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Heilkraut: Cannabis – Droge oder Arznei? Kranke berichten von spektakulären Behandlungserfolgen

Lange galt Cannabis als reine Kifferdroge. Doch die Pflanze besitzt die Kraft, Schmerzen zu lindern.

Cannabis – Berichte von spektakulären Behandlungserfolgen

Cannabis wird zur Arznei: Mehrere internationale Hersteller bauen Hanf bereits legal an. Die Blüten werden auch in deutschen Apotheken verkauft

Oliver Bödeker hatte keine Waffe und keinen Plan, als er in die Sparkasse stürmte und brüllte: "Hände hoch! Das ist ein Banküberfall!" Einen Moment später war er wieder draußen und ging mit seiner Mutter einkaufen. "Zum Glück kennen mich alle im Viertel", sagt er. "Auch in der Sparkasse wissen sie, dass ich krank bin." Seine Mutter sagt: "Aber die Kunden waren schon etwas schockiert." Manchmal ist das Leben mit Tourette-Syndrom zum Lachen komisch, meistens ist es qualvoll. Bödeker, 23, kommen oft provozierende Worte über die Lippen, die er nicht so meint. Zur türkischen Nachbarin: "Du Schlampe!" Vor einem Holocaust-Mahnmal: "Heil Hitler!" Es ist einer seiner vielen Tics, er kann nichts dagegen tun. "Ein Druck baut sich in mir auf, den ich irgendwann entladen muss", sagt er. An schlechten Tagen beißt er sich alle paar Minuten in die Hand, der Kopf zuckt, es fliegen auch schon mal Gegenstände durch die Wohnung.

Der Effekt? Durchschlagend!

Bödeker ist intelligent, als Kind übersprang er die achte Klasse. Doch in der Pubertät siegte die Krankheit. Nach vier Schulwechseln und einer abgebrochenen Berufsausbildung ist er heute arbeitslos. Vorübergehend halfen ihm bestimmte Neuroleptika, die nicht für die Indikation Tourette zugelassen sind, sondern für Psychosen und Schizophrenien. Sie bescherten ihm einige bessere, einige schlechtere Jahre, bevor sie ihre Wirkung ganz verloren. Eine Nebenwirkung ist zudem Gewichtszunahme. Bödeker, als Kind schlank, wog zuletzt 180 Kilogramm. Im Auto passte der Sicherheitsgurt nicht mehr um seinen Bauch.

Seit fünf Monaten raucht er Cannabis auf Kassenrezept, verschrieben vom Hausarzt. Andere Medikamente nimmt er nicht mehr. Der Effekt? Durchschlagend! "Nur morgens vor der ersten Zigarette ticke ich noch." Seine Mutter Melanie Bödeker, zweite Vorsitzende der Tourette-Gesellschaft Deutschland, sagt: "Tagsüber ist er weitgehend frei von Tics. Und 38 Kilogramm abgenommen hat er außerdem." Sie war es, die bei deutschen Tourette-Experten dafür kämpfte, dass ihr Sohn diese Chance erhielt. Zuvor hatten ihr andere Mitglieder von großen Erfolgen berichtet.

Hanfpflanzen in der Halle des kanadischen Produzenten Canopy Growth. Kunstlicht, gleichmäßige Temperatur und Feuchtigkeit sorgen für den relativ konstanten Wirkstoffgehalt und vier bis fünf Ernten pro Jahr

Hanfpflanzen in der Halle des kanadischen Produzenten Canopy Growth. Kunstlicht, gleichmäßige Temperatur und Feuchtigkeit sorgen für den relativ konstanten Wirkstoffgehalt und vier bis fünf Ernten pro Jahr

Es ist eine dieser Geschichten, die demjenigen begegnen, der sich mit medizinischem Cannabis beschäftigt. Sie handeln von Menschen mit unterschiedlichsten schweren Krankheiten, die jahrelang auf der Suche nach Linderung waren. Dann rauchten sie ein paar Joints, es machte klick, binnen weniger Tage wurde alles besser. Fast zu schön, um wahr zu sein. Doch einige dieser Geschichten sind wahr, und sie stammen auch von Menschen, die nie mit Drogen zu tun haben wollten. Sie wecken große Hoffnungen bei Millionen von chronisch Kranken. Weitgehend einig sind sich die Wissenschaftler bislang, dass Cannabis vor allem bei drei Anwendungsgebieten wirkt: bei chronischen Schmerzen, Muskelspastiken bei Multipler Sklerose sowie Übelkeit und Erbrechen während Chemotherapien.

