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Gesundheit: Vom Trauma in die Traufe - wenn Psychotherapie schadet

Millionen Menschen suchen jedes Jahr Hilfe wegen psychischer Leiden - wie gut die Therapeuten arbeiten, ist jedoch nur schwer zu kontrollieren. Was Patienten tun können, wenn die Behandlung scheitert.

Psychotherapie: Pfusch an der Seele der patienten

Millionen Menschen suchen jedes Jahr Hilfe wegen psychischer Leiden. Wie gut die Therapeuten arbeiten, ist jedoch nur schwer zu kontrollieren. Experten fordern mehr Rechte für Patienten

Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand. In einer auch. Zwei Menschen sitzen sich gegenüber, nur sie beide, der eine weiß nicht mehr weiter, der andere, ein Wildfremder, soll ihm helfen – aber weiß er, was er tun muss? Wendet er die richtige Methode an? Ist es eine gute Idee, gerade ihm die Seele zu öffnen? So häufig Psychotherapie tatsächlich heilt, gar nicht mal so selten macht sie das Leiden eher schlimmer.

Victoria K. stürzte nach dem Tod ihres Mannes tiefer und tiefer ins Dunkel. Die frühere Rettungssanitäterin und Polizistin, die in der Nähe des Bodensees lebt, hatte ihren Partner qualvoll sterben sehen. Sie blieb mit vier Söhnen zurück, verzweifelt, labil, die Gespenster der Vergangenheit meldeten sich zurück, als Kind war sie schwer sexuell missbraucht worden – und Victoria K. spürte: Ich brauche Hilfe. Dringend. Sie suchte einen Traumatherapeuten und fand: Edgar Schramm (Name von der Redaktion geändert), Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapeut und Traumatherapeut – damit warb er auf seiner Internetseite. Heute sagt sie: "Dieser Mann hat mir das nächste Trauma beschert." Es dauerte 63 Sitzungen, bis sie den Absprung schaffte. Nun, drei Jahre später, versucht sie zu erreichen, dass dieser Mann nicht mehr therapieren darf. Ein schwieriges Unterfangen.

Jedes Jahr wird bei rund zehn Millionen Deutschen eine psychische Störung diagnostiziert

In Deutschland rutscht jeder zweite Erwachsene ein Mal in seinem Leben in eine Krise, aus der er nicht allein herausfindet: Depressionen, Angst- und Schlafstörungen, Panikattacken oder posttraumatische Belastungsstörungen. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass bis zum Jahr 2020 Depressionen und verwandte Störungen, die die Stimmung massiv aus dem Gleichgewicht bringen, weltweit zur zweithäufigsten Volkskrankheit werden, gleich nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Frauen sind häufiger betroffen als Männer, doch die holen auf. Jedes Jahr wird bei rund zehn Millionen Deutschen eine psychische Störung diagnostiziert, etwa 1,2 Millionen nehmen eine Behandlung bei einem von der Kasse zugelassenen Therapeuten in Anspruch.

Anders als noch vor wenigen Jahren wagen es heute Menschen eher, sich mit ihrem Kummer einem Arzt anzuvertrauen. Und war es früher wahrscheinlich, dass der Arzt einen Patienten mit Schlafstörungen und Angstschüben zum Ausruhen nach Hause schickte, verordnet er heute eher: eine Psychotherapie.

Studien belegen, dass sich 65 Prozent der Behandelten nach ihrer Therapie besser fühlen, manchmal reichen wenige Termine. Die Erfolgsbilanzen anderer Heilverfahren wie Operationen, Schmerz- oder Physiotherapie sind längst nicht so gut. Doch wahr ist auch: Bei vielen bessert sich auch nach Dutzenden Sitzungen gar nichts, und, je nach Untersuchung, bis zu 20 Prozent der Patienten haben nach der Therapie sogar mehr Probleme als zuvor – allein in also bis zu 240.000 Betroffene pro Jahr.

Körperkontakt gilt als Tabu in der Psychotherapie

In kaum einem Sektor der Medizin mangelt es so sehr an Kontrolle wie in der Psychotherapie. Schon die Diagnose gestaltet sich schwierig, schließlich lassen sich seelische Schmerzen nicht exakt messen wie Blut- oder Zuckerwerte. Jede Therapie muss individuell angepasst werden. Schwer zu greifen ist auch, welchen Anteil die Sitzungen an Verbesserung oder Verschlechterung der Symptome haben. Wenn ein Patient tiefer ins Leid fällt – liegt es am weiterhin üblen Leben oder an Fehlern des Psychologen?

