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Neue Serie: Kochen mit Kindern

Viele dicke Kinder. Viele Familien, deren Küche kalt bleibt - die Ergebnisse einer Studie sind alarmierend. Der Spitzenkoch Kolja Kleeberg will das ändern. Seine Botschaft: Kocht gemeinsam, esst gemeinsam! Und: Nehmt euch die Zeit dazu!

Von Stephan Draf

Kolja Kleeberg hält sein Messer hoch, das Nachmittagslicht von Kreta bricht sich in der japanischen Klinge. Ein sehr scharfes Profi-Werkzeug ist das, was auch die zwei Dutzend Mütter sehen, die auf dem Sonnendeck des Robinson-Clubs auf Kleebergs Kochshow warten. Offensichtlich aber flößt der Mann so viel Respekt ein, dass keine der Frauen "Stopp!" ruft, als Kleeberg das Messer an die Kinder reicht und fragt: "Mütter, ist das okay?" Aus den Reihen der Kinder, die nebeneinander am Rand der Bühne stehen, kommen Rufe wie: "Klar, ist das okay", "Wir schneiden uns nicht, sind doch keine Babys mehr" und "Wann geht’s endlich los?" Los? Kleeberg ist schon mittendrin in seiner Kinderkoch-Tour, die er gemeinsam mit dem stern und der AOK ausgetüftelt hat und die ihn außer in einen Ferienclub auch zu Schulen in Dresden und Goch am Niederrhein führen wird.

Anlass seines Einsatzes und der Initiative ist eine bundesweite AOK-Studie zur Gesundheit der Kinder in diesem Land. Deren Ergebnisse sind alarmierend: Immer mehr Kinder leiden in Deutschland an Übergewicht. Mit allen Konsequenzen: Sie sind öfter krank. Sie bewegen sich nicht gern und werden so oft noch dicker. Sie werden deshalb oft gehänselt und schnell in der Schule schlechter. Übergewicht, so der Tenor, bedeutet nicht nur ein paar überflüssige Kilos auf den Hüften. Übergewicht grenzt aus. Essen und Kinder ist daher ein ganz bedeutsames Thema, ein Thema allerdings, bei dem Mütter und Väter oft genervt die Augen rollen. Denn zu verwirrend sind die Signale, die Eltern erreichen: Darf man Kindern nur noch Bio kaufen? Fleisch - ja oder nein? Für kleine Kinder nur geprüfte Babynahrung? Und was, wenn der 14-Jährige nur noch Käse isst?

Gegen den industriellen Aroma-Cocktail

Zudem geht in vielen Familien das Konzept des Kochens generell verloren. Morgens ein Brot mit Scheiblettenkäse, mittags Tütensuppe oder Folienpizza oder gleich ein lauwarmer Döner, abends Brot mit eingeschweißter Dauerwurst - Kinder, die so aufwachsen, sind später nicht mal in der Lage, sich einen Tomatensalat zu machen. Drei Teile Öl, ein Teil Essig - selbst die einfachste aller Salatsaucen wird den Fertignahrungsmittelkonzernen überlassen. Die wiederum peppen die Saucen auf, um Kunden an sich zu binden: vor allem mit Zucker und künstlichen Aromen, so intensiv, dass derart genormte Kinder schließlich frische Waren ablehnen. Die Tomate schmeckt halt nicht mehr nach dem Aroma-Cocktail, der industriell hergestellte Nudelsaucen so furchtbar lecker macht. Übrig bleibt eine passive Generation, die den Mund nur aufmacht, wenn die Mikrowelle klingelt.

Die Kinder im Robinson-Club sind dagegen sehr rege: 15 von ihnen stürmen jetzt die Bühne, im Alter von zwei bis acht Jahren; Kleeberg und sein Assistent passen gerade noch hinter Herd und Arbeitsfläche. Dort liegen Doraden, Garnelen, Melonen, Tomaten und anderes Gemüse - es wird Melonensuppe mit Garnelen geben, gebratene Doraden und Ofengemüse. In 90 Minuten sollen die Kinder unter Anleitung Kleebergs Garnelen aus der Schale lösen, Doraden küchenfertig machen und (mit ganz scharfen Messern!) tief einschneiden, um die Bratzeit zu verringern. Dazu: Melonen schälen, klein schneiden und schließlich mit Joghurt und Gewürzen zu einer Suppe pürieren. Was sie sollen, ist nun eine Sache. Was die Kinder wirklich tun: Sie spielen mit Garnelen Kasperletheater. Und mit den Doraden Mund auf, Mund zu. Sie spielen Melonenkegeln. Und dennoch: Sie erledigen alle Aufgaben, oft sogar selbstständig.

"Guck mal, Mama, was ich kann!"

