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Interview

Autorin von "Warum Liebe endet": "Gelegenheitssex beeinflusst unsere Fähigkeit, dauerhafte Beziehungen einzugehen"

Wir führen freie, gleichberechtigte Beziehungen, und der Sexismus ist auf dem Rückzug. Eigentlich müsste alles gut sein in der Liebe. Ist es leider nicht, sagt die Soziologin Eva Illouz.

Von Judith Liere und Matthias Schmidt

Eva Illouz

"Das Idealbild von Liebe ist viel zu groß geworden": Die Soziologin Eva Illouz wurde in Marokko geboren, ging in Frankreich zur Schule und in den USA zur Universität. Sie lehrt und lebt heute in Jerusalem.

Besuch bei einer der wichtigsten Denkerinnen unserer Zeit: Die Soziologin Eva Illouz, Jahrgang 1961, empfängt in ihrem Haus in einer ruhigen Wohngegend von Jerusalem. Nach "Der Konsum der Romantik" und "Warum Liebe weh tut" ist jetzt "Warum Liebe endet" erschienen, ihr, so sagt sie zumindest, abschließendes Buch zu ihrem Lieblingsthema.

Frau Illouz, Sie forschen seit über 30 Jahren über Liebe und Romantik in der Konsumgesellschaft. Ihre Erkenntnis: Die Liebe ist gescheitert. Wie kommen Sie darauf?

Das Idealbild von Liebe ist viel zu groß geworden, zu einem fast unmöglichen Projekt. Weil die Liebe so viele verschiedene Funktionen erfüllen soll: Gemeinschaft, Sexualität, Freundschaft, Vergnügen.

Und schuld daran ist der Kapitalismus?

Das Bild, das wir von der romantischen Liebe haben, stammt eigentlich aus dem 18. Jahrhundert. Breitenwirksam wurde es im 20. Jahrhundert, vor allem mithilfe der Massenmedien, etwa Hollywoodfilmen. Wir alle haben dieses Idealbild im Kopf, doch die Gesellschaft hat sich geändert: Früher konnte man sich auf die Familie verlassen, auf Gemeinschaften, heute stehen die meisten für sich allein.

Das heißt: Viele sind einsam, träumen aber von der großen Liebe. Wie kommen wir raus aus dieser Liebesfalle?

Ich bin Soziologin und keine Ratgeberautorin. Aber ich finde, wir sollten Freundschaft mehr wertschätzen. Freundschaft beinhaltet kein Drama. Deswegen wird sie nicht so schnell zur Ware, zum Gebrauchsgegenstand, der von der Medienindustrie recycelt wird. Freundschaft ist ein viel stilleres Gefühl. Sie ist nicht an große Institutionen wie die Ehe gebunden, sie erzeugt keine Gefühle von Verlangen oder verrückter Eifersucht. Freundschaft reicht meist nicht aus für Geschichten, die die Leute sehen oder lesen wollen.

Aber Freunde setzen nicht unbedingt Kinder in die Welt, die jede Gesellschaft zum Überleben braucht.

Ich möchte die Liebe als Konzept auch nicht völlig aufgeben. Familien müssen sich weiterhin darauf stützen. Aber muss es denn diese sehr enge Form der romantischen Liebe sein? Die Idee der Liebe wird gerade erweitert, etwa von der asexuellen Bewegung, die versucht, Formen der Liebe zu definieren, die nicht von der Sexualität abhängig sind. Oder es gibt die Polyamorie: Liebe, die nicht auf Exklusivität besteht. Unsere Gesellschaft ist zu sehr fixiert auf die heterosexuelle Liebe. Bei den alten Griechen war Liebe ein sehr viel durchlässigeres Konzept: Männer heirateten Frauen, hatten aber auch Beziehungen mit Männern. Wir sollten das auch erwägen.

Ihr neues Buch beschäftigt sich auch mit einem weiteren modernen Phänomen: mit unverbindlichem Sex. Sie sagen, dass der unser Beziehungsleben massiv beeinträchtigt.

Gelegenheitssex ist ein direktes Ergebnis der sexuellen Revolution. Die Freiheit, Sex zu haben, ohne danach gleich heiraten zu wollen oder zumindest eine feste Beziehung führen zu müssen. Ich wollte mich mit den Auswirkungen dieser Freiheit beschäftigen.

Eva Illouz  in ihrem Haus in Jerusalem

Illouz in ihrem Haus in Jerusalem. Ihr neues Buch, "Warum Liebe endet", ist bei Suhrkamp erschienen.

