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Welt-Aids-Tag Was HIV-Positive über eine Kampagne zur Umbenennung des Virus denken

HIV
HIV-Positive werden noch heute stigmatisiert. Eine Kampagne will HIV umbennen, damit wir anders über das Virus sprechen.
© Vasyl Dolmatov / Getty Images
Die Initiative "Youth against AIDS" will das HIV nicht länger HIV heißt. Sie wollen damit ein Umdenken über das Virus in der Gesellschaft anstoßen. HIV-Positive halten von der Idee eher wenig.

Eigentlich sollte Aids bis 2030 auf der Welt besiegt sein. Doch in einigen Teilen der Welt steigt die Zahl der HIV-Neuinfektionen und die der Aids-bedingten Todesfälle – das Ziel, die Krankheit kleinzukriegen könnte scheitern, wie das Uno-Programm zur Bekämpfung von Aids "UNAIDS" berichtet. Die Initiative "Youth against AIDS" hat angesichts dieser Entwicklungen eine Kampagne ins Leben gerufen, um HIV umzubenennen und so dem Stigma der Krankheit ein Ende zu bereiten. 

Seit das HI-Virus in den 1980ern von Forschenden entdeckt wurde, hat sich in der Medizin viel getan – vom Todesurteil zu einer Krankheit, die sehr gut behandelbar geworden ist. Doch das Denken über HIV habe mit dem Fortschritt der Medizin der letzten 40 Jahre nicht Schritt gehalten, sagt Daniel Nagel, CEO von der "Ohhh! Foundation". Menschen mit HIV würden noch heute stigmatisiert.

"Youth against AIDS"

Die Initiative gehört zur "Ohhh! Foundation". Sie setzt sich seit 2018 auf der ganzen Welt für die Prävention von HIV-Infektionen unter Jugendlichen ein. Zur Arbeit der Initiative gehört es,  Aufklärungsprogramme an Schulen anzubieten, oder Kondomverteilungen zu organisieren.

"Um die HIV-Epidemie zu beenden, müssen wir die Sichtweise der Welt auf HIV ändern. Wir müssen die Art und Weise ändern, wie wir über HIV denken und sprechen. Und beim Ursprung damit beginnen: beim Namen. Der Begriff "HIV" ist tödlich. Das Leben mit dem Virus muss es nicht sein. Indem wir HIV umbenennen, helfen wir, das Virus als das zu sehen, was es heute ist: eine globale Herausforderung, welche die Wissenschaft gemeinsam mit der Gesellschaft bewältigen kann."

HIV – neuer Name, neues Image?

Am heutigen Welt-Aids-Tag verschickt die Organisation einen offenen Brief an die Weltgesundheitsorganisation, um sie aufzufordern, HIV umzubenennen. Wie realistisch diese Umbenennung sei, darüber gebe es unterschiedliche Ansichten, so formuliert es Daniel Nagel. In erster Linie solle die Kampagne "Update HIV" HIV und Aids wieder mehr auf die Agenda bringen. Der neue Name solle den Fortschritt in der Therapie anerkennen und der "neue Name solle HIV-Positiven dabei helfen, das Stigma, das mit dem Namen HIV verbunden sei, hinter sich zu lassen."

Der richtige Weg, um das Stigma abzubauen? HIV-Positive sehen es etwas anders als die Macher:innen der Kampagne. Mit einem neuen Name verschwinde nicht das Stigma. "Eine Umbenennung von HIV hat meiner Meinung nach den gleichen Effekt wie das Bürgergeld: Nur, weil wir dem Kind einen neuen Namen geben, ist das Problem noch lange nicht vom Tisch", sagt Sabrina Beul im Gespräch mit dem stern. Sie ist seit 30 Jahren HIV-positiv und ist Aufsichtsrätin in der Aidshilfe Hamburg. Sie findet, dass es mehr Aufklärung an Schulen brauche, mehr Tests für sexuell aktive Menschen, saubere spritzen für Drogenabhänige und vor allem ein anderes Bild von HIV in der Öffentlichkeit – auch in den Medien.

HIV-Positive: Mehr Aufklärung nötig

Auch Torsten Poggenpohl glaubt nicht daran, dass ein neuer Name viel verändert. Er erfuhr 2013, dass er HIV-positiv ist. "Ich persönlich halte gar nichts davon, HIV umzubenennen. Es macht die Welt doch 0,0 besser, wenn es anders heißt. Ein anderer Name sorgt nicht dafür, dass HIV-Positive weniger stigmatisiert werden. Meiner Meinung nach muss endlich in die Köpfe rein, dass von HIV-Positiven, die in Behandlung sind und unter der Nachweisgrenze liegen, keine Gefahr ausgeht. Sie können niemanden anstecken."

