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Kopfschmerz bei Kindern: Raus aus der Schonhaltung

Kopfschmerzen treffen immer häufiger auch Kinder. Der Neuropsychologe Emil Naumann erklärt, wie sie die Qual durch richtiges Verhalten ändern können und was Eltern ändern können.

Zahl der Betroffenen in den vergangenen Jahren zugenommen?

Untersuchungen der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft und unsere eigenen Erfahrungen belegen diese Entwicklung. Als wir vor 13 Jahren anfingen, kamen im Jahr rund 100 Kinder zu uns. Heute sind es 350 bis 450 Patienten aus ganz Nordrhein-Westfalen. Viele davon sind noch sehr klein: Das jüngste Kind war zweieinhalb Jahre alt, ein Drittel der Patienten ist im Vorschulalter. Die meisten sind jedoch zwischen 8 und 14 Jahre alt.

Wie erklären Sie sich den Anstieg?

Einerseits sind Ärzte heute aufgeklärter über das Thema und gucken genauer hin, aber vor allem bewegen sich viele Kinder weniger, sehen mehr fern und sitzen am Rechner. Viele trinken zu wenig und ernähren sich ungesund. Oft kommen Probleme in der Familie und in der Schule dazu. All das begünstigt Kopfschmerzen.

Wie beeinflussen die Beschwerden das Leben der jungen Patienten?

Viele nehmen eine Schonhaltung ein, so wie ein Rückenpatient, der aus Furcht vor den Qualen bestimmte Bewegungen vermeidet: Aus Angst vor Schmerzen ziehen sie sich zurück, gehen seltener raus, treiben weniger Sport. Sie fahren oft nicht mit ins Schullandheim, weil sie dort ja eine Attacke erleiden könnten, und schließen wegen ihrer Zurückgezogenheit nur schwer Freundschaften. Sie stehen auch in der Schule stärker unter Druck. Denn wegen der Fehlzeiten müssen sie oft Unterrichtsstoff und Klausuren nachholen. Und der Schulstress löst dann wiederum Kopfschmerzen aus, denen mit der Schonhaltung begegnet wird. So geraten die Kinder in einen Teufelskreis, der sie mitunter über Jahre gefangenhält.

Können solche Patienten den Schmerz denn überhaupt überwinden?

Ja, das ist möglich. Dabei kommt es vor allem darauf an, wie der Betroffene mit dem Leiden umgeht. Allein schon durch sein Verhalten kann er die Lebensqualität verbessern. Und wer mehr Freude am Leben hat, nimmt wiederum Schmerzen bis zu einem bestimmten Grad nicht wahr.

Funktioniert das in allen Fällen?

Leider nicht, aber zumindest Spannungskopfschmerzen lassen sich auf diese Weise bis zu einer bestimmten Grenze ausblenden. Und Migräne kann man so stark lindern, dass die Kinder trotz der Krankheit Lebensfreude spüren. Dazu müssen sie allerdings zunächst aus ihrer passiven Haltung herauskommen. Viele Kopfschmerzpatienten liefern sich ihren Beschwerden einfach aus. Der Schmerz darf jedoch nicht ihr Leben bestimmen, sondern sie müssen bestimmen, wie sie mit dem Schmerz in ihrem Leben umgehen. Das gilt auch für Kinder. Und das versuchen wir im Stopp-den-Kopfschmerz- Programm zu vermitteln.

Wie ist der Kursus aufgebaut?

