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Ratgeber Alternativmedizin: Baum der Erkenntnis?

Extrakte aus Ginkgo-Blättern fördern den Blutfluss und schützen die Nerven. Neue Studien widersprechen allerdings der Hoffnung, dass sie uns auch vor geistigem Verfall bewahren können.

Von Edzard Ernst

Kaum eine Heilpflanze ist so intensiv beforscht worden wie Ginkgo

Kaum eine Heilpflanze ist so intensiv beforscht worden wie Ginkgo

Man sagt, Ginkgo biloba sei der älteste Baum auf unserem Planeten. Für mich ist Ginkgo vor allem eines meiner ältesten Forschungsobjekte. Vor mehr als 20 Jahren beschäftigte ich mich mit den Fließeigenschaften des Blutes. Wir zeigten, dass Ginkgo die Tendenz von roten Blutkörperchen zusammenzuklumpen vermindert.

Dies war ein Mosaikstein in dem weit umfassenderen Bild, das wir heute von den Wirkmechanismen der Ginkgo-Extrakte haben. Viele Effekte betreffen den Blutkreislauf und das zentrale Nervensystem. Unsere Gehirnzellen sind ständigen Angriffen durch freie Radikale ausgesetzt. Durch seine antioxidativen Eigenschaften kann Ginkgo die Nerven vor diesen aggressiven Molekülen schützen. Der Fachmann spricht von Neuroprotektion.

Gute Durchblutung des Gehirns

Auf der Ebene des Blutkreislaufs kann Ginkgo die Fluidität des Blutes verbessern, den Blutstrom in den kleinsten Gefäßen optimieren und die Spannung der großen Gefäße wie auch die Durchlässigkeit der Austauschgefäße regulieren. Dieses Zusammenspiel von Einzelfaktoren kann, so nimmt man an, für eine gute Durchblutung der Gewebe sorgen - was für das regelrechte Funktionieren unseres Gehirns und damit auch für das Gedächtnis und andere geistige Funktionen entscheidend ist.

Aber bringen diese Effekte auch gesundheitsrelevante Wirkungen mit sich? Dazu liegt eine Vielzahl von zum Teil sehr guten Studien vor. Doch leider sind die Daten, wie häufig in der klinischen Forschung, nicht eindeutig und in der Gesamtschau ein wenig verwirrend.

Können Gesunde ihre geistige Leistungsfähigkeit durch regelmäßige Einnahme von Ginkgo-Extrakten verbessern? Unsere eigene Übersicht aus dem Jahr 2007 fasst hierzu 15 Studien zusammen. Einige davon beantworten die Frage mit Ja, andere mit Nein. Unterm Strich, so schlussfolgern wir, ist die Datenlage leider "nicht überzeugend".

Ginkgo schützt nicht vor geistigem Verfall

Lange Zeit hatten wir auf der Basis zahlreicher guter Studien angenommen, dass Ginkgo den geistigen Verfall von Demenzpatienten zwar nicht verhindern, aber doch deutlich aufhalten kann. Vor Kurzem aber wurden mehrere Studien publiziert, die gegen diese These sprechen. Die bei Weitem umfangreichste dieser Untersuchungen wurde in den USA vom Nationalen Institut für Gesundheit initiiert und im November veröffentlicht. Sie schloss 3069 Personen im Alter von mindestens 75 Jahren ein. Die Teilnehmer nahmen sechs Jahre lang entweder Ginkgo oder ein Placebo. 523 Personen entwickelten während dieses Zeitraums eine Demenz. Die Ginkgo- Medikation hatte in diesen Fällen keinen Effekt auf das Fortschreiten der Demenz.

Doch können wir als gesunde Menschen verhindern, im Alter an Demenz zu erkranken, wenn wir regelmäßig Ginkgo einnehmen? So schön das wäre - die oben genannte Studie gibt auch hierzu ein negatives Urteil ab. Die Rate der Demenzerkrankungen war bei Ginkgo- wie Placebo-Probanden im Beobachtungszeitraum nahezu identisch.

Das Fazit ist wie immer vorläufig. Kaum eine Heilpflanze ist so intensiv beforscht worden wie Ginkgo. Ihre vielen verschiedenen Eigenschaften kennen wir darum recht genau. Zur klinischen Wirksamkeit aber gibt es derzeit mehr offene Fragen als schlüssige Antworten.

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