VG-Wort Pixel

Welt-Aids-Tag Leben mit HIV: "Ich hatte vor allem Angst vor der Angst der anderen"

Eine Frau wird von anderen ausgeschlossen.
Viele HIV-Infizierte sind noch immer von Diskriminierung betroffen (Symbolbild).
© fizkes / Getty Images
Sabrina Beul lebt seit 30 Jahren mit HIV. Damals waren die Behandlungsmöglichkeiten begrenzt, sie sah ihr Leben an sich vorbeiziehen. Heute setzt sie sich für die Aidshilfe Hamburg ein und hilft anderen Infizierten. Dem stern hat sie ihre Geschichte erzählt. 

"Ich lebe bereits seit 30 Jahren mit HIV. Als ich erfahren habe, dass ich positiv bin, war die Unsicherheit erstmal groß. Ich hatte vor allem Angst vor der Angst der anderen, wenn sie davon erfahren. Die Stigmatisierung ist leider heute wie damals sehr groß. Heute kann ich dank der Medikamente ein normales Leben führen, aber bis hierhin war es ein langer und steiniger Weg.

Ich bin sehr dankbar dafür, das Glück zu haben, in einem Land wie Deutschland zu leben. In vielen Ländern dieser Welt gibt es die Medikamente gegen HIV noch nicht. Das ist zum Beispiel auch der Grund, wieso sich das Virus in Afrika noch immer so stark ausbreitet. Denn, was viele Leute nicht wissen: Durch die Medikamente sinkt die Viruslast im Körper so stark, dass man nicht mehr ansteckend ist. Genau deshalb ist es mir ein Anliegen, öffentlich darüber zu sprechen.

Diskriminierung ohne Grund

Ich bin jetzt 63 Jahre alt und habe bereits viel durchmachen müssen durch die Infektion, ich habe viele andere Menschen daran zerbrechen sehen, weil nicht jeder die Kraft aufbringen kann, ständig mit der Stigmatisierung konfrontiert zu werden, die HIV-Infizierten noch immer entgegenschlägt. Sogar Ärzte verweigern manchmal die Behandlung, weil sie Angst haben oder nicht ausreichend aufgeklärt sind. Ich habe viele Freunde verloren, weil sie damit nicht klargekommen sind. Dabei gibt es für die Diskriminierung eigentlich keinen logischen Grund. Es ist nur das Bild, das aus den 80ern immer noch in den Köpfen vieler Menschen zu sein scheint.

Sabrina Beul
Sabrina Beul lebt seit 30 Jahren mit HIV. Sie hat sich damals bei ihrem Freund angesteckt. Heute arbeitet sie ehrenamtlich für die Aidshilfe in Hamburg und ist dort unter anderem Aufsichtsrätin. Die 63-Jährige setzt sich dafür ein, mehr über das Virus aufzuklären und das Stigma zu durchbrechen. 
© privat

Damals gab es auch schon zwei Gruppen von Infizierten: die Schwulen und diejenigen, die sich beim Blutspenden infiziert haben. Frauen mit HIV kamen so gut wie nicht vor in der öffentlichen Wahrnehmung. Und auch heute sind wir eher eine gefühlte Minderheit, obwohl es viele von uns gibt. HIV ist eben kein Thema von schwulen Männern, sondern eines, das in der Mitte der Gesellschaft stattfindet. Genau da sind wir nämlich auch. Wir führen ein Familienleben, gehen normal arbeiten und haben eine nahezu normale Lebenserwartung. Dafür bin ich sehr dankbar, denn das war am Anfang noch nicht absehbar. 

'Willkommen im Club'

Ich habe mich bei meinem damaligen Freund angesteckt. Er war schon länger krank damals und wurde auch immer dünner und schwächer, aber keiner wusste so richtig, was er hat. Als er die Diagnose bekam, war es schon Aids – und er ein paar Wochen später tot. Und dann stand ich da und wusste erstmal nicht, wohin mit mir. Ich habe dann auch einen HIV-Test gemacht, damals musste man noch zwei Wochen auf das Ergebnis warten – das war eine schreckliche Zeit. Als ich dann wieder beim Arzt war, sagte der nur trocken: 'Willkommen im Club'.

