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Interview

Psyche und Spitzensport: "Leistungssportler werden oft als Helden angesehen, stark und unantastbar"

Sie sind kraftvoll, schaffen alles, können alles: Das ist das Bild, das die Öffentlichkeit von Spitzensportlern hat. Sportpsychologe Oliver Stoll plädiert dafür, Athleten als das zu sehen, was sie sind: Menschen. Und klärt mit einem weit verbreiteten Irrtum auf.

Jan Ullrich

Herr Prof. Stoll, der Fall Jan Ullrich wirft ein Schlaglicht auf Suchtprobleme im Spitzensport. Ex-Bundesliga-Profi Ulrich Borowka sprach erst vor einigen Monaten bei Maischberger über seine Alkoholkrankheit. Diego Maradona soll früher süchtig nach Kokain gewesen sein, lag vor einigen Jahren mit einer kaputten Leber im Krankenhaus. Sind Leistungssportler besonders gefährdet für Suchtprobleme?

Das ist ein schwieriges Forschungsgebiet. Zu diesem Thema gibt es deshalb nur wenige Studien. Das, was wir wissen, zeigt aber in eine eindeutige Richtung: Nein, Spitzensportler haben nicht häufiger als die Normalbevölkerung mit Suchtproblemen zu kämpfen. Es handelt sich vielmehr um Einzelfälle, die öffentlich viel Aufsehen erregen. Ob ein Sportler erkrankt oder nicht, hängt mit verschiedenen Faktoren zusammen – die genetische Veranlagung ist einer davon. Ein weiterer: die Art und Weise des Karriereendes.

Können Sie das näher erklären?

Oft ist es eine schwere Verletzung, die einen Sportler dazu zwingt, seine Karriere zu beenden. Bei Jan Ullrich war es ein Dopingbefund. Das ist natürlich eine schwierige Ausgangslage. Doping ist in einer Gesellschaft, die bestimmte Werte und Normen vertritt, nicht besonders hoch angesehen – um es einmal milde auszudrücken.

Senkt Doping die Schwelle, auch andere Substanzen zur Leistungssteigerung einzunehmen?

Das klingt zunächst plausibel, lässt sich letztlich aber nicht beweisen. Was sich aber sicher sagen lässt: Viele Leistungssportler sind perfektionistisch veranlagt und hochleistungsmotiviert. Da ist Jan Ullrich sicher keine Ausnahme. Dieser Perfektionismus hat allerdings zwei Seiten: Zum einen können sich Leistungssportler sehr anspruchsvolle Ziele setzen. Andererseits reagieren sie sehr schnell mit heftigen negativen Emotionen, wenn sie ihre anspruchsvollen Ziele nicht erreichen. Wenn jemand im Laufe seiner Karriere nicht gelernt hat, mit diesen Emotionen umzugehen, kann das Probleme bereiten.

Was tun Sportverbände, um ihre Sportlerinnen und Sportler auf so etwas vorzubereiten?

Leistungssportler werden in der Öffentlichkeit oft als Helden angesehen: Sie wirken stark und unantastbar, so, als könnte ihnen nichts etwas anhaben. Fakt ist aber: Das sind auch nur Menschen. Meine Wahrnehmung ist, dass Themen rund um die Psyche im Leistungssport offener angesprochen und diskutiert werden. Das begrüße ich sehr. Der Deutsche Fußballbund hat Leistungszentren für die 1., 2. und 3. Liga eingeführt. Dort arbeiten in der Regel Sportpsychologen, die Nachwuchstalente betreuen und eine große Rolle bei der Persönlichkeitsentwicklung spielen. Auch der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat in den letzten Jahren ähnliche Strukturen entwickelt. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Diskussion um duale Karrieren. Laufbahnberater helfen Sportlerinnen und Sportlern, eine Alternative zu ihrer jetzigen Tätigkeit im Auge zu behalten und sie auf das "Danach" vorzubereiten. Damit die Athleten nach der Karriere nicht in ein tiefes Loch fallen.

Was raten Sie Athleten: Wie sollten sie sich für das Karriereende wappnen? Welche Schritte sollten erfolgt sein?

Ganz wichtig: sich schon während der aktiven Laufbahn einen Plan B zurechtlegen, zum Beispiel eine Ausbildung oder ein Studium beginnen. Das wird vor lauter Wettkampfstress leider oft vergessen. Und sich nicht auf alten Erfolgen ausruhen: Klar, eine Goldmedaille bringt Geld ein und hält einen in gewissen Situationen über Wasser. Entscheidend ist aber ein langfristiges Ziel.

Haben es prominente Sportler schwerer, nach dem Karriere-Aus wieder Fuß zu fassen?

Es gibt einige sehr schöne positive Beispiele, die nach ihrer Laufbahn weiter Karriere gemacht haben: Olympiasiegerin Heike Drexler arbeitet beispielsweise im mittleren Management einer Krankenkasse. Skispringer Jens Weißflog hat im Erzgebirge ein Hotel eröffnet und führt das sehr erfolgreich. Aber natürlich gibt es auch Beispiele, denen es anders erging. Da ist Jan Ullrich nicht der einzige und nicht der erste. Gerade im Fußballbereich gibt es viele Sportler, die nach ihrer Karriere gnadenlos abgestürzt sind.

Aus welchen Gründen?

Weil sie keinen Plan B hatten und teilweise in die falschen Kreise geraten sind. Oder auf Anlageberater reingefallen sind, die ihnen irgendeinen Mist verkauft haben. Leistungssportler, die zunächst viel Geld verdient haben, sind gute Opfer für dubiose Geschäfte.

An welche Stellen können sich Spitzensportler in einer psychischen Notlage wenden?

Es gibt eine übergreifende Organisation in Deutschland, die aus der Robert-Enke-Stiftung hervorgegangen ist: "Mental Gestärkt" an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Die Experten vor Ort behandeln zwar nicht selber, verfügen aber über ein Netzwerk an psychologischen Beratern und Psychotherapeuten, die dann tätig werden können. Außerdem hat so gut wie jeder Sportspitzenverband im DOSB einen verantwortlichen Sportpsychologen, an den sich Sportlerinnen und Sportler wenden können. Auch einen Versuch wert: Das Bundesinstitut für Sportwissenschaft führt eine Datenbank, in der sportpsychologische Berater gelistet werden, regional und spezifisch für einzelne Sportarten. Diese Datenbank ist qualitätsgesichert. Das heißt: Alle Leute, die auf der Liste stehen, haben ein Studium absolviert und Erfahrung in der Arbeit mit Hochleistungssportlern.

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