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Depressionen, Ängste, Erschöpfung: Wenn Psychotherapie das Leid verschlimmert

Millionen Menschen sind auf Psychotherapie angewiesen. Meistens hilft sie. Doch manchmal stürzen die Hilfesuchenden noch tiefer in die Krise, weil der Therapeut seine Kunst nicht beherrscht.

Von Nina Poelchau

Die Klientin redet sich die Seele aus dem Leib, die Therapeutin träumt vom Feierabend und kürzt vielleicht sogar die Stunde. Solche Fehler sollten Patienten nicht hinnehmen.

Die Klientin redet sich die Seele aus dem Leib, die Therapeutin träumt vom Feierabend und kürzt vielleicht sogar die Stunde. Solche Fehler sollten Patienten nicht hinnehmen.

Als sich Katharina Wolf (Name geändert, Anm. der Red.) entschließt, ihre Vergangenheit zu erforschen, kommt sie mit ihrem Leben noch ziemlich gut klar. Ihr Sohn, damals sieben, leidet an unerklärlichen Ängsten. Seine Verhaltenstherapeutin mutmaßt, dass Frau Wolfs schwierige Kindheit damit zu tun haben könnte. Unbewusst könne der Sohn die Last der Mutter auf seinen Schultern tragen. Sie empfiehlt auch ihr eine Therapie. Wolf, damals 39 Jahre alt, eine attraktive Frau, Empfangssekretärin in einem Krankenhaus, ist zu allem bereit. Sie will ihrem Kind helfen. Das Kultbuch der 80er Jahre, "Das Drama des begabten Kindes" der Psychologin Alice Miller, lässt sie glauben, ihr eigenes Drama wiederzuerkennen. Daraufhin sucht und findet sie einen Psychotherapeuten. Ende 40 ist er, ausgebildet in tiefenpsychologischen Verfahren, die im unbewussten Untergrund der Seele nach Erklärungen für Leid und Konflikte graben. Der Mann macht einen väterlichen Eindruck und praktiziert gleich im Nachbarort.

So beginnt eine unheilvolle Reise. Sie dauert, mit Unterbrechungen, elf Jahre, sie umfasst 580 Termine, die meisten davon verbringt Katharina Wolf im Liegen. Sie verliert in dieser Zeit den Boden unter den Füßen, entwickelt Schlafstörungen und Depressionen, ihre Ehe ist fast am Ende, oft möchte sie sterben. Sie hängt an ihrem Therapeuten wie an der Nadel. "Ich führe Sie da hinein, und ich hole Sie da wieder heraus", hat er versprochen. Aber von wegen: Dem Mann entgleitet die Situation völlig.

Katharina Wolf ist vielleicht ein extremer, aber kein Einzelfall. Die Zahl derer, die psychotherapeutische Hilfe suchen, steigt und steigt. Fast vier Millionen Menschen sind jedes Jahr in Behandlung. Allein zwischen 2000 und 2006, so hat das Robert Koch Institut ermittelt, wuchs die Zahl der Psychotherapien in Deutschland um rund 60 Prozent. Das ist zunächst weder gut noch schlecht. Man muss sich heute nicht mehr, wie es früher oft geschah, mit Depressionen, Selbstzweifeln und Lebensangst abfinden. Psychotherapie, richtig angewandt und qualitätsgesichert, wirkt: Zahlreiche Studien und Überblicksarbeiten belegen es.

Drei Monate Wartezeit sind üblich

Eine immer größere Rolle spielt heute die ambulante Behandlung. Dadurch wird die Hemmschwelle, Hilfe in Anspruch zu nehmen, deutlich niedriger. Sobald ein Therapeut mit Kassenzulassung seine Praxis eröffnet hat, kann er sich darauf verlassen: Es dauert ein paar Wochen, dann ist die Bude voll. Wartezeiten von drei Monaten auf einen Therapieplatz sind normal. Etwa 22 000 Psychotherapeuten haben heute in Deutschland einen Kassensitz. Schon lange moniert deren Interessenvertretung, die Bundespsychotherapeutenkammer, das seien viel zu wenige, der Bedarf sei wesentlich größer, die Verteilung außerdem ungerecht und unsinnig: Die Versorgung in den Städten ist wesentlich besser als auf dem flachen Land, im deutschen Osten schlechter als im deutschen Westen. Praktisch flächendeckend aber gilt, dass der Bedarf das Angebot übersteigt.