Ich bin dann erstmal abgetaucht, weil ich wusste, dass HIV-positive Menschen einer großen Diskriminierung ausgesetzt waren, davor hatte ich Angst. Ich bin zwischenzeitlich sogar nach Spanien gezogen, um Abstand zu bekommen. Im Endeffekt bin ich eine ganze Zeit lang vor mir selbst weggelaufen. Die Stigmatisierung habe ich trotzdem immer wieder zu spüren bekommen. Es gab sogar eine Zeit, in der ich nicht mehr leben wollte. Heute kann ich sagen: Zum Glück ist mein Suizidversuch damals nicht gelungen.

Vom sich verlieren und wiederfinden

So richtig wiedergefunden habe ich mich dann erst im Jahr 2004. Zu der Zeit war ich in einer Reha-Klinik mit anderen HIV-Patienten. Da hatte ich einen guten Psychologen, mit dem ich gemeinsam meine ganze Welt einmal auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt habe. Dort habe ich außerdem gemerkt, dass es hilft, offen mit der Infektion umzugehen. Also habe ich mich danach bei der Hamburger Aidshilfe gemeldet. Seitdem arbeite ich ehrenamtlich für die Organisation und versuche, über das Virus aufzuklären. 

Vor allem die Tatsache, dass Infizierte, die medikamentös behandelt werden, oft nicht mehr ansteckend sind, ist vielen Menschen einfach nicht klar. Theoretisch ist so sogar Sex ohne Kondom ohne Risiko möglich. Hätten Sie mir das in den 90ern erzählt, hätte ich es aber vermutlich auch nicht geglaubt. Nach der Diagnose habe ich mein Leben an mir vorbeiziehen sehen und nur noch von heute auf morgen gelebt.

Damals hieß es, man lebt noch fünf bis sieben Jahre nach der Infektion. Ich dachte also, man hat mir meine Zukunft genommen. Und dann hieß es irgendwann, dass ich weiterleben darf, weil es Medikamente gibt. Abgesehen davon, dass ich alle drei Monate zur Blutabnahme zum Arzt muss, führe ich seitdem wieder ein richtiges Leben. 

Was wirklich im Leben zählt

Mittlerweile spielt Sex darin zwar keine allzu große Rolle mehr, aber den Sexualpartnern, die ich seitdem hatte, habe ich immer offen von HIV erzählt. Es gab auch welche, die sich dann verabschiedet haben, andere waren da offener – und aufgeklärter. Einige hätten sogar ohne Kondom mit mir geschlafen, aber da war immer ich diejenige, die damit ein Problem hatte. Es kann zwar eigentlich nichts passieren, aber da bin ich einfach vorsichtig geworden. 

Auch sonst hat sich durch das Virus einiges in meinem Leben verändert. Manchmal bin ich sogar ein bisschen dankbar dafür, das Leben aus dieser Perspektive betrachten zu können. Ich war früher ein sehr materieller Mensch. Heute bedeuten mir die Momente mit den Menschen, die mir wichtig sind, mehr als alles andere. Generell hat sich mein Blick auf die Menschen und unser Miteinander komplett verändert.

Ich nehme sehr viel stärker das Positive im Leben wahr und begegne Menschen, die auf den ersten Blick 'anders' sind viel toleranter und offener. Ich wusste früher nicht, warum ich auf der Welt bin und was meine Aufgabe ist. Heute weiß ich es – ich habe eine Message, die ich in die Welt tragen soll. Um damit anderen Menschen, die mein Schicksal teilen, ein besseres und gleichberechtigteres Leben zu ermöglichen."

Warum gibt einen Impfstoff gegen Covid, aber nicht gegen HIV? Haben Sie Fragen zu aktuellen Themen an die Redaktion? Schreiben Sie an fragen@stern.de

Mehr zum Thema

Newsticker