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Medizin: Ganz einfach gesund

Rückenschmerzen, hoher Blutdruck, Infektionen, frühe Falten: Viele Deutsche sind längst nicht so fit und ansehnlich, wie sie sein könnten. Dabei bedarf es keiner titanischen Anstrengungen, um sich in Schuss zu halten. In einer achtteiligen stern-Serie erfahren Sie, was Sie für Ihren Körper tun können – und wo Ihre Schwachstellen liegen

Unser Körper ist eine erstaunlich vollkommene Konstruktion. Bei angemessener Pflege halten seine zur Selbstreparatur befähigten 100 Billionen Zellen 70 oder 80 Jahre ziemlich problemlos durch – zumal todbringende Seuchen wie Pest und Cholera inzwischen als besiegt gelten, jedenfalls im reichen Westen.

Dennoch sind viele von uns kränker, als sie sein müssten – denn leider wird unser Organismus ohne Bedienungsanleitung und Wartungsintervall-Anzeige ausgeliefert. Unwissenheit, Trägheit und Verdrängung machen uns lasch im Umgang mit den Risiken, denen wir trotz oder gerade wegen unseres Wohlstands ausgesetzt sind. So kümmern sich viele erst um Herz, Nieren oder Rücken, wenn’s wehtut – und vielleicht zu spät ist. Experten haben berechnet, dass sich mit einer optimalen Prävention 25 Prozent der Kosten im Gesundheitswesen einsparen ließen – eine Zahl, hinter der Millionen Krebstote, Herzkranke, Bandscheibengeplagte und andere Leidende stehen. Beispiel Schlaganfall: Jedes Jahr sterben daran bei uns 40 000 Menschen – obwohl die Risikofaktoren bekannt sind und frühzeitige Untersuchungen oft helfen können, das Schlimmste zu verhindern. Beispiel Darmkrebs: Er ist hierzulande mit jährlich über 30 000 Toten eine der gefährlichsten Krebsarten – auch, weil viel zu wenige ihren Darm vorsorglich spiegeln lassen. Bis der Tumor erkannt wird, ist er oft schon so weit fortgeschritten, dass Ärzte das Leben des Patienten nicht mehr retten können.

Aber wer seinen Körper pflegt und wartet, erhöht nicht nur seine Chance, länger zu leben – er lebt auch besser. Schließlich macht es keinen Spaß, beim Bergwandern schweißtriefend hinterherzuschnaufen. Oder auf das Glas Bordeaux zum Essen verzichten zu müssen, weil die Leber streikt. Auch wenn sich nicht jede Gefahr bannen lässt: Erschlaffte Muskeln, geschundene Entgiftungsorgane und verstopfte Gefäße sind nicht immer Schicksal. Weder falsche Zähne noch Raucherlunge müssen sein. Und auch Falten kann man mit der richtigen Lebensweise in einem gewissen Maße vorbeugen. Je früher, desto besser.

