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Psychiatrie: Wenn die Sinne verrückt sind

Die Tür ohne Klinke, der Fernseher hinter Sicherheitsglas, Medikamente zwangsweise. In der geschlossenen Abteilung der Psychiatrie werden Menschen behandelt, die für sich oder andere zur Gefahr geworden sind.

Da ist der König der Ballaburg. Klein, schmächtig, blonde Engelslocken, die Unterarme in Gips. "Schamane wäre nicht schlecht, vielleicht auch Erfinder von Gesellschaftsspielen wie Monopoly", sagt Ferdinand, wenn er über seine Zukunft nachdenkt. Die blauen Augen funkeln selbstbewusst. "Aber erst mal muss ich raus hier."

Es ist sieben Uhr früh. Station 14, geschlossene Abteilung der Psychiatrie Köln-Merheim. Hier landet, wem die Sinne verrückt sind. Im Aufenthaltsraum wattiert der Dunst unzähliger Zigaretten die Luft. Die paffenden Männer sind für sich oder andere zur Bedrohung ge- worden. Einige sind schwer depressiv, die meisten aber leiden wie Ferdinand unter Psychosen. Sie halten Halluzinationen für wahr und die Wahrheit für ein Trugbild.

Vor der Welt, die sie nicht mehr verstehen, verstecken sie sich hinter dichten Rauchschwaden. Niemand spricht, ein Mann am Fenster stößt Kreischlaute aus. Er breitet die Arme aus und wiegt den Oberkörper. Als ob er hinuntersegeln wolle in den Krankenhauspark. Wie ein Vogel, vom vierten Stock, in die Freiheit.

"Alle doof, außer ich"

"Alle doof, außer ich", sagt König Ferdinand und seufzt. Mit den Fingerspitzen, die aus dem Gips ragen, versucht er, Tabak in ein Zigarettenblättchen zu drehen. Den Königstitel haben ihm die anderen Patienten verliehen, als er sich aus einer alten Zeitung eine Krone bastelte und auf den Kopf setzte.

"Der hält sich für was Besseres", ruft Sven, der einen Tisch weiter sitzt und sich derzeit "in einer Art Verwandlungsphase" befindet. Der Zwei-Meter-Mann mit Glatze und Einmeterfünfzig-Bauch hat einen heiligen Apfel gegessen und ist dadurch zum Engel geworden. Demnächst wird er Fieber bekommen, sein Körperfett wird sich lösen, und dann ist er unsterblich.

"Was kann ich dafür, dass ich Jesus Christus bin?", fragt Sven und hat nicht mit Ferdinand gerechnet. Der strebt zum irdischen Königsthron nun auch die himmlische Führerschaft an. "Dem haben 'se ins Gehirn geschissen", sagt Ferdi in Svens Richtung: "Der kann nicht mein Sohn sein, das müsste ich doch wissen."

Seine Hände sind gebrochen

Wenn dem König der Ballaburg die Realität entgleitet, droht eine Katastrophe. Die Bandagen an Armen und Händen sind ein Souvenir der letzten Reise ins Hinterland seines Verstandes. Seine Hände sind gebrochen, die Arme übersät von Prellungen. Resultat einer Keilerei mit einem Einsatzkommando der Polizei.

Die Beamten waren gerufen worden, weil der 25-Jährige mit zwei langen Messern durch das Haus seiner Eltern lief. Wer näher kommt, den werde er abstechen, und am Schluss sich selbst, drohte er. Nach langer Beratung fegten die Polizisten den Amokläufer mit dem Strahl eines Feuerwehrrohres vom Treppengeländer. Dann prügelten sie die Messer mit Teleskop-Schlagstöcken aus seinen Händen. Selbst gefesselt versuchte der junge Mann noch, die Beamten anzugreifen.

"Jeder könnte hier landen"

Das dritte Mal in vier Jahren ist Ferdinand in der Geschlossenen gelandet. Bekannten hat er immer vorgegaukelt, er sei auf Kur oder im Urlaub gewesen. Stationen wie die 14 sind eines der letzten Tabuthemen unserer Gesellschaft. Selbst Ärzte und Pfleger fürchten das Stigma Irrenhaus. Der Ruf der Klapse als seelenlose Verwahranstalt, in der Psycho-Monster mit der chemischen Keule ruhig gestellt werden, hat sich gehalten. "Dabei könnte jeder hier landen", sagt Klinikleiter Dr. Peter Mehne.

