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Interview mit Büttenredner Marc Metzger: Mit Witzen am Fließband in den Burnout

Büttenredner Marc Metzger war ein Star des Kölner Karnevals. Wo er hinkam, flippten die Leute aus vor Lachen. Dann brach der Clown zusammen. Ein Gespräch über Burnout in der Komikerbranche.

Auf der Bühne ist Marc Metzger der lustige "Blötschkopp" im Clownskostüm. Nach einem Burnout wagte der 40-Jährige nun das Comeback.

Auf der Bühne ist Marc Metzger der lustige "Blötschkopp" im Clownskostüm. Nach einem Burnout wagte der 40-Jährige nun das Comeback.

Herr Metzger, Sie sind ein Fachmann für Witz und Komik, doch vor einem Jahr brachen Sie wegen Burnouts zusammen, traurig und erschöpft. Was war geschehen?
Das ist für Außenstehende vielleicht schwer zu verstehen – aber der Kölner Karneval ist für uns Künstler Hochleistungssport. Als Büttenredner bringe ich einen Saal mit 1500 Leuten 20 Minuten lang zum Lachen, renne dann von der Bühne und stürze mich ins Auto, wo der Fahrer wartet. In fünf Minuten beginnt der nächste Auftritt. Das klappt nur, wenn die Ampeln nicht rot sind. Ein Blick auf die Uhr, einer aufs Navi: 1,5 Kilometer. Schaffen wir. Die Kapelle kann schon mal den Tusch spielen. Das ist Adrenalin pur.

Löst solcher Stress nicht auch Glücksgefühle aus?
Ja, aber wenn Sie zehn bis zwölf solcher Auftritte pro Tag haben, geht das irgendwann an die Substanz. Ich trank eimerweise Wasser, damit die Stimmbänder feucht blieben. Mein Auto war eine rollende Apotheke: Ich ernährte mich von Tabletten. Alles, was frei verkäuflich war, habe ich in mich reingefressen in der Illusion, mir etwas Gutes zu tun – Vitamine, Hustenbonbons, Schleimlöser.

Welche Erinnerungen haben Sie an den Tag Ihres Zusammenbruchs?
Es war der 4. Januar 2013, der erste Tag der Session. Prinzenproklamation. Ich hatte das Kostüm angezogen, meine Rede im Kopf und wartete zuhause auf meinen Fahrer, als ich plötzlich zusammensackte. Ich erinnere mich an dieses Bild: Der Clown lag auf dem Küchenfußboden und nichts ging mehr. Aber selbst in dieser Situation, dachte ich nicht an mich, sondern an die Arbeit und daran, die Erwartungen anderer Menschen zu erfüllen. Ich sagte zu meiner Frau: "Hol den Notarzt, der muss mich unbedingt fitspritzen." Erst Monate später begriff ich, was ich da gesagt hatte – und musste weinen. Richtig weinen. Selbst als mein Körper komplett streikte, hatte ich nicht akzeptieren können, dass ich krank war.

Gab es in den Wochen zuvor Anzeichen der Erschöpfung?
Das Schlimmste war der Heiligabend vor dem Zusammenbruch, da hätte ich eigentlich merken müssen, wie es um mich stand. Wir hatten die ganze Familie eingeladen, aber ich hockte in meinem Büro, schrieb an einer Rede und sagte: "Ich kann nicht, ich bin im Text." Das war meine Lieblingsausrede. Immer gab es irgendeinen Satz, irgendeine doofe Liedzeile, die noch unbedingt fertig werden musste.

Auf Ihrer Website beschreiben Sie das Leben eines Komikers so: "Es ist harte Arbeit, Verzicht, Schweiß, Einsiedlertum, Askese, absolute Selbstbeherrschung und demütige Beobachtung des Weltgeschehens." Das klingt, als führe dieser Beruf zwangsläufig in den Burnout.
Nein, überhaupt nicht. Ich wollte nur mit dem Klischee aufräumen, der Komiker öffne die Herzen des Publikums durch seine kindliche Aura. Menschen zum Lachen zu bringen ist harte Arbeit. Mein Problem war, dass ich jahrelang sehr unstrukturiert gearbeitet hatte. Ich verbrachte Nächte am Computer. Das Essen, das meine Frau kochte, ließ ich acht Stunden auf meinen Schreibtisch stehen, bis die Katzen oder der Hund es wegfutterten. Nachts schoss ich mir eine Tüte Chips rein und morgens um sechs kochte ich eine Kanne Kaffee. Um 15 Uhr war ich dann so erschöpft, dass ich für drei Stunden schlief.

War das der Preis der Kreativität?
Das war der Preis für chaotisches Arbeiten. Das sich übrigens nicht auf kreative Menschen beschränkt. Auch Ärzte, Unternehmensberater oder Manager, die von Termin zu Termin hetzen, nur noch an den Beruf denken und ihre Familie vernachlässigen, verlieren ihre Struktur. Ich habe festgestellt, dass ich bei Tageslicht im Büro, voll konzentriert, viel bessere Sachen schreibe als nachts am Kamin mit einem Glas Rotwein. Heute habe ich feste Zeiten fürs Schreiben, fürs Essen, für meine Freunde.