Das Potenzial der Heilpflanze aber scheint wesentlich größer. "Es gibt Hinweise auf eine heilsame Wirkung von Cannabis bei mehr als 50 Diagnosen", sagt die Psychiaterin Kirsten Müller-Vahl von der Medizinischen Hochschule Hannover. So hat Cannabis schon bei Epilepsie, Schuppenflechte, Reizdarmsyndrom, Depression, Borderline-Störung, vermehrter Schweißproduktion und rheumatoider Arthritis geholfen. Die meisten dieser Hinweise stammen von 1061 Patienten, die sich eine Ausnahmeerlaubnis der Bundesopiumstelle des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) erstritten, um Cannabisblüten zu kiffen, zu verdampfen oder in Keksen zu essen. Ihre Ärzte mussten nachweisen, dass zuvor alle Standardtherapien versagt hatten. Es gibt auch zahlreiche kleinere Studien, die positive Effekte für einige dieser Krankheiten bestätigen.

Cannabis boomt

Seit dem 10. März 2017 sind Ausnahmegenehmigungen passé. Ein neues Gesetz trat in Kraft, das den Import, Anbau und das Verordnen von Cannabis auf Kassenrezept erlaubt. Noch wächst kein "Grass" in deutschen Produktionshallen, das Oberlandesgericht Düsseldorf stoppte das Vergabeverfahren des BfArM an Hanfanbauer mit der Begründung, dass die Ausschreibungsfrist zu kurz gewesen sei. Doch das Interesse der Patienten an Cannabis steigt seitdem rapide. Bereits mehr als 17.000 Anträge gingen bei den vier größten Krankenkassen ein, bei denen etwa zwei Drittel der Kassenpatienten versichert sind.

Stecklinge genetisch identischer Mutterpflanzen

Stecklinge genetisch identischer Mutterpflanzen

Von Finanzinvestoren getriebene Unternehmen aus Kanada und den Niederlanden gründeten Tochterfirmen in Deutschland und kauften Start-ups für hohe Millionensummen, um sich früh eine marktbeherrschende Stellung zu sichern. "Sie müssen nur die Entwicklung mit Kanada vergleichen", sagt Pierre Debs von Spektrum Cannabis, dem deutschen Ableger des kanadischen Weltmarktführers Canopy Growth. Das Unternehmen ist an der Börse mehr als 3,5 Milliarden Dollar wert und beliefert nach eigenen Angaben etwa 1000 deutsche Apotheken mit Blüten: "In Kanada leben rund 36 Millionen Menschen, 250.000 erhalten medizinisches Cannabis. Übertragen auf Deutschland, könnte es hier bald schon mehr als eine Million Patienten geben." Unter den Herstellern herrsche Goldgräberstimmung, sagt auch Hendrik Knopp, Deutschland-Geschäftsführer des kanadischen Herstellers Nuuvera. "Der Markt wächst weltweit rasant. Das Gesamtpotenzial für die kommenden Jahre liegt bei bis zu 50 Milliarden Dollar."

Was kommt auf uns zu? Erobert gerade eine gefährliche Droge den deutschen Arzneimittelmarkt? Die Langzeitfolgen häufigen Konsums sind bekannt, die Suchtforscherin Eva Hoch fasst sie so zusammen: Die Hirnleistungsfähigkeit von Kiffern ist in vielerlei Hinsicht beeinträchtigt, besonders das Gedächtnis leidet. Sie brechen häufiger die Schule ab, erreichen seltener akademische Abschlüsse und bauen häufiger Unfälle. Vor allem aber entwickeln sie häufiger Psychosen und Schizophrenien.