In einer Therapie kommt es mehr als in anderen Heilverfahren auf die Persönlichkeit des Behandelnden an. Bei einem Chirurgen fällt kaum ins Gewicht, ob er einen Patienten unsympathisch oder anziehend findet, ob er Zyniker ist oder Humanist. Bei einem Psychotherapeuten schon. Studien belegen, dass das Gefühl, gut aufgehoben zu sein, für die Heilungschancen besonders wichtig ist. Aber woran kann der Patient erkennen, ob er auch fachlich tatsächlich gut aufgehoben ist?

Wie für jede andere medizinische Disziplin gibt es für die Psychotherapie Richtlinien, die die Qualität sichern sollen. Die Kammern der Psychotherapeuten – jedes Bundesland hat eine eigene – haben "Berufspflichten" festgelegt, die Fachverbände ethische Standards. Vorausgesetzt werden Fachkompetenz und ein reflektierender Umgang mit den eigenen Grenzen. Therapeuten sind demnach verpflichtet, sich fortzubilden, die genau zu dokumentieren und den Patienten über das Ziel der Therapie aufzuklären. Körperkontakt gilt als Tabu, abgesehen von wohldosierten Berührungen wie etwa Händeschütteln zur Begrüßung. Besonders wichtig ist die "Abstinenzregel". Der unabhängige Verein "Ethik in der Psychotherapie", der sich als ehrenamtlicher Wächter versteht, definiert sie so: "In einer psychotherapeutischen Behandlung oder Ausbildung gehe ich mit den mir anvertrauten Personen keine privaten, beruflichen oder ökonomischen Abhängigkeitsverhältnisse ein. Ich unterlasse narzisstischen Missbrauch, Manipulation, politische, weltanschauliche und religiöse Indoktrination."

Einmal forderte er sie auf, ihm seinen Nabelbruch zu verbinden

Victoria K. ist nach gekommen, um ihre Geschichte zu erzählen. Die 58-Jährige hat fünf Tagebücher dabei und einen Ordner mit ausgedruckten E-Mails und religiösem Material, das Edgar Schramm, der Traumatherapeut, damals an sie schickte, manchmal spätnachts. Die Schilderungen von K. über das Verhalten des Arztes zeichnen das Bild eines Mannes, der gegen so ziemlich jeden therapeutischen Grundsatz verstieß.

Bereits in der ersten Sitzung erschien er Victoria K. distanzlos. Er habe verlangt, mit ihr über Whatsapp und E-Mail immer in Kontakt zu stehen. In den folgenden Sitzungen verstärkte sich das unangenehme Gefühl. Mal habe Schramm nach ihrer Hand gegriffen, sie gestreichelt und ihr erzählt, sie habe hellseherische Fähigkeiten. Dann habe er gepoltert, sie habe ein schlechtes Karma und verdiene Strafe. Die Grenze zwischen Therapie und Privatleben verschwamm. Schramm, so berichtet Victoria K., ließ sich von ihr am Flughafen abholen und in seine Praxis fahren. Er drängte sie zu Veranstaltungen in seine anthroposophische Kirchengemeinschaft. Einmal forderte er sie auf, ihm seinen Nabelbruch zu verbinden. "Er hatte immer eine Begründung", sagt sie, "zum Beispiel, dass er es nicht mehr zum Arzt schaffen würde, ich doch Rettungssanitäterin sei und deshalb wüsste, wie man einen Verband wechselt." Schramm habe ihr erzählt, dass ihn der Schießsport fasziniere, zum Beweis habe er in einer Sitzung ein Sturmgewehr aus dem Schrank geholt, das sie gemeinsam zerlegt und geputzt hätten. Warum sie sich gegen all das nicht wehrte? Weil er ihr gesagt habe: Ich mache eine eigenwillige Therapie – aber die wird helfen. "Schramm wirkte auf mich überheblich und fahrig", sagt sie heute. Damals wollte sie nur gesund werden. Sie dachte, das müsse sie eben aushalten.

Dann aber kam der Tag, an dem sie den Irrsinn erkannte. Während der Therapie hatte Victoria K. mit Schramms Hilfe entdeckt, dass sie aus 24 Persönlichkeiten bestehe – sie glaubte es. Schramm war davon fasziniert, er sagte, er kenne sich mit "dissoziativen Persönlichkeitsstörungen" aus. Er lud sie ein, mit ihr einen bösen Anteil, sie nannten ihn "Brutus", zu vernichten. In dieser Sitzung wurde Schramm handgreiflich – und Victoria K. setzte dem Spuk endlich ein Ende.