Das verhaltenstherapeutische Programm besteht aus acht Sitzungen, in denen die Kinder zunächst einmal lernen, was den Kopfschmerz auslöst. Was passiert in meinem Kopf, wenn ich Beschwerden habe? Wie kann ich die Situation, die den Schmerz auslöst, verbessern oder verschlimmern? Was kann ich tun, um gar nicht erst in so eine Situation zu kommen? Wie kann ich mich mit Gedanken ablenken? Die Kinder lernen, sich in solchen Situationen etwas Schönes vorzustellen, zum Beispiel eine grüne Wiese im Sonnenschein. Auf der liegen sie in Gedanken, und es geht ihnen gut. Wir zeigen ihnen, wie sie sich mithilfe von Progressiver Muskelrelaxation entspannen können. Sie lernen aber auch, sich gegen Erwachsene durchzusetzen. Denn vielleicht kommen die Schmerzen immer dann, wenn sie etwas wollen, sich aber nicht durchsetzen können.

Ist die Methode erfolgreich?

Ja, sehr. Wir führen das Programm, das ursprünglich von Birgit Kröner-Herwig von der Universität Göttingen und der Techniker Krankenkasse entwickelt wurde, seit sieben Jahren durch. In einer Befragung stellte sich jetzt heraus, dass rund 70 Prozent der Patienten über deutlich weniger Kopfschmerzen klagen und zehn Prozent sogar überhaupt keine Beschwerden mehr haben.

Wer kann an dem Programm teilnehmen?

Kinder zwischen 8 und 14 Jahren, die seit mehr als einem halben Jahr mindestens zweimal pro Monat unter Spannungskopfschmerzen oder Migräne leiden. Inzwischen übernehmen alle Kassen die Gebühr von 200 Euro.

Würde "Stopp den Kopfschmerz" auch bei Erwachsenen funktionieren?

Grundsätzlich schon, denn Erwachsene können ebenso wie Kinder das Schmerzerleben durch ihr Verhalten erheblich beeinflussen. Zum Beispiel indem sie sich regelmäßig entspannen und bewegen, Probleme nicht aufschieben und ihre Aufmerksamkeit vom Schmerz ablenken (weitere Tipps siehe Kasten).

Leiden denn Kinder und Erwachsene an den gleichen Kopfschmerzarten?

Durchaus. Kinder haben genauso Spannungskopfschmerzen und Migräne wie Erwachsene auch. Allerdings treten neurologische Symptome wie Seh- und Sprachstörungen weniger oft auf. Und Spannungskopfschmerzen entspringen seltener organischen Ursachen wie zum Beispiel Arthrose im Halswirbelbereich, Verhärtungen im Nackenmuskel oder Tumoren.

Reagieren Kinder anders auf die Beschwerden?

Nein, viele ziehen sie sich zurück und legen sich in einen ruhigen, dunklen Raum. Andere ignorieren die Schmerzen und spielen einfach weiter. Häufig verhalten sie sich so, wie sie es von ihren Eltern gelernt haben. Deshalb ist es wichtig, dass Erwachsene gute Vorbilder sind. Doch viele Eltern schlucken einfach Tabletten, und ihre Kinder machen es nach. Oder sie geben den Kindern Medikamente, ohne den Arzt zu fragen. Deshalb kommen zunehmend jüngere Patienten mit einem medikamenteninduzierten Dauerkopfschmerz zu uns. Ich hatte einmal eine zwölfjährige Gymnasiastin, die im Laufe eines Jahres jede Woche fast eine Rolle frei verkäufliche Schmerzmittel geschluckt hatte. Bei ihr waren die gelegentlichen nächtlichen Schmerzen dadurch zu einem chronischen Leiden ausgewachsen.

Dürfen Kinder denn überhaupt keine Tabletten nehmen?

Doch, manchmal sind sie für eine begrenzte Zeit sogar nötig, um den Schmerz zu unterbrechen. Aber sie dürfen nicht zur Gewohnheit werden. Nur ein Drittel der von uns betreuten Kinder benötigt vorübergehend Medikamente.

Sind die Kopfschmerzkinder von heute die erwachsenen Patienten von morgen?

