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Medizinnobelpreis: Komitee muss sich verteidigen

Für die Entdeckung des Humanen Papillom-Virus wird der Deutsche Harald zur Hausen mit dem Medizin-Nobelpreis ausgezeichnet, der Preis geht außerdem an zwei französische Aids-Forscher. Eine Entscheidung, für die sich die ehrwürdige Nobel-Versammlung prompt vor den Journalisten rechtfertigen muss.

Von Nicole Heißmann, Stockholm

10.00 Uhr Ruhe vor dem Sturm im Hörsaal des Nobel-Forums am Stockholmer Karolinska Institut. Hier treffen sie gegen halb zwölf aufeinander: Hunderte Journalisten aus aller Welt, medial hochgerüstet mit digitalen Kameras und Chipkarten-Recordern - und die ehrwürdigen Vertreter der Nobel-Versammlung, allesamt Professoren am Karolinska Institut in Stockholm.

10.15 Uhr

Das Rednerpult wird gespickt mit Mikrofonen. Immer mehr Journalisten trudeln ein und belegen mit Jacken und Schreibblöcken ihre Plätze auf den Rängen.

10.35 Uhr

Ein Techniker des Nobel-Komitees baut die Mikrofone auf dem Rednerpult wieder ab: Auf den Fernsehbildern der Verkündigung sollen nur kleine, unauffällige Mikros zu sehen sein. Ein japanischer Fernseh-Reporter protestiert wütend und in fließendem Schwedisch. Es hilft nichts. Sein sperriges Mikrofon wird verbannt. Andere Fernsehreporter resignieren still.

10.45 Uhr Die Presse muss gehen - aus Sicherheitsgründen. Resolut wird der Saal geräumt, die Tür geschlossen. Angeblich schnüffeln nun Sprengstoffhunde an den bereit gestellten Laptops und Kameras.

10.50 Uhr

Es wird wieder eingelassen, der Hörsaal ist schon überfüllt, Dutzende Reporter hocken mit Block oder Laptop auf dem Boden und den Treppen. Der Geräuschpegel steigt, die Stimmung ist aufgekratzt. Kameras machen Test-Schwenks, Blitzlichter werden gecheckt, Aufnahmegeräte ein- und ausgeschaltet.

11.30 Uhr

Es wird sehr still. Durch eine kleine Seitentür betritt die siebenköpfige Professoren-Delegation der Nobel-Versammlung den Saal.

11.32 Uhr

Hans Jörnvall, Sekretär des Nobel-Komitees, tritt ans Pult. Beginnend mit den berühmten Worten: "Die Nobelversammlung am Karolinska Institut hat entschieden..." verliest er die Nobelpreisträger auf Schwedisch, Englisch, Deutsch, Französisch und Russisch, den Sprachen, die der Preis-Stifter Alfred Nobel selbst sprach.

11.35 Uhr

2008 ist das Jahr der Virologen geworden: Der Deutsche Virusforscher Harald zur Hausen, ehemals Leiter des Krebsforschungszentrums in Heidelberg, bekommt die Hälfte des zehn Millionen Kronen Preisgeldes. Er formulierte in den 70er Jahren die These, dass das Humane Papillom-Virus HPV Gebärmutterhalskrebs verursachen kann. Die andere Hälfte teilen sich die Franzosen Françoise Barré-Sinoussi und Luc Montagnier für ihre Entdeckung des tödlichen AIDS-Virus HIV.

11.45 Uhr Journalisten dürfen nun Fragen stellen. Und wie so oft muss sich die Nobel-Delegation für ihre Entscheidung rechtfertigen: Warum bekommen zwei Franzosen den Preis für die Entdeckung des HI-Virus, obwohl der US-Virologe Robert Charles Gallo Anfang der 80er Jahre die gleiche Entdeckung gemacht hat. Und seitdem als Schlüsselfigur der AIDS-Forschung gilt. Eine echte Antwort hat die Kommission darauf nicht. "Wir sind die Experten dafür, die beste Forschung auf diesem Gebiet zu beurteilen. Und wir glauben, dass die wichtigsten Erkenntnisse der Aids-Forschung in Paris gewonnen wurden", sagt der Vorsitzende des Nobel-Komittees, Bertil Fredholm.

11.50 Uhr

Ausweichend beantwortet die Nobelversammlung auch die Frage einer schwedischen Reporterin: "Knallen jetzt nicht die Korken in den PR-Abteilungen der Unternehmen, die HPV-Impfstoffe vertreiben? Besteht nicht die Gefahr, dass der Nobel-Titel als Werbung für solche Impfstoffe ausgenutzt wird?" Göran Vennström von der Nobel-Versammlung antwortet diplomatisch: "Wir wissen nicht, ob die Unternehmen das für ihre Zwecke nutzen. Aber wir haben unsere Entscheidung für oder gegen einen Preis noch nie von solchen kommerziellen Erwägungen abhängig gemacht."

12.00 Uhr

Ende des alljährlichen Rituals: Die meisten Journalisten verlassen den Saal, vorbei am Spalier der – vornehmlich schwedischen - Kameras, in die Mitglieder der Nobelversammlung ihre Abschluss-Statements sprechen. Die Einladungen, einen Kollegen für 2009 zu nominieren, sind bereits an Forscher in aller Welt verschickt.

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