Was also ist Cannabis: Teufelszeug oder hochwirksames Medikament? Die Antwort ist: beides. Doch um die Janusköpfigkeit dieser wohl rätselhaftesten aller Heilpflanzen zu begreifen, muss man zunächst verstehen: Die Straßendroge hat nur wenig gemein mit den Blüten aus der Apotheke.

Shit ist nicht gleich Cannabis

München, Hauptbahnhof. Der 22-jährige Leon, Trainingshose, Hipsterbart und Schiebermütze, schlendert die Schillerstraße entlang, vorbei an Tabledance-Bars, Spielhallen und Handy-Shops. Es ist ein Hotspot des Drogenhandels. Langsam gehen, mal stehen bleiben, um sich blicken, so gibt man sich als Suchender zu erkennen. Nach fünf Minuten passiert Leon einen dunkelhaarigen Mann in den Vierzigern, der ihm etwas zuraunt und ihn erwartungsvoll anblickt. "Smoke?", fragt Leon. "Yes", sagt der Mann. "Wait." Er verschwindet in einem Hauseingang. Zwei Minuten später ist das Geschäft erledigt, 15 Euro, ein Gramm Haschisch, das Harz der Cannabispflanze, ein gräulicher Brocken, der süßlich riecht. "Ich geh normalerweise nicht hierher", sagt Leon. "Denn man weiß nie, was drinsteckt." Cannabis vom Schwarzmarkt kann den Körper mit Pestiziden, Schimmel, Blei und anderen Schadstoffen vergiften. Der Gehalt an Tetrahydrocannabinol (THC), das den Rausch verursacht, steigt in der Schwarzware seit Jahren an, so Zahlen des Europäischen Drogenberichts. Damit schnellt das Risiko für Psychosen nach oben.

Abgepackt in Döschen gelangt die Ware in die Apotheken

Abgepackt in Döschen gelangt die Ware in die Apotheken

Gefährlich sind auch "synthetische Cannabinoide" mit unkalkulierbaren, mitunter tödlichen Nebenwirkungen, die als "Kräutermischungen" angeboten werden. Auch Leon erlebte schon schlechte Trips. "Seit einem Jahr habe ich einen Dealer meines Vertrauens. Der bescheißt mich nicht."

Im Gegensatz zum "Shit" von der Straße wurde Cannabis aus der Apotheke Schadstofftests unterzogen. Dank standardisierter Anbaumethoden verfügt es über relativ konstante THC-Gehalte, die je nach Blütensorte zwischen ein und mehr als 20 Prozent variieren.

Heilpflanze seit 4700 Jahren

Heilsame Wirkungen von Cannabis wurden erstmals vor mehr als 4000 Jahren in einem chinesischen Lehrbuch beschrieben. Kreuzfahrer brachten es im Mittelalter nach Europa. Im 19. Jahrhundert gab es mehr als 100 Cannabismedikamente, sie wurden gegen Kopfschmerzen, Spastik, Asthma, Appetitlosigkeit, Depressionen und Schlafstörungen eingesetzt. Der medizinische Höhenflug endete im Jahr 1925, als Cannabis auf der 2. Internationalen Opiumkonferenz in Genf neben Heroin und Kokain weltweit verboten wurde. Die Renaissance der Heilpflanze begann in den frühen 60er Jahren. Der Cannabisforscher Raphael Mechoulam, heute 87, entdeckte damals THC sowie einen weiteren Inhaltsstoff der Blüten: Cannabidiol (CBD), der erst in jüngster Zeit zunehmend ins Blickfeld der Forschung rückt. Aus Sicht der Cannabiskritiker ist CBD der neue "good guy", denn es erzeugt keinen Rausch. Noch besser: Während THC Psychosen verursacht, schützt CBD davor – und zwar so wirksam wie ein hochpotentes Neuroleptikum. Das zeigte eine Studie von Wissenschaftlern des Mannheimer Zentralinstituts für Seelische Gesundheit an 42 Schizophreniepatienten.

