montag. Aber da muss ich ganz klar sagen: Die haben leider Pech gehabt und müssen sich einen neuen Termin geben lassen. Das ist kein Wunschkonzert.

Urlaub, langes Wochenende, Freizeitstress – haben Sie Verständnis für solche Ausreden?

Überhaupt nicht, dafür habe ich null Verständnis. Wir sind mitten in einer Pandemie, die wir mit den Impfungen bekämpfen müssen – zum Wohle aller. Es geht hier also um die Gemeinschaft, nicht um Einzelpersonen. Die müssen zurückstehen. Wir sind schließlich kein Reise-Impfzentrum oder ein Wohlfühl-Impfzentrum, das auf individuelle Bedürfnisse und Befindlichkeiten eingehen kann.

Ärzte und Ärztinnen berichten, dass auch oft über den zugeteilten Impfstoff diskutiert wird.

Das erleben wir auch. Erst wieder am besagten Montag: Da hatten wir viel Impfstoff von Moderna und haben den entsprechend verimpft. Einige Personen hatten aber Biontech auf ihrem Buchungszettel stehen und darauf bestanden, diesen Impfstoff zu bekommen. Dabei sind beides RNA-Impfstoffe.

Und? Haben Sie nachgegeben?

Die Impfstoffe werden zugeteilt, die kann man sich nicht einfach aussuchen. Wir haben dann versucht, die Menschen gut über diesen Impfstoff aufzuklären. Er ist ja letztlich nicht so bekannt wie Astrazeneca oder eben Biontech. Aber klar: Der Aufklärungsbedarf kostet Zeit – eine Minute hier, eine Minute da – die dann an anderer Stelle fehlt und zu längeren Wartezeiten führt.

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Eine große US-amerikanische Zeitung berichtete kürzlich, dass sich in den USA wohl Fälle häufen, in denen Menschen die Zweitimpfung ausfallen lassen – offenbar in dem Glauben, sie seien durch die Erstimpfung bereits gut geschützt. Beobachten Sie ähnliche Tendenzen auch in Deutschland?

Bislang nicht, und ich hoffe, dass das auch so bleibt. Die Zweitimpfung ist wichtig: Sie verstärkt die Wirkung der Erstimpfung und führt, vereinfacht gesagt, noch einmal zur Produktion von mehr Abwehrkräften. Außerdem verlängert sie die Schutzwirkung. Nach der ersten Impfung ebbt die Wirkung vermutlich nach drei bis vier Monaten ab. Mit der Zweitimpfung, der sogenannten Booster-Impfung, gehen wir davon aus, dass der Effekt mindestens acht bis neun Monate anhält. Aussagen über längere Zeiträume kann man aber noch nicht machen, weil länger impfen wir ja noch nicht.

In den letzten Wochen wurde viel über Impfdrängler berichtet – also Menschen, die sich impfen lassen, obwohl sie noch nicht an der Reihe sind. Gibt es das Problem nach wie vor?

Wir sehen zwei Arten von Dränglern: Einerseits die Menschen, die nicht zur Impfung berechtigt sind und trotzdem kommen. Und dann gibt es noch Personen, die bereits eine Erstimpfung erhalten haben und nun versuchen den Termin für ihre Zweitimpfung vorzuziehen – zum Beispiel weil sie reisen wollen. Bei Biontech und Moderna liegen immerhin sechs Wochen zwischen Erst- und Zweitimpfung, bei Astrazeneca zwölf.

Wie soll das gehen? Wer im Impfzentrum eine Impfung bucht, bekommt automatisch zwei Termine mit jeweiligem Abstand?

Wir hatten jetzt schon mehrere Personen, die sich einfach noch einmal einen Termin für die Erstimpfung geholt haben. Damit kommen sie auf jeden Fall schon einmal ins Impfzentrum rein und am Ende stehen sie dann bei der Anmeldung und sagen: "Oh, ich habe mich geirrt, ich komme ja doch schon zur Zweitimpfung." Solche Leute bringen unser System komplett durcheinander. Außerdem laufen sie Gefahr, nicht den optimalen Impfschutz aufzubauen. Ein Beispiel: Das Intervall bei Astrazeneca wurde verlängert, da das Vakzin in Studien so eine bessere Wirksamkeit zeigte.

Was denken Sie persönlich über ein solches Vorgehen?

Das ist egoistisch. Jede Person, die eine Zweitimpfung vorzieht, nimmt damit ja einer anderen Person den Termin für die Erstimpfung weg. Und das nur für eine Reise? Das ist für mich keine Rechtfertigung.

Sie sind eigentlich HNO-Arzt in Hamburg und derzeit als ärztlicher Leiter des Impfzentrums im Einsatz. Was schätzen Sie: Wann können Sie in die Praxis zurückkehren?

Wie lange das Impfzentrum geöffnet bleibt, hängt jetzt von mehreren Faktoren ab, etwa der Frage, ob Kinder – sobald die Zulassung für die Altersgruppe da ist – auch in den Impfzentren geimpft werden sollen, quasi als Zusatz zu den Kinderärzten. Die Zweitimpfungen werden wir aber auf jeden Fall noch durchführen. Bis Ende Juli haben wir damit sicher geöffnet, wahrscheinlich wird es Ende August. Und darüber hinaus? Da müssen wir uns überraschen lassen. Wenn es dann tatsächlich die Notwendigkeit einer dritten Impfung, Auffrischungsimpfung oder variierten Impfung wegen den Varianten gibt, dann halten wir hier möglicherweise noch länger die Stellung.


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