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Ratgeber Alternativmedizin: Spuren der Quacksalberei

Was verbirgt sich hinter ganzheitlicher Zahnmedizin? Unser Experte fand nur wenig Ganzheitlichkeit, dafür einen Wirrwarr an Techniken und erwiesenen Humbug.

Von Edzard Ernst

Anfangs, das muss ich gestehen, war ich mir nicht so ganz sicher, was sich hinter dem Begriff "ganzheitliche Zahnmedizin" verbirgt. Was, fragte ich mich, kann weniger ganzheitlich sein, als Zähne zu behandeln? Was für ein Banause ich war! Erstes Nachforschen ergab: Ganzheitliche Zahnmedizin "betrachtet den Mund und die Zähne des Patienten nicht als vom übrigen Körper isoliertes Gebiet". Das leuchtet ein, denn sonst könnte ich Mund und Zähne zum Zahnarzt schicken, selbst aber zu Hause bleiben. Weitere Recherchen ergaben ähnlich Weltbewegendes: Ich erfuhr, dass ein erkrankter Zahn Symptome an Gelenken auslösen kann und dass Aphthen im Mund ihre Ursache in einer Nahrungsmittelunverträglichkeit haben. Wer hätte das gedacht!

Aber ist das wirklich "ganzheitlich"? Ich hatte geglaubt, ganzheitliche Ansätze in der Medizin zeichneten sich dadurch aus, dass sie den Patienten nicht nur mit seinen körperlichen Leiden erfassen, sondern geistige und seelische Aspekte einbeziehen. Sollte die Seele vielleicht im Gelenkspalt sitzen und der Geist tatsächlich eine Aphthe sein?

An dieser Stelle höre ich auf zu witzeln und nehme die Sache endlich ernst. Also: Was steckt tatsächlich hinter der "ganzheitlichen Zahnmedizin"? Mit Interesse las ich, dass sie spezielle Diagnose- und Therapieverfahren entwickelt hat. Bei der Suche danach stieß ich auf einen wilden Wirrwarr an Techniken. Homöopathie, Mundakupunktur, Neuraltherapie und Elektroakupunktur nach Voll (EAV) tauchten dabei oft auf. Genau hier begann das wirkliche Problem: Dies sind Methoden, deren Wirksamkeit und Validität entweder nicht bewiesen oder sogar widerlegt sind. Sollte die "ganzheitliche Zahnmedizin" sich als Deckmantel für Scharlatane entpuppen? Das konnte ich dann doch nicht glauben!

Also ging ich systematisch

an die Sache heran. Meine Suche in mehreren elektronischen Datenbanken lieferte einen Stoß Papier mit Ergebnissen etlicher wissenschaftlicher Untersuchungen. Einige davon erscheinen sogar vielversprechend, zum Beispiel diverse Entspannungstechniken gegen Zahnarztphobien oder Hypnotherapie und Akupunktur gegen Schmerzen. Auch pflanzliche Extrakte gegen Mundgeruch tauchten auf. Mein Favorit ist allerdings eine Studie über "Angewandte Kinesiologie" zur Diagnose von Unverträglichkeiten gegen dentale Materialien (Journal of Dental Research 2005; 84:1066). Das Ergebnis: Diese Methode ist reiner Humbug.

Am Ende meiner Suche habe ich fast größere Zweifel an der ganzheitlichen Zahnmedizin als zu Beginn. Von wirklicher Ganzheitlichkeit, wie sie in jeder guten Medizin praktiziert wird (oder werden sollte), war wenig zu finden. Reichlich sah ich jedoch Spuren der Quacksalberei.

Fast hatte ich vergessen, das Amalgam zu erwähnen. Vor dieser Quecksilberlegierung warnen ganzheitliche Zahnmediziner. Bei aller Uneinigkeit über diese oder jene alternative Methode fand ich hierzu einen breiten Konsens: Die Quecksilberfüllungen müssen raus! Nirgendwo fand ich jedoch die Warnung, dass sich nach dem Entfernen – und zwar nur nach dem Entfernen – messbare Quecksilbermengen im Blut befinden.

Nach alledem fällt es mir schwer, zu einem griffigen Fazit zu gelangen. Überzeugt bin ich keineswegs. Mit meinen zahnärztlichen Problemen werde ich mich auch in Zukunft an einen nicht-ganzheitlichen (oder soll ich sagen normalen?) Zahnarzt wenden.

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