Außer THC und CBD enthält die Heilpflanze etwa 100 weitere Cannabinoide, die bislang kaum erforscht sind. Für all diese Stoffe ist der menschliche Körper empfänglich, denn er produziert auch selbst Endocannabinoide. Diese Botenstoffe greifen über Andockstellen im Nerven- und Immunsystem in bislang wenig verstandene Regulationsmechanismen ein. Wer kifft, in dessen Körper werden überall zelluläre Schalter umgelegt. Man weiß noch immer wenig über die Folgen.

Hanfblüten werden auch in deutschen Apotheken verkauft

Hanfblüten werden auch in deutschen Apotheken verkauft

Offenbar wirken diese Cannabinoide anders, wenn sie in der ganzen Blüte konsumiert werden, so wie Vitamine frischer Früchte besser sind als in Tablettenform. Dieses Feuerwerk an körperlichen Reaktionen ist allerdings weitaus schwerer in medizinische Studien zu fassen als die Effekte eines standardisierten Medikaments mit nur einem Wirkstoff. Zudem ist jede Blütensorte anders zusammengesetzt – wer soll da durchblicken? Mehrere große medizinische Fachgesellschaften in Deutschland plädieren deshalb für standardisierte Fertig-Arzneien wie Dronabinol-Tropfen (reines THC) oder das Sativex-Mundspray (ein THC-CBD-Gemisch).

Der Arzt Franjo Grotenhermen, der sich seit 1993 wissenschaftlich und therapeutisch mit Cannabis befasst, sieht das anders. "Ich sage meinen Patienten immer, probieren Sie verschiedene Blüten aus. Nehmen Sie mal eine Indica-, mal eine Sativa-Sorte, mal mit viel, mal mit weniger THC, irgendwann werden Sie die Sorte finden, die bei Ihnen wirkt."

Jede Blütensorte wirkt anders

Der 23-jährige Manuel Raff experimentierte lange mit Marihuana-Blüten. Er lebt in einer Wohnsiedlung vor den Toren Stuttgarts. Die Eltern, beide Zahntechniker, sind früher von der Arbeit nach Hause gekommen, um beim Interview dabei zu sein. "Für mich ist wichtig, dass man Manuel nicht für einen Drogenabhängigen hält", sagt der Vater und legt einen dicken Ordner mit Unterlagen auf den Esstisch, welche die Geschichte seines Sohns belegen sollen. Manuel leidet an der entzündlichen Darmerkrankung Morbus Crohn, die mit Bauchkrämpfen und chronischen, blutigen Durchfällen einhergeht und den Darm stark schädigen kann. Die Krankheit nahm bei ihm einen schweren Verlauf. "Die Krämpfe kamen immer und überall", so Manuel Raff. "Wo auch immer ich gerade war. Ich musste mich dann sofort erleichtern. Klar ging ich irgendwann gar nicht mehr vor die Tür." Eine Ausbildung zum Industriekaufmann brach er ab, nahm Immunsuppressiva und Cortison in hohen Dosen. Sein Gesicht quoll auf, die Haare fielen aus. Als das nicht mehr half, erhielt er ein Medikament aus monoklonalen Antikörpern, reserviert für besonders schwere Verläufe. Die Nebenwirkungsliste, zweieinhalb eng bedruckte Seiten, machte Raff Angst: "Vor allem Krebs. Wir haben eh viele Krebsfälle in der Familie."

