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Wenn der Psychotherapeut versagt: "Reißen Sie sich halt zusammen"

Millionen Menschen sind auf Psychotherapie angewiesen. Meist hilft sie. Doch manchmal stürzen Patienten noch tiefer in die Krise, weil der Therapeut seine Kunst nicht beherrscht. Ein Fallbeispiel.

Von Nina Poelchau

An erster Stelle steht eine gute Vertrauensbasis, damit die Therapie wirken kann.

An erster Stelle steht eine gute Vertrauensbasis, damit die Therapie wirken kann.

Psychotherapie ist für viele ein Rettungsanker. Dann, wenn sie mit ihrem Leben nicht mehr zurechtkommen, wenn irgendetwas konsequent den Weg versperrt hin zu Leichtigkeit und Freude. Gerade Angststörungen haben eine sehr gute Heilungschance - vorausgesetzt, die Behandlung passt.

Der Psychiater und Psychotherapeut Michael Linden hat zusammen mit seinem Kollegen Bernhard Straß ein Buch geschrieben: "Risiken und Nebenwirkungen von Psychotherapie". Linden empfiehlt Menschen mit psychischen Problemen grundsätzlich sehr genau hinzusehen und gut auf ihr Gefühl zu hören, wenn sie eine Therapie beginnen. Man weiß heute: Besonders wichtig ist die Beziehung zwischen Therapeut und Patient. Auf Fachkenntnisse kommt es natürlich auch an. Darauf, eine Therapie sinnvoll und zielorientiert zu gestalten. Aber zuerst muss es eine gute Vertrauensbasis geben, damit die Therapie wirken kann.

Sie sagte: "Sie müssen mal erwachsen werden"

Anja Meyer* aus München, Grafikerin in einer Werbeagentur, hatte mit 18 zum ersten Mal einen Panikanfall in einem öffentlichen Bus. Es war in einer Zeit, in der sie aus verschiedenen Gründen sowieso extrem dünnhäutig war. Anschließend traten immer wieder extrem belastende Situationen auf, vor allem, wenn sie Verkehrsmittel benutzte: Ihr Herz raste, ihr brach der Schweiß aus, sie hatte Angst, in Ohnmacht zu fallen. Sie zog sich immer mehr zurück und litt letztlich unter sozialer Vereinsamung. Schließlich entschloss sie sich zur Therapie.

Vier Therapieversuche unternahm sie, die allesamt von ihrer Krankenkasse problemlos bezahlt wurden. Tiefenfundierte Therapie, eineinhalb Jahre. Verhaltenstherapie eins, 25 Stunden. Verhaltenstherapie zwei: Da fühlte sie sich gut aufgehoben, musste dann allerdings umziehen und diesen Therapieversuch abbrechen.

Die dritte Therapeutin, diesmal in Stuttgart, empfand sie als schroff und wenig einfühlsam, sie fühlte sich behandelt wie ein Kind: "Sie müssen jetzt mal erwachsen werden", soll sie gesagt haben. Anfangs habe sie versprochen, mit ihrer Patientin zusammen Bus zu fahren. Davon war dann aber im Laufe der Therapie keine Rede mehr, Anja Meyer hatte den Eindruck, die Therapeutin war für eine solche Unternehmung einfach zu bequem. Als sie einmal nachfragte, soll ihr die Frau gesagt haben: Sie solle es jetzt alleine versuchen mit dem Busfahren. "Sie müssen sich eben zusammenreißen." Schon bei dem Gedanken daran bekam Meyer am nächsten Tag solches Herzrasen, dass sie es nicht einmal zur Haltestelle schaffte. Sie sagte die Therapiestunde am darauffolgenden Tag ab, weil sie sich nicht mehr aus dem Haus traute. Die Therapeutin stellte ein Ausfallhonorar in Rechnung. Das war das Ende. Meyer überwies das Geld und schloss mit allem ab, was die Krankenkassen an Therapie bezahlen.

Die heute 35-Jährige ist eigentlich eine nüchterne Frau, Esoterisches hielt sie immer für Unsinn. Doch jetzt ist sie bei einer Frau angekommen, die sich "Heilerin" nennt und auch schon mal die Chakren ihrer Klientin mit Farben bestrahlt. Vor allem aber spricht sie sehr aufmerksam mit ihr, Anja Meyer fühlt sich wirklich begleitet. Weil sie zu ihr gefunden hat, könne sie Bus fahren, sagt sie, seit zwei Monaten schon.

Das ist keine Geschichte, die grundsätzlich bedeutet, dass Verhaltenstherapeuten oder tiefenfundierte Therapeuten nicht helfen, selbst ernannte Heiler dagegen schon. Aber es ist ein Beispiel, wie wichtig es ist, zu prüfen, ob man in richtigen Händen ist.

Haben Sie schlechte Erfahrungen gemacht? Hier finden Therapiegeschädigte Hilfe

Der Ethikverein e. V. bietet eine kostenlose und vertrauliche Beratung an. Das Team besteht aus Ärzten, Psychologischen Psychotherapeuten und Juristen. Zuweilen lohnt der Versuch, eine brüchige oder stagnierende Behandlungsbeziehung zu "reparieren".

Bei destruktiven Prozessen kann aber auch eine Unterbrechung oder Beendigung der Behandlung empfohlen werden. Das wichtigste Ziel ist dann die Stabilisierung des Patienten und der Schutz vor weiteren Traumatisierungen.

Der Verein bietet Hilfe bei der Suche nach einer Folgebehandlung an, falls gewünscht und erforderlich. Ebenso begleitet er Patienten bei berufs-, straf- und zivilrechtlichen Verfahren und Mediationen.

Unter www.ethikverein.de finden Sie weitere Informationen und Kontaktdaten.

Deutliche Anzeichen dafür, dass in der Therapie etwas schiefläuft, sind:

• Die Verkürzung oder Verlängerung der Therapiesitzungen. Nach der Psychotherapie-Richtlinie sollten sie 50 Minuten dauern.

• Fehlende Aufklärung im Erstgespräch

• Wenn der Therapeut gegenüber Dritten über den Patienten spricht, ohne dass dieser ihn von der Schweigepflicht entbunden hätte.

• Persönliche oder private Kontakte.

• Finanzielle und geschäftliche Beziehungen. Sie sind unzulässig.

• Ideologische und politische Beeinflussung.

• Behandlung enger Bezugspersonen von Patienten.

• Berührungen, Flirten, erotische und sexuelle Kontakte.

• Entwertungen und Aggressionen.

• Benutzen von Patienten für Werbung und Öffentlichkeitsarbeit.

• Desinteresse und fehlendes Verständnis.

• "Rechthaberei" des Psychotherapeuten oder Mitteilungen eigener Probleme.

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