Auch Jule Winter* glaubt nicht, dass eine Namensänderung viel bringe und sogar negative Folgen haben könnte: "Ich kenne Menschen, die verbinden mit dem Wort Aids mittlerweile einen ganzen Teil ihres Lebens, weil sie vielleicht selbst nicht nur HIV, sondern Aids hatten und damit auch Geschichte und viele politische Kämpfe verbunden sind. Ich glaube, für sie wäre es schwierig, wenn man ihnen das Wort jetzt einfach wegnimmt. Ich glaube, Aufklärung bringt viel mehr, als eine reine Namensänderung. Man sollte das Kind schon beim Namen nennen und lieber den Kern des Problems angehen. Zum Bespiel über den Unterschied zwischen HIV und Aids aufklären."

Queere Menschen sind meist besser aufgeklärt

Auch für Pola Klobucki-Staack von der Aidshilfe Hamburg steht die Aufklärung im Vordergrund. Die meisten Menschen aus der Queer-Community wissen, wie sie sich schützen können. "Doch bei vielen heterosexuellen Menschen herrscht noch das Bild von Tom Hanks aus dem Film 'Philadelphia' vor. Er spielt dort einen aufstrebenden Anwalt, der sich mit HIV infiziert – und schließlich an Aids stirbt. Das hat mit der heutigen Zeit nichts zu tun."

Denn: An Aids sterben muss heute theoretisch niemand mehr, solange die Infektion bekannt ist und der Zugang zu HIV-Medikamenten besteht. "Zwar begleitet die HIV-Therapie Menschen ein Leben lang, aber das Leben geht dafür genauso (lang) weiter wie vorher. Dank der Therapie ist die Viruslast nach spätestens sechs Monaten so weit unten (unter der Nachweisgrenze), dass keine Ansteckung mehr erfolgen kann – weder beim Sex, noch bei einer vaginalen Geburt, noch beim Stillen. Bisher findet die Therapie unter der täglichen Einnahme von einer bis drei Tabletten täglich statt. Allerdings ist mittlerweile die Monatsspritze auf dem Markt, die schon vereinzelt angewendet wird", sagt Pola Klobucki-Staack dem stern.

Nicht nur Schwangerschaftsvermeidung beim Sex im Blick haben

In Deutschland ist im letzten Jahr die Zahl an heterosexuellen Menschen, die sich mit dem HI-Virus neu infiziert haben, leicht gestiegen. Bei Männern, die Sex mit Männern haben, ist die Zahl leicht zurückgegangen. Ein Grund dafür könne sein, dass bei homosexuellen Männern das Wissen über den Schutz vor HIV breiter sei. Das Wissen über verschiedene Möglichkeiten des HIV-Schutzes, wie z.B. der Prä-Expositions-Prophylaxe (Prep), ist bei heterosexuellen Menschen selten vorhanden. Prep ist eine Schutzmethode für HIV-Negative. Dabei nehmen sie zwei Wirkstoffe von HIV-Medikamenten ein, um sich vor einer Ansteckung mit HIV zu schützen. Das Wissen bei Heterosexuellen sei oft auf die Schwangerschaftsverhütung begrenzt und es werde zu wenig über Safer Sex nachgedacht.

Die Situation lasse sich nur mit mehr Aufklärung ändern. "Statt sich im Schulunterricht auf heterosexuelle Schwangerschaftsvermeidung zu konzentrieren, sollte der Fokus auf Lust, Spaß und Verantwortung beim Sex liegen. Dazu gehört natürlich das Aufzeigen der Verhinderung ungewollter Schwangerschaften, aber ebenso die Wahrnehmung der eigenen Bedürfnisse, der Umgang mit Konsens und schlussendlich das Wissen über Geschlechtskrankheiten. Weg von der Angst, hin zum Wissen."

Warum gibt einen Impfstoff gegen Covid, aber nicht gegen HIV? Haben Sie Fragen zu aktuellen Themen an die Redaktion? Schreiben Sie an fragen@stern.de

*Hinweis der Redaktion: Der Name der Protagonistin wurde auf ihren Wunsch hin geändert. 

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