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Reproduktionsmedizin: Mit Kryobiologie gegen den demografischen Wandel

Die Mütter werden immer älter, immer weniger Kinder werden geboren und die Gesellschaften vergreisen. Kann die moderne Reproduktionsmedizin mittels Einfrieren von Eizellen und künstlicher Befruchtung diesen Trend stoppen?

Von Jens Lubbadeh

Weil eine kinderfreundliche Politik in Deutschland noch immer auf sich warten lässt, bleibt vielen Frauen in Zeiten unsicherer Arbeitsplätze, Jobtourismus und schlechter Kinderbetreuung keine Wahl: Das Kinderkriegen wird immer weiter hinaus geschoben. Bis es meist ganz zu spät ist. So berichtet das Statistische Bundesamt in seinem Report "Frauen in Deutschland 2006", dass im Jahr 2004 die meisten Kinder (31 Prozent) von 30-34-jährigen Müttern geboren wurden. 1994 hatten noch 39 Prozent aller Kinder im Schnitt eine Mutter im Alter von 25 bis 29 Jahren.

Möglicherweise wird die moderne Reproduktionsmedizin die Familienplanung verändern: Frische Eizellen in jungen Jahren entnehmen und einfrieren zu lassen, um im fortgeschrittenen Alter Kinder risikolos auszutragen. Das könnte ein Weg sein, Frauen den Zeitdruck für ihre Familienplanung zu nehmen.

Doch nicht nur für Frauen, die dem Diktat der biologischen Uhr entgehen wollen, ist die Flexibilisierung der Familienplanung attraktiv - sie könnte auch für Regierungen ein Ansatz sein, einer demografischen Entwicklung zu begegnen, die schon seit langem Kopfzerbrechen bereitet: In den meisten Industrienationen sinken die Geburtenzahlen seit Jahren und die Gesellschaften vergreisen.

Während die Politiker hilflos Möglichkeiten diskutieren, gibt es Vorstöße von Wissenschaftlern, die dafür plädieren, sich deshalb verstärkt die Methoden der Reproduktionsmedizin zunutze zu machen. Immerhin sind in Deutschland laut Statistik in den vergangenen Jahren bereits 85.000 Kinder durch künstliche Befruchtung entstanden (im Vergleich: USA 112.000).

Künstliche Befruchtung wird weniger vom Staat subventioniert

Doch die Tendenz ist rückläufig - der Grund dafür liegt nach Meinung des Bundesverbands Reproduktionsmedizinischer Zentren (BRZ) in den strengeren Auflagen für eine anteilige Kostenübernahme seitens der Krankenkassen durch die Gesundheitsreform 2004. Olaf Naether plädiert daher dafür, dass eine künstliche Befruchtung und auch eine mögliche zukünftige Kryokonservierung von unbefruchteten Eizellen vollständig von den Kassen bezahlt wird.

Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen heute nur noch die Hälfte der Kosten einer künstlichen Befruchtung, wenn medizinisch belegt ist, dass ein Kind auf normalem Wege nicht gezeugt werden kann. Auch die weiteren Auflagen sind streng: Anspruch auf Kostenübernahme haben prinzipiell nur verheiratete Frauen über 25 und unter 40 Jahren - ein Problem für alleinstehende Frauen, die möglicherweise erst in fortgeschrittenerem Alter ihre eingefrorenen Eizellen austragen möchten.

Kleine, aber feine Stellschraube

Doch welchen Anteil könnte der Reproduktionsmedizin zur Steigerung der Geburtenraten tatsächlich zukommen? Wissenschaftler des Forschungsinstituts RAND Europa haben untersucht, wie politische Rahmenbedingungen für den Einsatz von Fortpflanzungstechnologien direkt zur Steigerung der Geburtenraten führen können. Jonathan Grant, Leiter des Institutes, kommt zu dem Schluss, dass solche Behandlungen einen kleinen, aber nicht zu vernachlässigenden Einfluss auf die allgemeine Geburtenrate haben könnten: Eine großzügigere staatliche Förderung von künstlicher Befruchtung könnte die Geburtenrate um bis zu 0,07 Punkte anheben. Allerdings ist die Studie mit Vorsicht zu genießen - das RAND Institut ist zwar unabhängig, aber die Studie wurde von Ferring finanziert, einem Pharmakonzern, der Produkte für die Reproduktionsmedizin herstellt.

Eine Steigerung der Geburtenrate um 0,07 Punkte? Zu wenig für das Bundesfamilienministerium, um in der Förderung künstlicher Befruchtung und neuer Technologien wie Eizell-Kryokonservierung die entscheidende Stellschraube zu sehen, dem Problem beizukommen: "Wir begrüßen jedes weitere Kind, aber die Anzahl der künstlichen Befruchtungen fällt angesichts des dramatischen Gesamtrückgangs an Geburten kaum ins Gewicht", sagt Jens Flosdorff, Sprecher im Bundesfamilienministerium. Überhaupt möchte man den Trend der immer älter werdenden Mütter dadurch nicht auch noch fördern. "Wir setzen unsere Schwerpunkte bei jungen Familien, um ihnen Mut zu machen, wieder früher Kinder und vor allem auch wieder mehr Kinder zu bekommen."

Gesundheitsministerium will künstliche Befruchtung nicht stärker fördern

Sachsen und Thüringen allerdings haben bereits erste Vorstöße in Sachen vermehrter Förderung von künstlicher Befruchtung gemacht: So befürworten die Gesundheitsminister dieser Länder, dass die staatlichen Hilfen bei Schwangerschaftsabbrüchen gesenkt und das so gesparte Geld Paaren zugute kommt, die sich ihren Kinderwunsch mit künstlicher Befruchtung erfüllen wollen.

Doch bundesweit wird wohl in naher Zukunft in der Richtung nichts passieren: Im Zuge der kommenden Gesundheitsreform ist laut Auskunft des Gesundheitsministeriums bundesweit jedenfalls keine Änderung der Förderung künstlicher Befruchtung geplant.

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