Psychotherapeutische Hilfe ist ein knappes Gut in einem reichen Land, in dem offensichtlich viele angeschlagene Menschen leben: Rund 30 Prozent der Bevölkerung haben mit seelischen Problemen zu kämpfen. Ökonomen wissen, dass Knappheit den Wettbewerb um beste Qualität hemmt. Wer einmal einen der raren Plätze ergattert hat, der wird ihn so schnell nicht wieder hergeben - sofern er überhaupt bemerkt, dass etwas nicht stimmt: "Ein weniger guter oder gar schlechter Therapeut hat potenziell eine genauso lange Warteliste wie ein wirklich guter – zumindest solange er nicht ausgesprochen unsympathisch wirkt", diagnostizierten die Dresdner Psychotherapie-Forscher Frank Jacobi, Andreas Poldrack und Jürgen Hoyer bereits zu Anfang des neuen Jahrtausends. Seit damals hat der Bedarf an psychotherapeutischer Behandlung massiv zugenommen. Allein das Beispiel der Depression zeigt, in welch hohem Maße die psychische Gesundheit der Deutschen nach Hilfe verlangt.

Psychotherapie wirkt

Als die Techniker Krankenkasse Ende Januar ihren neuen Depressionsatlas vorstellte, ein umfassendes Datenwerk zur Schwermut in zeitlichen und geografischen Detaildarstellungen, kam an den Tag: Um 69 Prozent haben sich die Fehlzeiten der Arbeitnehmer durch Depression zwischen 2000 und 2013 erhöht. War zunächst ein gewisser Rückgang spürbar, stiegen sie zwischen 2006 und 2012 um 75 Prozent an; da zeigt sich das Gesicht einer Zeit von Burnout, Stress und Erschöpfung.

Gerade bei mittelschweren Fällen - den häufigsten, die professioneller Hilfe bedürfen - können mit den anerkannten Formen der Psychotherapie vergleichbare Erfolge wie mit einer Antidepressiva-Therapie erzielt werden. Nur ist deren Effekt deutlich leichter zu messen. Hier liegt das Problem der eigentlich positiven, enorm wichtigen psychotherapeutischen Seelsorge. Was zwischen vier Wänden passiert, in denen zwei Menschen vor allem miteinander sprechen, also keine handfesten Spuren hinterlassen, hat sehr viel mit der Erfahrung und Integrität des Therapeuten zu tun. Voraussetzung für eine glückende Therapie ist, dass der Klient sich vollkommen öffnet, seelisch nackt auszieht vor einem Fremden, von dem er eigentlich nicht viel mehr weiß als das, was auf dem Türschild steht. Ein Risiko ist das aber auch.

In den meisten Fällen läuft alles gut. Sehr gut sogar. 65 Prozent der Behandelten geht es nach ihrer Therapie besser, hat die Techniker Krankenkasse in einem Qualitätsmonitoring festgestellt. Ein statistischer Traumwert eigentlich. Nur wenige Heilverfahren können mit einer solchen Erfolgsquote aufwarten - ob Operationen, Arznei- oder Physiotherapien. Zwischen 5 und 20 Prozent der Psychotherapie- Klienten, je nach Untersuchung, geht es allerdings schlechter. Auch dann noch, wenn die Psychotherapie beendet ist.

Eine Therapie braucht Raum und muss geschützt werden. Die Bedürfnisse der Therapeuten bleiben außen vor. Weder sollten sie ihre Babys mitbringen, noch mit ihren Patienten über Schwarzarbeit streiten.

Eine Therapie braucht Raum und muss geschützt werden. Die Bedürfnisse der Therapeuten bleiben außen vor. Weder sollten sie ihre Babys mitbringen, noch mit ihren Patienten über Schwarzarbeit streiten.

Desinteresse, Inkompetenz, Machtmissbrauch.

Bei kaum einer medizinischen Prozedur ist es so anspruchsvoll wie bei der Psychotherapie, herauszufiltern, wann es sich dabei um einen Behandlungsfehler handelt. Besonders schwer ist es für die Patienten selbst. Die sollen in fünf Probesitzungen, die die Krankenkassen gewähren, ein Gefühl für die Qualität des Angebots bekommen. Später, während der Psychostunden, sollten sie dann jederzeit mit dem Therapeuten besprechen, wenn ihnen etwas missfällt, sagt der Psychiater Michael Linden, der mit seinem Kollegen Bernhard Strauß ein Buch zum Thema "Risiken und Nebenwirkungen von Psychotherapie" geschrieben hat. Das sind ziemlich elegante Begriffe für das, was in Therapiesitzungen mitunter stattfindet: Desinteresse, Inkompetenz, Machtmissbrauch.

