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Sepsis: Kampf im eigenen Körper

Die Sepsis, umgangssprachlich auch als Blutvergiftung bezeichnet, ist eine der häufigsten Komplikation nach Operationen. Sie zählt zu den gefährlichsten Krankheitsbildern, mindestens jeder dritte Patient stirbt. Ein Auslöser ist auch heute noch mangelnde Hygiene.

Von Eva-Maria Schnurr

Innerhalb weniger Stunden kann eine Sepsis lebenswichtige Organe schädigen

Innerhalb weniger Stunden kann eine Sepsis lebenswichtige Organe schädigen

Sie erinnert sich noch, dass sie mit dem Bus ins Krankenhaus fuhr. Ihre Galle sollte endoskopisch untersucht werden, drei Tage müsse sie bleiben, hieß es, die Narkose sei unproblematisch, die Untersuchung Routine. Es war ein Donnerstag Anfang Mai, draußen schien die Sonne. Als Dorothea Brill-Kurzweg wieder aufwacht, ist es Ende Juni. Eine Maschine presst Luft durch einen Schlauch in ihre Lungen. Neben dem Bett auf der Intensivstation piepsen Monitore, die ihre Körperfunktionen überwachen, Fieber schüttelt ihren Körper, durch ihre Adern pumpen die Ärzte stärkste Antibiotika. Ob sie überleben wird, weiß niemand. Denn durch die Gallenuntersuchung hatte sich im Körper der heute 56-jährigen Berlinerin die Bauchspeicheldrüse entzündet. Und aus dieser Entzündung hatte sich rasend schnell eine Sepsis entwickelt.

Sepsis - landläufig Blutvergiftung genannt - ist eines der gefährlichsten Krankheitsbilder überhaupt. Sie entsteht, wenn Bakterien, Viren oder Pilze eine Infektion auslösen und die Abwehrkräfte des Körpers die Entzündung nicht mehr in Schach halten können. Ärzte fürchten die Sepsis, denn innerhalb weniger Stunden kann sie lebenswichtige Organe schädigen oder zu Kreislaufversagen führen - mindestens jeder dritte Patient stirbt. "Medizinischer Blitzkrieg" nannte das Wall Street Journal das Krankheitsbild, und die Schlacht im eigenen Körper fordert Jahr für Jahr zahlreiche Opfer: In den USA ist Sepsis die zehnthäufigste Todesursache. In Deutschland vermuten Wissenschaftler aufgrund von Hochrechnungen sogar, dass Sepsis auf Platz drei nach Herzkreislauf-Erkrankungen und Krebs liegt. Rund 60.000 Menschen würden danach pro Jahr an Sepsis sterben. Um ein Viertel sollte die Sterblichkeit binnen fünf Jahren vermindert werden, nahm sich die Deutsche Sepsisgesellschaft 2004 vor. Das Ziel wurde nicht erreicht.

Bakterien gelangen ins Blut

"Die Sepsis ist ein Paradoxon der modernen Medizin", sagt der Sepsisforscher Eugen Faist, Professor für Chirurgie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zwar kann die High-Tech-Medizin heute vielen Patienten helfen, selbst solchen, die früher wenig Überlebenschancen gehabt hätten. Doch wenn sich die Operationswunde infiziert oder die Lunge entzündet, weil zum Beispiel durch den Beatmungsschlauch Bakterien hineingelangt sind, kann das geschwächte Immunsystem nicht gegenhalten - die Sepsis macht die Erfolge der Ärzte zunichte.

Bei jeder Entzündung schüttet der Körper Botenstoffe aus, die helfen, die Infektion zu bekämpfen. Bei einer Sepsis jedoch bleibt die Entzündungsreaktion nicht auf ein Organ beschränkt: Bakterien oder deren Gifte gelangen ins Blut, die Entzündungsreaktion breitet sich schlagartig über den gesamten Organismus aus, der Körper mobilisiert alle Abwehrkräfte. Der heftige Kampf des Immunsystems gegen die Infektion richtet sich schließlich auch gegen den eigenen Körper: Immunzellen attackieren die Blutgefäße, Flüssigkeit sickert ins Gewebe, der Blutdruck fällt ab und wichtige Organe wie Niere, Herz und Lunge bekommen nicht mehr ausreichend Sauerstoff, sodass sie schließlich versagen.

Mangelnde Hygiene als Auslöser

Prinzipiell kann jede Entzündung im Körper außer Kontrolle geraten, eine entzündete Zahnwurzel ebenso wie eine Wunde auf der Haut. Häufig aber trifft eine Sepsis Menschen, die bereits krank sind: Die eine Lungenentzündung haben, operiert wurden oder künstlich beatmet werden. Je älter und kränker die Patienten sind, umso leichteres Spiel haben die Erreger im Körper. Das Durchschnittsalter der Sepsis-Patienten liegt bei 67 Jahren.