Damit Ferdinand sich nicht noch mehr verletzt, wird er nach seiner Einlieferung an Armen und Beinen fixiert, auf einer Liege mit weißen Leinenstrippen. Sechs Pfleger, aus der ganzen Klinik zusammengerufen, drücken ihn auf die Matratze. Ein Arzt spritzt ein Beruhigungsmittel. "Wenn ich rauskomme, poliere ich euch die Fresse", brüllt Ferdi. Er habe Aids, lügt er und schreit: "Ich stecke euch alle an." Dann spuckt er blutige Rotze in Richtung der Pfleger.

Unfassbare Kräfte im Wahn

Gewalt gehöre zum Alltag in der Psychiatrie, sagt Schwester Susanne. Oft ist es wochenlang ruhig, dann eskaliert die Situation von einer Sekunde auf die andere. Neulich hat sich ein fixierter Patient sogar mit dem Bett aufgerichtet. "Im Wahn kann so ein verängstigtes Bündel Mensch unfassbare Kräfte entwickeln", sagt Susanne, eine von fünf Schwestern und Pflegern der Tagesschicht.

Die 33-Jährige ist durch ein Missverständnis in der Psychiatrie gelandet. Auf ihre Bewerbung als Krankenschwester meldete sich vor 16 Jahren eine Landesklinik. Erst im Vorstellungsgespräch erfuhr sie, dass es eine reine Psychiatrie war. Ob sie das aushalten könne, fragte sie sich. Ihre Neugierde besiegte die Zweifel. "Und ich habe es nie bereut", sagt Susanne.

Im Unterschied zu "normalen" Krankenhäusern werde das Pflegepersonal stärker in die Behandlung einbezogen. Susanne kommt deshalb gern zur Arbeit. Angegriffen wurde sie nur ein einziges Mal. Vor 15 Jahren, von einer verwirrten alten Frau, die gab ihr eine Ohrfeige.

Spritze gegen die Aggresivität

Ferdinands Aggressivität haben die Ärzte weggespritzt. Voll gestopft mit "weißem Denken", fühlt er sich zwölf Stunden nach der Einlieferung "wie ein Stück rohes Fleisch, weit entfernt vom eigenen Ich, lebendig begraben und versteinert". Mit einem Ärmel seines zerzausten Hemdes wischt er verschämt den Speichel vom Kinn, der durch seine erschlafften Mundwinkel gelaufen ist.

Wie alle fixierten Patienten muss er ständig beobachtet werden, eine Pflegekraft ist nur für ihn zuständig. Immer wieder hat Susanne seit ihrem Schichtbeginn versucht, Kontakt mit ihm aufzunehmen. Damit er sich auf die Seite drehen kann, hat sie seinen linken Arm und das rechte Bein losgemacht. Sie würden die Fixierung gern ganz lösen, sagt sie. Sie fürchte aber, dass er wieder randaliere. "Da müssen Sie mich verstehen. Was können wir denn tun?", fragt Susanne.

"Wie ein Panter im Käfig"

Er habe sich jetzt im Griff, sagt Ferdi: "Das klappt schon, bestimmt." Sein Blick ist nicht mehr so merkwürdig abwesend wie vor Stunden. Die Gurte werden gelöst, einer nach dem anderen, ganz langsam. Ohne gegenseitiges Vertrauen und das Mitwirken der Patienten geht fast gar nichts, sagt Susanne. Die ersten beiden Stunden begleitet sie Ferdinand bei seinem Rundgang durch die Station. Er komme sich vor "wie ein Panter im Käfig, der hin und her läuft und nur noch die Gitterstäbe sieht, aber nicht mehr die Welt dahinter", sagt er.

Die Ärzte haben ihm gegen seinen Willen Psychopharmaka verabreicht. Normalerweise müssen sie das vom Gericht genehmigen lassen. Doch Ferdinand hat ihnen bei seinem letzten Aufenthalt eine Vollmacht erteilt. Neuroleptika befreiten ihn damals von der Psychose. "Wenn es noch mal so weit kommt, will ich sie wieder haben", hat er gesagt.

Denn Medikamente sind für die Behandlung vieler psychischer Erkrankungen unverzichtbar. So gibt es Präparate, die hauptsächlich gegen Verfolgungswahn helfen, oder solche, die bei Depressionen aufmuntern und antreiben. Weil einige die Lust auf Sex dämpfen, müde machen oder im Dauereinsatz zu hoher Gewichtszunahme führen, werden die Patienten gefragt, was zuerst ausprobiert werden soll.