Inzwischen hat sie bei der zuständigen Ärztekammer, der Schramm angehört, und bei Fachgesellschaften wie der Deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie (DeGPT) Beschwerden eingelegt.

"Gemeingefährliche Scharlatanerie"

In einer Stellungnahme, die Schramm zu den Vorfällen schrieb, schob er die Verantwortung auf die Patientin. Die habe Verschmelzungswünsche gehabt, denen er hier und da nachgab, um sie nicht zu enttäuschen.

Fachleute wie Michaela Huber schütteln über das Verhalten des Arztes den Kopf. Huber leitet die "Deutsche Gesellschaft für Trauma und Dissoziation" in Göttingen. Sie kennt Schramm nicht, sie kennt nur den Bericht seiner Patientin und sein Schreiben. Die "dissoziative Identitätsstörung" ist ihr Fachgebiet. Ein seriöser Umgang damit bedeute, zuerst eine Diagnose zu stellen, zu der ein strukturierter Fragebogen gehört, so die Expertin. Sollte diese Störung wirklich existieren, sei es abwegig, "einen Persönlichkeitsanteil ausrotten zu wollen wie bei einer Satansaustreibung". Mehr noch – Huber nennt das Verhalten: "gemeingefährliche Scharlatanerie".

Die Erfahrungen von Victoria K. mögen krass sein, doch sie machen besonders deutlich, was Patienten in ihrer Hoffnung auf Genesung hinzunehmen bereit sind. Im südlichen Essen arbeitet die Ärztin und Psychotherapeutin Andrea Schleu, eine schmale, große Frau mit offenem Blick, sie ist die Vorsitzende des Vereins "Ethik in der Psychotherapie". Zum Treffen in einem Lokal in der Stadtmitte eilt sie im Stechschritt, alles an ihr strahlt aus: Bloß keine Zeit verlieren. "Wir haben in Sachen Transparenz ein sehr großes Problem", sagt sie. Vor 13 Jahren hat sie den Verein gegründet. Damals war sie Delegierte der Kassenärztlichen Vereinigung und bekam Einblick in Abrechnungen der Psychotherapeuten. Viele mussten gekürzt werden, sie waren nicht korrekt. Schleu ärgerte das. Sie fand, es müsse ein Gremium geben, das Therapeuten auf die Finger schaut, auch bei ihrer inhaltlichen Arbeit. Zwar können die Kammern der Ärzte und Psychotherapeuten Zulassungen entziehen, "aber das sind Interessenvertretungen, die schützen im Zweifelsfall ihre Mitglieder", sagt Schleu. Patienten haben es da oft schwer. Wenn sie nicht nachweisen können, dass ihnen die Therapie schadet, oder wenn es keine strafrechtlich relevanten Vorfälle gibt, verschwindet ihre Zuschrift meist in der Schublade.

stern-Reporterin Nina Poelchau (rechts) im Gespräch mit Traumaexpertin Michaela Huber

stern-Reporterin Nina Poelchau (rechts) im Gespräch mit Traumaexpertin Michaela Huber


Beim Ethikverein gehen pro Jahr etwa 200 Beschwerden von Patienten ein – wenig in Anbetracht der alarmierenden Zahlen. Andrea Schleu schätzt, dass nur ein Bruchteil der Patienten den Mut hat, sich zu melden. Die meisten zweifelten eher an sich selbst als an der Kompetenz oder dem Charakter des Therapeuten. "Das ist ein Fehler", sagt Schleu, "so wird sich nichts ändern."

22.323 zugelassene Therapeuten - für eine Million Betroffene

Etliche Patienten informieren sich nicht, wenn sie eine Psychotherapie beginnen. Die meisten kennen weder Richtlinien noch Methode und wissen nicht, dass eine gute Bindung zum Therapeuten unschätzbar wichtig für die Heilung ist und bei Antipathie jede Sitzung verschwendete Zeit. Um ihren Mitgliedern Wahlfreiheit zu ermöglichen, zahlen die Kassen bis zu sechs probatorische Sitzungen. Die Patienten können sich zwischen Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie und Psychoanalyse entscheiden. Tatsächlich aber wird die Wahlfreiheit selten genutzt. Weil es in Deutschland für über eine Million jährlich Betroffene gerade einmal 22.323 zugelassene Therapeuten gibt, gestaltet sich die Suche wie die Reise nach Jerusalem: Wer einen Platz hat, gibt ihn nicht mehr her – auch wenn er wackelig und unbequem ist.