Morbus Crohn  "Ich leide an der entzündlichen Darmerkrankung Morbus Crohn. Bauchkrämpfe, blutige Durchfälle – ich ging irgendwann nicht mehr aus dem Haus. Jahrelang habe ich Medikamente genommen, die das Immunsystem unterdrücken. Meine Haare fielen aus, mein Gesicht quoll auf. Als ich ein neues Mittel bekam, das Krebs verursachen kann, fing ich an, illegal mit Cannabis zu experimentieren. Im Internet hatte ich gelesen, dass das bei Crohn helfen kann. Mit selbst gemixten Blüten-Extrakten wurde ich fast symptomfrei. Mein Arzt glaubte mir – und verschreibt mir heute die Blüten."  Manuel Raff, 23

Morbus Crohn

"Ich leide an der entzündlichen Darmerkrankung Morbus Crohn. Bauchkrämpfe, blutige Durchfälle – ich ging irgendwann nicht mehr aus dem Haus. Jahrelang habe ich Medikamente genommen, die das Immunsystem unterdrücken. Meine Haare fielen aus, mein Gesicht quoll auf. Als ich ein neues Mittel bekam, das Krebs verursachen kann, fing ich an, illegal mit Cannabis zu experimentieren. Im Internet hatte ich gelesen, dass das bei Crohn helfen kann. Mit selbst gemixten Blüten-Extrakten wurde ich fast symptomfrei. Mein Arzt glaubte mir – und verschreibt mir heute die Blüten."
Manuel Raff, 23

Dass Joints die Beschwerden bessern konnten, wusste er, seit ihn ein Freund überredet hatte, es auszuprobieren. Er begann, nach Anleitungen aus dem Internet Cannabis selbst anzubauen, rauchte und verdampfte es, mit mäßigem Erfolg. "Wirkt zu kurz und zu stark." Er stellte hoch konzentrierte Extrakte her, die in Öl verdünnt und geschluckt werden. "Die entfalten ihre Wirkung langsam und helfen bis zu zwölf Stunden." Die Küche des elterlichen Einfamilienhauses wurde zum Hanflabor. Bald ging es ihm besser. Sein Stuhlgang wurde fester, er musste immer seltener auf die Toilette, die Krämpfe verschwanden. Er fragte seinen Hausarzt, ob der ihm Cannabisblüten verschreiben könne: "Er fand das nicht gut. Aber er behandelt unsere ganze Familie, kennt mich und glaubte mir." Dank ihm bekam Raff am 22. August 2017 die Bewilligung der Krankenkasse: "Durch die gutachterliche Aussage kommen wir zum Ergebnis, dass unter sozialmedizinischen Aspekten die Anwendung von Cannabis bei Ihnen nachvollzogen werden kann." Seit bald einem Jahr probiert er legal eine Blütensorte nach der anderen und glaubt, seine Idealkombination gefunden zu haben. Andere Medikamente braucht er nicht und legt zum Beweis einen Ausdruck der Krankenkasse über die Verschreibungen der vergangenen zwei Jahre vor. "Ich lebe wieder ein fast normales Leben, ohne Tabletten und Spritzen."

Für Franjo Grotenhermen ist Manuels Erfolgsgeschichte beeindruckend, aber nicht überraschend: "Ich habe viele Patienten mit entzündlichen Darmerkrankungen, die unter Cannabis deutlich besser wurden." Nur eine einzige Studie jedoch stützt die Wirksamkeit bei Morbus Crohn. Sie wurde an 21 Patienten in Israel durchgeführt, bei denen Standardtherapien versagt hatten. Von den elf, die Marihuana rauchten, erlebten zehn zum Teil deutliche Verbesserungen ihrer Symptome. Unter den anderen, die einen THC-freien Placebo-Joint rauchten, war es nur einer. Solche Studien sind für Wissenschaftler jedoch nicht viel mehr wert als Einzelfallberichte. Oft bestätigen sich die Ergebnisse der Ministudien nicht, wenn sie an mehreren Hundert Patienten wiederholt werden.

