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Psychische Erkrankung: Paranoide Schizophrenie - in den Fängen des Wahnsinns

Mit Ende 20 brach bei Klaus Gauger eine paranoide Schizophrenie aus. Es dauerte Jahrzehnte, bis es ihm gelang, mit seiner Krankheit gut zurechtzukommen.

Paranoide Schizophrenie: Ein Erfahrungsbericht aus Patientensicht

Erst vor wenigen Jahren ist Klaus Gauger wieder ganz in der realen Welt angekommen. Medikamente gegen die Auswirkungen der Schizophrenie helfen ihm, dass sich das möglichst nicht mehr ändert

Es war ein kalter Tag im Februar, als sich der Irrsinn, der längst in Klaus Gaugers Kopf tobte, offenbarte. Gauger, damals 28, hatte die Lampen in seinem Zimmer zerlegt und die Holzverschalung der Wand mit der Faust zertrümmert. Er hatte ein Zelt auf die nasse Wiese im Garten gestellt und campierte dort. Kurz darauf brüllte er seine verzweifelten Eltern zusammen, weil sie ihm sagten, im Haus seien keine Mikrofone installiert. Er hielt sie für Feinde, packte seine Mutter am Hals. Die Eltern riefen den Notarzt, die Polizei kam gleich mit. Gauger wurde in ein psychiatrisches Krankenhaus gebracht. Es war der Beginn des dramatischen Ringens mit einer Krankheit, die alles daransetzte, sein Leben zu zerstören – paranoide Schizophrenie.

Heute, mit 52, hat er einen Weg zurückgelegt, den sich kein Filmemacher besser ausdenken könnte. Er hat darüber ein Buch geschrieben, stilsicher, faktengenau, manchmal von beklemmender Komik. Er will mit Urteilen aufräumen, die Menschen mit entgegenschlagen – etwa dem, dass sie dauerhaft unberechenbar und geistig behindert seien.

Wo war der Bruch?

Klaus Gauger lebt heute mit seinen Eltern in deren Haus im nördlichen Teil , direkt an der Rheintalbahnstrecke. Er wohnt in seinem alten Zimmer im Erdgeschoss, Einzelbett, ein Tisch mit Computer, zwei große Lautsprecher. Er ist ein schwerer Mann, "ich wiege 120 Kilo, also 40 Kilo zu viel", sagt er. Musik ist ihm wichtig, in Zeiten von Einsamkeit und Panik hörte er sie so laut, dass sie nach oben zu den Eltern wummerte und nach draußen in das geordnete Wohngebiet.


Er ist hier aufgewachsen, es waren gute Bedingungen. Sein Vater war Professor für Romanistik, seine , eine Spanierin, Übersetzerin großer Literatur. Die Familie war in Deutschland und in Spanien zu Hause. Klaus war als Kind und Jugendlicher ausgeglichen, begabt und beliebt. Er spielte Saxofon in einer Band, sah gut aus, hatte viele Freunde und, seit er 17 war, eine Freundin. Sie studierten, wollten in Spanien leben, später eine Familie gründen.

Wo war der Bruch? Das fragt er sich oft. Inzwischen glaubt er: Es gab keinen. Es war ein schleichender Prozess vom gesunden zum kranken Klaus Gauger. Im Sommer 1988 wurde sein Leben kompliziert. Der 23-Jährige verliebte sich in die Schwester seiner Freundin – die machte ein bisschen mit und wies ihn dann zurück. Er trennte sich von seiner Freundin, die anderen hatten ihr Leben bald wieder geordnet, doch er blieb hängen in Wut und Angst. Aus heutiger Sicht spricht einiges dafür, dass er in einer speziellen Phase war, die einer akuten Schizophrenie oft vorausgeht: Darin ist der Betroffene labil und depressiv.

Noch alles in Ordnung: Ende der 80er Jahre spielte Gauger (l.) leidenschaftlich Saxofon

Noch alles in Ordnung: Ende der 80er Jahre spielte Gauger (l.) leidenschaftlich Saxofon

Schizophrenie ist eine schwere psychische Erkrankung, sie trifft in einen von hundert. Noch ist sie nicht vollständig erforscht, wahrscheinlich gibt es eine erbliche Komponente, vielleicht Stressoren, die die Krankheit auslösen können. Diskutiert wird, dass es verschiedene Ursachen gibt, die zu psychotischen Schüben führen – der THC-Gehalt von Cannabis ist eine davon. Gauger vermutet, dass er die Veranlagung geerbt hat. Um seine Familie zu schonen, konkretisiert er das nicht.