Julian B. ist Student, ein sportlicher 23-Jähriger, der Lehrer werden will. Als er vor zwei Jahren sein Studium begann, litt er mit einem Mal an Redeangst. Bei seinem ersten Referat blieb ihm die Stimme weg, er bekam Herzrasen, musste den Vortrag abbrechen – und schlich hochrot zu seinem Platz zurück. Danach traute er sich nicht mehr, öffentlich zu sprechen. Seine Angst breitete sich aus. Bald fürchtete er sich vor jeder Prüfung. Er beschloss, einen Psychologen zu konsultieren. Von einer Kommilitonin wurde ihm eine Adresse gegeben. "Psycho ist psycho", dachte er – was seine Therapeutin genau mit ihm anstellen würde, war ihm eigentlich egal, sie würde ihm schon irgendwie helfen. Die Analytikerin war eine strenge Frau, sie bestellte ihn dreimal die Woche ein. Er lag auf der Couch, sollte erzählen, was ihm so einfiel, die Analytikerin hörte zu und sagte fast nichts. Der junge Mann rollte die frühe Scheidung seiner Eltern auf, den Umzug von Garmisch-Partenkirchen nach Düsseldorf vor vielen Jahren. "Ich kam vom Hölzchen aufs Stöckchen", erinnert er sich. Das Dumme nur: Er hatte außerhalb der Therapie weiterhin Angst zu sprechen, und sein Studium rückte unendlich weit weg, es dauerte nicht lange, da kümmerte er sich keinen Strich mehr darum. "Ich war wie in einer Blase, ich habe mich nur noch mit mir beschäftigt – und von Stunde zu Stunde tat sich mehr Material auf." Gut ein Jahr ging das so, 116 Therapiestunden verstrichen, mit Sorge beobachtete Julians Vater, dass sein Sohn den Alltag nicht mehr hinbekam und sichtlich überfordert von allem war, was er aus der Vergangenheit ans Tageslicht holte. Der Vater ging mit ihm zu einer kirchlichen Beratungsstelle. Dort fragte der Psychologe genau nach – und kam zu dem Schluss, dass der junge Mann keine Psychoanalyse, sondern eine Verhaltenstherapie brauche. Julian B. war einverstanden. Er bekam Einzelstunden, in denen er lernte, entspannt zu atmen, sich selbst zu beruhigen, und er nahm an einer Gruppentherapie teil, in der er übte, vor anderen zu sprechen. Es dauerte sechs Wochen, bis er seine Angst überwand. Heute geht es ihm gut. Er ist überzeugt: "Ich war in den falschen Händen."

Andrea Schleu kennt viele solche Beispiele: Die Patienten beißen die Zähne zusammen und schalten ihren kritischen Verstand und ihr durchaus gesundes Bauchgefühl ab. "Einige akzeptieren einfach, wenn sie bereits nach 20 Minuten entlassen werden, obwohl die Stunde 50 Minuten dauert. Sie nehmen hin, dass sie nicht über ihre Diagnose auf geklärt werden", erzählt Andrea Schleu. "Es gibt Therapeuten, deren Behandlungen plätschern vor sich hin ohne Sinn und Ziel. Manche Psychologen erzählen von ihren eigenen Sorgen, zwischendurch telefonieren sie, und nachdem sie aufgelegt haben, plaudern sie die Geschichten anderer Patienten aus." Manchmal melden sich Leute und berichten, dass ihre Therapie Knall auf Fall beendet worden ist. "Die Patienten vermuten, dass sie ihrem Therapeuten zu anstrengend geworden sind", sagt Schleu, "das ist eine große Belastung für psychisch angeschlagene Menschen."

Sex mit Patienten

In Baden-Württemberg arbeitet ein Psychotherapeut, der eine Patientin vor die Tür setzte, weil die sich in ihn verliebt hatte. Die 43-jährige Sekretärin sehnte sich nach Zuwendung, wie das öfter bei Menschen in Therapie geschieht. Es war dieser Frau schwer genug gefallen, dem Therapeuten ihre Gefühle zu offenbaren. Aber was sollte sie tun? Es war vereinbart, dass sie voller Vertrauen über alles sprechen sollte, was sie bewegte. Zunächst reagierte der Therapeut begeistert: Das sei ein wertvoller Fortschritt in der Therapie! Dann wuchs ihm die Sache anscheinend über den Kopf. Er beendete das Vertrauensverhältnis mit einer Schuldzuweisung: Er könne doch nicht mit einer Patientin arbeiten, die in ihn verliebt sei! Die Patientin fühlte sich schuldig und zutiefst verletzt.

