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Geschmacksunterricht: Mit allen Sinnen genießen

Wie sind Lebensmittel zusammengesetzt, wie sehen sie aus, wie schmecken sie? Convenience-Produkte und Fast Food lassen das immer mehr Kinder vergessen. In speziellen Kurse lernen sie, Essen wieder mit allen Sinnen wahrzunehmen.

Von Andrea Fenner

Michael Hauck kommt nicht mit leeren Händen in die Mannheimer Erich-Kästner-Schule. Dutzende Schälchen bringt der 33-jährige Koch mit und in jedem er ein anderes Lebensmittel zum Testen; Tomatensauce hat er dabei, Orangenmarmelade, Sardellenfilets. Vor ihm sitzen 23 aufgeregte Schüler der Klasse 2a. Denn statt Lesen und Rechnen steht heute Geschmacksunterricht mit einem Profi auf dem Lehrplan.

Süß, sauer, bitter, salzig und scharf sollen die Kinder voneinander unterscheiden. "Ih! Was ist denn das?" beschwert sich die kleine Pinar Say und verzieht das Gesicht. Sie hat eine hellbraune Flüssigkeit probiert, die zusammen mit eingelegten Gurken und Zitronenstückchen auf einem Tisch steht. "Das schmeckt sauer!", sagt sie. Die anderen stimmen zu. Die Kinder kennen längst nicht alle Speisen, schon gar nicht in Rohform. Dass Pinar Say gerade Essig probiert hat, darauf kommen die Kinder nur mit Hilfe. Kleine rote Kügelchen entpuppen sich als roter Pfeffer.

Am liebsten süß

Auf jedem Tisch geht es um eine andere Geschmacksrichtung. Mit Honig, Marmelade und Datteln können die Kinder verschiedene süße Leckereien miteinander vergleichen. "Das ist mein Lieblingstisch!", sagt nicht nur Franceso.

Bereits Säuglinge haben eine Vorliebe für Süßes, das kennen sie von der Muttermilch. Beim Stillen erleben Babys aber auch viele andere Geschmacksrichtungen - das Essen der Mutter beeinflusst auch den Geschmack der Muttermilch. Kleinkinder beobachten, was ihre Familie isst, lernen Lebensmittel kennen, indem sie sie probieren. Ernährungsexperten empfehlen, Kindern neue Speisen mehrmals anzubieten - allerdings ohne Zwang. Denn der führt eher dazu, dass das Kind das Essen ablehnt.

Sind die Kinder erst im Kindergarten und in der Schule, prägen vor allem Freunde die Vorliebe für bestimmtes Essen. Jugendliche probieren verschiedene Ess- und Lebensstile aus - Geschmacksvorlieben sind hier kaum vorherzusagen.

Köche werben für mehr Geschmack

In der 2a steht als Nächstes eine Blindverkostung auf dem Programm. "Wer sich die Nase zuhält, kann nicht schmecken. Das haben die Kinder schon ausprobiert", sagt Anke Janssen, die Lehrerin der Klasse 2a. Sie ist beeindruckt, wie sicher einige Kinder die Geschmacksrichtungen benennen. Anderen fällt das selbst dann schwer, wenn sie sehen, was sie essen.

Koch Michael Hauck ist Mitglied der Köche-Vereinigung Eurotoques, die sich unter anderem in Sachen Geschmackserziehung engagiert. Die Köche bieten den Geschmacksunterricht ehrenamtlich an. Eine Organisationspauschale von 210 Euro für Anreise und Lebensmittel muss die Schule aufbringen. "Die Eltern der Kinder haben Briefe geschrieben und konnten ein lokales Unternehmen als Sponsor gewinnen", freut sich Anke Janssen. "Sonst ist es sehr schwer, so etwas zu realisieren."

Frisches Obst - oder Dosenobst?

"Frische, natürliche und möglichst regionale Zutaten sind für Eurotoques-Köche selbstverständlich", sagt Hauck. Weil Kinder immer häufiger verarbeitete Lebensmittel essen, bietet der Koch zum Abschluss frisches Obst und Dosenobst an. Die Kinder sollen vergleichen: "Welchen Unterschied schmeckt ihr? Fühlen sich Erdbeeren aus der Dose im Mund anders an als frische?" Nach dem Geschmackstest steht für die meisten fest: Das frische Obst hat ihnen besser geschmeckt. Sylvia allerdings mochte die Dosenerdbeeren lieber. "Die waren nicht so sauer!"

Der Geschmacksunterricht soll das Interesse für die Vielfalt und Qualität von Lebensmitteln wecken. "Mir ist es wichtig, dass meine Schüler mit allen Sinnen lernen. Ich bemühe mich, auch in den regulären Unterricht viele Sinnesanregungen einfließen zu lassen", sagt Lehrerin Janssen und erzählt von Vergleichen verschiedener Pfefferminzsorten, die sie aus dem eigenen Garten mitgebracht hat.

Welchen Sinn haben die Sinne?

"Durch die Sinnesschulung rund ums Essen und Trinken erwerben Kinder und Jugendliche die Fähigkeit, kleine Produktunterschiede wahrzunehmen, Qualitätsbegriffe zu entwickeln, Täuschungen zu erkennen und auch Grenzen der sinnessorientierten Erfassbarkeit zu erfahren", schreibt Angelika Ploeger in ihrem Handbuch "Fühlen wie's schmeckt - Sinnesschulung für Kinder und Jugendliche". Dieses praxisorientierte Konzept hat die Professorin bereits 1999 entwickelt, um damit Anregungen für den Alltag in Kindergärten und Schulen zu geben. Denn die müssen durch veränderte Familienstrukturen zunehmend die Ernährungsbildung übernehmen.

Sinnesschulungen leisten auch einen bedeutenden Beitrag zur Gesundheitsförderung. Sie können Kinder wieder an ursprüngliche, unverarbeitete Lebensmittel heranführen - meist die gesündere Alternative. "Das ist besonders wichtig, da die Geschmacksgewohnheit von vielen Kindern und Jugendlichen durch künstliche Aromen geprägt ist und sie dadurch den ursprünglichen frischen Geschmack eines Lebensmittels eventuell als ungewohnten Geschmackseindruck bezeichnen", ist Ploeger überzeugt. Nicht etwa Naturjoghurt mit frischen Früchten schmeckt dann "typisch" nach Erdbeere, sondern gekaufter Erdbeerjogurt.

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