Was haben Sie herausgefunden?

Wir betrachten unser Sexleben oft als eine Art Karriere. Am Anfang haben wir keine Erfahrung, dann sammeln wir immer mehr Wissen. Wir versuchen, attraktiver zu werden und Partner anzuhäufen. Auf diese Weise lernen wir auch, uns auf Zurückweisungen vorzubereiten. Früher markierte Sex meist den Beginn einer festen Beziehung. Das gilt heute nicht mehr.

Was ist daran so schlimm?

Gelegenheitssex ist nicht schlimm. Aber er beeinflusst unsere Fähigkeit, dauerhafte Beziehungen einzugehen. Weil er Ungewissheit erzeugt. Immer mehr Beziehungen beginnen als reines Vergnügen, es fehlt ihnen ein Rahmen, der den Partnern hilft, sich weiterzuentwickeln, sich zu stabilisieren. Das Liebeswerben war früher eng verbunden mit der strengen Beschränkung von Sexualität, zum Schutz der Jungfräulichkeit der Frau. Die Männer mussten eine bestimmte Vorgehensweise einhalten – Zustimmung der Eltern, Höflichkeitsbesuche, der Austausch von Geschenken –, die von der Gemeinschaft und der Familie kontrolliert wurde. Solch eine moralische und soziale Überwachung der Sexualität ist heute nicht mehr denkbar.

Ist doch gut, dass man nicht gleich heiraten muss, wenn man miteinander im Bett war.

Das ist für mich keine Frage von gut oder schlecht, ich möchte die Auswirkungen dieses sozialen Wandels verstehen. Der Rahmen für Beziehungen muss heute jedes Mal von den Beteiligten neu verhandelt werden. Was wollen wir voneinander? Wie lauten die Regeln? So kommen viele mögliche Beziehungen überhaupt nicht aus den Startlöchern heraus. Es ist ja nicht so, dass es heute überhaupt keine Regeln mehr gibt. Sie sind nur individueller, chaotischer, umstrittener. Wer ergreift wann die Initiative? Ab wann gilt eine Beziehung als verbindlich? Es erfordert viel Mühe, sich darüber klar zu werden.

Von dieser Problematik lebt heute eine ganze Medienindustrie, vor allem Beziehungsratgeber und Frauenzeitschriften.

Ein großer Teil der heutigen Frauenkultur basiert auf diesem Gefühl der Unsicherheit, der Ungewissheit – und wie man damit umgeht. Selbst ernannte Expertinnen versuchen, Regeln aufzustellen. Was bedeutet es, wenn er dich nicht anruft? Solltest du erst bei der dritten Verabredung mit ihm ins Bett? Ratgeber und Zeitschriften versuchen sich an Antworten, aber sie scheitern meiner Meinung nach. Weil wir nicht mehr sicher wissen, was solches Verhalten bedeutet.

Frauen machen sich über dieses Thema nach wie vor mehr Gedanken als Männer?

Der Grund dafür ist ganz einfach: weil Frauen immer noch dominiert werden. Liebe und Sexualität können nicht losgelöst werden von Politik und Wirtschaft. Der größte Teil des Vermögens auf der Welt gehört Männern. Die meisten Staatenlenker sind Männer. Über das Militär müssen wir gar nicht erst reden. Wenn Männer Wirtschaft, Politik und Militär, also die Zentren der Macht, so dominieren, kontrollieren sie automatisch auch Liebe und Ehe und haben die Macht in der sexuellen Arena. Männer beherrschen das System. Frauen bleibt nur die Macht der Untergeordneten. Sie müssen auf Strategien zurückgreifen, um attraktiv zu wirken.

Moment: Dass Männer nach dem zweiten Date nicht anrufen, hat etwas mit dem Patriarchat zu tun?

In Ehe und Sexualität erleben Frauen weiterhin in hohem Maße die Macht der Männer. Typische Frauensätze lauten: Alle Männer sind Schweine. Oder: Männer sind gefühlskalt, sind abweisend. Für mich ist das eine psychologische Übersetzung von etwas, was eigentlich Macht bedeutet. So verhalten sich die Mächtigen: Sie entziehen sich, sind zu nichts verpflichtet. Sie haben Privilegien, und sie sehen keine Notwendigkeit, sich zu entschuldigen oder zu rechtfertigen.

