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Kardiologenkongress in München Kranke Herzen sind Todesursache Nummer eins


Gut 40 Prozent der Menschen sterben an Herz-Kreislauferkrankungen. Beim Europäischen Kardiologenkongress in München diskutieren 30 000 Teilnehmer deswegen vor allem über eines: Vorbeugung.

Sie sind jung, topfit, trainiert, ärztlich betreut - und brechen plötzlich tot zusammen. Der Herztod trifft immer wieder auch Höchstleistungssportler. Die Fälle von Italiens Fußball-Profi Piermario Morosini, Rumäniens Stürmer Henry Ihelwere Chinonso und Norwegens Schwimm-Weltmeister Alexander Dale Oen schockten erst kürzlich die Sportwelt.

Kardiologen gehen davon aus, dass es in solchen Fällen oft eine unerkannte Herzerkrankung gab. Strategien gegen plötzliche Todesfälle sind neben vielen anderen Fragen Thema beim Kongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC), der am Samstag in München begann. Bis zum kommenden Mittwoch werden 30 000 Teilnehmer aus 150 Ländern erwartet.

Bis heute sind Herz-Kreislauferkrankungen mit 40 Prozent häufigste Todesursache. Dabei gibt es bei Medikamenten, aber auch bei "Ersatzteilen" wie Herzklappen und Schrittmachern massive Fortschritte. Die Sterblichkeit bei diesen Krankheiten sank in den vergangenen 30 Jahren um etwa 70 Prozent.

Besonders Kinder machen den Kardiologen Sorgen

Die Kardiologie habe mehr als jede andere medizinische Disziplin zu einer längeren Lebenserwartung beigetragen, sagt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie, Georg Ertl. Doch besonders die ganz Jungen machen den Kardiologen Sorgen: Übergewichtige Kinder können die Herz-Patienten von morgen sein. "Übergewicht ist heute in der EU die häufigste gesundheitliche Störung im Kindesalter", sagt Ertl. "Es gibt bereits 15 Millionen adipöse Kinder. Unter Deutschlands Elfjährigen sind 10 Prozent der Mädchen und 13 Prozent der Jungen übergewichtig bis fettleibig."

Weiteres Risikothema: Das Rauchen. Hier zeigen laut Ertl die Nichtraucherschutzgesetze Erfolg. So seien beispielsweise in Bremen einer Studie zufolge in den Jahren 2008 bis 2010 die Herzinfarkte zurückgegangen, insgesamt um 16 Prozent.

Herzinfarkte sind heute bei rechtzeitiger Behandlung nur noch in vier Prozent der Fälle tödlich, früher waren es 20 Prozent, wie Eckart Fleck vom ESC-Pressekomitee sagt. Allerdings nehmen noch immer nehmen viele Signale wie Schmerzen in der Brust, Unwohlsein und Atemnot nicht ernst - und noch immer wissen viele nicht, dass sie überhaupt ein krankes Herz haben. Sie sind besonders gefährdet.

Sogar spannende Fußballspiele erhöhen Infarkt-Risiko

Gerade im Leistungssport herrscht vielerorts die Ansicht: Wer so große Leistung bringt, ist kerngesund. Angeborene Herzschäden wie eine Verdickung des Herzmuskels oder eine Herzmuskelentzündung nach verschlepptem Infekt bleiben oft unentdeckt. "Das ist für uns sehr überraschend und es ist fast unbegreiflich, dass ein 26 Jahre alter Weltmeister solch ein ernstes Herzproblem haben konnte", sagte der Mannschaftsarzt von Alexander Dale Oen, als der Schwimmer im Juni im Trainingslager an einem Infarkt durch eine verstopfte Arterie starb.

Nicht nur auf dem Spielfeld, sondern auch auf dem Zuschauerplätzen und sogar vor dem Fernseher können nervenaufreibende Fußballspiele das Risiko für Herzanfälle erhöhen. Das hatten Mediziner des Universitätsklinikums München-Großhadern bei der Auswertung der Einsatzprotolle von Notarztstandorten während der WM 2006 herausgefunden - die Zahl der Herzattacken stieg an Spieltagen der deutsche Elf teils auf das Dreifache.

Druck auf Spenderorgane bleibt groß

Die Medizin ist bei den Herz-Kreislauferkrankungen im Wettlauf mit der demografischen Entwicklung. Mit höherem Alter steigen die Krankheitsrisiken. Und: Kranke Menschen überleben dank moderner Medizin, bleiben aber lebenslang Patienten. Die Diagnostik im Mutterleib ermöglicht sofortige Eingriffe schon bei Neugeborenen.

"Es gibt sogar bei sehr komplexen Herzfehlern Reparaturschritte, so dass diese Menschen ganz normal das Erwachsenenalter erreichen und auch normal leistungsfähig sind", sagt Fleck. "Vertauschte Herkammern, fehlende Klappen oder Löcher an Stellen, wo sie nicht hingehören - das kann man heute reparieren." Weil den ganz Kleinen nicht eine Herzklappe in Erwachsenengröße eingesetzt werden kann, sind oft weitere Eingriffe nötig. "Die Dauerbetreuung bedeutet eine hohen Aufwand. Das zu leisten kennzeichnet ein gut entwickeltes Gesundheitssystem."

Extrem schwierig ist es, wenn das Herz ganz versagt. Bis heute gibt es dann keine wirkliche Alternative zur Transplantation. Kunstherzen bringen als Dauerlösung sehr viele Probleme. "Patienten haben damit relativ lange gelebt, aber es ist keine ideale Situation", sagt Fleck. Zweifel gibt es auch, ob in einer absehbaren Zeit Herzen von veränderten Schweinen Menschenleben retten könnten. "Deshalb bleibt der Druck auf die Spenderorgane sehr groß."

Von Sabine Dobel, DPA DPA

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