Dass schon wenig Aufwand viel bewirkt, zeigt sich am eindrucksvollsten beim Thema Impfen. Lungenentzündungen etwa, die insbesondere für Ältere zur tödlichen Gefahr werden können, sind leicht zu verhüten. Professor Heinz-Josef Schmitt, der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission des Robert-Koch-Instituts in Berlin, sagt: „Würden sich alle Menschen ab 60 Jahren impfen lassen, könnten wir wahrscheinlich eine fünfstellige Zahl von Todesfällen im Jahr verhindern.“ Aber selbst die Jüngsten sind nicht genügend geschützt, so Schmitt: „Bei uns sterben noch immer Kinder an Masern, während die Krankheit in vielen anderen Ländern bereits ausgerottet ist – durch Impfprogramme. In Deutschland sind nur 70 Prozent der Bevölkerung gegen Masern geimpft. Erst ab 95 Prozent hätten wir einen wirksamen Schutz.“ Weit verbreitete Befürchtungen seien nicht mehr zeitgemäß: „Die Menschen haben Angst vor dem Impfen, weil sie Nebenwirkungen fürchten. Diese Angst stammt wahrscheinlich noch aus der Zeit, als der Pockenimpfstoff viele Menschen geschädigt hat. Wir hatten im laufenden Jahr bei rund 30 Millionen Impfungen 236 Meldungen über Nebenwirkungen – in keinem einzigen der Fälle sind bleibende Schäden durch Impfung dokumentiert.“ Der erste Rat, den Experten allen geben, die gesund bleiben wollen, lautet deshalb: Impfpass kontrollieren. Die Tabellen auf den Seiten 35/36 geben Auskunft über das medizinisch Notwendige ebenso wie über das Empfehlenswerte für all jene, die in risikoreichere Weltgegenden reisen wollen. Ist die Infektionsgefahr minimiert, bleiben vor allem zwei Hauptbedrohungen übrig, die den modernen Zeitgenossen vor der Zeit ins Grab bringen können: Herz-Kreislauf- und Tumorerkrankungen. Sich vollständig gegen sie zu wappnen ist nicht möglich. Doch das individuelle Risiko, von ihnen befallen zu werden, lässt sich bei der großen Mehrheit nachhaltig senken, ohne dass es titanischer Anstrengungen bedürfte. Beispiel Herz-Kreislauf: Körperliche Aktivität senkt das Risiko, von Infarkt und Schlaganfall heimgesucht zu werden. Doch die meisten Sportmuffel überschätzen den Aufwand, den sie treiben müssten, um gesünder zu leben, und bleiben lieber gleich auf dem Sofa hocken. Dabei beträgt die optimale Energiemenge, die ein 70 Kilo schwerer Mensch wöchentlich mit puls- und schweißtreibenden Anstrengungen verbrauchen sollte, lediglich gut 1900 Kilokalorien. Das entspricht einer halben Stunde gemächlichem Radeln am Tag, auf die Woche gerechnet also dreieinhalb Stunden Zeitaufwand. Mit so geringer Mühe lebt es sich am längsten, das „Sterblichkeitsrisiko“, wie es die Gesundheitswissenschaftler nennen, erreicht hier sein Minimum, die Lebenserwartung ihren Gipfel. Jenseits der 2000 Kilokalorien beginnt die Lebenserwartung wieder zu sinken. Es gilt also stets zu beherzigen: alles in Maßen, auch das Gute.

Ausnahme: Rauchen. Die Frage, wie viele Zigaretten pro Tag in Ordnung seien, beantwortet die Medizin heute kategorisch mit „null“. Abhängig vom genetischen Risiko, das den einen eher resistent gegen Lungenkrebs und Gefäßverkalkung macht, den anderen aber empfänglich dafür, könnte der Körper wahrscheinlich ein, zwei Fluppen pro Tag verkraften – doch dabei bleibt es nicht. Die suchtbildende Wirkung des Nikotins zwingt den Raucher zur Dosissteigerung. Deswegen gilt grundsätzlich: Finger weg. Denn 90 Prozent aller Lungenkrebserkrankungen bei Männern und 60 Prozent bei Frauen gehen auf den blauen Dunst zurück. Hinzu kommt eine dramatisch gesteigerte Bedrohung durch Gefäßerkrankungen, Infarkt und Schlaganfall. Es gibt aber auch gute Nachrichten. Erstens: Aussteigen lohnt sich immer. Jede Zigarette weniger ist ein Gewinn an Gesundheit. Nach fünf Jahren Abstinenz hat der Ex-Raucher sein Lungenkrebsrisiko schon halbiert, nach zehn Jahren ist es nicht mehr höher als bei einem gleichaltrigen Nichtraucher. Zweitens: Wer es schafft, durch die Pubertät zu kommen, ohne der Nikotinsucht zu verfallen, ist praktisch vor ihr sicher, „weil kaum noch einer, der nach dem 18. Lebensjahr mit dem Rauchen beginnt, zum Dauerraucher wird“, sagt Karl Lauterbach, Arzt und Professor für Gesundheitsökonomie in Köln. Gründe genug, dem Laster zu trotzen. -Reporter Jürgen Steinhoff, 60, hat ihm am 16. März 2000 entsagt. Das von stern.de dazu angebotene Diskussionsforum war monatelang ein Hotspot der Aktivitäten im deutschsprachigen Internet, allein in den ersten fünf Monaten seines Bestehens schrieben die Teilnehmer fast 70 000 Beiträge. Für Aufhörwillige ist das Komplettangebot, inklusive der Beiträge Steinhoffs und seines Nichtraucher-Tagebuchs, nach wie vor online. Wer den Absprung schafft, kann sich dort in die virtuelle Ruhmeshalle aufnehmen lassen. Sind die Gefahrenquellen Bewegungsmangel und Tabakqualm beseitigt, ist viel gewonnen. Man muss nämlich keineswegs zum Asketen werden, um gesund zu bleiben. Im Gegenteil: Wer sich ausreichend Aktivität verschafft, darf den Tafelfreuden treu bleiben. Verzichts-Exzesse bei Tisch zahlen sich kaum aus, erklärt Professor Christoph Klotter, der in Fulda Ernährungspsychologie lehrt: „Wer ein Leben lang weniger Fett isst, steigert damit seine Lebenserwartung um drei Monate. Viele Menschen, die sich an Diäten versuchen, werden nach einem Misserfolg nur noch dicker.“ Besser, als sich dem Teufelskreis des alljährlichen An- und Abschwellens auszuliefern, ist also, den Kalorienverbrauch zu steigern. Training bringt statt Fett Muskeln, und die brauchen wir: Am rechten Ort schützen sie zuverlässig vor Schmerz und langwieriger Qual.

