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Marodes Gesundheitssystem: Chinesen operieren sich oft selbst

Wer sich in China medizinische Hilfe nicht leisten kann, muss selbst Hand anlegen: Sozial schwache Menschen operieren sich selbst, amputieren ihre eigenen Gliedmaßen oder basteln sich Beatmungsgeräte.

Eine Behandlung im Krankenhaus können sich in China nicht alle Menschen leisten, die sie eigentlich bräuchten

Eine Behandlung im Krankenhaus können sich in China nicht alle Menschen leisten, die sie eigentlich bräuchten

Zheng Yanliang leidet unter arterieller Thrombose, die Arterien in seinem Bein sind verschlossen. Im April 2012 hält er die Schmerzen nicht mehr aus. Mit einer Metallsäge und einem Obstmesser schrneidet er sich sein eigenes Bein ab. Ganze zwanzig Minuten lang schleift er an seinem Oberschenkelknochen, bis der durch und die qualvolle Prozedur vorüber ist. Denn der chinesische Bauer kann sich eine professionelle Operation nicht leisten. Jüngst berichtete das "Time"-Magazin über Yanliang. Auch, wenn sein Fall zwei Jahre alt ist: Es war weder der erste noch der letzte dieser Art und er steht für Chinas kaputtes Gesundheitssystem.

Yanliang war 46 Jahre alt, als er von einem Arzt erfuhr, dass sein Bein amputiert werden muss. In einem Krankenhaus in Peking teilte man ihm dann die Kosten mit: umgerechnet rund 37.000 Euro, gefordert in bar. In einem guten Monat verdiente der Bauer umgerechnet 300 Euro - die Operation war in seinem Budget einfach nicht drin.

Arme Menschen spüren nichts vom Kapitalismus

In China floriert seit Jahren die Wirtschaft. Doch wer in den Provinzen des Landes lebt, bekommt das kaum zu spüren. Die Menschen dort sind arm und leben am Existenzminimum. Selbst lebenswichtige medizinische Versorgung können sie sich oft nicht leisten.

Daher operieren sie sich selbst. Ohne ärztliche Aufsicht und unter brutalsten Schmerzen. Nicht alle überleben ihre Selbstbehandlung. Noch vor ein paar Monaten berichtete die "Peking News" von einem Fall, bei dem ein Bauer aus der Provinz Anhui sich selbst die Füße amputierte. Der 44-Jährige konnte die laut Bericht benötigten 1200 Euro nicht aufbringen. Weil gerade viele ärmere Chinesen keine Krankenversicherung haben, müssen sie in einem solchen Fall selbst für die Kosten einer Operation aufkommen.

Laut "Peking News" schnitt er sich mit Glasscherben selbst beide Füße ab. Seine Wunden infizierten sich - und er schwebte in Lebensgefahr. Um ihn zu retten, sammelten die Dorfbewohner Spenden für seine Behandlung.

Eine Familie in Peking bastelte selbst ein Beatmungsgerät für ihren Sohn. Im stern-Interview erzählte die Familie, dass sie sich ein professionelles Gerät unmöglich hätte leisten können. Beide Elternteile mussten ihre Arbeit aufgeben, um ihren kranken Sohn zu Hause zu versorgen und ihm von früh bis spät Luft zuzupumpen. Die Behandlung ihres Sohnes im Krankenhaus konnte die Familie aber auch nicht bezahlen: schon die erste Rechnung betrug rund 1200 Euro.

Grundversorgung nur in den Städten

Diese Fälle werfen ein schlechtes Licht auf das chinesische Gesundheitssystem. 20 Jahre nachdem die Liberalisierung des Gesundheitssystems viele Menschen aus der Versorgung ausgeschlossen hatte, ist zumindest in den Städten inzwischen wieder eine medizinische Grundversorgung im Aufbau. Wer auf dem Dorf wohnt und keine Mittel hat, in die Stadt zu reisen, ist nach wie vor auf seine eigene Versorgung angwiesen.

"Wie kann es sein, dass es mehr als ein halbes Jahrzehnt dauert, bis diese Familie Hilfe erhält", empörte sich ein chinesischer Blogger nach Berichten über die Familie, die ihren Sohn zu Hause selbst versorgte. Ein anderer fragt: "Wie sieht es mit anderen tragischen Fällen aus, über die in den Medien nicht berichtet wird?"

Yanliang bekam Hilfe, nachdem Reporter über seine Selbstamputation berichtet hatten. Spenden aus dem ganzen Land erreichten ihn. Sein zweites Bein ist inzwischen auch amputiert - dieses Mal von einem Chirurgen.

jen
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