In Deutschland kann es lange dauern, bis Kranke richtig therapiert werden. Insofern keine Fremd- oder Eigengefährdung vorliegt, ist eine Zwangsbehandlung nicht erlaubt. Klaus Gauger sieht diese verfassungsrechtlich geschützte "Freiheit zur Krankheit" kritisch, denn zur Symptomatik der paranoiden Schizophrenie gehört, dass Kranke selbst nicht einsehen, warum sie sich therapieren lassen sollten. "Ich kenne mehrere Fälle, die unbehandelt durch die Gegend rennen", sagt er. "Diese Schizophrenen sind schwer neben der Spur und haben weder ein gutes Leben noch die Möglichkeit, am Arbeitsleben teilzunehmen. Aber behandelt werden sie nicht, weil kein Richter hier eine klare Fremd- oder Selbstgefährdung erkennen will."

"Paranoide Schizophrenie" stand auf der Klinikrechnung

Bei ihm selbst gab es nach seinem Toben im Februar 1994 rechtlich keinen Zweifel daran, dass er andere gefährdete. In der Klinik erlebte er die Ärzte und Pfleger als unmenschlich und kalt. Weil er Medikamente ablehnte, schaltete der Chefarzt ein Vormundschaftsgericht ein, der Richter drohte mit Entmündigung. Gauger unterschrieb alles. In seinem Buch heißt es: "Noch am selben Abend bekam ich einen randvollen Becher Haldol überreicht. Haldol ist ein hochpotentes Neuroleptikum, das schon seit Anfang der 1960er Jahre in den europäischen Psychiatrien häufig eingesetzt wird und auch heute wegen seiner schnellen Wirksamkeit vor allem in der Akutbehandlung zum Einsatz kommt. ... Ich bekam schon nach wenigen Minuten Magenkrämpfe ... als ich auf der Toilette saß, sank ich vor Schmerzen halb ohnmächtig zusammen."

Zwar dämpften die Medikamente während seines siebenwöchigen Aufenthalts die Wahnvorstellungen, doch die Nebenwirkungen waren immens: Gauger nahm kontinuierlich zu, hatte Probleme mit den Augen und konnte nicht ruhig sitzen. Er wurde, weil ihn das beruhigte, zum starken Raucher – bis zu fünf Päckchen am Tag. Bei der Entlassung fühlte er sich als gebrochener Mann: "Ich war apathisch, depressiv, geistig reduziert und übergewichtig", erzählt er. Woran er litt, wurde ihm nicht mitgeteilt, seinen Eltern ebenso wenig. Dass es sich um "paranoide Schizophrenie" handelte, erfuhren sie Wochen später, weil es auf der Klinikrechnung stand.

Bei Gauger blieb eine Restsymptomatik, er fühlte sich immer noch überwacht. Er sprach darüber mit Psychiatern, sie gingen kaum darauf ein. Eine Ärztin verpasste ihm eine Spritze, die seine Situation extrem verschlechterte. Sie nahmen sich, das empfindet er als einen Kunstfehler, keine Zeit, um ein Vertrauensverhältnis zu ihm aufzubauen. Seine Lebensqualität war miserabel: Er litt unter Verfolgungsangst und seinem Aussehen, wohnte bei seinen Eltern, sah, wie seine Freunde durchstarteten. Er wollte so gern gesund werden. Er tat viel dafür. Es gelang ihm, mit dem Rauchen aufzuhören, indem er wie besessen Nikotinkaugummis kaute. Mit seiner Mutter wanderte er den Jakobsweg. In den folgenden Jahren schloss er ein Lehramtsstudium ab, promovierte sogar. Doch er hatte immer noch das Gefühl, verfolgt zu werden, haderte mit den Medikamenten, die ohnehin nur eingeschränkt wirkten. Er setzte sie schließlich ab.

+++ Dürfen Menschen mit paranoider Schizophrenie gegen ihren Willen behandelt werden? Über dieses Thema lesen Sie hier ein Interview mit Professor Andreas HeinzLeiter der Psychiatrie an der Charité in Berlin. +++

Mit Mitte 40, im Jahr 2011, kehrte die Paranoia zurück – mit gewaltiger Wucht. Gauger war überzeugt, es gebe ein weltweites System von Psychiatern, die Einblick in die Gehirne hätten, sah es als seine Mission, sich Zutritt zu diesem System zu erkämpfen. Er formulierte beleidigende Briefe an Ärzte, breitete seine Gedanken in uferlosen Abhandlungen in einem Blog aus, glaubte fest, er sei ein bedeutender Journalist und dass Barack Obama ihn unterstütze und Angela Merkel ihn vernichten wolle.