Das beste Beispiel ist der Rücken. Seine Muskulatur schwächelt bei den meisten von uns. Und das macht ihn zum neuralgischen Punkt. Bandscheiben, mangelhaft gestützt, springen heraus, Verspannungen plagen seinen Besitzer. Doch statt dem Übel an die Wurzel zu gehen, suchen allzu viele Gequälte ihr Heil in steter Schonung, bei Fango und Massage. Dabei ist es auch hier die Passivität, die alles nur noch schlimmer macht. Und wieder ist der Aufwand, der Abhilfe brächte, moderat: „Mit dreimal 15 Minuten Training in der Woche kann man wirksame Vorsorge für den Rücken betreiben“, sagt der Hamburger Orthopäde Dr. Gerd Müller, der als deutscher Vertreter an der Entwicklung einer EU-weiten Leitlinie zur Rückenschmerzprävention teilnimmt. Ebenso wichtig wie gesundheitsförderndes Verhalten im Alltag sind die Kontrolle wichtiger Körperfunktionen vom mittleren Lebensalter an sowie die Früherkennung von Erkrankungen. Denn je später ein aufkeimendes Übel entlarvt wird, desto schwieriger ist es für die Medizin, es an der Wurzel zu packen. Viele Selbstuntersuchungen sind sehr einfach: Das Sehtest-Poster, das diesem beiliegt, weist zuverlässig darauf hin, wann es Zeit ist, zum Augenarzt zu gehen. Und auch hier haben kleine Ursachen große Wirkungen – so mancher, der seine Sehschärfe überschätzt, gefährdet längst sich selbst und andere im Straßenverkehr. Und beginnende Erkrankungen der Netzhaut müssen behandelt werden, bevor dauerhafte Schäden zurückbleiben. Auch ein regelmäßiger, kritischer Blick auf die eigene Haut macht keine Mühe, kann aber sogar lebensrettend sein. Verglichen mit anderen Krebsarten steigt die Häufigkeit von Hautkrebs-Neuerkrankungen in Deutschland am deutlichsten. „Weil man Hautkrebs in der Regel sehen kann, lässt er sich früh erkennen – und dann schnell und zuverlässig heilen“, sagt Prof. Eckhard Breitbart, dermatologischer Chefarzt am Krankenhaus Buxtehude und Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Prävention. In acht Folgen erklärt der von diesem Heft an, wie Sie selbst erkennen können, wenn mit Ihrem Körper etwas nicht stimmt. Von Kopf bis Fuß, Organ für Organ, wird erläutert, wie unser Innenleben funktioniert und was man ihm Gutes tun sollte, damit das lange so bleibt.