Lebenslang Medikamente nehmen

"Wir wollen die Leute nicht verändern oder ihnen die Macken rauben, wir wollen sie nur fit für den Alltag machen", sagt Oberärztin Renate Blothner. Selbst die Stimmen in den Köpfen brauchten nicht zu verschwinden. Die Patienten müssten nur lernen, mit den Einflüsterungen zu leben, ohne sich oder andere zu gefährden. Dafür sei es oft nötig, dauerhaft Medikamente zu nehmen.

"Auch ein Diabetiker muss sich damit abfinden, lebenslang Insulin zu spritzen", sagt Blothner. Erst wenn die Mittel anschlagen und sich nach einigen Tagen "die dicksten Wolken gelichtet haben", werden in der Psychiatrie andere Maßnahmen wie Gesprächs- oder Verhaltenstherapie ausprobiert. Die Patienten werden dann meist von der 14 auf eine offene Station verlegt oder ambulant behandelt.

An der Tür fehlt die Klinke

Bei Ferdinand hat sich der Nebel am Tag nach der Einlieferung noch nicht verzogen. Steif und hilflos wirkt der kleine Mann, als er mit Schwester Susanne den rot gefliesten Flur entlanggeht. Es sieht aus, als ob er mit den Füßen am Boden festklebt. Wie in Zeitlupe, den Oberkörper leicht nach vorn gebeugt, geht er vorwärts. Eine Wand aus Glasbausteinen lässt nur wenig Tageslicht in den 70er-Jahre-Schlauch. An der Ausgangstür fehlt die Klinke, die Patientengemälde hängen hinter festgeschraubten Glasplatten.

"Damit der Robotergang verschwindet, werde ich mit den Ärzten besprechen, ob die Medikamentendosis reduziert werden kann", sagt Susanne. Sie begleitet Ferdi zum Termin beim Amtsrichter. Spätestens am Tag nach der Zwangseinweisung müssen die Patienten angehört werden. Bei akuter Eigen- oder Fremdgefährdung darf die Unterbringung bis zu sechs Wochen dauern. Soll ein Patient länger bleiben, verlangt der Richter ein ärztliches Gutachten.

Zu Ferdinands Unterstützung ist ein Anwalt in die Klinik bestellt worden. Wer zwangsweise eingewiesen wird, hat Anspruch auf juristischen Beistand. Ferdis Helfer verstummt, als sein Mandant ihn unterbricht und von fliegenden Drachen berichtet. "Natürlich sind meine Entscheidungen oft Gratwanderungen", sagt der Richter. Und es komme auch vor, dass er Patienten gegen den Rat der Ärzte gehen lasse. "Für Sie wäre es nach der ganzen Aufregung aber besser, hier ein paar Tage auszuruhen." Drei Wochen soll Ferdinand bleiben, dann wird neu entschieden.

"Die Menschheit wird nicht mehr lange überleben"

"Wenn er die Bullen aufmischt, darf er sich nicht wundern", sagt Peter. Er teilt das Zimmer mit Ferdi. Zwei Betten, zwei Schränke. Die Fenster haben zwar keine Gitter, sind aber abgeschlossen. Peter verteilt Papierschnipsel, auf die er mit Kugelschreiber Strichmännchen gekritzelt hat. Die Menschheit wird nicht mehr lange überleben, weiß er. Bald kommt ein Mann wie Hitler. Der Mann, den er auf die Zettel gekritzelt hat. Der wird alle umbringen. Überleben kann nur, wer ein Rätsel löst, das Peter noch erfinden muss.

Seit zwei Jahrzehnten landet der 58-Jährige immer wieder für einige Tage auf der Geschlossenen. Die Psychose, zu spät erkannt, hat tiefe Schneisen in das Leben des ehemaligen Juristen geschlagen. Zuerst machte ihn der Alkohol zum Hampelmann, dann kamen die Stimmen. Seine Frau hat sich vor Jahren von ihm getrennt, als er seinen Hund zerstückelt und aus dem Fenster geworfen hat. Seine Oma sei in dem Tier gewesen, glaubte Peter. Die wollte er befreien. Danach versuchte er, zwei Finger seiner linken Hand mit einer Rosenschere abzuschneiden. Um ihr ein Leben in Luxus zu ermöglichen, wollte er seine Mutter aus dem Grab holen.

