Sterbebegleiter Weggefährten für die letzten Stunden

Zuhören und sich einfühlen - das sind mitunter die wichtigsten Aufgaben der Sterbebegleiter
Zuhören und sich einfühlen - das sind mitunter die wichtigsten Aufgaben der Sterbebegleiter
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Ehrenamtliche Hospizhelfer begleiten Menschen in der letzten Lebensphase. Sie sorgen dafür, dass Alleinstehende keinen einsamen Tod sterben müssen - und werden deshalb immer wichtiger.
Von Gregor Haschnik

"Ich habe solche Angst vor dem Tod. Könnten Sie sich bitte zu mir ins Bett legen?" fragt Elfriede Heidemanns zaghaft. Es ist keine Bitte, eher ein leises Flehen. Die Lippen der 92-Jährigen zittern, ihre Augen sind glasig und weit geöffnet. In ihrem Blick liegt kindliche Furcht und Hilflosigkeit, aber auch Sehnsucht und Hoffnung. Eine Hoffnung, die auf Mechthild Gersdorf ruht, obwohl die beiden Frauen weder verwandt noch befreundet sind und sich erst seit wenigen Monaten kennen.

Mechthild Gersdorf ist ehrenamtliche Sterbebegleiterin und kümmert sich um die alte Frau, die seit Wochen im Sterben liegt. Sie überlegt kurz: Soll ich mich zu ihr ins Bett legen oder nicht? Und wundert sich: Heidemann hatte bisher nicht einmal Mal über ihre Ängste gesprochen, das Thema Sterben beharrlich verdrängt. Jetzt ist ihr Gesicht blass, sie atmet unruhig und dreht den Kopf hin und her. Deshalb zieht Gersdorf ihre Schuhe aus, löst das Bettgitter und legt sich neben die alte Frau. Da umfasst die 92-Jährige ihre Taille, umklammert sie geradezu. "Ich kann verstehen, dass Sie sich fürchten“, sagt die Sterbebegleiterin. „Trotzdem glaube ich, dass Sie keine Angst zu haben brauchen." Danach schweigen die beiden Frauen. Mechthild Gersdorf versucht nicht, die ältere Dame mit Worten zu beruhigen - ihre Nähe, ihre Körperwärme und ihr gleichmäßiger Atem genügen.

Minuten vergehen. Elfriede Heidemann bleibt wach. Und dann entspannen sich ihre Glieder, sie atmet gleichmäßig, und aus der Umklammerung wird eine sanfte Umarmung. Nach einer halben Stunde sagt sie plötzlich: "Sie haben Recht. Ich habe keine Angst mehr. Aber ich denke, dass Sie jetzt nach Hause gehen sollten. Sie müssen etwas essen." Gerührt von der Selbstlosigkeit ihrer Bekannten klettert Gersdorf aus dem Bett und verabschiedet sich mit einem langen Händedruck von der alten Frau. Sie weiß nicht, dass es ein Abschied für immer ist. Wenige Tage später stirbt Heidemann.

Die 77-Jährige engagiert sich im ambulanten Hospiz- und Besuchsdienst der evangelisch-reformierten Kirche in Hamburg. Sie wird gerufen, wenn Menschen im Sterben liegen und Hilfe benötigen, entweder weil ihre Angehörigen Entlastung brauchen oder weil es keine Angehörigen gibt. Die frühere Vormundschaftsrichterin leistet keine Sterbehilfe. Sie steht den Menschen in ihren letzten Tagen bei, indem sie zuhört und hilft, ihre letzten Wünsche zu erfüllen, indem sie die trocken gewordenen Lippen befeuchtet oder einfach nur da ist. Sie trägt dazu bei, dass Menschen nicht im Pflegeheim oder Krankenhaus sterben müssen, sondern ihre letzten Tage Zuhause, in ihrer vertrauten Umgebung verbringen können.

Die Nachfrage nimmt zu

"Was ein ehrenamtlicher Sterbebegleiter tut, hängt allein von den Bedürfnissen der sterbenden Person und seiner Angehörigen ab, für die unsere Ehrenamtlichen auch immer ein offenes Ohr haben", sagt Dorothee Sperber, Leiterin des Hospizdienstes, für den Mechthild Gersdorf im Einsatz ist. Die Nachfrage nach Begleitung nimmt von Jahr zu Jahr zu - vor allem deshalb, weil die traditionellen Familienstrukturen auseinanderbrechen und es dadurch immer mehr Alleinstehende gibt, vor allem im Seniorenalter. Laut Statistischem Bundesamt gab es in Deutschland im Jahr 2006 4,5 Millionen alleinstehende Frauen über 65 und 1,5 Millionen alleinstehende Männer in dieser Altersgruppe.