Dazu gehört auch eine enge Kooperation mit dem Arzt Ihres Vertrauens. Denn letzte Gewissheit über den aktuellen Zustand von Herz und Nieren, Lunge und Gedärm lässt sich nur mit Hilfe diagnostischer Technik erhalten. Auch das ist weniger bedrohlich und zeitaufwendig, als viele noch glauben. Dr. Tomas Stein, Kardiologe und ärztlicher Leiter des Diagnostik-Zentrums Fleetinsel in Hamburg, braucht für einen kompletten Body-Check-up mit Belastungs-EKG, Blutbild, Darmkrebs-Früherkennung, Gefäßdiagnostik und Tests von Augen und Ohren einen halben Tag: Um acht Uhr beginnt das Programm, um 14 Uhr ist Abschlussbesprechung. Gewöhnlich lohnt der Check sich ab etwa 40 oder 45 Jahren. Dann ist noch genug Zeit, Fehlverhalten zu stoppen, das Herzgefäßen oder Bronchien auf Dauer schaden könnte. Eine solch anspruchsvolle Rapid-Diagnostik, wie sie Stein und immer mehr Kollegen anbieten, ist freilich keine Kassenleistung und schlägt mit gut 1300 Euro zu Buche. Doch auch das Standardangebot der gesetzlichen Krankenversicherung enthält empfehlenswerte Früherkennungs- und Präventionsangebote, die vielen Mitgliedern kaum bekannt sind und die deshalb zu wenig genutzt werden. Die Tabelle unten gibt Auskunft über einen typischen Leistungskatalog. Es lohnt sich, bei der Kasse nach weiteren Angeboten zu fragen.

Vorsorgeuntersuchungen für Kinder und Jugendliche

ALTERUNTERSUCHUNGINHALT/ZIEL
ab 1. Lebenstag bis 5 Jahreneun Vorsorgeunter-suchungen für Kinder (U1-U9)Früherkennung von Krankheiten, die die körperliche und geistige Entwicklung gefährden; Dokumentation in speziellem Untersuchungsheft
3-6 Jahrezwei zahnärztliche Vorsorgeuntersuchungen für KleinkinderErmittlung des Kariesrisikos; Ernährungs- und Hygieneberatung; u.U. Empfehlung von Fluoridmitteln. Bei hohem Kariesrisiko: im 6. Lebensjahr; 3. Früherkennungsuntersuchung (diese Kinder sollten ab dem 30. Monat einmal jährlich mit Fluoridlack behandelt werden)
6-18 Jahrezahnärztliche Individualprophylaxe 1/2-jährlich

Krebsvorsorge für Erwachsene

ALTERUNTERSUCHUNG
ab 20 Jahre (Frauen)Früherkennung von Krebs am Genital - Schleimhautabstrich 1 x pro Jahr
ab 30 Jahre (Frauen)zusätzliche Untersuchung von Brust und Haut 1 x pro Jahr
ab 45 Jahre (Männer)Früherkennung von Krebserkrankungen an Prostata, äußerem Genital (Penis, Hoden) und Haut 1 x pro Jahr
ab 50 Jahre (Frauen und Männer)Untersuchung von End- und Dickdarm 1 x pro Jahr
50-55 Jahre (Frauen und Männer)Test auf Blut im Stuhl 1 x pro Jahr
ab 56 Jahre (Frauen und Männer)

Allgemeine Vorsorge für Erwachsene

ALTERUNTERSUCHUNG
ab 18 Jahre (Frauen und Männer)Zahnärztliche Vorsorge: Zahnsteinentfernung, Mundbehandlung, Fluoridierung (z. B. bei überempfindlichen Zahnhälsen); 1-2 x pro Jahr (Eintrag in das Bonusheft 1 x im Jahr)
ab 36 Jahre (Frauen und Männer)

Sie sind eingeladen, in diesem und den kommenden sieben Heften des viel über sich zu erfahren, und dazu, mindestens ebenso viel für sich zu tun. Für Ihren von der Natur erstaunlich vollkommen konstruierten Körper überreichen wir Ihnen hiermit Bedienungsanleitung und Wartungsheft. Viel Erfolg.

Christoph Koch / print
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