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Komapatientin: Und sie hört uns doch

28 Jahre lag High-Society-Ikone Sunny von Bülow im Koma - bis sie vergangene Woche starb. Ob sie in dieser Zeit etwas fühlte oder hörte, ist ungewiss. Dass Komapatienten etwas wahrnehmen können, haben jetzt deutsche Forscher an einer Patientin nachgewiesen - und Hoffnungen geweckt.

Von Britta Hesener

Komapatienten können möglicherwesie wahrnehmen, was in ihrer Umgebung passiert

Komapatienten können möglicherwesie wahrnehmen, was in ihrer Umgebung passiert

Fast vier Jahre lang nichts: Ingrid S. (Name geändert) scheint ihre Umwelt nicht mehr wahrzunehmen. Seit sie im Alter von 38 Jahren in ihrem Haus die Treppe hinunterstürzte, in die Düsseldorfer Uniklinik eingeliefert wurde und ins Koma fiel, reagiert sie weder auf Körperkontakt noch auf Stimmen. Ihre Augen bleiben geschlossen, ihre Arme und Beine bewegungslos. Nur ab und zu nestelt sie mit ihrer Hand an der Decke. Eine typische Bewegung für einen Komapatienten.

Nichts deutete daraufhin, dass Ingrid wahrnahm, wenn Freundinnen oder ihre Töchter, die eine im Kindergarten-, die andere im Grundschulalter, sie besuchten. Und doch waren sich ihre Angehörigen sicher: Ingrid spürt es, wenn wir da sind, wenn wir mit ihr sprechen, wenn wir sie berühren. Sie wussten es - und sie sollten Recht behalten, wie Forscher jetzt, fast vier Jahre nach dem Unfall, nachgewiesen haben.

Keine Anzeichen von Bewusstsein

Zunächst konnten die behandelnden Ärzte um Professor Mario Siebler in der Uniklinik allerdings nichts in dieser Richtung feststellen. Ihre Patientin reagierte nicht einmal auf Schmerz. Wenn sie eine Spritze bekam, blieb sie ruhig. Kein Stöhnen, keine Abwehrbewegungen, sie ließ alles augenscheinlich teilnahmslos über sich ergehen.

Bei einem EEG (Elektroenzephalographie) konnten die Ärzte trotz einiger Veränderungen zwar noch einen Grundrhythmus der Hirnaktivität erkennen, doch wie das eines gesunden Menschen sah das EEG nicht aus. Eine Computertomographie zeigte zudem, dass das Gehirn von Ingrid S. massiv geschädigt war: In der rechten Großhirnhemisphäre eine Blutungshöhle, im Hirnstamm Quetschungen und Prellungen.

Trotz der Befunde nahm Professor Siebler die Angehörigen ernst. Er rief im Forschungszentrum Jülich an, wo sich Dr. Simon Eickhoff und seine Kollegen der Patientin annahmen. Was sie herausfanden und jetzt in der Zeitschrift "Experimental Neurology" veröffentlichten, gleicht einer Sensation: Ingrid S. nimmt tatsächlich etwas wahr. Eine Magnetresonanztomographie des Gehirns konnte das belegen, was ihre Kinder und Freundinnen schon lange ahnten.

Arbeitsteilung im Gehirn

Bei der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) werden Patienten in einen tunnelförmigen etwa 1,60 Meter langen Scanner gelegt. Er bildet das Gehirn dreidimensional ab und stellt farblich dar, welche Hirnregionen zur Zeit der Aufnahme aktiv sind. Der Tomograph macht sich dabei die Arbeitsweise des Gehirns zunutze.

Im Gehirn herrscht Arbeitsteilung. Zwei Region in der linken Hirnhälfte sind beispielsweise für die Sprache verantwortlich: das Broca- und Wernicke-Sprachareal, benannt nach dem französischen Arzt Paul Broca und dem deutschen Neurologen Carl Wernicke, die die Areale erstmals 1862 beziehungsweise 1874 beschrieben. Wenn wir sprechen werden diese Areale stärker durchblutet - wie beim Joggen die Beinmuskeln. Je aktiver das Sprachareal im Hirn, desto mehr mit Sauerstoff beladene rote Blutkörperchen halten sich dort auf. Diese haben magnetische Eigenschaften, auf die der MR-Tomograph reagiert: Ist eine Region des Gehirns besonders aktiv, halten sich dort also viele mit Sauerstoff beladene rote Blutkörperchen auf, wird dies auf den MRT-Bildern entsprechend dargestellt.

