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Besuch im Hospiz: Das sagen Menschen, die dem Tod ins Auge blicken

Wenn es mit uns zu Ende geht, sind viele Dinge, die uns früher etwas bedeutet haben, plötzlich völlig unwichtig. Der amerikanische Fotograf Andrew George hat Sterbende in einem Hospiz interviewt und gefragt, was bleibt. Sein Projekt trägt den Titel "Right before I die".

Jack

Jack: "Tod? Ach, das ist etwas, das passiert. Meine Frau war nicht die größte Liebe meines Lebens. Die war ein japanisches Mädchen Ende der 40er Jahre. Wir kamen klar, es hat Spaß gemacht, mit ihr zusammen zu sein. Sie hat alles genossen; sie ist gern an den Strand gegangen, fischen, Waldspaziergänge, ihr gefiel viel von dem, das ich gemacht habe. Naja, damals waren wir 17 und 16 Jahre alt. Aber dann, während des Krieges, haben sie alle Japaner von hier abtransportiert, in Lager über das ganze Land verteilt. Sie war eine Weile draußen bei der Mojave-Wüste. Wir wollten dort draußen heiraten, aber der Staat hat es verboten, weil wir zu jung waren – obwohl ihre Eltern ihr Einverständnis gegeben hatten und meine gar nichts davon wussten ... Also heiratete ich nicht und das nächste Mal, als ich sie besuchen wollte, war sie nach Utah verlegt worden. Ihr Bruder Greg, mit dem ich zur Schule gegangen war, war zur Armee gegangen und wurde drüben in Europa mit seiner japanischen Einheit in Italien getötet. Ich wäre ihr nach Utah gefolgt, aber ich konnte nicht genug Tankmarken zusammenkriegen. Neulich musste ich an sie denken, weil ich eine japanische Krankenschwester hatte. Ich hatte seit Jahren nicht an sie gedacht."

Andrew George lebt in Los Angeles, hat für seine Fotografien zahlreiche Preise gewonnen und ist oft veröffentlicht worden. Im Jahr 2014 wagte er sich an ein Thema, das wir alle gern verdrängen: den Tod. George hat interessiert, was Menschen denken, die wissen, dass sie nicht mehr viel Zeit zum Leben haben. Am leichtesten findet man diese in einem Hospiz, an dem Ort, der kranken Menschen die letzten Tage erleichtern soll. George hat sich gefragt, was im Leben eigentlich relevant ist. Was werden wir wertschätzen, wenn es für uns einmal soweit ist? Lernen wir von unseren Eltern, dem sozialen Umfeld oder dem Leben selbst, was wirklich wichtig ist? Andrew George ist der Ansicht, dass wir in der westlichen Welt versuchen, den Tod so gut wie möglich auszublenden. Stattdessen, glaubt er, sollten wir uns aber bewusst machen, dass alles, dem wir größte Bedeutung beimessen, einmal verschwinden wird.

Der Fotograf hat in einem Zeitraum von zwei Jahren Menschen im Hospiz fotografiert. Er hat sie interviewt und neben Aufnahmen von ihnen auch welche von kleinen, handgeschriebenen Briefen gemacht, in denen die Sterbenden ihre Gefühle ausgedrückt haben. "Manche haben sich sicher gefühlt, darüber zu sprechen, andere wollten es lieber aufschreiben", erklärt er auf seiner Website. "Manche von uns werden die Größe haben, die Furcht vor der Sterblichkeit zu überwinden und die ungewisse Reise mutig antreten", weiß er nach seinem Besuch in der Einrichtung für Sterbebegleitung.

Was wirklich wichtig ist

Durch seine Interviews hat George festgestellt, dass zwar alle Sterbenden höchst unterschiedliche persönliche Ansichten haben, aber sich manches doch auch sehr ähnelt. Trotz heterogener Hintergründe gab es zwei Dinge, die den Menschen oft zu unwichtig waren, um ihm davon zu erzählen: ihre früheren Berufe und ihr Zustand beziehungsweise die Erkrankung, an der sie sterben werden. George beschloss daher, diese Informationen in seinen Porträts dann auch nicht zu erwähnen.

"Right before I die" wurde 2015 im Musea Brugge gezeigt und soll eventuell auch nach Deutschland kommen. Die Fotografien der Ausstellung sind als Buch erschienen und unter diesem Link bestellbar.

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