Trotzdem ändert sich gerade der Blick auf Frauen. Es gibt die MeToo-Bewegung, die Sexismus thematisiert; die Formel 1 verzichtet auf Grid-Girls, und bei Misswahlen gibt es keine Bikinis mehr.

Das sind Ausnahmen, Frauenkörper werden immer noch verkauft. Oder es gibt diese Marketingtricks, wie die Kosmetikwerbung, die behauptet: Jeder Körper ist schön. Insgesamt ist der Druck für Frauen eher größer geworden, an ihrem Körper zu arbeiten, Kosmetikprodukte zu kaufen, das Älterwerden zu verbergen. Wenn es da eine Gegenbewegung geben sollte, dann hat sie leider keine Auswirkungen, im Gegenteil: Die Zahl der Schönheitsoperationen steigt. Der Wert einer Frau bemisst sich weiterhin an der Schönheit ihres Körpers.

Sie beschäftigen sich schon lange damit, warum Liebe schmerzt, scheitert und endet. Wirken sich Ihre Ergebnisse auch auf Ihr Privatleben aus?

Wenn es so wäre, würde ich es Ihnen nicht verraten. Aber das ist nun mal das Wesen meines Forschungsgebiets: Soziologie entzaubert und entmystifiziert, das ist ihre Aufgabe. Das mag einerseits deprimierend sein. Andererseits ist es die Basis, um etwas Neues aufzubauen, ohne falsche Vorstellungen und Ideologien. Wenn etwas nicht funktioniert, will man doch herausfinden, warum. Sobald man das weiß, kann man daran arbeiten, dass es besser wird. Sonst denken die Menschen, die an der Liebe scheitern, dass es an ihnen liegt, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Anstatt sich einsam und schuld an der eigenen Misere zu fühlen, soll ihnen klar werden: Es liegt nicht an ihnen, und es betrifft nicht nur sie.

Ist diese Erkenntnis das wichtigste Ziel Ihrer Forschungen?

Ich möchte, dass die Leute verstehen, dass die gesellschaftlichen Strukturen tiefe Auswirkungen auf ihr Glück, ihre Liebe, ihre Sexualität haben. Wir können nicht so einfach trennen, wie wir Waren herstellen und konsumieren und wie wir lieben. Das hängt alles miteinander zusammen, es steckt im selben System.

Wie sind Sie ursprünglich auf die Idee gekommen für Ihr Lebensthema?

Ich habe in New York studiert und hatte einen Freund. Zu seinem Geburtstag wollte ich ihm ein schönes Essen kochen, aber ich war pleite. Also habe ich mich gefragt: Warum habe ich überhaupt dieses Bedürfnis, ihm etwas Teures zu kaufen, guten Rotwein, gutes Essen? Das hat mich genervt. Ich war 27 Jahre alt. Damals hatte ich zwar schon angefangen, über Liebe zu forschen, aber mir war der Fokus noch nicht klar: Liebe und Konsum. Und schon als Jugendliche habe ich sehr gern billige Romane gelesen, Fotoromane, den totalen Trash. Und parallel dazu Marcel Proust. Die romantische Liebe in der Kultur hat mich damals schon sehr interessiert.

Was ist Ihr Rat als Expertin: Sollen wir trotz allem immer wieder versuchen, uns zu verlieben? Ist die Liebe den ganzen Schmerz wert?

Nicht immer, ehrlich gesagt. Trennungen können Herzen brechen, doch wir haben sie als unvermeidbaren Teil des Liebeslebens akzeptiert. Aber wenn Menschen am Beziehungsende seelisch schwer misshandelt werden, leiden sie oft im Dunkeln, das wird nie wirklich öffentlich diskutiert. Wir sagen: Bedauerlich, aber so was passiert eben.

Was können wir dagegen tun?

Unsere Vorstellungen von Moral und unsere ethischen Maximen sollten vor Sexualität und romantischer Liebe nicht haltmachen. Da versuchen die Leute, nachhaltig zu leben, kaufen ihren Kaffee extra in Läden, wo die Angestellten fair behandelt werden, ernähren sich aus Tierschutzgründen vegan – aber dann behandeln sie ihre Liebespartner wie Müll. Und niemand sieht das als Widerspruch. Das sollte sich ändern. Wenn wir jemanden unvermittelt verlassen, beeinflussen wir damit dauerhaft das Ego des Partners, wir verändern seine Selbstwahrnehmung. Darüber machen wir uns viel zu wenig Gedanken.

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