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Fallbericht aus China Eine Busfahrt, die ist ... infektiös: Wie eine einzelne Reisende mehr als 20 Menschen ansteckte

Bus China Coronavirus: Ein weißer Reisebus steht auf einem Parkplatz
Nach einem Ausflug mit einem Reisebus kam es in China zu etlichen Corona-Neuinfektionen (Symbolbild)
© Oleksandr Filon / Getty Images
Eine mit dem Coronavirus infizierte Frau steigt in einen Bus – und steckt während der Fahrt rund ein Drittel aller Reisenden an. Der Fall, der sich bereits Ende Januar in China ereignete, bestätigt zwei wichtige Erkenntnisse über das Virus. 

Das Wetter war sonnig an jenem Tag Ende Januar, an dem sich eine Gruppe gläubiger Buddhisten auf den Weg zu einer Tempel-Zeremonie machte. 50 Minuten dauerte die Fahrt in die Küstenstadt Ningbo in der ostchinesischen Provinz Zhejiang. Die Gläubigen reisten in zwei Bussen: In dem ersten nahmen 60 Personen Platz, in dem zweiten 68. Was die Menschen zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht wussten: In einem der Busse war auch ein ungebetener Gast mit an Bord – das Coronavirus. Eine infizierte Frau mit Sitzplatz im zweiten Fahrzeug steckte in der Folge rund ein Drittel ihrer Mitreisenden an. 24 Personen, darunter auch die Frau selbst, bekamen nach dem Ausflug eine Covid-19-Diagnose.

Wo hatte sich die Frau zu diesem frühen Zeitpunkt in der Epidemie mit dem Virus infiziert? Wahrscheinlich bei Reisenden aus der Region Hubei, mit denen sie zwei Tage vor dem Ausflug zu Abend gegessen hatte. Die Millionenmetropole Wuhan und die umliegende Region Hubei galten bereits zu diesem Zeitpunkt als Risikogebiete für das neuartige Coronavirus. In der Stadt Ningbo dagegen hatte es in den Wochen vor dem 19. Januar – dem Tag, an dem die Zeremonie stattfand – noch keinen einzigen bestätigten Covid-19-Fall gegeben. 

Wichtige Erkenntnisse über das Virus

Die verhängnisvolle Busfahrt, über die Wissenschaftler in dieser Woche im Fachblatt "Jama Internal Medicine" berichten, ist aus mehreren Gründen bemerkenswert. Keiner der Reisenden aus dem ersten Bus steckte sich mit dem Virus an, obwohl beide Reisegruppen an der mehr als zweistündigen Zeremonie teilgenommen und im Anschluss gemeinsam zu Mittag gegessen hatten. Die Infektionen müssen folglich ausschließlich im Bus stattgefunden haben.

Tatsächlich spielte es für das Infektionsrisiko der Gläubigen im zweiten Bus auch kaum eine Rolle, in welchem Abstand sie zu der infizierten Mitreisenden saßen. Auf der Rückfahrt hatten sie dieselben Sitzplätze wie auf der Hinfahrt eingenommen. Masken wurden nicht getragen. Selbst Gläubige in der letzten Sitzreihe des Busses steckten sich mit dem Virus an, dabei saßen sie mehr als fünf Meter von der Frau entfernt. Der einzige Faktor, der das Infektionsrisiko womöglich beeinflusst haben könnte, war ein Sitzplatz in der Nähe der Tür oder von Fenstern, die sich öffnen ließen. Die Frau zeigte während des Ausflugs auch keine Symptome von Covid-19, heißt es im Fachblatt. Am darauffolgenden Abend habe sie Husten und Schüttelfrost bekommen und über Muskelschmerzen geklagt.

Die Studie liefere "starke epidemiologische Beweise", dass sich das Virus über die Luft ausbreite, sagte Linsey Marr, Expertin für luftübertragene Infektionen, im Gespräch mit der "New York Times". "Wenn dies nicht der Fall wäre, würden wir nur Fälle in der Nähe der Indexpatientin sehen – aber wir sehen, dass es sich im gesamten Bus ausbreitet." Die Busse, in denen die Gläubigen reisten, waren zudem mit Lüftungen ausgestattet, welche die Luft im Innenraum umwälzten. Das könne die Ausbreitung des Virus begünstigt haben, so Marr.

Auch der Zeitpunkt spielte eine Rolle. Wie die Wissenschaftler berichten, hatte die Patientin zunächst keine Symptome. In der chinesischen Version der Studie heißt es dagegen, die Frau habe bereits am Tag zuvor Symptome gezeigt. In beiden Fällen kann davon ausgegangen werden, dass die Frau eine große Viruslast in Hals und Rachen gehabt haben muss – sie ist üblicherweise in der Zeit um den Symptombeginn am größten und nimmt danach ab.

Die hohe Viruslast, die Umluft-Anlage, ein dicht besetzter Reisebus und die lange Fahrtzeit – all diese Faktoren könnten zur der hohen Übertragungsrate beigetragen haben. "Das war der falsche Ort, die falsche Zeit, und die falsche Person", bringt es die Virologin Muge Cevik auf den Punkt. 

Maskenpflicht in Bus und Bahn

In Deutschland gilt in öffentlichen Verkehrsmitteln eine Maskenpflicht. Alltagsmasken halten infektiöse Tröpfchen zurück und können bis zu einem gewissen Maß auch Aerosolen vorbeugen. Dabei handelt es sich um feinste virusbeladene Schwebestoffe in der Luft.

Geschlossene Räumlichkeiten könnten vor allem in der kommenden kalten Jahreszeit das Risiko für Corona-Infektionen erhöhen, fürchten Experten. Besonders das Risiko für eine Ansteckung durch Aerosole steigt in schlecht belüfteten, kleinen Räumen. Treffen sich Personengruppen in Innenräumen, sollten daher nach Möglichkeit Fenster geöffnet werden. Auch gibt es bereits Versuche, die Viruskonzentration durch spezielle Luftfilter zu senken.

Quelle: Jama Internal Medicine / New York Times

ikr

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