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Ratgeber Alternativmedizin: Leichtsinn, der ansteckt

Viele Homöopathen sprechen sich gegen das Impfen aus. Leider fehlen brauchbare Belege dafür, dass ihre Alternative - die "Homöoprophylaxe" - wirkt. Schlimmer: Es gibt Grund zu der Annahme, dass sie enorm schaden kann.

Von Edzard Ernst

Das renommierte "British Medical Journal" hat kürzlich das Impfen als eine der medizinischen Innovationen gefeiert, die die meisten Menschenleben gerettet haben. Es ist daher nur schwer verständlich, dass es heute dennoch "Experten" gibt, die mehr oder weniger offen gegen das Impfen Stellung beziehen. Im Bereich der Alternativmedizin sind das vor allem Chiropraktiker und Homöopathen. Die Gründer der Chiropraktik lehnten die infektiöse Genese von Krankheiten prinzipiell ab und bestanden darauf, dass alle menschlichen Erkrankungen durch Verschiebungen zwischen Wirbeln bedingt seien. So ist es zu erklären, dass manche dieser Therapeuten auch heute noch Manualtherapie anstelle des Impfens empfehlen.

Die Gegnerschaft vieler Homöopathen verblüfft umso mehr, als der Begründer dieser Therapierichtung, Samuel Hahnemann, in der Effektivität des Impfens eine Bestätigung seiner Theorie sah, dass selbst mit minimalsten Dosierungen viel auszurichten ist. Hahnemanns Schüler sahen das jedoch etwas anders. Sie stellten einerseits die Nebenwirkungen des Impfens in den Vordergrund und glaubten andererseits, dass diverse homöopathische Mittel mindestens ebenso effektiv Infektionen verhüten können: So entstand die sogenannte Homöoprophylaxe.

Viele Homöopathen raten vom Impfen ab

Zahlreiche Umfragen unter Homöopathen aller Herren Länder zeigen recht eindeutig, dass diese Einstellung bis heute von großer Bedeutung ist. Auch in Deutschland finden sich noch immer Homöopathen, die vom Impfen abraten und die Homöoprophylaxe vertreten. Eine Reihe von Herstellern homöopathischer Arzneimittel bieten dementsprechend homöopathische Impfstoffe an, zum Beispiel zur Prophylaxe von Mumps, Malaria, Grippe, Röteln, Hepatitis und, man höre und staune, Leukämie. Diese Mittel sollen nach Meinung vieler Homöopathen das herkömmliche Impfen überflüssig machen.

Dementsprechend warnen sie auch vor den Nebenwirkungen des konventionellen Impfplans. Diese gibt es natürlich, aber sie sind entweder nicht ernst oder extrem selten. Eine große Zahl der Homöopathen behaupteten jedoch, dass diese Risiken den Nutzen des Impfens überwiegen. Doch diese Behauptung entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage.

Finger weg von der Homöoprophylaxe

Viele Eltern finden die Homöoprophylaxe nicht zuletzt wegen der Nebenwirkungsfreiheit hochverdünnter Homöopathika äußerst attraktiv und folgen daher dem homöopathischen Arzt oder Heilpraktiker, wenn er rät, ihre Kinder nicht herkömmlich impfen zu lassen. Das wäre ja alles ganz prima - wenn es nicht einen erheblichen Schönheitsfehler hätte: Es gibt keine einzige brauchbare Untersuchung, die zeigen würde, dass das homöopathische Impfen wirkungsvoll ist. Sondern im Gegenteil sehr gute Gründe für die Annahme, dass es nicht effektiv ist und so enormen Schaden anrichten kann.

Das Fazit kann also nur lauten: Finger weg von der Homöoprophylaxe! Im britischen Fernsehen habe ich mich hierzu kürzlich noch sehr viel deutlicher ausgedrückt. Es ging um ein homöopathisches Malaria-Prophylaktikum. Der Interviewer fragte mich, wie ich den Vertrieb dieses Mittels beurteile. Meine Antwort: "Kriminell."

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