In der Heidelberger Uniklinik empfängt der Traumaexperte, Arzt und Analytiker Günther Seidler seine Patienten im Dachgeschoss, in den Regalen stehen dicht gedrängt Fachbücher, eines der dicksten hat er selbst geschrieben: "Psychotraumatologie. Das Lehrbuch". Seidler behandelt Menschen, die im Rahmen einer Therapie traumatisiert wurden. Er legt sich gern mit seiner Zunft an, vor einigen Jahren ist er aus vier psychoanalytischen Institutionen und drei weiteren Fachgremien ausgetreten. Seidler störte die Überheblichkeit vieler Kollegen, deren Selbstherrlichkeit und ihr geradezu päpstlicher Unfehlbarkeitsanspruch. Er selbst sieht Therapeuten im Grunde auf einer Stufe mit ihren Patienten: "Wir sind nur die Bergführer, haben Kompass und Wetterkarte, aber den Weg auf den Berg machen wir gemeinsam." Seidler schreibt auch Gutachten für Gerichte. Und findet erschütternd, was ihm da manchmal auf den Tisch kommt. Sein jüngster Fall: Ben Steiner (Name geändert, Anm. der Red.) aus Frankfurt.

Unsinnige Deutungen

Der junge Mann erlitt während seines mündlichen Abiturs einen Blackout. Er hatte Angst, dass ihm so etwas auch im Studium passieren könnte, und begab sich zu dem Therapeuten, der ihm am schnellsten einen Termin anbieten konnte. Dieser schoss sich rasch auf die Homosexualität von Ben Steiner ein, sosehr sein Klient auch beteuerte, genau damit kein Problem zu haben. Ben hatte sich während der Schulzeit geoutet, dann eine Schwulengruppe geleitet. Er war gern schwul. Wenn er ein "freier Mensch" werden wolle, dann müsse er das Thema in Angriff nehmen, sagte der Therapeut.

Steiner wollte schwul bleiben, aber auch frei sein. Er wagte es nicht, den Therapeuten anzuzweifeln, der mit abenteuerlichen Deutungen aufwartete. Als Ben von einer Torte erzählte, die in einem Traum aufgetaucht sei, wusste der Therapeut: Torte steht für Frau. Er wolle eine Frau nach Hause bringen! Ben Steiner war schließlich so durcheinander von dieser Therapie, dass er sich immer mehr von anderen Menschen zurückzog. Es dauerte 399 Stunden, bis der Ausstieg gelang. Er verklagte den Therapeuten. Nach einigem juristischen Hin und Her schlug das Gericht einen Vergleich vor: Steiner soll 20.000 Euro bekommen, Schadensersatz und Schmerzensgeld. Günther Seidler spricht von einer in vielen Punkten fehlerhaften Therapie und stellt fest: "Der Blackout war einmalig, eine Persönlichkeitsstörung hat nie bestanden, Homosexualität ist keine Krankheit."

Echte Anteilnahme des Therapeuten fördert die Heilung der Seele. Einschlafen vor Langeweile bewirkt eher das Gegenteil

Echte Anteilnahme des Therapeuten fördert die Heilung der Seele. Einschlafen vor Langeweile bewirkt eher das Gegenteil

Wenn der Therapeut einschläft

399 Therapiesitzungen, von vornherein ein falscher Weg. Warum floh Steiner nicht vor dem deutungsfreudigen Seelenwühler? Überschaubar war sein Problem, der momentane Aussetzer, monströs dagegen das Projekt seines Behandlers. Doch es kommen selbst eklatante Fälle wie seiner nur selten ans Licht. Wer vom Leben schwer gebeutelt ist, wer Depressionen hat, von Angstattacken gepeinigt wird, unter Zwängen leidet, neigt eher dazu, seinen Therapeuten zu verklären. Und ist viel zu lange bereit, in einem Berg Schutt, den ein unfähiger Seelenkundler liefert, nach Gold zu schürfen. Wie soll der Hilfesuchende auch wissen, ob Depressivität, Albträume und inneres Chaos letztlich nicht doch der Heilung dienen?