"Ananas" aktivierte Sprachareale

Mit dieser Methode untersuchten die Jülicher Forscher Ingrid S. Zunächst scannten sie als Vergleichsgrundlage ihr Gehirn im Ruhezustand, wenn sie niemand berührte oder ansprach. Als nächstes führten die Forscher drei verschiedene Versuche durch. Sie hielten Ingrid S. die Augenlider auf und schalteten ein flackerndes Licht an. Sie strichen mit einem rauen Schwamm über ihre Unterarme. Und sie spielten ihr zusammenhanglose Worte wie "laufen", "Buch" oder "Ananas" vor. Die MRT-Aufnahmen zeigten es deutlich: Das Flackerlicht aktivierte ihre Sehrinde und die rauen Schwämme auf ihren Armen den somatosensorischen Cortex, zuständig für den Tastsinn. Alles auf den Aufnahmen sah aus, wie man es bei einem gesunden Menschen erwarten würde. Was die Forscher noch mehr überraschte, waren die Ergebnisse des Hörtests. Die Worte lösten nicht nur Aktivitäten in der Hörrinde aus, sondern auch in den Sprachregionen des Gehirns. Das Überraschende dabei: Die Sprachregionen sind bei bewusstlosen Probanden, wenn sie etwa unter Narkose stehen, nicht aktiv. "Dieser Befund war extrem spannend. Für uns war er ein klarer Hinweis darauf, dass eine Sprachverarbeitung stattfand", sagt Eickhoff.

Die Forscher motivierten diese Ergebnisse zwei Monate später eine zweite Studie durchzuführen. Sie wollten herausfinden, ob Ingrid unterscheiden kann, wer mit ihr spricht und was gesagt wird. Dazu ließen sie ihre Kinder und Freundinnen auf Band sprechen. Direkte Ansprachen wie "Hallo Ingrid, hier ist Verena!" und Gesprächsfetzen wie "dritte Klasse". Zum Vergleich nahmen die Forscher die Stimme einer Fremden auf.

Ein aktiver Mandelkern

Die Ergebnisse überraschten erneut: Die Amygdala, die emotionale Schaltzentrale des Gehirns, reagierte. Wenn Ingrid S. nicht zusammenhängende Worte einer fremden Person hörte, nahm die Aktivität in der Amygdala, auch Mandelkern genannt, ab. Wurde Sie aber von ihren Freundinnen oder insbesondere ihren Kindern direkt angesprochen, konnten die Forscher eine starke Aktivität feststellen. Alles deutet also darauf hin, dass sie Sprache verarbeitet und darauf emotional reagiert. Ein Ergebnis, das nicht nur für die Angehörigen eine Erleichterung ist. Auch ihre Pfleger gehen jetzt noch sorgsamer mit ihr um. "Wenn sie sie zum Beispiel waschen, erklären sie genau, was sie als nächstes machen, was für die Patientin wesentlich angenehmer sein dürfte.", sagt Eickhoff.

So sensationell die Ergebnisse sind, so nüchtern muss man sie betrachten, wenn es um andere Komapatienten geht, meint Eickhoff: "Wir können nur über diesen einen Fall Aussagen treffen." Allerdings gab es bereits andere Studien: Im September 2006 etwa hat Adrian Owen von der Cambridge University seine Forschungsergebnisse in der Zeitschrift "Science" veröffentlicht. Owen hatte einer Wachkomapatientin Sprachclips vorgespielt und entsprechende Hirnaktivitäten nachgewiesen. Außerdem hatte er sie gebeten, sich vorzustellen, Tennis zu spielen. Das MRT-Bild zeigte, dass sowohl ihr Hirnareal für Vorstellungsvermögen als auch das für die Steuerung von Bewegung dabei aktiv war.

Studien wie diese lösen natürlich Hoffnungen bei Angehörigen von Komapatienten aus. Dass man Patienten in der nahen Zukunft durch gezielte Stimulation der nachweisbar aktiven Hirnregionen wecken könnte, sieht Eickhoff dennoch skeptisch: "Wir überlegen schon, wie man therapeutisch eingreifen könnte." Genaueres wolle er jedoch noch nicht sagen. Dafür sei es zu früh. Möglicherweise könnte die funktionelle Bildgebung in Zukunft helfen, zu erkennen welche Komapatienten von neuen Behandlungsmethoden am ehesten profitieren würden.

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