Patienten als Kriminelle abgestempelt

Doch die Krankenkassen und ein Gros der deutschen Ärzte lassen sich davon nicht überzeugen. "Viele werfen Patienten raus, sobald das Wort Cannabis fällt", sagt Grotenhermen. Das erlebte Martin Schmitt*, ein 35-jähriger Betriebswirt aus Frankfurt, der anonym bleiben möchte, weil er Cannabis zu Hause anbaut. Er leidet seit der Jugend an einem Ganzkörper-Schmerzsyndrom unklarer Ursache, das die Ärzte mal als Rheuma, mal als Gelenkentzündung im Rahmen einer Schuppenflechte, mal als Fibromyalgie deuteten. Nur Opiate verschafften Schmitt Linderung, doch sie raubten ihm den Appetit und verursachten Verstopfung, er verlor massiv an Gewicht. Im Jahr 2014 verordneten ihm Ärzte in einer Schmerzklinik Dronabinol-Tropfen, die reines THC enthalten. "Das hatte eine durchschlagende Wirkung", sagt Schmitt – und beschreibt geradezu lehrbuchmäßig die schmerzstillende Wirkung von Cannabis. "Es half gar nicht so sehr gegen die Schmerzen selbst, sondern hat die Gedanken an den Schmerz unterdrückt. Selbst wenn mir die Knie wehtun, denke ich nicht mehr die ganze Zeit dran."

Chronisches Schmerzsyndrom  "Ich hatte zwei Unterleibsoperationen wegen Krebs. Mein vernarbter Bauch fühlte sich an wie eine große Wunde, manchmal so, als würde jemand mit dem Messer hineinstoßen. Die Schmerzen strahlten in den Rücken und die Beine aus. Von Opiaten wurde mir schwarz vor Augen und übel. Im Jahr 2000 verschrieb mir ein Schmerztherapeut Dronabinol-Tropfen. Seitdem bin ich fast schmerzfrei. Aber ich musste 16 Jahre kämpfen, weil die Krankenkasse die Kosten nicht übernehmen wollte. Sogar vor dem Bundestag habe ich gesprochen, als es um das neue Cannabis-Gesetz ging. Endlich, vor einem Jahr, übernahm die Kasse die Kosten."  Ute Köhler, 64

Chronisches Schmerzsyndrom

"Ich hatte zwei Unterleibsoperationen wegen Krebs. Mein vernarbter Bauch fühlte sich an wie eine große Wunde, manchmal so, als würde jemand mit dem Messer hineinstoßen. Die Schmerzen strahlten in den Rücken und die Beine aus. Von Opiaten wurde mir schwarz vor Augen und übel. Im Jahr 2000 verschrieb mir ein Schmerztherapeut Dronabinol-Tropfen. Seitdem bin ich fast schmerzfrei. Aber ich musste 16 Jahre kämpfen, weil die Krankenkasse die Kosten nicht übernehmen wollte. Sogar vor dem Bundestag habe ich gesprochen, als es um das neue Cannabis-Gesetz ging. Endlich, vor einem Jahr, übernahm die Kasse die Kosten."
Ute Köhler, 64

Dank Genehmigung der Bundesopiumstelle bezog er mehrere Jahre Blüten aus der Apotheke, allerdings lag sein Bedarf mit zwei Gramm pro Tag sehr hoch, er bezahlte mehr als 1000 Euro im Monat. Da er mit Cannabis bald wieder arbeitsfähig war, konnte er sich das gerade noch leisten. Nach der Gesetzesänderung glaubte Schmitt, alles werde gut – doch die Krankenkasse lehnte den Antrag seiner Schmerztherapeutin auf Kostenübernahme ab. Die Begründung: Cannabis dürfe nur in "begründeten Ausnahmefällen" erstattet werden. Damit verdrehte die Kasse den Gesetzestext glatt ins Gegenteil. Denn das neue Gesetz bestimmt: Wenn bei austherapierten Patienten eine "nicht ganz entfernt liegende Aussicht auf eine spürbare positive Einwirkung auf den Krankheitsverlauf" besteht, dürfen Kassen die Kostenübernahme nur in "begründeten Ausnahmefällen" ablehnen.