Doch warum das Immunsystem bei manchen Menschen Amok läuft, während andere auch schwere Infektionen gut wegstecken, ist bisher unklar: "Wir haben inzwischen weitgehend verstanden, welche Prozesse bei einer Sepsis ablaufen. Was wir noch nicht wissen ist, warum eine Sepsis überhaupt entsteht", sagt Frank Martin Brunkhorst, Sepsisforscher und Oberarzt an der Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin am Universitätsklinikum Jena. Ein Auslöser ist auch heute noch mangelnde Hygiene. Immerhin jede zehnte bis jede siebte Erkrankung könnte durch peniblere Sauberkeit und regelmäßige Händedesinfektion verhindert werden, vermutet Petra Gastmeier, Professorin für Hygiene und Umweltmedizin an der Berliner Charité. Wahrscheinlich haben manche Menschen auch genetische Veranlagungen, die sie besonders anfällig für eine Sepsis machen. Doch bisher wurden noch keine eindeutig verdächtigen Gene identifiziert.

Mangelnde Hygiene als Auslöser: Jede siebte Erkrankung könnte durch regelmäßige Händedesinfektion verhindert werden

Mangelnde Hygiene als Auslöser: Jede siebte Erkrankung könnte durch regelmäßige Händedesinfektion verhindert werden

Auf der Suche nach Botenstoffen im Blut

In den meisten Fällen können die Ärzte daher nur auf die unkontrollierte Infektion reagieren. Möglichst rasch müssen sie die Diagnose stellen, den Erreger identifizieren, den Infektionsherd finden und wenn möglich behandeln. Außerdem verabreichen sie starke Antibiotika, um die Erreger abzutöten. Dramatisch wird es, wenn die entgleiste Immunreaktion bereits Organe geschädigt hat oder der Kreislauf versagt - dann spricht man von schwerer Sepsis oder septischem Schock. In solchen Notfällen geht es vor allem darum, den Kreislauf des Patienten zu unterstützen und sicherzustellen, dass die Organe möglichst gut mit Sauerstoff versorgt werden.

Menschen mit schwerer Sepsis sollte ein neues Medikament mit der Substanz "aktiviertes Protein C" helfen, das vor einigen Jahren auf den Markt kam. Die Erwartungen erfüllten sich allerdings nicht. Neuere Studien zeigen, dass das sehr teure Arzneimittel keinen Überlebensvorteil bringt.

Die Sepsisforscher müssen also weiter nach Mitteln gegen die Krankheit suchen. "Wir brauchen bessere Studien", fordert Frank Martin Brunkhorst aus Jena, wo ein vom Bundesforschungsministerium gefördertes Sepsis-Forschungszentrum entstehen soll. Dort fahnden Wissenschaftler nach Botenstoffen im Blut, mit deren Hilfe sich der fatale Krankheitsprozess frühzeitig erkennen und so besser behandeln ließe. Sie wollen zudem testen, welche Antibiotika-Behandlung besonders vorteilhaft ist. Auch die Forscher um Eugen Faist in München arbeiten an Früherkennungsmarkern, um einer entgleisenden Infektion möglichst schnell gegensteuern zu können. Wissenschaftler aus Japan melden erste Erfolge mit einer Blutwäsche, die die Giftstoffe der Bakterien aus dem Blut filtern soll.

Mühsamer Weg zurück ins Leben

Peter Eichacker, der an den amerikanischen National Institutes of Health die Sepsis erforscht, ist jedoch skeptisch. "Bevor wir nicht herausgefunden haben, wie sich die Sepsis entwickelt und ob bei verschiedenen Patienten nicht verschiedene Prozesse ablaufen, werden die Studienergebnisse immer unzureichend bleiben."

Mit schlimmen Folgen für die Betroffenen: Nach fünf Monaten auf der Intensivstation musste Dorothea Brill-Kurzweg sich mühsam ins Leben zurücktasten, konnte nicht mehr laufen, nicht mehr allein stehen, sich nicht allein anziehen, musste sich alles mühsam wieder antrainieren. Noch heute, vier Jahre später, spürt sie Folgen der Infektion: Ihre Füße schlafen häufig ein, die Beine schmerzen, das Immunsystem hat auch die Nerven angegriffen, haben die Ärzte ihr erklärt. Sie macht jetzt eine Psychotherapie, um die Erfahrungen auf der Intensivstation aufzuarbeiten, die Angst und die Hilflosigkeit. Dass die Hölle, durch die sie gegangen war, den Namen Sepsis trug, erfuhr sie erst, als sie nach der Entlassung aus dem Krankenhaus den Arztbrief las: "Das war ein Schock. Bis dahin war mir trotz allem nicht klar gewesen, wie knapp ich dem Tod entkommen war."

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