HOME
Interview

Psychotherapie: Kritisch bleiben! Woran Patienten schlechte Therapeuten erkennen

Der Psychiater Professor Günter Seidler hat die Psychotraumatologie in Deutschland mit aufgebaut. Er fordert eine bessere Ausbildung - aus guten Gründen.

Pfusch an der Seele: Was können Patienten tun, wenn die Psychotherapie scheitert?

Pfusch an der Seele: Was können Patienten tun, wenn die Psychotherapie scheitert?

Woran erkennt ein Patient rechtzeitig, dass in der Therapie etwas falsch läuft?

Grenzüberschreitungen fangen meist harmlos an. Der Therapeut klagt über die eigene Ehe, über Einsamkeit oder über persönliche Belastungen. Oder aber er wertet seinen Patienten ab, wird schroff und verletzend. Ein Unbehagen ist für Patienten ein guter Anlass, genauer hinzuschauen. Vielleicht sollte er noch ein, zwei Stunden abwarten, dann aber den Therapeuten auf seinen Eindruck ansprechen. Bleibt danach das Unbehagen, rate ich, nach Ersatz zu suchen.

So leicht wird er keinen Ersatz finden. Die Wartezeiten sind lang.

Die Versuchung ist da groß, die Therapie nicht infrage zu stellen. Die Patienten sollten es trotzdem tun. Ich empfehle auch, sich über die Grundsätze einer Therapie zu informieren. Abstinenz ist herausragend wichtig. Das heißt, dass Therapeuten ihre Patienten nicht zur Befriedigung eigener Wünsche und Bedürfnisse heranziehen dürfen. Ein guter Therapeut muss auch erklären können, welche Problematik er sieht – und wie er sich die Therapie vorstellt.

Man weiß heute, dass eine gute Bindung zum Therapeuten entscheidend zum Erfolg beiträgt. Wie lässt sich das mit Abstinenz vereinbaren?

Das Abstinenzgebot ist die wichtigste Verhaltensregel für Therapeuten. Allerdings heißt das nicht, gefühlsmäßig kalt und abweisend zu sein, sondern eine gesunde Distanz zu halten, die dem Patienten Raum für seine Entwicklung lässt.

Wenn Sie einen Therapeuten in Supervision haben, der Ihnen von Liebesgefühlen zu einer Patientin berichtet – wie reagieren Sie?

Ich weise ihn auf eine Grundregel hin: Alles, was der Therapeut im Kontakt mit einem Patienten erlebt, hat vor allem mit dem Gefühlsleben des Patienten zu tun. Das ist eine Wirkung der Übertragung des Patienten. Der Therapeut sollte deshalb so neutral wie irgend möglich sein. Das gilt auch für Verliebtheitsgefühle. Es kann natürlich mal sein, dass den Therapeuten sehr viele eigene Gefühle bewegen. Dann muss er die Sitzung oder vielleicht sogar die gesamte Therapie mit einer ehrlichen Begründung beenden. Ähnlich, wie ein Chirurg, der übermüdet ist oder Fieber hat, die nächste Operation absagen muss. Die Absage ist dann wirklich kein Behandlungsfehler.

An wen sollen sich Patienten wenden, wenn etwas schiefläuft?

Den Geschädigten fällt es meist schwer, sich erneut an einen Therapeuten zu wenden oder an eine Einrichtung, die der therapeutischen Seite zugerechnet wird, wie etwa die Psychotherapeuten- oder Ärztekammern der Bundesländer. Der "Ethikverein" ist eine lobenswerte Angelegenheit, allerdings besteht er ausschließlich aus Ärzten und Therapeuten. Ich würde mir eine neutrale Institution wünschen, in der die Hilfesuchenden auch auf Menschen treffen, die mehr Abstand haben: Juristen, Polizeibeamte, der Psychotherapie gegenüber kritische Ärzte und auch Betroffene. Eine gemeinnützige Stiftung wäre dafür eine geeignete Rechtsform.

Müsste in der Ausbildung zum Psychotherapeuten etwas verändert werden?

Bei den privatwirtschaftlich organisierten Weiterbildungen nach dem Studium liegt vieles im Argen. Interne Kritik wird nicht gern gesehen, das höre ich oft. Viele Teilnehmer klagen, dass sie auf die Gefahr unheilvoller Verwicklungen mit ihren späteren Patienten kaum hingewiesen würden, auch werde ihnen kein Rüstzeug zum Selbstschutz in heiklen Situationen vermittelt. Ich halte es für erforderlich, einen Studiengang "Psychotherapiewissenschaft" einzuführen, der die therapeutische Ausbildung bereits enthält und auch praktische Aspekte berücksichtigt.


Wissenscommunity