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Motorik-Studie: Zu steif für die Rumpfbeuge

Erstmals wurden deutschlandweit Kraft, Ausdauer und Beweglichkeit deutscher Kinder und Jugendliche untersucht. Die Ergebnisse sind alarmierend. Experten warnen: Bewegungsmangel macht Kinder nicht nur träge und dick, sondern auch dumm.

Von Angelika Unger

Drei Jahre lang sind sie durch Deutschland gefahren. Sie ließen Kinder auf einem Bein stehen, aus dem Stand springen, Liegestütze machen, rückwärts balancieren. Sie fragten sie, wie oft sie im Sportverein trainieren und wie lang mit ihren Freunden draußen spielen. 4529 Kinder zwischen vier und siebzehn Jahren haben die Sportwissenschaftler unter Leitung von Klaus Bös von der Uni Karlsruhe untersucht. Das Ergebnis: MoMo, das Motorik-Modul des groß angelegten Kinder- und Jugendgesundheitssurveys "KiGGS" des Robert-Koch-Instituts.

MoMo zeigt erstmals repräsentativ und bundesweit, wie es um die Kraft, Ausdauer und Beweglichkeit der deutschen Kinder bestellt ist. Die Ergebnisse sind alarmierend. "43 Prozent der Kinder zwischen vier und siebzehn Jahren kommen bei der Rumpfbeuge nicht mehr mit den Fingerspitzen auf den Boden", berichtet Bös, als er MoMo auf dem Karlsruher Kongress "Kinder bewegen" vorstellt. "Zwei Schritte rückwärts auf einem Balken balancieren - auch das können viele Kinder nicht mehr."

Nur einer von 33 Siebzehnjährigen bewegt sich genug

War also früher alles besser, ist die heutige Jugend träger und unbeweglicher als ihre Eltern und Großeltern in jungen Jahren? Pauschal lasse sich diese Frage nicht beantworten, sagt Klaus Bös, "bisher gab es ja keine solch breit angelegte Studie". Für einzelne MoMo-Testaufgaben gibt es jedoch durchaus Vergleichsdaten. Beispielsweise beim Standweitsprung: Bös selbst hatte bereits 1976 schon einmal untersucht, wie weit Kinder aus dem Stand springen können. Brachte etwa ein 1,50 Meter großer Junge damals aus dem Stand noch einen Satz von 1,74 Metern zustande, sind es heute nur noch 1,56 Meter. 1976 sprang ein gleich großes Mädchen 1,63 Meter weit, heute schafft es nur noch 1,39 Meter. "Ein Leistungsrückgang von 14 Prozent", fasst Bös' Kollege Alexander Woll von der Uni Konstanz zusammen.

Die Experten sind sich einig, warum die deutschen Kinder und Jugendlichen so schlecht abschneiden: zu wenig Bewegung. Mindestens 60 Minuten am Tag sollten Kinder ins Schwitzen kommen, diese Empfehlung ist das Resultat unzähliger internationaler Studien. Ein Wert, den in Deutschland gerade einmal der 30 Prozent der vier- bis siebzehnjährigen Jungen und 20 Prozent der Mädchen erreichen - in anderen Industrienationen sieht die Lage übrigens nicht anders aus.

Bemerkenswert ist hier, wie die Aktivität in der Pubertät abnimmt: Mehr als ein Drittel der Vierjährigen verbringt mindestens eine Stunde täglich mit Sport und Spiel, jedoch nur jeder 33. Siebzehnjährige. Besonders gefährdet: Mädchen mit niedrigem sozialen Status und Migrationshintergrund. "Sie sind viermal häufiger inaktiv als der Durchschnitt ", sagt Woll.

"Treppe nur im Notfall benutzen"

Bei ihrer Untersuchung stießen die Sportwissenschaftler zudem auf ein paradoxes Phänomen: "Noch nie waren so viele Kinder im Sportverein wie heute, und noch nie war der Bewegungsmangel größer", referiert Woll. Spielen, toben, rennen - vor allem im Alltag bewegen sich die Kinder immer weniger.

Kein Wunder, sagen die Experten - bewege sich doch auch die Erwachsenengeneration bei weitem nicht genug. "In meinem Hotel hängt ein Schild, drauf steht: 'Treppe nur im Notfall benutzen' ", erregt sich Renate Zimmer. Die Professorin für Sportpädagogik an der Uni Osnabrück hat das Buch "Toben macht schlau" geschrieben und macht mit ihren Studenten im Seminar schon auch mal Seilspringen.

Zimmer berichtet von einem Intelligenztest mit 300 Kindern, die sie anschließend in zwei Gruppen aufteilte. Die eine Gruppe erhielt Bewegungsangebote, die andere nicht. Beim zweiten Intelligenztest schnitt die "Bewegungsgruppe" signifikant besser ab als die inaktiven Altersgenossen. "Bewegung führt zu wichtigen Vernetzungen im Gehirn", erläutert Zimmer, "doch ausgerechnet in einer Zeit, in der sich viele dieser Synapsen bilden, werden Kinder heute überbehütet." Eltern erwarteten von einem Kindergarten vor allem, dass die Kinder sauber und ohne Pflaster übergeben würden, so Zimmer - Hauptsache, es ist nichts passiert. "Ja, wenn die Kinder mal mit Schrammen zurückkommen, ist etwas passiert - aber etwas Positives! Insofern kann man den Erfolg von Bildung an der Anzahl der Heftpflaster ablesen."

Erfolgreiche Rumpfbeuge noch mit 60

Nicht nur für die Intelligenz sei es extrem wichtig, dass Kinder gerade im Kindergartenalter körperlich gefordert und gefördert werden. Wer als Kind Kraft, Ausdauer und Beweglichkeit lerne, komme sehr wahrscheinlich auch noch mit 60 bei der Rumpfbeuge mit den Fingern auf den Boden, sagt Bös. Andersrum gelte aber auch: "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nur noch schwer."

Und nicht zuletzt macht ein träges Leben Kinder viel zu oft dick und krank. Dramatisch findet deshalb Hartmut Becker von der Stiftung "Rufzeichen Gesundheit" die MoMo-Ergebnisse. "Rufzeichen Gesundheit" engagiert sich gegen das so genannte Metabolische Syndrom: das gefährliche Zusammentreffen aus Übergewicht, Bluthochdruck sowie Störungen des Fett- und des Zuckerstoffwechsels. "Bei regelmäßiger körperlicher Aktivität verbessern sich schon nach kurzer Zeit Zuckerwerte und Fettwerte", sagt Becker.

Feinmotorik am Computer gelernt

Wenigstens einen positiven Befund können die Forscher übrigens berichten: Bei den Tests zur Feinmotorik schnitten die untersuchten Kinder besser ab als bei vergleichbaren früheren Studien. Vermutlich ist das zurückzuführen auf die Zeit, die die Kinder und Jugendlichen am Computer verbringen.

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