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Interview

Paranoide Schizophrenie: "So viel Autonomie wie möglich, so wenig Zwang wie nötig"

Menschen mit paranoider Schizophrenie leben in einer Parallelwelt: Sie hören Stimmen im Kopf, leiden unter Verfolgungswahn, entfremden sich von Freunden und Familie. Wie kann ihnen geholfen werden? Ein Gespräch mit Professor Andreas Heinz, Leiter der Psychiatrie an der Charité in Berlin.

Prof. Andreas Heinz, Direktor der Charité-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie

"Eine Gratwanderung": Professor Andreas Heinz, Direktor der Charité-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, behandelt an paranoider Schizophrenie erkrankte Patienten

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In Deutschland leiden etwa 800.000 Menschen an Schizophrenie. Jedes Jahr erkranken rund 8000 Menschen neu. Betroffen sind überproportional oft Menschen unter 30 – in vielen Fällen gehören Wahnvorstellungen zum Krankheitsbild und, wenn auch selten, werden Menschen durch ihre Paranoia gefährlich. Ein Gespräch mit Professor Andreas Heinz, Leiter der Psychiatrie an der Charité in Berlin und künftiger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie.

Professor Heinz, ein an paranoider Schizophrenie erkrankter 31-jähriger Mann hat mit einer Axt seinen Stiefvater getötet – er steht jetzt in Lübeck vor Gericht. Angehörige haben immer wieder davor gewarnt, dass er gefährlich werden könnte, weil er sich bedroht und verfolgt fühlte. Offenbar litt er an paranoider Schizophrenie. Was ist da falsch gelaufen?

Ich kenne diesen Mann nicht persönlich. Er wurde auch nicht bei uns behandelt. Aber grundsätzlich gibt es in Deutschland eine große Diskussion, wie wir mit Menschen umgehen, die an einer Psychose leiden, aber sich gegen eine Behandlung wehren. Seit mehreren höchstrichterlichen Urteilen sind Zwangseinweisungen und Zwangsbehandlungen in Deutschland zu Recht nur unter strengen Voraussetzungen erlaubt. Diese Voraussetzungen sind aber von Bundesland zu Bundesland verschieden umgesetzt worden. Meist ist eine Zwangsbehandlung möglich, wenn ein Notfall in Form von akuter Fremd- oder Eigengefährdung vorliegt. So ist das zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen. In Berlin sieht die Sache anders aus: Da dürfen wir auch bei richterlicher Genehmigung nur bei Eigengefährdung gegen den Willen des Kranken ein Neuroleptikum geben, das die Psychose behandelt.

Wie schützen Sie dann Menschen vor ihrer Aggression – und verhindern mögliche Gewalttaten?

Vorweg: Nur ein kleiner Teil von an Schizophrenie Erkrankten wird eines Tages gewalttätig. Die Behandlung kann sehr schwierig sein. Wir hatten hier einen Patienten, der wollte in seinem Wahn einem Pfleger mit einer Glasscherbe die Leber aus dem Leib schneiden. Er war so aggressiv, dass wir ihn fixieren mussten. Als er nach mehreren Tagen aus der Psychose herausfand, tat ihm das furchtbar Leid und er konnte sich gar nicht mehr erklären, warum er das getan hatte. Er sagte: "Sie hätten mir ein Medikament geben sollen!"

Bekommt er das nun dann, wenn er erneut in eine Paranoia rutscht?

Dafür bieten wir allen Patienten eine Behandlungsvereinbarung an. Auf der sicheren Seite ist man damit aber auch nicht. Ich hatte hier den Fall einer Frau, die sich vor vielen Jahren gewünscht hatte, bei einem neuen Schub ihrer Schizophrenie auch gegen ihren Willen stationär aufgenommen und zwangsbehandelt zu werden. Bei einer Zwangsbehandlung muss in Deutschland immer ein richterlicher Beschluss eingeholt werden. Obwohl diese Frau große Probleme hatte, lehnte der Richter ab, eine Zwangsbehandlung anzuordnen, da sie zwischenzeitlich ihre Medikamente immer wieder abgesetzt hatte. Es war Winter und wir hatten Angst, dass sie unbehandelt nach der Entlassung erfrieren könnte - aber konnten ihr psychotherapeutisch nicht helfen, kamen in kein Vertrauensverhältnis. Auch der Richter fühlte sich damit gar nicht wohl – er verhielt sich aber entsprechend dem Gesetz.