Katharina Wolf, die um ihres Sohnes willen zum Therapeuten ging, sagt: Anfangs war alles gut. Es war wie "Flitterwochen" mit dem Psychotherapeuten aus dem Nachbarort. Sie spürte sein Interesse. Wolf war mit einer fanatisch religiösen Mutter aufgewachsen, die panische Angst vor göttlicher Strafe schürte – ein bis ins Mark eingeschüchtertes, seelisch ausgehungertes Kind, das sich nach Liebe sehnte. Sie lag nun auf der Couch, ihr Therapeut saß am Kopfende, zwei Stunden die Woche. Alles brach aus ihr heraus.

Doch dann kam zu der Verzweiflung über die wieder zum Leben erweckte, desolate Kindheit das nächste Verlassenheitserlebnis hinzu. Weil der Therapeut bald vollständig gleichgültig erschien. Selten einmal hörte sie ihn an ihrem Kopfende tief schnaufen. Das deutete sie zunächst als Zeichen tiefer Anteilnahme. Irgendwann stellte sie fest: Ihr einziger Zuhörer war eingeschlafen.

Warum zieht der Patient nicht die Reißleine?

Wieso nur quält sich jemand jahrelang mit einer Psychotherapie, die nicht weiterhilft? Wie kann es sein, dass kein Freund, dass niemand aus der Familie eingreift? Die Antwort: weil prinzipiell eher der Patient angezweifelt wird, nicht der Experte. Und auch weil eine Therapiespirale droht: Je schlechter sich ein kranker Mensch fühlt, desto mehr Behandlung begehrt er. Oft braucht er vor allem einen anderen Therapeuten. Und kann sich doch nicht selbst befreien.

Sogar bei etwas eigentlich doch sehr Offensichtlichem wie sexuellen Grenzüberschreitungen tun sich Patienten schwer, sich zu wehren. Beim unabhängigen Ethikverein in München, einer Hilfsorganisation für Psychotherapie-Patienten, geht man von jährlich 600 Fällen sexuellen Missbrauchs im psychotherapeutischen Rahmen aus. Zu strafrechtlichen Verfahren kommt es in weniger als einem Prozent, ärgert sich die Vorsitzende, die Ärztin und Psychotherapeutin Andrea Schleu. Die Patientinnen - meist sind Frauen die Opfer - schämen sich. Sie geben sich selbst die Schuld. Der Ethikverein hat die Erfahrung gemacht, dass überführte Therapeuten gern die Flucht nach vorn antreten. Besonders beliebt ist die Rechtfertigung, ihre Patientin habe die Initiative zu sexuellen Handlungen ergriffen. Oft verläuft die Sache im Sande, ab und zu wird eine Bewährungsstrafe verhängt. Auch wenn ihnen die Berufszulassung entzogen wird, praktizieren einige Therapeuten unbeirrt weiter.

Ein Tiefenpsychotherapeut aus Essen zum Beispiel: Er hatte in seinem Behandlungszimmer Sex mit einer Patientin gehabt. Seine Approbation wurde entzogen, er erhielt eine Bewährungsstrafe. Heute bietet der Mann "Supervision, Beratung, Coaching" an. Er nennt sich nur nicht mehr "Psychologischer Psychotherapeut", denn dieser Begriff ist berufsrechtlich geschützt. Seine Praxis läuft trotzdem - der Nachfrage-Überschuss nach Seelenbehandlung öffnet die Tür für alle möglichen mehr oder weniger seriösen Geschäfte neben den offiziellen Psychotherapien.

Mehr Kontrolle gefordert

Erst seit 16 Jahren, seit das "Psychotherapeutengesetz" in Kraft trat, sind die Psychologischen Psychotherapeuten eine Berufsgruppe mit eigenständigen Befugnissen. Sofern sie in den besonders gut erforschten tiefenpsychologischen Verfahren - Psychoanalyse und tiefenpsychologisch fundierte Therapie - oder in Verhaltenstherapie ausgebildet sind, können sie direkt mit den gesetzlichen Krankenkassen abrechnen. Vorher waren sie eng an die Leine gelegt, eine Art Hilfskompanie der Psychiater, sie therapierten "auf Delegation", die Ärzte verdienten mit.

Das ist längst nicht mehr so, doch geblieben ist der Kostendruck im Gesundheitssystem. Die Kassen wollen daher keine weiteren Sitze für Psychotherapeuten schaffen, sondern das bestehende System straffen: Mehr Kontrolle soll her, damit die Menge und Länge der Therapien nicht ausufert.