An Mitarbeitermangel leiden die Hospizdienste nicht; bundesweit engagieren sich gut 80.000 ehrenamtliche Hospizhelfer. Finanzielle Unterstützung ist ebenfalls vorhanden: Seit 2002 zahlt die Bundesregierung den ambulanten Diensten Zuschüsse - nicht zuletzt, weil ambulante Versorgung günstiger ist als stationäre. "Unabhängig davon genießt unsere Arbeit inzwischen eine höhere Akzeptanz", sagt Dorothee Sperber. "Die Gesellschaft setzt sich wieder stärker mit Krankheit, Sterben und Tod auseinander, auch weil die Menschen immer älter werden."

Allerdings ernten ihre Mitarbeiter manchmal auch Unverständnis, wenn sie von ihrem Engagement erzählen. Und wenn sie selbst an Infoständen für ihren Dienst wirbt, hört sie oft Sätze wie: "Sollte ich einmal todkrank werden, fahre ich sofort in die Schweiz zur Sterbehilfeorganisation Dignitas." Sperber lehnt Sterbehilfe ab und ist sicher: "Wenn alte und schwer kranke Menschen palliativmedizinisch optimal betreut würden und jemanden hätten, der für sie da ist, würden weit weniger von ihnen Gedanken an Selbstmord oder Sterbehilfe hegen." Laut einer Erhebung der Fachhochschule Münster ist unter den jährlich 13 000 Menschen, die sich in Deutschland das Leben nehmen, jeder Dritte älter als 65; die Suizidrate in dieser Altersgruppe hat in den vergangenen 25 Jahren um 14 Prozent zugenommen. Der Hauptgrund ist Einsamkeit.

Zuhören und sich einfühlen - das sind mitunter die wichtigsten Aufgaben der Sterbebegleiter
Zuhören und sich einfühlen - das sind mitunter die wichtigsten Aufgaben der Sterbebegleiter
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Eine kurze, aber intensive Begegnung

Was braucht der Mensch im Angesicht des Todes? Mechthild Gersdorf und ihre Kollegen suchen nach Antworten auf diese Frage. Ihre sechsmonatige Ausbildung, in der sie über Krankheitsbilder sowie Sterbephasen aufgeklärt und in Gesprächsführung geschult werden, hilft ihnen dabei. Für die Sterbenden sind ihre Begleiter die letzten Menschen, die sie kennen lernen. Oft ist es eine kurze Begegnung, aber immer eine intensive: In den letzten Tagen und Stunden ziehen Menschen Bilanz, stellen sich existentielle Fragen: Wie war mein Leben? Wo gehe ich hin? "Die meisten müssen reden, reden, reden", erzählt Mechthild Gersdorf. „Vieles wird ihnen erst in der Rückschau bewusst. Ich versuche, aufmerksam zuzuhören und mich einzufühlen.“

An Elfriede Heidemann kann sie sich gut erinnern. Gesellig und aufmerksam sei die Berlinerin gewesen. Wenn sie zu Besuch kam, stellte die 92-Jährige Kaffee und Kekse hin. Dann plauderten die beiden Frauen: über die Schönheit der Gedächtniskirche am Kurfürstendamm oder über Badeurlaub an der Ostsee. Meistens jedoch erzählte Heidemann von ihrem Ehemann, den sie früh geheiratet hatte: "Für ihn hatte sie auf vieles verzichtet, auf eine eigene berufliche Karriere etwa. Aber sie hat es nie bereut. Wenn sie sich an die vielen Tanzabende erinnerte, strahlte sie", sagt Gersdorf. Dass die Sterbende große Angst vor dem Tod hatte, spürte Gersdorf sofort, Gespräche darüber brach Heidemann jedoch immer schnell ab. Sie hatte ihre eigenen Bedürfnisse stets zurückgehalten, dachte immer zuerst an andere. Daher offenbarte sie auch erst kurz bevor ihrem Tod ihre große Angst und bat ihre Begleiterin, sich zu ihr ins Bett zu legen.