Nicht alle, aber ich schätze, ein Drittel der Kinder mit Migräne nehmen die Krankheit ins Erwachsenenalter mit. Bei den Spannungskopfschmerzen liegt die Quote schätzungsweise bei 50 Prozent. Umso wichtiger ist es, dass diese Betroffenen frühzeitig lernen, nicht einfach nur Tabletten einzunehmen, sondern mit den Symptomen richtig umzugehen.

Was raten Sie den Eltern Ihrer Patienten?

Sie sollten die Beschwerden grundsätzlich ernst nehmen und ihr Kind von einem Arzt untersuchen lassen, insbesondere wenn es mehr als vier- oder fünfmal im Monat über Kopfschmerzen klagt. Allerdings kann zu viel Fürsorglichkeit die Symptome verschlimmern. Die Eltern sollten ihr Kind also nicht in Watte packen, sondern möglichst normal spielen und aufwachsen lassen. Sie sollten sich fragen: Was kann ich selber tun? Bin ich auch ein Auslöser für die Beschwerden? Übe ich zu viel Druck aus? Vielen Eltern rate ich, die Familiensituation mithilfe eines Psychologen zu analysieren, um Probleme leichter lösen zu können. Und schließlich sollten Mütter und Väter ihr eigenes Schmerzverhalten überprüfen und gucken, ob sie den Kindern dabei als Vorbild dienen.

Kann es gefährlich sein, wenn Eltern die Symptome ignorieren und mit ihren Kindern nicht zum Arzt gehen?

Sicher, denn hinter dem Schmerz können auch organische Erkrankungen wie eine Eisenmangel- Anämie, Diabetes, Fehlsichtigkeit oder ein kardiologisches Leiden stecken. Viele Eltern, die zu uns kommen, fürchten allerdings, dass ein Tumor im Kopf ihres Kindes die Schmerzen auslöst. Doch diese Angst ist häufig überzogen. In den vergangenen 13 Jahren hatten wir überhaupt nur einmal einen Patienten mit einer Zyste und keinen mit einem Tumor. Was also auch immer die Kopfschmerzen bei Kindern auslöst: Krebs spielt dabei nur eine ganz geringe Rolle.

Interview: Torben Müller

Niemand ist dem Schmerz hilflos...

... ausgeliefert. Wie stark er einen Menschen trifft, hängt auch von dessen Lebenswandel und Gewohnheiten ab. Emil Naumann, Leiter der Migräne- und Kopfschmerzambulanz in der Kinderneurologie der Universitätsklinik Köln, erklärt, wie Kinder und Erwachsene das Leid ohne Medikamente aktiv lindern können.

Entspannung

Stellen Sie Radio und Fernseher aus, und hören Sie stattdessen beruhigende Musik. Entspannen Sie sich mithilfe von autogenem Training (bei Spannungskopfschmerz) oder Progressiver Muskelentspannung nach Jacobson (bei Migräne).

Nachtruhe

Schlafen Sie ausreichend und möglichst im festen Rhythmus. Bei Erwachsenen kann ein Glas Bier am Abend beruhigend wirken. Achtung: Wein ist für Migräniker nicht zu empfehlen, weil die darin enthaltenen Flavonoide möglicherweise Anfälle auslösen können.

Bewegung

Ein mildes Herz-Kreislauf-Training regt die Durchblutung an und lenkt ab.

Ernährung

Vermeiden Sie Lebensmittelzusatzstoffe wie zum Beispiel Glutamat oder Süßstoff. Pflegen Sie Rituale wie das gemeinsame Abendbrot, und lassen Sie sich Zeit beim Essen.

Nichtrauchen

Verzichten Sie auf Tabak, denn Nikotin verengt die Gefäße und aktiviert die Schmerzrezeptoren.

Ablenken

Führen Sie Ihre Aufmerksamkeit vom Schmerz weg, und denken Sie an etwas Schönes.

Seele

Vermeiden Sie Stress und Dauerbelastungen. Lösen Sie Konflikte möglichst gleich, statt sie aufzuschieben.

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