Bisher reicht es für den gesetzlich Versicherten, mit seinem Kärtchen beim Therapeuten zu erscheinen, der stellt dann einen Antrag, den ein Gutachter genehmigen muss. Die Gutachter kosten jährlich etwa 31 Millionen Euro, als Kontrollorgan aber taugen sie wenig.

Das immerhin sieht die Bundespsychotherapeutenkammer genauso wie die Kassen: 97 Prozent aller Psychotherapie- Anträge werden von den Gutachtern durchgewinkt, Kreuzchen genügt. Der Spitzenverband der gesetzlichen Kassen ist seit 2013 mit einem Positionspapier unterwegs, mit dem man die Qualität sichern und unnötig lange Therapien vermeiden will. Die Stundenkontingente sollen drastisch gekappt werden. Selbst bei den aufwendigsten, den analytischen Therapien, soll die übliche Grenze nicht mehr bei 300, sondern bei 50 Stunden liegen. Gutachter kämen erst bei Verlängerungen ab 25 Stunden zum Einsatz, sie bekämen dann aber nicht nur die Einschätzung des Therapeuten zu Gesicht, sondern auch detaillierte Bögen, die die Patienten ausgefüllt haben.

Seelenmartyrium statt Hilfe

Und den Zugang zur Therapie möchte man bei den Kassen ändern: Wer ein Problem hat, soll sich nicht mehr direkt an den nächstbesten Therapeuten wenden, sondern in eine Sprechstunde kommen. Dort würde ihn ein Experte, ein psychiatrischer Arzt oder Psychotherapeut, beraten. So soll verhindert werden, dass Menschen wie Ben Steiner oder Katharina Wolf, die vielleicht nur eine Krisenintervention, eine kurze Verhaltenstherapie oder vielleicht gar nur ein paar gute Ratschläge brauchen, Hunderte Stunden auf der Couch liegen - und ein Seelenmartyrium erleben, statt der erhofften Hilfe.

Katharina Wolf machte, nachdem 300 Stunden auf Kassenrechnung verstrichen waren, auf eigene Kosten weiter, nach einer Karenzzeit von zwei Jahren genehmigte ihr die Krankenkasse den nächsten Block. Dann, eines Tages, führte der vorher vollkommen distanzierte und zuweilen einnickende Behandler ohne Vorwarnung ein neues Ritual ein: Während jeder Stunde – Katharina Wolf hat es protokolliert: 127 Mal - bettete er nun ihren Kopf in seinen Schoß. Sie fühlte sich in dieser halb erotischen Situation noch verlorener und verwirrter. Nach der 580. Stunde endlich schrieb Katharina Wolf mit zitternder Hand einen Abschiedsbrief. Zum Glück an den Therapeuten, nicht an die Nachwelt: "Ich kann nicht mehr." Sie reagierte nicht auf einen Antwortbrief, in dem er ihr anbot, "gerne schriftlich weiterzuarbeiten". Es gibt viele Fälle, die nie ein Richter zu Gesicht bekommt, die geradezu grotesk unprofessionell wirken. Oft beißen die Betroffenen auf Granit, wenn sie sich irgendwo beschweren. Manche teilen sich in Foren im Internet mit.

Fliesen verlegen

Mesut Schubart (Name geändert, Anm. d. Red.), 42 Jahre alt, aus der Türkei stammend, verheiratet mit einer deutschen Frau, drei Kinder, litt unter Schlafstörungen und Herzrasen, nachdem er seinen Job in einer Baufirma verloren hatte. Sein Arzt schickte ihn in Therapie. Er traf auf eine Therapeutin mit Strubbelfrisur, ab und zu hatte sie Kinderwagen und Baby mit im Raum. Und einen Vorschlag zu machen: Er sollte bei einem Freund, der sich später als der Vater des Babys herausstellte, im Keller Fliesen verlegen. Für 7,50 Euro die Stunde. Schubart fand das anfangs sogar gut, er kannte die Berufsordnung der Psychotherapeuten nicht, die schon die kleinsten Deals zugunsten des Therapeuten verbietet.

Zum Konflikt kam es, als die Therapeutin sein Arbeitstempo monierte, die beiden begannen in der Therapiesitzung zu streiten. Er ging nicht mehr hin. Stattdessen rief er hilfesuchend bei seiner Kasse an und erzählte, dass er sich ausgenutzt gefühlt habe. Der Sachbearbeiter war kurz angebunden, berichtet Schubart, Details wollte er nicht wissen. Einige Wochen später kam ein Brief: "Wir bedauern, dass Sie Ihre Therapie vorzeitig abgebrochen haben, bieten Ihnen aber an, eine neue Therapie zu beginnen."