Ein einziger Kampf - bis zuletzt

"Menschen sterben meist so, wie sie gelebt haben", sagt Gersdorf. Diese Erfahrung hat sie auch bei Bernhard Weiland gemacht, der Prostatakrebs im Endstadium hatte, als die Hospizhelferin ihn kennen lernte. Weil sein Vater Alkoholiker war und einen Großteil seines Gehalts versoff, musste Weiland schon als Kind arbeiten, und kam deshalb in der Schule nicht zurecht. Trotz allem schaffte er es mit großem Einsatz, einen eigenen Kfz-Betrieb aufzubauen. Sein Leben war ein einziger Kampf - bis zum letzten Atemzug: Weilands Körper ist voller Metastasen. Der einst große und kräftige Mann wiegt höchstens noch 60 Kilogramm. Er ist so stark abgemagert, dass seine Knochen spitz hervorstehen und seine Haut sich wie Pergamentpapier darüber spannt; das Gesicht scheint nur noch aus Augen und Knochen zu bestehen.

Trotzdem klagt der Mann kein einziges Mal über Schmerzen. Er hat nur ein Ziel: Er will wieder laufen. "Kommen Sie, ich will trainieren. Wenn Sie mir nicht helfen, probiere ich es alleine", fordert er Gersdorf auf. Er zwingt sie regelrecht dazu, ihm aus dem Bett zu helfen und ihn bei seinen Gehversuchen zu stützen. Sie schüttelt den Kopf, weiß aber, dass es zwecklos ist, Weiland zu widersprechen und greift ihm unter die Arme. Der 65-Jährige nimmt all seine Kraft zusammen. Er ächzt, quetscht die stützenden Hände seiner Helferin, schwitzt - so sehr versucht er, seine Muskeln anzuspannen und seinen Körper dazu zu bringen, ihm zu gehorchen. Aber die Knie wackeln. Und sobald Gersdorf ihn loslässt, knicken seine Beine ein und Weiland sinkt zu Boden. "Verdammt", ärgert er sich - ohne jedoch zu resignieren: "Sobald ich mich erholt habe, versuchen wir es noch mal", sagt er. Gersdorf kann es nicht verstehen, sie denkt: Warum tut er sich das an? Warum kann er nicht loslassen?

Eines Nachmittags sitzen die beiden wie gewohnt beieinander. Weiland raucht und erzählt von seinem Leben. Nach all den Jahren ist er immer noch wütend auf seinen Vater: "Sich samstags betrinken, die Familie terrorisieren und sonntags wieder brav in die Kirche gehen. Diese verlogene Doppelmoral!", schimpft er. Kurz darauf knallt etwas gegen die Scheibe: Ein Vogel ist mit voller Wucht dagegen geflogen. "Holen Sie den Vogel, wir müssen ihm helfen", bittet er Gersdorf. Sie geht auf die Terrasse und sieht, dass die Kohlmeise tot ist, doch Weiland will es nicht wahrhaben. "Wir dürfen sie nicht sterben lassen. Rufen Sie einen Tierarzt!" Da erkennt sie: Weiland will seinen Kampf unbedingt zu Ende führen - und dieser Wille muss respektiert werden. Als er sich ein paar Tage später wieder besser fühlt und versuchen will, die Treppe zum Schlafzimmer hinaufzugehen, schüttelt Gersdorf nicht mehr den Kopf, sondern stützt ihn, so gut sie kann. Wieder verzieht Weiland vor Schmerz und Anstrengung das Gesicht, Schweißperlen laufen an seinen Schläfen herunter - vergeblich. Er bricht erneut zusammen. In seinen Augen dennoch keine Spur von Niedergeschlagenheit. "Was für ihn zählte, war eben, nicht aufgegeben zu haben", sagt Gersdorf.

Mit der eigenen Endlichkeit konfrontiert

Sich selbst zurückzunehmen und sensibel für die Gefühle und Gedanken des Sterbenden zu sein - das versucht Mechthild Gersdorf als Sterbebegleiterin. Gleichzeitig wird sie mit ihrer eigenen Endlichkeit konfrontiert. Nein, Angst vor dem Tod habe sie nicht, sagt die 77-Jährige. Sie hält es mit Rainer-Maria Rilke: "Ich gehe davon aus, dass ich in Gottes Hände falle. Angst habe ich nur vor Schmerzen und vor Demenz. Ich möchte meinen Kindern auf keinen Fall zur Last fallen." Doch daran will Gersdorf eigentlich keinen Gedanken verschwenden. Sie ist aktiv, fährt mit ihrem Fahrrad jeden Tag eine Runde um die Alster und geht im Winter Skilaufen, und zwar alpin. Dass sie sich als Sterbebegleiterin stärker mit dem Tod auseinandersetzt, empfindet sie nicht als Belastung, im Gegenteil: "Ich gehe noch aufmerksamer durchs Leben und weiß die Kostbarkeit des Augenblicks zu schätzen."


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