Im Schreiben der Kasse an Schmitt heißt es weiter, der Medizinische Dienst der Krankenversicherung MDK sehe alternative Therapiemöglichkeiten: "Es empfiehlt sich eine fachorthopädische Behandlung inklusive einer Heilmitteltherapie, ebenfalls eine fachpsychiatrische Behandlung inklusive Psychotherapie und einem psychosomatischen Behandlungsverfahren." Das alles hatte Schmitt schon ausprobiert und die Unterlagen eingereicht. Er legte Widerspruch ein, auch der wurde abgelehnt. Nach einem Wohnortwechsel brauchte er auch noch einen neuen Arzt – und erlebte die geballte Wucht der Vorurteile gegen Cannabis. "Drei Ärzte sagten: 'Da bin ich kein Freund von.' Einer sagte: 'Ihre Akte ist zu dick.' Eine Ärztin fragte misstrauisch, warum ich so viele Wohnortwechsel hinter mir hätte. Die hielt mich wahrscheinlich für einen Kleinkriminellen." Bis heute hat Schmitt keinen neuen Arzt gefunden.

Drogenabhängige drängen in Schmerzpraxen

Der Schmerzmediziner Gerhard Müller-Schwefe, Ehren-Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V., kennt viele Gründe für diese Vorbehalte: "Zum einen wissen die meisten Ärzte noch sehr wenig über Cannabis, da muss noch viel Aufklärungsarbeit erfolgen. Zum anderen aber überfluten uns Freizeitkonsumenten, das höre ich von vielen Kollegen." Er selbst habe Wochen erlebt, in denen bis zu 30 solcher Patienten ohne Termin oder passende Krankengeschichte in seiner Praxis aufgetaucht seien. "Vor zwei Wochen war einer da, der zehn Jahre zuvor Blutkrebs hatte und geheilt war. Der litt nun plötzlich unter Schmerzen und behauptete, dass nur Cannabis helfe." Als eine Kollegin den Mann hinausbitten wollte, habe er sie körperlich bedroht. "Solche Menschen glauben, sich ihren Konsum künftig auf Kosten der Gesellschaft finanzieren zu können." Dabei, betont Müller-Schwefe, habe er keine grundsätzlichen Vorbehalte gegen Cannabis: "Ich verschreibe es seit über 30 Jahren und sehe oft beeindruckende Therapieerfolge." Nur sei es eben nicht das Wundermittel, an das jetzt viele glaubten. "In mindestens der Hälfte der Fälle breche ich den Therapieversuch wegen Wirkungslosigkeit oder Nebenwirkungen ab."

Fibromyalgie     "Ich leide an chronischen Ganzkörperschmerzen und habe es mit allen möglichen Schmerzmitteln, Antidepressiva und Psychotherapie versucht. Nur Opiate halfen, aber ich vertrug sie nicht. Im Jahr 2016 schrieb mir ein Arzt ein Gutachten, dass alle Standardtherapien versagt haben. Ich bekam von der Bundesopiumstelle eine Ausnahmeerlaubnis für Cannabisblüten. Mit dem neuen Gesetz aber verlor ich diese Erlaubnis und finde jetzt keinen Arzt mehr, der mir glaubt. Aus der Not heraus baue ich illegal Hanf an."  Martin Schmitt, 35 (Name von der Redaktion geändert)

Fibromyalgie

"Ich leide an chronischen Ganzkörperschmerzen und habe es mit allen möglichen Schmerzmitteln, Antidepressiva und Psychotherapie versucht. Nur Opiate halfen, aber ich vertrug sie nicht. Im Jahr 2016 schrieb mir ein Arzt ein Gutachten, dass alle Standardtherapien versagt haben. Ich bekam von der Bundesopiumstelle eine Ausnahmeerlaubnis für Cannabisblüten. Mit dem neuen Gesetz aber verlor ich diese Erlaubnis und finde jetzt keinen Arzt mehr, der mir glaubt. Aus der Not heraus baue ich illegal Hanf an."
Martin Schmitt, 35 (Name von der Redaktion geändert)

Auch in die Drogenszene scheint medizinisches Marihuana schon vorzudringen. Freizeitkonsument Leon weiß vom Bekannten eines Freunds: "Der bekommt Cannabis auf Kassenrezept und verkauft es weiter." Franjo Grotenhermen sagt dazu: "Das war nicht anders zu erwarten. Aber diesen Schwarzmarkt gibt es für viele andere Medikamente auch, zum Beispiel für hochpotente Opiate, die gefährlicher sind und die Konsumenten abhängiger machen."