Den Arm will er amputieren lassen

"Wenn ich meine Medikamente nehme, bin ich der friedlichste Mensch der Welt", sagt Peter. Ferdinand beachtet ihn kaum. Er hat ein anderes Problem. Seine ganze Wut stecke im linken Arm, hat er den Ärzten verraten. Den Arm will er amputieren lassen. Oder zumindest betäuben. "Machen die aber nicht, die Arschlöcher", sagt Ferdi. Bei der Bundesärztekammer will er beantragen, dass diesen Quacksalbern die Approbation entzogen wird.

Zickzackkurs durchs Gemüt

Ferdinand war etwa 13 Jahre alt, da fühlte er sich zum ersten Mal beobachtet. Von unsichtbaren Männern, die in sein Gehirn schauen konnten, wird er Jahre später den Ärzten erzählen. Immer tiefer verstrickte sich der auf einmal eigentümlich stille Realschüler in seine sonderbare Gedankenwelt. Er saß stundenlang regungslos in seinem Zimmer auf dem Fußboden. Glaubte, die Kicker von Bayern München, deren Mannschaftsbild über seinem Bett hing, hätten ihn verhext. Er hatte Angst, verrückt zu werden.

Aber dann gewöhnte er sich an sein eigentümliches Universum. Die Eltern merkten nicht, was mit ihm los war. Denn auf dem Zickzackkurs durch sein Gemüt landete Ferdinand meist in der Realität. Wenn er sich wieder mal in sein Zimmer verkroch, dachte die Mutter, das ist die Pubertät, da sind alle Kinder schwierig.

Ein Viertel wird wieder ganz gesund

Ferdinand ist schizophren, wie die meisten Patienten auf Station 14. Die Weiterleitung von Informationen in seinem Gehirn ist gestört. Verantwortlich für die Krankheit ist vermutlich die vermehrte Ausschüttung des Botenstoffes Serotonin. Drogen, Stress und Erbanlagen sind zwar mögliche Auslöser für die verhängnisvolle Flut, die zu Wahnvorstellungen führt. Die wirkliche Ursache für das Störfeuer jedoch ist nicht bekannt. Rätselhaft bleibt auch, wieso ein Viertel der Patienten wieder ganz gesund wird, der Rest jedoch schubweise oder sogar chronisch leidet.

Die Krankheit hat Ferdinands Gehirn zunächst nur für einige Monate gefangen genommen. Seine unsichtbaren Beobachter verschwanden so plötzlich, wie sie gekommen waren. Er schaffte den Realschulabschluss, ging zur Bundeswehr, machte eine Lehre als Elektriker und heiratete seine langjährige Freundin.

Ein Leben wie Millionen andere, Ferdi war zufrieden. Bis vor fünf Jahren, als er schuldlos in einen Autounfall verwickelt wurde. Obwohl seine körperlichen Wunden längst verheilt waren, trieb ihm die Erinnerung noch Monate später den Schweiß auf die Stirn. Als dann auch noch seine Frau mit einem anderen durchbrannte, meldeten sich die Stimmen in seinem Kopf. Zuerst tröstend, dann mahnend.

Seit zwei Jahren lebt er von Sozialhilfe

Die "Medizinmänner", schon bald seine einzigen Ratgeber, betteten den Privatbankrott in die Geborgenheit einer gigantischen Apokalypse. Vom Weltuntergang war die Rede, vor Stürmen, Attentaten und Erdbeben warnten die Stimmen. "Haut ab!", schrie Ferdinand, wenn die Angst zu groß wurde. Bei vollem Bewusstsein entglitt ihm die Realität.

Es war, als ob er in ein fremdes Land gereist wäre, dessen Sprache und Gebräuche er nicht verstand. Am Ende des Satzes hatte er den Anfang vergessen. Weil er sich nicht mehr konzentrieren konnte, verlor er seinen Job im Elektrohandel. Seit zwei Jahren lebt er von Sozialhilfe. Den Sozialarbeiter von Station 14 hat er gebeten, mit seinem Vermieter zu verhandeln. Weil es immer wieder zu Streit mit den Nachbarn gekommen ist, läuft eine Räumungsklage.