Höhepunkt des Gewusels: Ein dreijähriges Mädchen hält triumphierend ein Messer hoch, das große, das funkelnde, und ruft: "Guck mal, Mama, was ich kann!" - da fällt die japanische Klinge schon auf eine Honigmelone und spaltet sie sauber in zwei Hälften. Am Ende schneidet sich kein Kind, obwohl gleich sechs Messer herumliegen. Und das Essen wird auch fertig. Ergebnis: 15 Kinder, die ihren Eltern verkünden, dass "so ’n verrücktes Kochen" zu Hause jetzt zum Alltag gehören soll. Und ein Kolja Kleeberg, der sich den Schweiß von der Stirn wischt: "Die haben nicht nur mitgemacht, die haben mich alle gemacht." Kleeberg ist nicht zufällig mit von der Partie. Zunächst ist er ein ausgewiesener Spitzenkoch, das beweist er einmal im Monat bei Kerners Kochshow und täglich in seinem Berliner Restaurant "Vau", das seit neun Jahren einen Michelin-Stern im Wappen führt.

Dann hat er selbst Kinder, Max und Luca, zwei und fünf. Außerdem ist Kleeberg eine Rampensau, wollte selbst mal Schauspieler und Sänger werden. Vor allem aber hat ihm der Inhalt der Studie gefallen. Hier wird beklagt, dass "die Ernährung von Kindern immer weniger in den soziokulturellen Kontext eingebunden ist". Essen geschieht nebenher. Das Einkaufen wird im Laufschritt erledigt, immer. Kochen hat vor allem fix zu gehen. In vielen Familien wird gegessen, wann es jedem Einzelnen passt und nicht gemeinsam. Wenn man dies ändern könne, so die Botschaft der Studie, würden mehr Kinder (und Eltern!) Essen und Kochen als das betrachten, was es ist: überlebensnotwendig. Die Studie nervt hingegen nicht - und auch das gefällt Kleeberg - mit Vitamintabellen und Ratschlägen, wie man damit vollwertige Mahlzeiten zusammenbastelt. Die meisten deutschen Mütter wissen ohnehin, dass täglich Pommes und Cola nicht gut sein können.

Kompetenz macht Kinder stolz und mutig.

Dass Kinder gern kochen, hat Kleeberg mit seinem Auftritt vor den Müttern bewiesen, aber hier noch einmal für alle: Schon Zweijährige können problemlos Kräuter zupfen oder Salat verlesen oder Erbsen palen. Drei- bis Vierjährigen kann man - unter Aufsicht - ein Messer in die Hand drücken und sie Pilze, Möhren, Tomaten schneiden lassen. Wer garantierten Spaß haben will, bittet die Kinder, das Essen schick zu machen: Aus einer Salatgurke etwa lässt sich ohne Aufwand ein grüner, gefährlicher Drachen basteln. Wichtig ist bei all dem vor allem eines: Zeit. Auch Kleeberg weiß, dass die täglichen Kochshows den Eindruck verstärken, jedes Essen könne in 20 Minuten fertig sein. Wer das glaubt, braucht keinen Herd, sondern einen Pizza-Bringdienst. Zeit fehlt häufig auch fürs Einkaufen: Gerade berufstätige Mütter sind wochentags gezwungen, durch Supermärkte zu hetzen - was so sinnlich ist wie das Auftanken eines Autos. Ein Streifzug über den Markt oder der Besuch eines Gemüse- oder Fleischladens - wenigstens an einem Wochenende im Monat - wird dagegen für Kinder zum Abenteuerspaziergang.

Genauso wie für die vier Jungen, die Kolja Kleeberg morgens mit auf den Markt von Heraklion nimmt, um für das gemeinsame Kochen einzukaufen. Natürlich hängen die vier an seinen Lippen, ein Koch verfügt über eine beneidenswerte natürliche Autorität. Vor allem fasziniert die Kinder, dass sie hier etwas lernen können: Wann ist eine Tomate reif? "Wenn ihr sie leicht vom Stängel bekommt", sagt Kleeberg. Einen Stand weiter entpuppt sich Boris aus Gelsenkirchen als olfaktorisches Talent: Aus einem Haufen Pfirsiche erschnüffelt er mit unheimlicher Sicherheit fünf perfekt gereifte. Und beim Fischstand greifen die Kinder schließlich in die Menü-Planung ein. Eigentlich hätte es nur Garnelen geben sollen. Aber Boris, Carl-Luis, Christos und Promytheas haben Doraden entdeckt: "Guck mal, die Augen, die sehen aus, als würden sie noch leben - Kolja, können wir die nicht essen?" Kleeberg schaut die Ware an, erklärt die Fische zur Topware und nimmt sie mit. Gute Nahrungsmittel finden, probieren und auch mal selbst entscheiden dürfen, was gekocht wird - so viel Kompetenz macht Kinder stolz und mutig.

