VG-Wort Pixel

Welt-Aids-Tag Bipolar und HIV-positiv – "Meine Manie hat mich die HIV-Diagnose leichter verkraften lassen"

Torsten Poggenpohl
Torsten Poggenpohl erzählt in seinem Buch "Einfach Ich: schwul.bipolar.positiv" von seinem Leben und seinen Diagnosen.



© Klaus Schnaidt
Torsten Poggenpohl hat nur durch einen Zufall erfahren, dass er HIV-positiv ist. Der Test rettete sein Leben – er war so schwer betroffen, dass es nicht selbstverständlich war, dass er überlebt.

Torsten Poggenpohl lebt in Stuttgart und engagiert sich dort als Vorstand in der Aidshilfe Baden Württemberg. Noch vor ein paar Jahren wäre sein heutiges Leben völlig unvorstellbar gewesen. Durch seine psychische Erkrankung war er ein getriebener Mensch. Heute mag er es auch mal ruhiger. Er ist fein mit seinen Diagnosen: HIV-Positiv und bipolar –er hat darüber ein Buch geschrieben. Im Gespräch mit dem stern, spricht der 42-Jährige über HIV und wie er mit Diskriminierungen umgeht.

"Ich habe mein Leben lang auf Safer Sex geachtet. Ich war immer der, der ein Kondom dabei hatte. Doch zwei Mal in meinem Leben hatte ich ungeschützten Sex. Einmal als mir 2004 beim Sex mit meinem damaligen Partner das Kondom riss und einmal mit einem sehr vertrauten Menschen. Obwohl ich eigentlich so ein rationaler Mensch bin, habe ich mich danach nicht testen lassen. Ich dachte einfach, dass schon nichts passiert sein wird. Als ich im November 2013 einen Nachtclub eröffnen wollte, musste ich für die nötige Lebensversicherung einen HIV-Test machen. Und plötzlich war ich HIV-positiv. Das Testergebnis war sehr niederschmetternd, weil ich sehr schwer betroffen war. Ich hatte nur noch 16 Helferzellen gegen 5.000.000 Viren in meinem Körper. Mein Glück war nur, dass da ansonsten keine Krankheiten waren, die mein Immunsystem geschwächt hätten.

Es begann also ein Wettlauf mit der Zeit. Es war bei mir nicht so easy Going und nicht selbstverständlich, dass ich überlebt habe. Glücklicherweise sind die HIV-Medikamente heutzutage so gut, dass ich noch hier sitze und 100 Jahre alt werden kann.

Psychische Erkrankung neben HIV-Diagnose

Kurz nach der HIV-Diagnose habe ich direkt meine Eltern und meine Geschwister mit ins Boot geholt. Sie haben alle unglaublich toll reagiert und hatten nur Sorge, dass ihr Kind oder ihr Bruder stirbt. Ich komme aus einem 7000-Einwohner-Ort im Osnabrücker Süd-Landkreis, wo man sehr darauf bedacht ist, was die Nachbarn sagen könnten – umso mehr war ich froh, wie meine Liebsten reagiert haben. Ich hatte einfach eine unglaublich tollte soziale Hängematte – auch aus dem Freundeskreis kam nichts Negatives.

Ich selbst habe meine Diagnose damals zwar zur Kenntnis genommen, doch durch meine bipolare Störung, von der ich zu diesem Zeitpunkt noch nichts wusste, hatte ich keine Zeit für trübe Szenen oder Traurigkeit. Ich war mitten in meiner Manie – in meinen Kopf war wirklich ein Karneval der Synapsen, daneben gab es keinen Platz für Schwermut. Heute denke ich, dass es mir die Sache letztlich auch einfacher gemacht hat, mit der HIV-Diagnose umzugehen. Bis ich mir meiner psychischen Krankheit bewusst wurde, habe ich einige Zeit gebraucht, auch wenn den Ärzt:innen schon Ende November 2013 bei meiner ersten Zwangsunterbringung in der Psychiatrie klar war, dass ich eine bipolare Störung habe.

Diskriminierung im Gesudnheitswesen wegen der HIV-Infektion

Ausgerechnet in einer Klinik habe ich eine meiner schlimmsten Diskriminierungserfahrungen gemacht: Während der Behandlung meiner bipolaren Störung in der Psychiatrie in Stuttgart behandelte man schließlich auch meinen Hautausschlag – erst dachte man, dass es eine Allergie auf meine HIV-Medikamente sein könnte. Am Ende war es Krätze. Ich wurde in die Hautklinik gebracht. Die Stationsärztin dort sagte bei der Visite: 'Ah, hier haben wir also den jungen Mann mit der Kriegs-Krankheit, der nichts von Safer Sex versteht.' So eine Aussage ist einfach hochproblematisch, Ärzt:innen sind zur Behandlung da und nicht zur Wertung eines anderen Lebens.