Er sah – oder halluzinierte – überall Symbole

2013 packte er seinen Rucksack und begab sich auf eine Reise, die drei Monate dauerte. Er wollte Psychiater treffen, die ihm Einlass in ihr "kybernetisches System" gewähren würden, flog nach San Francisco, reiste zum Mental Research Institute in Palo Alto, fuhr nach New York, nach San Diego, nach Toronto, flog weiter nach Tokio, dann nach London. Er sah – oder halluzinierte – überall Symbole, die ihn lenken sollten: tätowierte Totenköpfe. Wann immer er einen entdeckte, änderte er seine Route. Er war ein Getriebener, am Rande der Verwahrlosung. Tatsächlich wurde er zu Psychiatern vorgelassen, mal waren die besorgt, mal professionell distanziert, sie ließen ihn weiterziehen. Gauger erzählt: "Manchmal war das sogar ein gutes Gefühl. Ich dachte, ich bin so bedeutungsvoll, dass die ganze Welt sich für mich interessiert. Aber die Verzweiflung überwog dann oft doch. Ich habe möglichst nur noch aus Dosen gegessen, weil ich dachte, alles andere wäre vergiftet."

Als zum zweiten Mal in seinem Gehirn das Chaos ausbrach, glitt seine Mutter in eine schwere Depression. Die Eltern hielten dennoch unerschütterlich daran fest, dem Sohn beizustehen. Aus den Kontoauszügen erfuhren sie, wo er gerade unterwegs war. Sie schickten ihm Geld, so viel, dass er möglichst nicht verelendete, so wenig, dass er sich keine Irrsinnsflüge durch die Welt leisten konnte. 10.000 Euro summierten sich.

Klaus Gaugers Geschichte hat, aus heutiger Sicht, ein gutes Ende. Bei Menschen mit Schizophrenie geht man von dieser Verteilung aus: Bei einem Drittel tritt nach der ersten Episode keine weitere Psychose auf. Sie gelten als gesund. Ein zweites Drittel hält die Erkrankung mit Medikamenten in Schach. Das übrige Drittel bleibt chronisch krank. Gauger rechnet sich dem zweiten Drittel zu.

Den Ausgang der Weltreise nennen Gaugers Eltern und er heute "Wunder von Huesca": Eher zufällig landete er in der Psychiatrie der spanischen Kleinstadt Huesca. Der Oberarzt sprach mit ihm lange, einfühlsam und klar. Und er ließ ihn nicht mehr gehen. Die spanische Gesetzeslage ist anders als die deutsche: Fremd- oder Eigengefährdung müssen nicht diagnostiziert werden, um einen Menschen, der eindeutig schwer krank ist, zu behandeln. Der Psychiater stellte Gauger vor die Wahl: sechs Monate Klinik. Oder eine Depotspritze mit dem Neuroleptikum Xeplion, die vier Wochen wirken würde. Gauger hatte zwar keine Einsicht in seine Krankheit – aber er war am Ende seiner Kräfte und fasste Vertrauen zu dem Arzt. Nach der Spritze verschwanden die Wahnvorstellungen, die Nebenwirkungen hielten sich in Grenzen.

"Es ist eine Stoffwechselerkrankung"

Von diesem Moment an ging es aufwärts. Inzwischen nimmt Klaus Gauger täglich das Neuroleptikum Abilify ein. Einige Nebenwirkungen sind geblieben – dafür fühlt er sich befreit von jeglicher Paranoia. Er hat das Ziel aufgegeben, als Lehrer zu arbeiten, die – diesmal reale – kritische Beobachtung, unter der er mit der Diagnose Schizophrenie stünde, würde ihn zu sehr unter Druck setzen. Er ist als Genesungshelfer in einem Heim für psychisch Kranke angestellt, Stundenlohn: knapp über elf Euro, macht Fahrdienste, hört sich viele haarsträubende Geschichten an.

Er weiß, dass er als eloquenter Mann gute Voraussetzungen hat, für Menschen mit Schizophrenie etwas in Gang zu bringen. Er wünscht sich, dass sich die Behandlungen verbessern, in jeder Hinsicht, und dass die Krankheit ihr Stigma verliert. "Es ist eine Stoffwechselerkrankung", sagt er, "im Grunde auch nicht viel anders als Diabetes." Gewidmet ist das Buch seinen Eltern. Seine 80-jährige Mutter, die gerade den Bestseller "Die Hauptstadt" von Robert Menasse ins Spanische überträgt, hat sich schon bereit erklärt, auch sein Buch bei Bedarf zu übersetzen.

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