Im Grunde zeichnet es eine humane Medizin ja aus, dass Menschen selbst darüber entscheiden können, ob sie gesund werden möchten oder nicht.

Ich habe selbst als junger Arzt die 80-er Jahre miterlebt. Da wurde nicht lange gefackelt: Wer psychotisch wirkte, kam fast automatisch in die Psychiatrie und bekam damals oft schon an der Türschwelle ein Medikament in hoher Dosierung mit oft schweren Nebenwirkungen verabreicht. Das war falsch.

Ging es den Patienten mit einem solchen Medikament sicher besser?

Leider nein. Damals wurde es oft so hoch dosiert, dass sie sich emotional wie eingemauert fühlten. Aber auch wenn die Dosierung stimmt, helfen Antipsychotika nur in zwei Dritteln der Fälle und sie haben oft deutliche Nebenwirkungen. Es ist gut, dass die Autonomie der Patienten und ihre Würde heute einen hohen Stellenwert haben und rechtlich besser geschützt sind. Aber heute werden Menschen, die zum Beispiel unter schrecklichen Verfolgungsängsten leiden und verwahrlosen, oft um die Erfahrung gebracht, dass ihnen Medikamente helfen könnten. Man sollte ihnen meines Erachtens ermöglichen, das wenigstens einmal zu erleben.

Klaus Gauger, heute 52 und selbst an Schizophrenie erkrankt, sagt rückblickend, seine Rettung war nach jahrelangem Gefangensein in einem schweren Wahn ein Psychiater in Spanien, der sich ihm ausführlich und warmherzig widmete - ihn aber auch knallhart vor die Wahl stellte: Depotspritze mit einem Neuroleptikum oder stationäre Unterbringung. Die Menschlichkeit des Psychiaters habe ihm enorm geholfen, zu verstehen, dass mit ihm etwas nicht stimmt. (Der stern hatte über Klaus Gauger berichtet - hier lesen Sie seine Geschichte.)

Man täuscht sich, wenn man denkt, Menschen, die sich in einer Psychose befinden und überhaupt nicht einsehen, dass sie krank sind, seien völlig unzugänglich. In Deutschland hat sich viel getan: Heute gehört Psychotherapie, gehören Gespräche, gehört eine vertrauensvolle Beziehung zum Patienten auch zur Behandlung in der Psychiatrie. Wir an der Charité legen viel Wert darauf, dass die Patienten uns vertrauen und freiwillig da bleiben und behandelt werden wollen. Natürlich hängt die Intensität der Gespräche von den personellen Möglichkeiten ab. An der Charité, einer Universitätsklinik, haben wir eine bessere Situation als Kolleginnen und Kollegen in manchen Klinikunternehmen, die ständig gehalten sind, Geld zu sparen.

Was möchten Sie, möchte die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie in Deutschland verändern?

Der Umgang mit psychisch kranken Menschen, denen die Einsicht in ihre Erkrankung fehlt, muss bundesweit diskutiert werden. Einen Fall wie den des Felix B. aus Hamburg, in dem es offenbar sehr viele Hinweise gab, dass der junge Mann schwer paranoid (also schwer krank) und darin auch sehr bedrohlich ist, dem aber niemand half, sollte es möglichst nicht geben können. Natürlich wird es bei Menschen mit schizophrenen Psychosen immer eine Gratwanderung bleiben zwischen so viel Autonomie wie möglich und so wenig Zwang wie nötig. Deshalb brauchen wir eine öffentliche Diskussion und bundesweite Regelungen.


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