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Suizid im Alter Warum nehmen sich so viele ältere Menschen das Leben?


Die Suizidrate bei Menschen über 60 ist höher als in jeder anderen Altersgruppe. Warum beenden viele Ältere ihr Leben? Was sind Warnsignale? Und wie ließe sich gegensteuern? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Warum nehmen sich vor allem ältere Menschen das Leben?

Das liegt in erster Linie an den sich ändernden Lebensumständen. Der Körper macht altersbedingt oder in Folge einer Krankheit nicht mehr alles mit, das Gehirn erkrankt womöglich an einem Leiden wie Alzheimer. Das kränkt die Betroffenen und hindert sie zudem daran, weiterhin problemlos am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Wenn die Kinder nicht mehr besucht werden können, oder man nicht mehr Einkaufen gehen kann, verändern sich die Beziehungen zu Angehörigen und Freunden. Dann steige die Gefahr eines Suizids, sagt der Hamburger Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie Reinhard Lindner. Mit dem Alter kommen auch die schweren Einschläge: der Partner, die Geschwister oder Freunde sterben. Nicht selten nehmen sich ältere Menschen kurz nach dem Tod ihres Partners das Leben. 

Ein weiterer wichtiger Faktor für Suizid im Alter sei die Angst vor Abhängigkeit, sagt Lindner, der schwerpunktmäßig ältere Menschen behandelt. Auslöser für einen Suizid sei aber weniger die tatsächlich erlebte Abhängigkeit, als vielmehr die Angst davor, so der Mediziner. In Pflegeheimen sei die Suizidrate beispielsweise sehr gering. Zum einen mangels Möglichkeiten, aber auch, weil sich viele Menschen dort gut aufgehoben fühlten, sagt Lindner. 

Die Angst, in einem Pflegeheim zu landen und dort von lieblosem Personal gepflegt zu werden, ist nicht unbedingt berechtigt. Die Mehrheit der 80- bis 90-Jährigen lebe in den eigenen vier Wänden, die meisten davon in Partnerschaften. Die Angst ist dennoch groß und vor allem männlich:  85-jährige Männer haben eine fünfmal höhere Suizidrate als der Durschnitt der Bevölkerung. Doch auch immerhin jede zweite Frau, die sich in Deutschland umbringt, ist über 60. 

Ist die hohe Zahl an Alterssuiziden eine neue und typisch deutsche Entwicklung?

Neu ist sie nicht. Schaut man sich die deutschen Statistiken der letzten 100 Jahre an, so zeigt sich, dass es schon immer vor allem die Älteren waren, die sich das Leben nahmen. 

Dass es etwas mit unserer Kultur zu tun hat, glaubt Lindner aber schon. In Leistungsgesellschaften wie unserer würde man mit Ausscheiden aus dem Arbeitsleben entwertet. In bestimmten arabischen oder asiatischen Kulturen dagegen würden Alte wertgeschätzt, weil sie weise und lebenserfahren sind. Das Thema "Unabhängigkeit "sei zwar kein typisch deutsches aber in jedem Fall ein sehr westliches Gut, so Lindner. Im US-Bundesstaat New Hampshire etwa lautet das Motto: Live free or die (Lebe frei oder stirb). Der Verlust von Unabhängigkeit würde in solchen Kulturkreisen entsprechend schwerwiegend erlebt. 

Soziale Faktoren spielen eher eine untergeordnete Rolle. Altersarmut ist zwar - genau wie Arbeitslosigkeit bei jüngeren Menschen - ein Faktor für Suizide, aber nicht so entscheidend wie die Angst vor Abhängigkeit und Beziehungsverlust. Und die trifft Reiche wie Arme gleichermaßen. 

Was sind Warnsignale?

Menschen mit suizidalen Absichten ziehen sich häufig zurück. Hatte man zuvor ein gute Beziehung zu seinem Vater oder seiner Großmutter, so sollte man aufmerksam werden, wenn diese anfangen, sich abzukapseln. "Das ist nicht einfach ein Zeichen des Alterns, sondern ein psychisches Problem, das da sichtbar wird", sagt der Arzt für Psychotherapie. Aber auch wenn jemand auffällig viel Alkohol trinke oder erst jüngst den Partner oder eine andere nahestehende Person verloren habe, sei besondere Aufmerksamkeit geboten. 

Kann eine Therapie bei sehr alten Menschen noch etwas bewirken?

"In jedem Fall", betont Lindner, der täglich mit betagten Menschen mit suizidalen Absichten spricht. Eine Psychotherapie könne die Gefährdung auch im sehr hohen Lebensalter ganz klar reduzieren, das sei mittlerweile auch wissenschaftlich gut belegt. Die 60- bis 70-Jährigen gingen heute schon öfter zum Therapeuten, bei den Älteren seien es bislang nur wenige. In ein paar Jahren dürfte das anders aussehen. Doch auch schon heute sei die Nachfrage immens, so Lindner.  Er behandelt täglich rund acht Patienten mit psychischen Problemen oder suizidalen Gedanken in der Medizinisch-Geriatrischen Klinik Albertinen-Haus in Hamburg

Was muss sich ändern?

Schon heute entfallen 45 Prozent aller Suizidfälle auf die Altersgruppe 60 plus - und diese Gruppe wird in den kommenden Jahren wachsen. Lindner hält einen Ausbau von therapeutischen Angeboten für Senioren für unerlässlich. Menschen mit psychischen Problemen müssten niedrigschwellige Angebote bekommen. Niedrigschwellig ist dabei auch wörtlich zu verstehen: Eine 93-Jährige schafft den Weg in die Psychotherapiepraxis nicht mehr - ein Therapeut, der zu ihr nach Hause kommt, wäre eine Alternative. 

Doch Suizidprävention müsse auch schon viel früher ansetzen, sagt Lindner. Abschiednehmen als Lebensthema müsste schon in der Schule behandelt werden, um es als Teil des Lebens zu akzeptieren, statt als etwas, das verdrängt wird und einen dann später mit voller Wucht trifft. Der Stellenwert der Unabhängigkeit müsste nach Ansicht des Mediziners ebenfalls neu diskutiert werden: "Ist unser Freiheitsideal wirklich menschlich oder entwertet es nicht jene, die auf Hilfe angewiesen sind?" Die Sterbehilfedebatte sieht er daher nicht unkritisch: Anstatt den Suizid zu normalisieren, sollten lieber mehr Angebote geschaffen werden, den Betroffenen zuzuhören und sie in ihren Nöten ernstzunehmen. Die langjährige Erfahrung des Therapeuten zeige: Häufig wollen sich die Menschen dann gar nicht mehr umbringen. Denn letztlich sei es vor allem eins, das Menschen am Leben halte: die Verbindung zu anderen.

Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 erreichbar. Auch eine Beratung über E-Mail ist möglich. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.


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