Die Pillen vertrieben die Stimmen

"Wir wollen, dass die Leute so lange wie möglich selbstständig bleiben", sagt Schwester Susanne. Bei Ferdinand haben die Ärzte die Sorge, dass die Krankheit chronisch wird und die Abstände, nach denen er in der Klinik landet, immer kürzer werden. Sie haben beim Amtsgericht angeregt, dass ihm ein Betreuer zur Seite gestellt wird. Zunächst für zwei Jahre soll der ihn bei Behörden vertreten und in finanziellen und gesundheitlichen Angelegenheiten entscheiden.

"Sauerei, ich brauche doch keinen Aufpasser, das sind Stasi-Methoden, und du machst da auch noch mit", schimpft Ferdinand, als Susanne ihn am siebten Kliniktag im Auftrag der Ärzte über die geplante Betreuung informiert. Mit Entmündigung habe das nichts zu tun, entgegnet Susanne. "Im Gegenteil, der Betreuer soll Ihnen nur dabei helfen, selbstständig zu bleiben." Probleme wie die mit dem Vermieter könnten so vielleicht vermieden werden. "Wenn Sie draußen jetzt keine regelmäßige Unterstützung bekommen, ist die Gefahr sehr groß, dass Sie bald wieder hier landen", sagt Susanne.

Denn die Eltern, die einzigen Menschen, mit denen Ferdinand außerhalb der Klinik Kontakt hat, sind überfordert. Sie hatten nicht bemerkt, dass er drei Monate vor dem Amoklauf aufgehört hatte, Psychopharmaka zu nehmen. Die Pillen vertrieben die Stimmen in seinem Kopf, das wollte er nicht zulassen. Mit der Messerattacke gegen Mutter, Vater und Polizisten wollte er die Freunde verteidigen, erklärt Ferdi.

Der Wetterbericht gilt nur für die Welt da draußen

Kurz vor dem Mittagessen versinkt er im Aufenthaltsraum in einem der grünen Kunstledersessel, die Beine hat er lässig auf dem Couchtisch abgelegt. Im Fernsehen, hoch an die Wand gehängt und mit Sicherheitsglas geschützt, läuft eine Talkshow. Der Ton ist ausgeschaltet. "Wunder gibt es immer wieder", trällert es aus der Stereoanlage. Der Moderator kündigt den Wetterbericht an. "Scheiß auf Wunder", sagt Ferdi: "Hier ist Radio Gaga, der Wetterbericht gilt nur für die Welt da draußen."

Die lähmenden Nebenwirkungen der Zwangsmedizin sind weg. Vorsichtig, mit den Fingerspitzen der geschienten Hände, umklammert er einen halb vollen Becher Kaffee. Die Medikamente hätten ihm seine Würde zurückgegeben, murmelt er. Die Momente, in denen er wieder zu Hause ist in seinem Kopf, lassen ihn aufleben. "Ich muss nicht mehr meinem Schatten folgen, kann wieder riechen, schmecken, selbstständig denken."

Sie nimmt die Patienten ernst

Erfolge wie dieser seien es, die sie immer wieder antreiben, sagt Schwester Susanne: "Auch kleine Schritte können oft eine große Wirkung haben." Etwa wenn die Patienten Vertrauen fassen, in einer Krise frühzeitig von sich aus kommen und dann zwei Tage anstatt zwangsweise sechs Wochen bleiben. "Ich genieße das", sagt Susanne. Sie hat sich neben Ferdinand gesetzt.

Wenn der Richter dem Betreuungsvorschlag zustimmen sollte, könne er beim Amtsgericht Einspruch einlegen, erklärt sie ihm. "Briefumschlag und Briefmarken besorge ich Ihnen." Dann diskutieren die beiden über Fußball. Beim FC Sankt Augustin in der Verbandsliga spielt Susanne rechte Verteidigerin. "Schnell, wendig, aggressiv, technisch aber nicht so gut", sagt sie.

Ihre Stimme ist schneidend. Die selbstbewusste 1,53-Meter-Frau wird respektiert, auch weil sie die Patienten in ihrer Krankheit ernst nimmt. "Kenne ich nicht, aber ich schau im Internet nach, und dann reden wir noch mal drüber", entgegnet sie, als Ferdi mit ihr über ein Gemälde von Picasso sprechen will.