Warum traten Sie nicht einfach kürzer und sagten Auftritte ab, als Sie merkten, wie müde Sie sind?
Es ist sehr schwierig, als Künstler in den Kölner Karneval hineinzukommen. Wenn Sie das einmal geschafft haben, sagen Sie keine Veranstaltung ab. Und wenn eine legendäre Band wie die Bläck Föss anruft und bittet, ihre Fernsehshow zum 40-jährigen Bestehen live zu moderieren, dann sagt man "Ja! Ja!", egal, wie fertig man ist. Dass ich so viele Nächte durchgearbeitet habe, war auch meinen wachsenden Selbstzweifeln geschuldet. Obwohl die Leute sich über meine Sachen kaputt gelacht haben, traute ich mir nichts mehr zu und fand alles, was ich schrieb, blöd. Ich habe teilweise Moderationen für Livesendungen in der Nacht davor geschrieben. Da entsteht ein wahnsinniger Druck. Und dann ging ich raus auf die Bühne, die Leute jubelten, und ich dachte: geht doch.

Zehn bis zwölf Auftritte pro Tag: Marc Metzger in seiner Arbeitskleidung

Zehn bis zwölf Auftritte pro Tag: Marc Metzger in seiner Arbeitskleidung

Wie haben Sie auf die Diagnose Burnout reagiert?
Für mich war Burnout keine Krankheit. Früher hätte man zu einem Fall wie mir gesagt: "Der Jung is müd auf Krankenschein." Deshalb war ich unheimlich froh über die vielen Tests, die mein Arzt mit mir machte und über die Ergebnisse: Mein Doktor hatte fast alles rot markiert. Eisen, Kalzium, Natrium, Vitamin D, Cholesterin, alles miserabel. Ich dachte nur "Gottseidank, jetzt hab ich schwarz auf weiß, dass mit mir etwas nicht stimmt." Seitdem war meine neue Lieblingsfrage: Was machen die Werte?

Und was machten sie?
Die wurden sehr schnell besser. Als erstes habe ich wieder gelernt, zu schlafen und einen Tag- und Nacht-Rhythmus einzuhalten. Als zweites habe ich meine Ernährung komplett umgestellt. 95 Prozent der Lebensmittel in unserer Küche sahen gesund aus, waren aber viel zu süß und zu fett. Meine Frau und ich halten uns nun ganz spießig an drei Mahlzeiten am Tag: mit viel Gemüse und wenig Kohlenhydraten. Abends esse ich immer noch gern ein Schnitzel, aber ohne Pommes. Die Umstellung war furchtbar, ich habe drei Wochen meinen Kühlschrank beleidigt. Aber mein Arzt hat mir diese Low-Carb-Ernährung empfohlen. Es gibt tausend Lösungen, wie man sich gesund ernährt, ich habe diese Variante akribisch umgesetzt. Und irgendwann läuft der innere Schweinhund auch ohne Leine.

Sie waren früher regelrecht arbeitswütig. Wie sind Sie davon losgekommen?
Ich durfte sechs Monate lang gar nicht arbeiten. Ich bin stundenlang mit dem Hund spazieren gegangen, lag in einer Grotte und habe Salzluft eingeatmet, machte Qi-Gong und schnitzte Krippenfiguren. Lauter Entspannungskram, von dem ich früher dachte: "Och nee, das muss doch nicht sein!" Aber es half mir, den Kopf freizubekommen. Und das Geile war: Meine Werte wurden immer besser. Ich habe auch darüber nachgedacht, was ich mit meinem Leben eigentlich anfangen will, ob ich jemals wieder zurück möchte auf die Bühne. Eines Tages, als ich an einem Hölzchen für meine Krippe feilte, hatte ich wieder Ideen für meine Arbeit und wusste: Ich will und kann zurück auf die Bühne. Aber nicht mehr so oft wie früher.

Anfang dieses Jahres standen Sie zum ersten Mal nach der Erkrankung wieder in Ihrem karierten Anzug als "Dä Blötschkopp" in einem Karnevals-Saal. Mit welchen Gefühlen?
Mir war mulmig zu Mute. Ich hatte keine Ahnung, wie das Publikum mich aufnehmen würde. Ich stellte mir Buhrufe und Pfiffe vor. Aber ich war sofort wieder in meiner Rolle. Und die Leute haben gelacht.

Ist es in der Humor-Branche ein Tabu, Schwäche zu zeigen?
Ja, logisch. Wenn der Clown krank ist, bekommen die Leute Mitleid. Und dann funktioniert das Ganze nicht.

Was würden Sie Menschen raten, die sich auf dem besten Weg in den Burnout befinden?
Ich empfehle, eine Pause zu machen. Das klingt banal, aber es ist der erste Schritt. Ich bin immer nur gerannt. Und weil es Richtung Burnout bergab geht, rennt man immer schneller. Also: Bleibt stehen und besinnt Euch.

Interview: Inga Olfen und Doris Schneyink
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