Polikum Hausarztmodell mit Zukunft und Vergangenheit


Es klingt ein wenig nach DDR-Vergangenheit, könnte jedoch der Weg in Zukunft der ambulanten Gesundheitsversorgung sein: das Polikum - ein neues Hausärztemodell, bei dem Ärzte verschiedener Fachrichtungen unter einem Dach arbeiten. Welche Vorteile das für die Patienten hat.
Von Nanette Franke

Der Name dürfte viele an die Polikliniken der DDR Zeiten erinnern, doch das Polikum ist ein neues Hausarztmodell, das die klassische ambulante Versorgung entscheidend verändert. Zum Jahresbeginn wurde in Berlin das dritte dieser medizinischen Kompetenzzentren eröffnet, in Hamburg und München sollen weitere Häuser folgen. Statt mit der Überweisung in der Hand von Arzt zu Arzt zu laufen, finden Patienten im Polikum Ärzte aller alltagsrelevanten Fachrichtungen unter einem Dach.

Derzeit 75 Mediziner arbeiten in den drei Häusern in den Berliner Stadtteilen Friedenau, Charlottenburg und neuerdings auch in Lichtenberg. Dort hat der Betreiber, der Arzt und Gesundheitsökonom Wolfram Otto, die Ex-Poliklinik am Fennpfuhl gemietet, zu Blütezeiten eine der größten und modernsten der 1600 Polikliniken DDR, zuletzt mit gerade noch 17 Ärzten ein Auslaufmodell. Mit unternehmerischem Ehrgeiz belebt Otto die sozialistische Idee neu. Die klassische Einzelpraxis wird durch ein Verbundsystem ersetzt, in der die Ärzte ihre Zulassung an den Betreiber abgeben, als Angestellte in gemeinschaftlichen Räumen arbeiten und auch das Technik-Equipment zusammen nutzen.

60 Stunden pro Woche ist das Polikum geöffnet

Geöffnet ist montags bis freitags von acht bis acht, 60 Stunden in der Woche. Der Patient wird von einem Polikum-Hausarzt seiner Wahl empfangen, es sei denn, er kommt auf Überweisung eines Externen. Je nach Erstdiagnose wird er innerhalb des Hauses "weitergereicht". Ein Rückenschmerzpatient beispielsweise zunächst an den Orthopäden, dann zum Röntgen an den Radiologen, danach vielleicht gleich an die Physiotherapie oder - bringt die Röntgenaufnahme keinen Aufschluss über die Quelle des Schmerzes - an den Internisten. Das spart Kosten und Nerven, erhöht die Behandlungsqualität und klappt, dank elektronischer Terminverwaltung, im Idealfall innerhalb kürzester Zeit und mit kurzen Wegen. Nur wenn teure Spezialuntersuchungen, Operationen oder dergleichen nötig sind, werden die Patienten in ein Krankenhaus überwiesen, das beim Polikum-Stammhaus Friedenau gleich nebenan liegt.

Kernstück der Polikum-Philosophie: die elektronische Patientenakte. In die kann jeder Arzt des Hauses Einblick nehmen. Diagnosen, Therapien - alles wird darin verzeichnet. Unnötige Zweituntersuchungen sind passé, größtmögliche Verschreibungssicherheit bei Medikamenten wird gesichert.

Skepsis bei den Niedergelassenen

Die Behandlung ist am Beschwerdebild des Patienten orientiert, verschiedene Fachrichtungen arbeiten Hand in Hand. So werden Diabetiker bei Bedarf von einem Team aus Diabetologen, Ernährungsberatern, Podologen, Kardiologen und Gastroenterologen betreut. "Das ist besser als alles, was die westdeutsche ambulante Medizin bietet", sagt Felix Cornelius, Mitglied der Geschäftsleitung des prosperierenden Unternehmens, selbstbewusst. Steile Wachstumskurven bei den Patientenzahlen sprechen für den Erfolg.

Doch die Skepsis ist bei einigen niedergelassenen Ärzten groß, was nicht nur am DDR-lastigen Namen liegt, der, glaubt man Cornelius, "ohne jeden Hintergedanken von einer Agentur kreiert wurde". Unerfahrenheit der - zumeist jungen - Ärzte, mangelnde Arzt-Patienten-Bindung, fehlendes Verantwortungsbewusstsein der Mediziner, weil sie ja nicht auf eigene Rechnung arbeiten: All diesen Vorurteilen begegnet Cornelius mit Gelassenheit. "Es gibt kein Argument, das wirklich gegen unser Modell spricht".

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), die Interessenvertretung der niedergelassenen Ärzte, übt sich in vorsichtiger Annäherung. "Wir müssen den Begriff Polikum entideologisieren", sagt Pressesprecher Roland Stahl. "Das Umfeld der medizinischen Versorgung ändert sich und die Bereitschaft der jungen Ärzte zu Zusammenschlüssen wächst." Dies nicht zuletzt deshalb, weil Mediziner das wirtschaftliche Risiko einer Praxiseröffnung scheuen und weil besonders Frauen auch Teilzeit arbeiten möchten.

Medizinische Versorgungszentren bundesweit

Schon jetzt gibt es nach Zahlen der KBV etwa 948 medizinische Versorgungszentren (Branchenkürzel "MVZ"), in denen sich mehrere Ärzte verschiedener Fachrichtungen zusammengeschlossen haben. Durchschnittlich sind vier Mediziner darin beschäftigt. 60 Prozent der MVZ's befinden sich in Trägerschaft niedergelassener Ärzte, die übrigen 40 in der von Krankenhäusern. Das Polikum Friedenau ist mit 45 Ärzten aus 20 Fachrichtungen das größte MVZ. Und will auch in anderer Hinsicht führend sein, denn es hat bereits mit vier Krankenkassen Verträge zur integrierten Versorgung abgeschlossen. Patienten, die sich dafür bei ihrer Kasse einschreiben, gehen damit die Verpflichtung ein, bevor sie einen anderen Arzt konsultieren zunächst den Weg in ein Polikum einzuschlagen. Dafür dürfen sie bevorzugte Behandlung erwarten. Ihnen wird, etwa bei chronischen Krankheiten, ein Case-Manager zur Seite gestellt, sie bekommen Angebote zu Prävention und Schulung, Sondersprechzeiten und bestimmte individuelle Gesundheitsleistungen (Igel), vergünstigt. Das Polikum will für seine Patienten "die Qualitäts- und Kostenverantwortung übernehmen", beteuert Cornelius.

Der Hausarzt weiterhin gefragt

Schöne neue Gesundheitswelt? In einem muss das Polikum allerdings nachbessern. "Wir haben die Patienten-Arzt-Bindung unterschätzt", räumt Dr. Cornelius ein. Wenn's ihm schlecht geht, will der Deutsche am liebsten zu "seinem" Hausarzt, der ihn kennt und dem er vertraut. "Deshalb werden wir jetzt wieder zu Kernsprechzeiten für alle Ärzte zurückkehren", so Cornelius. Dann können die Patienten ins Polikum kommen, wenn "ihr" Arzt im Hause ist.


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