Andrea Schleu sagt: "Es passiert gar nicht so selten, dass ein Patient Verliebtheitsgefühle entwickelt, weil er sich endlich verstanden fühlt. Der Therapeut muss damit aber professionell umgehen und wissen, dass er in seiner Arbeit eine Projektionsfläche ist und nicht als Person gemeint ist." Wie weit es führen kann, wenn sich ein Therapeut über die Dynamik zwischen ihm und dem Patienten nicht im Klaren ist, zeigt ein Fall, der gerade im fränkischen Ansbach untersucht wird. Dort sitzt ein Allgemeinmediziner und Psychotherapeut in Untersuchungshaft, der Patientinnen gern in den Abendstunden einbestellte. Ihm wird vorgeworfen, mit fünfen von ihnen Sex gehabt zu haben, in weit über hundert Fällen. Eine der Frauen ging zur Polizei. Der Therapeut verweist jetzt darauf, dass er keinen Missbrauch im klassischen Sinne verübt habe. Sein Verteidiger sagte gegenüber dem stern, es habe sich stets um "echte emotionale Beziehungen" gehandelt. Man müsse sich das wie bei einem Pfarrer vorstellen, "der sich über den Zölibat hinwegsetzt, weil er sich echt verliebt hat".

Jedoch: Immer wenn sich ein Psychotherapeut mit einem Patienten sexuell einlässt, ist das ein schwerer Behandlungsfehler. Darauf stehen bis zu fünf Jahre Gefängnis nach Paragraf 174c – "Sexueller Missbrauch unter Ausnutzung eines Beratungs-, Behandlungs- oder Betreuungsverhältnisses".

Der Ethikverein geht davon aus, dass es jährlich zu etwa 1400 Fällen von sexuellem Missbrauch in Therapiepraxen kommt. Häufig beginnt er schleichend: private Treffen, Handhalten, tröstendes In-den-Arm-Nehmen. Die Patientinnen öffnen sich – und plötzlich will der Therapeut mehr.

Zwischen dem schieß- und missionierungsfreudigen Edgar Schramm und Victoria K. gab es keinen Sex. Strafrechtlich wird der Mann wahrscheinlich nicht zur Verantwortung gezogen werden, denn ethische Grundsätze für Psychotherapeuten sind schön und gut, aber keine Gesetze.

Weiter therapieren - auch ohne Zulassung

Telefonat an einem Mittwochabend. Edgar Schramm hat gerade seine letzte Traumabehandlung beendet und geht sofort an den Apparat. Er will nicht viel sagen. Schweigepflicht. Angesprochen auf die Vorwürfe seiner Patientin, wirkt er ein bisschen enttäuscht. Er mache etwas, das viele Therapeuten nicht könnten: "Ich lasse Nähe zu." Er sei außerdem so umfangreich ausgebildet, dass er verschiedene Therapieformen je nach Bedarf mische. Alles, was er tue, tue er, um zu helfen! Ein therapeutisches Verhältnis wie das zwischen Victoria K. und ihm habe nun mal eine eigene Dynamik. Er zieht diesen Vergleich: "Stellen Sie sich vor, eine Frau liegt mit einem Mann im Bett. Kann man das kontrollieren?"

Die Ärztekammer in Berlin, bei der sich K. beschwerte, hat laut Schramm mitgeteilt, sie werde der Sache nicht nachgehen. Die Psychotraumatologen-Gesellschaft hingegen hat beschlossen, den Therapeuten vor ein Schiedsgericht zu laden. So etwas tut sie nur, wenn sie erhebliche Zweifel an einem Mitglied hat. Es ist möglich, dass Edgar Schramm anschließend aus seinen Fachgesellschaften entlassen wird. Im äußersten Fall wird ihm die zuständige Ärztekammer die Zulassung entziehen. Doch auch ohne Zulassung könnte er weiter therapieren – der Mangel an Behandlungsplätzen eröffnet beste Chancen auf dem privaten Markt.

Vor fünf Jahren wurde ein Therapeut im Ruhrgebiet, der seine Patientin sexuell missbraucht hatte, zu Bewährungsstrafe und Berufsverbot verurteilt. Jetzt steht auf seinem Türschild nicht mehr "Psychologischer Psychotherapeut, alle Kassen", sondern "Berater, Coach und Organisationsentwickler". Supervision hat er auch im Angebot, für Psychotherapeuten, die nicht mehr weiterwissen.


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