Zu dem "Einzelfall" will man bei seiner Betriebskrankenkasse nicht Stellung nehmen. Mesut Schubart sitzt, als er das erzählt, in einem Café in Kreuzberg, er ist ein stolzer Mann. Seine Herzprobleme bekämpft er inzwischen mit Tabletten. Auf weitere Seelenbehandlungen verzichtet er lieber. Genauso auf einen Teil des Lohns, der immer noch aussteht.

Eine Odyssee

Als der stern bei seiner damaligen Therapeutin anruft, ist die spürbar erschrocken. Sie sagt, der Mann habe übertrieben. "Ich wollte ihm einfach nur helfen" - mehr will sie dazu nicht mehr sagen. Katharina Wolf hatte einen Hürdenlauf vor sich, als endlich die Wut auf ihren Therapeuten entflammt war, mit dem sie ein Jahrzehnt ihres Lebens vergeudet hatte. Sie beschwerte sich überall, wo man sich als Therapiegeschädigte beschweren kann. Bei der "Unabhängigen Patientenberatung" konnte sie zwar ihr Herz ausschütten, einen konkreten Rat gab es von dieser Seite nicht. Der Ethikverein in München empfahl eine neue Therapie, damit sie sich stabilisieren könne. Die Landespsychotherapeutenkammer konnte keinen Verstoß gegen die Berufsordnung erkennen, der Medizinische Dienst der DAK auch nicht. Die Deutsche Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie wies ihre Beschwerde zurück. Immerhin hatte sie den Therapeuten von Katharina Wolf aufgefordert, seine Sicht der Dinge zu schildern.

Der Therapeut gestand in geradezu rührend wirkender Naivität im Grunde ein, dass er mit seiner Patientin nicht mehr ein noch aus wusste. Er äußerte sich auch dazu, dass seine Patientin ihm bei der Behandlung den Kopf in den Schoß legte: "Ich hatte dies verstanden als Ausdruck des kindlichen Bedürfnisses von Frau Wolf, vor allem die immer vermisste väterliche Zuwendung und Geborgenheit endlich nachzuholen. Ich konnte diesen Wunsch zwar verstehen, da ich aber keine richtige körpertherapeutische Ausbildung genossen habe, hatte ich auch das Gefühl, eventuell nicht immer angemessen damit umgehen zu können, wenn ich mich darauf einließe - wer kann, wenn er unerfahren damit ist, vorher wissen, was solche Körperkontakte auslösen können?!"

Inkompetente Therapeuten

Er schrieb weiter von Schuldgefühlen, die er während der Therapie hatte, und von der "massiven Wut und Enttäuschung" bei seiner Patientin, vor der er sich fürchtete. Er stellte sich selbst ein Zeugnis schockierender Unprofessionalität aus - die Psychotherapeuten- Gesellschaft wies Wolfs Beschwerde dennoch zurück. Ein psychologisches Gutachten gab Katharina Wolf schließlich Auftrieb. Der Gutachter bescheinigte dem Therapeuten eine falsche Diagnosestellung, Inkompetenz, Mangel an Empathie. Sein Fazit: "Mein Urteil ist, er konnte es nicht, das ist die bittere Wahrheit."

Wolf schaltete einen Anwalt ein. Dann gab sie sich, am Ende ihrer Kräfte, mit einem Vergleich zufrieden. Sie bekam 6000 Euro. Die Gegenseite wollte sie gern schriftlich zum Schweigen verpflichten - das lehnte sie ab. Wer Katharina Wolf von früher kennt und sie heute erlebt, sagt: Sie ist stark geworden.

Schlechte Therapie, gute Nebenwirkung - zur Nachahmung zu empfehlen ist dieser bittere und lange Weg zum Ziel sicher nicht. Wolf ist heute 56 Jahre alt. Sechs Jahre liegt der Therapieabbruch nun zurück, sie lebt mit ihrem Mann in einem Backsteinhaus in Niedersachsen, die Kinder sind beide Lehrer geworden. Der Sohn, der seine Ängste bald überwunden hatte, ist zufrieden mit seinem Leben, er hat inzwischen selbst einen Sohn. Wolfs Therapeut praktiziert weiter. Er ist im Rentenalter, die Hälfte seines Praxissitzes hat er abgegeben. Er ist ausgebucht.

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