Milliardengeschäft ja, Forschung na ja

Die Heilpflanze muss also noch ihren Weg in die Alltagsmedizin finden. Auch Befürworter der Blütentherapie wie Grotenhermen beklagen den Mangel an großen wissenschaftlichen Studien. Und selbst die Cannabishersteller aus den Niederlanden und Kanada betonen, wie wichtig ihnen die medizinische Forschung sei.

Doch wenn man nachhakt, ist nichts nachprüfbar. Zwar sagt Pierre Debs (Spektrum Cannabis), man stehe mit zwei bis vier Kliniken für konkrete Projekte in Kontakt ("Genaueres darf ich leider noch nicht sagen"). Zwar weiß Hendrik Knopp (Nuuvera) sogar von einem geplanten eigenen Forschungsinstitut zu berichten ("Standort und Forschungspartner werden noch gesucht"). Doch er räumt ein, dass medizinische Forschung für die Cannabishersteller bislang Neuland sei: "Viele sind ehemalige Anbauer von Blumen und Gemüse, die erst vor Kurzem den medizinischen Markt betreten haben. Und es ist genau andersherum als bei Medikamenten: Das Produkt war schon da, jetzt müssen wir beweisen, dass es wirkt. Pharmahersteller müssen zuerst ein Produkt entwickeln, bevor sie die Wirksamkeit testen." Die wenigen deutschen Wissenschaftler, die sich mit Cannabis beschäftigen, warten jedenfalls noch auf den Geldsegen, resümiert die Psychiaterin Kirsten Müller-Vahl, die gerade an einer Studie mit knapp 100 Tourette-Patienten arbeitet: "Bisher ist das Interesse bei allen Herstellern gering." Ihre Studie wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG finanziert.

Tourette-Syndrom  "Ich habe viele Tics, die ich nicht unterdrücken kann. Mein Kopf zuckt, ich beiße mir in die Hand, ich stoße Schimpfwörter aus wie 'Du Schlampe' oder 'Hurensohn'. Anderen kommt so etwas für einen flüchtigen Moment in den Kopf, bei mir baut sich ein großer Druck auf, dann kommen sie über die Lippen. Neuroleptika haben mir früher gut geholfen, aber ich wurde dick, und irgendwann wirkten sie nicht mehr. Seit fünf Monaten rauche ich Cannabis und bin fast Tic-frei. Ich hoffe, das bleibt so."  Oliver Bödeker, 23

Tourette-Syndrom

"Ich habe viele Tics, die ich nicht unterdrücken kann. Mein Kopf zuckt, ich beiße mir in die Hand, ich stoße Schimpfwörter aus wie 'Du Schlampe' oder 'Hurensohn'. Anderen kommt so etwas für einen flüchtigen Moment in den Kopf, bei mir baut sich ein großer Druck auf, dann kommen sie über die Lippen. Neuroleptika haben mir früher gut geholfen, aber ich wurde dick, und irgendwann wirkten sie nicht mehr. Seit fünf Monaten rauche ich Cannabis und bin fast Tic-frei. Ich hoffe, das bleibt so."

Oliver Bödeker, 23

Franjo Grotenhermen ist sich sicher, dass nicht allein die Wissenschaft über die Zukunft von Cannabis bestimmen werde. "Letztlich wird sich durchsetzen, was den Patienten hilft. Die einzige Frage ist, ob sie dafür 10, 20 oder 30 Jahre warten müssen."

*Name von der Redaktion geändert

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