Auch später erlebte ich noch mal eine unschöne Situation. Kurz nachdem mein Vater an Krebs verstorben war, bestand auch bei mir der Verdacht auf Krebs. Um es ausschließen zu können, wurde eine Darmspiegelung bei mir gemacht. Ich lag also auf dem Tisch für diese Untersuchung und die Assistentin kommt in den Raum und hatte sich angezogen als wolle sie auf den Mars fliegen. Also komplett vom Scheitel bis zur Sohle angezogen mit einer Schutzbrille und allem. Ich fragte völlig irritiert, warum sie so angezogen sei. Sie trug es aus Angst, sich bei mir mit HIV zu infizieren. Dabei waren schon zu diesem Zeitpunkt meine Werte so gut, dass ich unter der Nachweisgrenze lag. Bedeutet also: Ich kann niemanden mit HIV infizieren – nicht mal beim ungeschützten Sex. Eigentlich sollten Menschen im Gesundheitswesen das ja bekannt sein.

Als ich 2018 wieder ernsthaft mit dem Dating begann, war es mit diesem Mann vier Wochen lang wie im Bilderbuch: Essen gehen, auf der Parkbank sitzen und rumknutschen. Und bevor es ernsthaft wurde, habe ich ihm erzählt, dass ich HIV-positiv bin. Es war ein langes Gespräch über alles mögliche und beim nächsten Treffen sagte er, dass sein Bruder ihn gefragt habe, wer den der blasse Typ neben ihm auf dem Foto sei – er sähe ja so krank aus. Danach habe ich ihn nicht wieder getroffen. Bei mir saß es so tief, dass ich gleich 20 Freund:innen angerufen habe, um zu fragen, ob ich wirklich so krank aussehe.

Entweder akzeptieren mich die Menschen oder sie lassen es

Heute bin ich durch verschiedene Erfahrungen gestärkt, unter anderem durch die Positiven Begegnungen 2018 in Stuttgart – der größte Betroffenen HIV-Kongress Europas – schließlich auch durch meine ehrenamtliche Vorstandsarbeit bei der Aidshilfe Baden Württemberg. Ich habe begriffen, dass ich andere nicht ändern kann, sondern nur, wie ich selbst mit der Diagnose und Diskriminierung umgehe. Beim Dating stelle ich jetzt meine Diagnosen an den Anfang des Kennenlernens. Wer damit ein Problem hat, möge sein Problem nehmen und mein Leben verlassen.

Und ansonsten kann ich es nur so halten wie meine 101-jährige Oma, die 1947 einen Vaterschaftsprozess verloren hat. Und gesagt hat: 'Hallo, meine Name ist Käthe Poggenpohl. Entweder akzeptieren mich die Menschen, wie ich bin oder sie wechseln die Straßenseite.' Ich werde in meinem Alltag glücklicherweise nicht viel diskriminiert und bin mittlerweile so stark, dass ich meine Stimme für andere erheben kann.

Das war nicht immer so: Durch die beiden Diagnosen HIV und bipolare Störung wurde ich 2013 von einem gut bürgerlichen Leben an den Rand der Gesellschaft katapultiert. Doch alles in allem habe ich Glück gehabt, dass mir viele liebe Menschen in meinem Umfeld verziehen haben, wie ich mich verhalten habe. Mit einer unbehandelten bipolaren Störung verhält man sich nicht immer nur nett.

Bipolare Störung und HIV-Positiv

Eine bipolare Störung ist eine Neurotransmitter-Störung im Gehirn, der Dopamin-und Serotonin-Haushalt funktioniert nicht mehr richtig. Man kann auch sagen, dass es sich offenbar so anfühlen muss wie 50 Linien Koks auf einmal. Der Kopf ist so voll, dass er bald zerplatzt. Voller 1000 Ideen und Gedanken, die man umsetzen möchte und es kommen noch mal 1000 rein und man fängt an, alles umzusetzen und bringt nichts zu Ende. Und man verliert völlig die Relation zum Geld.

Die bipolare Störung und HIV-positiv zu sein, ist beides mit einem Stigma verbunden. Und schwul zu sein ist ja in manchen Regionen auch noch stigmatisiert. Es ist nicht einfacher, wenn man zwei Diagnosen hat. Aber die Art der Stigmatisierung bei einer psychischen Erkrankung ist eine andere. Psychisch Kranke wie ich werden oft nicht ernst genommen oder müssen sich anhören, dass sie sich nicht so anstellen sollen. 

Wer mit zwei Diagnosen so einen Schiffbruch erleidet wie ich, der krempelt seine Werte um. Früher war es für mich wichtig, dass ich Karriere mache. Ich war Verkäufer für Luxus-Düfte und habe auch im Luxus gelebt. Heute sind mir Freundschaften, Gesundheit und eine Lebenszufriedenheit viel wichtiger. Natürlich brauche ich Geld zum Leben, aber ich will nicht mehr die Karriereleiter hinaufklettern. Ich bin heute nicht mehr so ein getriebener Mensch wie früher – ich kann auch mal einen Abend auf der Couch verbringen."

Warum gibt einen Impfstoff gegen Covid, aber nicht gegen HIV? Haben Sie Fragen zu aktuellen Themen an die Redaktion? Schreiben Sie an fragen@stern.de

Dieser Artikel enthält sogenannte Affiliate-Links. Mehr Informationen dazu gibt es hier.

Mehr zum Thema

Newsticker