"Für Psychotiker hört die Straße in der Kurve auf"

Nach dem Mittagessen geht Ferdinand in den Werkraum. Das Zimmer, tapeziert mit Bildern der Patienten, an den Decken bunte Papierschlangen, erscheint wie eine Fata Morgana im kalten Grau der 14. "Man kann dem Leben nicht mehr Tage, aber dem Tag mehr Leben geben", schreibt Ferdi auf einen Zettel und klebt ihn an die Wand. Dann arbeitet die Kunsttherapeutin mit ihm. "Für Psychotiker hört die Straße in der Kurve auf", sagt sie, um dem jungen Mann seine Krankheit zu erklären. Er könne ein Bild malen, töpfern oder mit ihr eine Partie "Mensch ärgere Dich nicht" spielen. "So lernen Sie wieder, sich zu konzentrieren."

Es sind die einfachen Tätigkeiten, für Gesunde nicht der Rede wert, die als Brücke zurück in die Normalität dienen sollen. Heute Morgen hat Ferdinand in der Kantine den Mittagstisch für alle Patienten gedeckt, danach seine Jeans in der Stationswaschmaschine gewaschen. In der wöchentlichen Versammlung hat er sich bereit erklärt, regelmäßig die Aschenbecher im Aufenthaltsraum zu leeren.

Tausende wurden erfolgreich behandelt

"Psychiatrie ist, um die Dinge zu ringen", sagt Oberärztin Blothner. Psychosen oder Depressionen können nicht mit Stethoskop und Röntgenbildern bewertet werden. Das Team aus Pflegern und Ärzten muss sich auf seine Erfahrungen verlassen. Täglich werden Berichte über die Patienten geschrieben. Ist er ansprechbar? Kooperativ? Werden Absprachen eingehalten? "Einerseits dürfen wir niemandem ohne Grund die Freiheit rauben, andererseits dürfen wir niemanden zu früh rauslassen", sagt Blothner.

Die Ärzte können weit reichende Entscheidungen auch ohne Rücksprache mit dem Richter treffen. Sie dürfen den Patienten unbegleiteten Ausgang, die Verlegung auf eine offene Station oder bis zu zehn Tagen Urlaub genehmigen. "Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht", weiß Blothner. Aus bitterer Erfahrung. Vor 15 Jahren floh ein Psychotiker, der seine Mutter vor der Mafia schützen wollte, vom Klinikgelände. Damit die Verbrecher ihr nichts mehr antun können, fesselte er die Mutter auf einem Stuhl und zertrümmerte ihr den Schädel mit einem Hammer. Als dem Mann nach seiner erneuten Einlieferung klar wurde, was er getan hatte, versuchte er mehrmals, sich umzubringen.

Spektakuläre Fälle wie dieser bleiben lange im Bewusstsein der Öffentlichkeit. Dass seitdem Tausende Patienten erfolgreich behandelt wurden, hat keine Schlagzeilen gemacht. Abgesehen von den dauerhaft untergebrachten Straftätern, bleiben die Patienten durchschnittlich nur zehn Tage auf der 14. Dann kommen sie auf eine offene Station oder werden ambulant behandelt.

Er hätte so gern Kinder

"Reiß dich zusammen, sonst wird es mir zu langweilig", sagt Ferdinand. Er spielt Kicker gegen Peter, führt neun zu null. Peters Hände zittern. Auf Station 14, da werde "die Würde so zerkratzt, bis sie in Streifen liegt", sagt er. Aber die Psychose, wenn sie denn überhaupt eine Krankheit sei, bringe doch verborgene Talente zum Vorschein. Als er Elvis Presley war, konnte er plötzlich Gitarre spielen. Als Zauberer Merlin hat er brennende Streichhölzer auf seiner Zunge verschwinden lassen.

Ferdi hat gerade Tor 25 erzielt. Peter habe sich verlaufen, "in einem tiefen Wald, und jetzt hört er die Rufe der anderen nicht mehr", flüstert er. Am zehnten Tag hat Ferdinand wieder die Kraft, sich mit anderen zu beschäftigen, muss nicht mehr ausschließlich dem bizarren Film hinter seiner Stirn folgen. Seinen Wunsch, die Station für einen Spaziergang allein verlassen zu dürfen, hat das Ärzte- und Pflegeteam heute abgelehnt.

"Aber mit mir dürfen Sie raus, eine halbe Stunde lang", sagt Susanne. Als die beiden in der Tür stehen, kommen Ferdinand die Tränen. Er wolle wieder arbeiten, sagt er. Hätte so gern Kinder. Den Stimmen in seinem Kopf werde er sagen, sie sollen ihn in Ruhe lassen. "Glaubst du, dass es mit mir noch mal gut werden kann?", fragt er.

Detlef Schmalenberg / print

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