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Interview

Lust statt Leistung: Penis macht schlapp? Sexualtherapeut erklärt, warum das kein Grund zur Panik ist

Männer haben immer Lust auf Sex und können immer - so lautet das Klischee. Im Interview erklärt Sexualtherapeute Michael Sztenc, warum dieses Vorurteil gefährlich ist. Und was Männer tun können, wenn es im Bett mal nicht klappen will.

Mitten im Liebesspiel wird der Penis schlapp - eine unangenehme Situation für beide Partner

Mitten im Liebesspiel wird der Penis schlapp - eine unangenehme Situation für beide Partner

Getty Images

Herr Sztenc, Sie sind Diplompsychologe und arbeiten als Paar-und Sexualtherapeut in Saarbrücken. Was würden Sie sagen: Wie steht es um die männliche Sexualität?

Der männliche Sex ist sehr leistungsorientiert. wollen beim Sex einen guten Job machen. Der Orgasmus ist ein Muss. Das macht den Sex oft wenig spielerisch. Und leider gehen viele Männer auch noch den klassischen Sex-Mythen auf den Leim.

Nennen Sie uns ein paar Beispiele.

Richtiger Sex ist gleichzusetzen mit Geschlechtsverkehr. Die Krönung des ist der Orgasmus. Der weibliche Orgasmus fällt in den männlichen Kompetenzbereich. Also: Kommt sie, war er gut. Kommt sie nicht, war er schlecht. 

Das hört sich alles sehr verkrampft an, um ehrlich zu sein.

Nein, solange das funktioniert, macht das richtig Spaß. Aber wehe, irgendetwas klappt nicht – dann ist es richtig schlimm. Zum Beispiel ein Problem mit der Erektion. Das schlägt direkt auf den Selbstwert und stürzt die meisten in eine große . Für viele Männer gilt immer noch der Grundsatz: 'Erigo, ergo sum.' Steht er, so bin ich. Männliche Identität und männlicher Selbstwert sind stark an die Erektionsfähigkeit gekoppelt. Und an die sexuelle Performance, die damit einhergeht. 

Sie haben ein Buch über männliche Sexualität geschrieben. Es trägt den Untertitel "Vom Leistungssex zum Liebesspiel". Wo ist der Unterschied?

Beim Leistungssex geht es um das Ergebnis – den Orgasmus. Liebesspiel bedeutet, Freude am Prozess zu haben und sich eine spielerische Grundhaltung zu bewahren. Es ist aber sehr schwer, in diese spielerische Grundhaltung reinzukommen, denn dafür muss man sich zum Beispiel auch Fehler erlauben. Fehler heißt in dem Fall: Wenn was beim Sex nicht so klappt, wie Mann es sich vorstellt. Ein "Fehler" ist kein Grund, sich zurückzuziehen. Er ist kein Stoppschild, sondern mehr eine Art Umleitung, die einem zu verstehen gibt: 'Gut, dann nehme ich nicht diesen Weg, sondern einen anderen.' Weitermachen, aber anders, lautet die Devise.

Mit welchen Problemen kommen Männer zu Ihnen?

Die häufigsten Beschwerden sind und Probleme mit dem Orgasmus. Die Männer kommen entweder zu früh zum Höhepunkt oder gar nicht mehr, zumindest in der Partnersexualität. Der Leidensdruck bei all diesen Männern ist extrem hoch. Sexuelle Funktionsstörungen sind etwas anderes als eine Sehnenscheidenentzündung oder ein gebrochenes Bein. Das geht an die eigene Identität. Betroffene fühlen sich nicht mehr als richtige Männer und ziehen sich zurück. Sie meiden die sexuelle Begegnung und sie meiden das Gespräch darüber.

Und machen es damit noch schlimmer?

Rückzug ist jedenfalls der falsche Weg. Besser: Weiter sexuelle Begegnungen suchen und die Spielregeln variieren. Es hilft, sich zu sagen: 'Okay, mit dem Geschlechtsverkehr klappt es gerade nicht. Aber was gibt es noch? Wie können wir eine Begegnung gestalten, sodass sie lustvoll und schön wird?'

Das klingt wenig reizvoll…

Für die meisten Klienten ist das komplett neu und macht zunächst keinen Spaß. Das mag stimmen, aber es geht darum, gemeinsam zur Lust zu finden. Diese Lust entsteht aus einem Prozess heraus. Lust ist keine Voraussetzung, um in diese Begegnung zu gehen, sondern das Ergebnis. Am Anfang braucht es dafür Mut, oder wie die Spanier sagen: Eier in der Hose.

Wie sollten Partner oder Partnerin reagieren?

Da gibt es leider keine Patentrezepte. Was bei vielen Frauen früher oder später aufkommt, ist die Frage: 'Was hat es mit mir zu tun?' Und wenn sich der Mann zurückzieht, dann kommt die Frau ins Grübeln: 'Bin ich nicht mehr attraktiv genug?' Besser ist es, in den Austausch zu gehen und zu fragen: 'Was ist da zwischen uns? Wo ist deine Lust? Was können wir tun? Müssen wir am Sex etwas ändern?' Ja, manchmal hat es was mit dem Partner oder der Partnerin zu tun. Meistens aber nicht.