Eltern sollten Einfluss konsequent nutzen

Und jede Wette: Fürs Kochen sind die vier Jungs gewonnen. Dagegen ist es viel schwieriger, Jugendliche zum Kochen zu bringen, wenn diese erst mit zwölf erleben, dass man Rohes in Essbares verwandeln kann. Es ist wichtig, schon in jungen Jahren Grundlagen zu legen. Vor allem sollte dies zu Hause geschehen. Denn mit der flächendeckenden Einführung von Ganztagsschulen wird bald eine der Hauptmahlzeiten in der Schule eingenommen werden. Und für diese Mahlzeiten sieht es düster aus: Während Mensaessen staatlich bezuschusst werden, ist sehr unklar, ob das beim Schulessen auch so sein wird. Bislang können Schul-Caterer nur 60 bis 90 Cent Material für ein Essen einsetzen - da ist paniertes Pressfleisch nicht zu vermeiden. Ihren geringen Einfluss sollten Eltern dann konsequent nutzen: Beispielsweise kann man mit der Schulleitung diskutieren, ob der Getränkeautomat mit flüssigen Zuckerbomben (das sind nicht nur Cola/Fanta, sondern auch viele Fruchtsäfte) bestückt sein und der Schulkiosk 20 Sorten Schokoriegel führen soll. Der Satz "Aber die Kinder mögen es doch so gerne" bringt niemanden weiter.

Kinder würden auch gerne bis Mitternacht fernsehen und ihre Hausaufgaben von den Eltern erledigen lassen - in den wenigsten Familien würde es ihnen erlaubt. Dass Essen ein Kulturgut ist, zu dessen Wertschätzung hinerzogen werden muss, vergessen viele. Bei der Schulernährung kommt es auf die Lehrer an. Beide Schulen, an denen Kleeberg vorkocht, sind in dieser Hinsicht vorbildlich. Am St. Benno Gymnasium in Dresden, an dem ein Drittel der 800 Schüler mittags isst, haben die Lehrer schon vor Jahren begonnen, die Schulernährung umzustellen. Inzwischen gibt es keine Pommes mehr, dafür eine Salatbar im Speisesaal und Wasserspender in den Fluren. "Sogar die sächsische Spezialität "Eintopf " wird angenommen", sagt Schulleiter Stefan Schäfer, "das war am Anfang nicht so." Trotz allen Engagements: Auch in Dresden kann die Küche nie mehr als einen Euro pro Essen einsetzen. Auch hier, wie in den meisten Schulen, haben die Kinder exakt 20 Minuten Essenspause: Fürs Essen bleiben neben anstellen, Platz suchen und Tablett wegbringen etwa drei bis sieben Minuten - das ist bescheiden.

"Mama, so ’n Zestendings - das besorgen wir uns doch auch. Oder?"

"Zu viel, zu schnell" - Hast und Masse hat auch Sportlehrer Pawel Zalewski am Internat Gaesdonck in Goch als Grund für das Übergewicht jener Schüler ausgemacht, mit denen er in Bewegungs- und Ernährungsprojekten arbeitet: "Sehen Sie sich mal die Snacks auf deutschen Bahnhöfen an: Was da früher ein Käsebrötchen war, ist heute ein dick belegtes Baguette. Man muss die Schüler an entspanntes Essen und begrenzte Portionen heranführen", sagt der Pädagoge. Wenn Kleeberg bei ihm in seiner Kochvorführung davon spricht, dass man mit dem Auge und nicht mit der Brennwerttabelle über den Markt gehen sollte, und seine Ausführungen mit dem Satz "Kalorienzählen ist Blödsinn!" garniert - da strahlt Herr Zalewski. Auf Kreta hat Kleeberg als letzte Etappe der Kochtour ein Lamm am Spieß angerichtet, inklusive Kopf und Schwanz.

Die Kinder sollen sehen, dass zum Filet noch ein ganzes, fast komplett essbares Tier gehört. Aber dieser pädagogische Ansatz verfängt nicht. Saskia, die ältere Schwester des Pfirsich-Schnüfflers Boris, findet den Anblick furchtbar, die Jungen quittieren ihn mit einem Achselzucken - und schnibbeln dann Tomatensalat. Saskia hat sich unter einen Olivenbaum im Hof der kleinen Taverne gesetzt und macht erst mal gar nichts. Zum Essen muss sie gebeten werden. Doch Meister Kleeberg weiß sie dann schnell wieder für sich zu gewinnen: Mit einem Zestenreißer ritzt er dünne Streifen Schale von einer Zitrone, legt den Abrieb in die Hand und lässt Saskia riechen. Die ist begeistert. Und als der berühmte Koch noch Orangen- und Grapefruitschale zu einem Geruchspotpourri vermischt, guckt Saskia ihre Mutter bittend an: "Mama, so ’n Zestendings - das besorgen wir uns doch auch. Oder?"

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