Erektionsstörungen gelten als ein Alte-Männer-Problem. Kommen auch junge Patienten zu Ihnen?

Ja, und für die Jüngeren sind Erektionsstörungen besonders schlimm. Wenn der nicht mitmacht, passt das einfach nicht in das Bild, das viele von sich haben: 'Ich kann und will immer.' Das ist natürlich Quatsch. Kommen die Männer dann auch noch zu früh zum Orgasmus, wird es einfach kompliziert.

Was raten Sie Betroffenen?

Sich auf den Weg zu machen und sich professionelle Hilfe zu suchen. Also aktiv an das Problem rangehen und es nicht mit sich selbst ausmachen.

Penis und Psyche – wie hängt das zusammen?

Am Anfang steht oft irgendein Auslöser für eine Erektionsstörung. Das kann eine neue Partnerin sein, ein schlechter Tag. Eine völlig harmlose Sache, die dazu führt, dass einen die Erektion verlässt. Beim nächsten Mal wird schon gescannt: Ist er jetzt steif? Bleibt er stehen? Oder wird er weich? Ein heftiger Lustkiller. Wiederholt es sich beim zweiten Mal, befindet man sich eigentlich schon im Kreislauf. Eine Angstspirale entsteht.

Wie kommt man da wieder raus?

Die Leistung mal hintenanstellen und versuchen, gemeinsam mit dem Partner oder der Partnerin lustvolle Momente zu erleben, gemeinsam in sexuelle Erregung zu kommen. Das Ziel ist Lust und Genuss, nicht Verkehr und Orgasmus.

Sie schlagen also vor, sich bewusst Zeit für Erotik zu nehmen?

Ja, dazu rate ich meinen Klienten. Nehmen wir einmal ein ganz normales Standardpaar: Beide arbeiten, es gibt eine Wohnung oder ein Haus. Es muss sich um den Haushalt gekümmert werden, vielleicht um Kinder, dazu hat jeder noch Hobbies. Wo bleiben da Zeit und Muße für Sex? Plus das Vorurteil: 'Guter Sex ist spontan, den will ich nicht planen. Mein ganzes Leben ist verplant, aber nicht der Sex.' Was bedeutet das? Man muss es dem Zufall überlassen, dass beide gleichzeitig Lust auf Sex haben. Dann wird es aber immer weniger. Hinzu kommt oft noch die Dynamik einer Langzeit-Beziehung: Es tritt ein gewisser Gewöhnungseffekt ein. Das ist für viele Paare ein zusätzlicher Lustkiller.

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Ab wann muss Mann sich Sorgen machen?

Wird der Penis beim Liebesspiel schlapp, machen sich die meisten Männer schon ab dem ersten Mal Sorgen. Je früher sie diese Ängste angehen, umso besser. Festigt sich die Angstspirale, ist es schwieriger, wieder rauszukommen. Meiner Meinung nach fehlt es hier auch an sexueller Bildung: Dass ein Penis während eines Liebesspiels mal schlaff wird, ist völlig normal. In der Regel kommt der auch wieder. Ich erinnere mich an einen Klienten, der kam mit der selbstgestellten Diagnose Impotenz und hat mir dann erzählt, dass er seine Frau durch Oralverkehr zum Höhepunkt bringt. Das dauert eine Viertelstunde, in der er vor ihr liegt, den Kopf im Genick hat, die Zunge raus streckt und wirklich viel Druck macht. Dann wundert er sich, dass ihm in dieser Position nach einer Viertelstunde die Erektion verloren geht. Hallo? Das ist keine erektile Dysfunktion. Das ist völlig normal. Es geht schon auch um Wissensvermittlung. Und gute sexuelle Bildung für Erwachsene ist rar.

Wird das Thema Impotenz zu selten thematisiert? In Filmen gibt es oft den einen Held, der alle Frauen abschleppt. Impotenz kommt dagegen so gut wie nie vor.

Das stimmt – kein schönes Thema. Und wenn es vorkommt, dann betrifft es den totalen Loser, der nichts gebacken bekommt. Dabei kann es jeden treffen: vom Bodybuilder, Fitnesstrainer, Tänzer bis hin zum Bauarbeiter.

Müsste sich das Bild des impotenten Mannes in unserer Gesellschaft wandeln?

Das Bild von Potenz und vom potenten Mann müsste sich ändern. Männlichkeit ist Vielfalt. Diese Vielfalt sollte gezeigt werden. Ergänzt durch sexuelle Bildung, in der es nicht um Pornosex oder nur um Fruchtbarkeit und Verhinderung von Geschlechtskrankheiten geht. Sondern: Wie ist das mit dem Sex? Wie entdecke ich meine Wünsche? Wie mache ich Sex mit jemandem gemeinsam? Wenn das noch in die Lehrpläne käme, dann gäbe es wahrscheinlich auch weniger Erektionsstörungen.

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