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Tattoo-Entfernung: Die Trennung schmerzt

Häufig hält die Liebe zu einem Tattoo nicht so lange wie die Farbe in der Haut. Tätowierungen lassen sich auch wieder entfernen. Das allerdings ist eine langwierige, unangenehme und teure Prozedur.

Von Sabine Böhne

Die Schultern sind vor Anspannung hochgezogen. Der Blick aus aufgerissenen Augen signalisiert Angst. Michelle Weber* aus dem niedersächsischen Rotenburg an der Wümme liegt auf der Behandlungsliege im Ambulanzzentrum der Universitätsklinik Hamburg- Eppendorf (UKE). Mit prüfendem Blick beugt sich Hautärztin Sabine Stangl über den nackten Bauch ihrer Patientin. Um den Nabel herum schimmern blau-schwarze Flecken und schlierenartige Linien. Es sind die Reste einer Tätowierung in Form einer Sonne, die sich die 33-Jährige als junges Mädchen in die Haut stechen ließ. An diesem Freitagnachmittag soll ein weiterer Teil davon zum Verschwinden gebracht werden - es ist bereits die zehnte Sitzung.

"Es geht los", sagt Sabine Stangl und schießt mit einem Rubinlaser gebündeltes Licht im Sekundentakt auf die verfärbten Hautstellen. Bei jedem Impuls ertönt ein Knall, der an das Geräusch ei- nes Bolzenschusses erinnert. Die Lichtwellen erhitzen die getroffenen Farbpigmente und lassen sie in viele kleine Teilchen zerplatzen. In den folgenden Wochen werden Fresszellen die winzigen Partikel über das Lymphsystem unbemerkt und gefahrlos abtransportieren. Die Verfärbung verschwindet. Zunächst bilden sich jedoch dort, wo der Laserstrahl auf das Gewebe trifft, weiße, bläschenartige Erhebungen, drum herum verfärbt sich die Haut rötlich. An manchen Stellen tritt Blut aus. "Es fühlt sich an, als hätte ich mich mit einem Bügeleisen verbrannt", sagt Michelle Weber mit gepresster Stimme.

Der Schmerz ist der Preis für eine Jugendsünde, über die die Justizbeamtin heute nur noch den Kopf schütteln kann. Das erste Tattoo ließ sie sich kurz nach dem 18. Geburtstag in einem Hinterzimmer in den Oberarm stechen. "Das war bestimmt nicht besonders steril, aber ich wollte es unbedingt, weil mein damaliger Freund auch tätowiert war", erzählt Michelle Weber. Bald darauf folgte in einem professionellen Studio die Sonne um den Bauchnabel. Inzwischen hat Michelle längst einen anderen Freund. Sie will heiraten und wünscht sich ein Baby. "Vorher sollen die Tattoos verschwinden." Zwei bis drei Behandlungen muss sie dafür noch ertragen.

Hausgemachte Leiden

Egal, ob der Kolibri auf der Schulter, der Name der Liebsten auf dem Oberarm oder das Ornament über dem Steißbein, das der Volksmund Arschgeweih nennt: Was aus einer Partylaune oder einer Verliebtheit heraus entstand, bereitet Frauen ebenso wie Männern oft irgendwann nur noch Verdruss. Weil die Beziehung in die Brüche ging oder weil die einst zarte Tattoo-Blume mit zunehmender Leibesfülle und Faltenbildung eher einem Blumenkohl oder einer Trockenblume ähnelt. Dazu kommen Probleme im Beruf. "Ein Tattoo passt häufig nicht mehr zur sozialen Position", sagt die Ärztin Stangl und erzählt von einer Rechtsanwältin, die es leid war, wegen einer Tätowierung auf der Schulter in ihrer Kanzlei niemals weiße Blusen oder helle T-Shirts tragen zu können. Einem angehenden Polizisten aus Rostock machte der Dienstherr zur Auflage, die tätowierten Buchstaben auf dem Oberarm so weit zu entfernen, dass sie im Sommer nicht unter kurzärmeligen Hemden hervorlugen.

Etwa jeder zehnte Deutsche hat laut einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach mindestens eine Tätowierung. In der Altersgruppe zwischen 16 und 29 Jahren sogar jeder vierte. Wie der Laserspezialist Wolfgang Bäumler von der Universitätsklinik Regensburg in einer aktuellen Onlineumfrage ermittelte, wollen rund 15 Prozent der Befragten das Werk wieder entfernen lassen.

Hautärzten, die sich auf den teuren Lasereinsatz spezialisiert haben, eröffnet das einen zusätzlichen Markt. "Bei uns sind Tattoo-Entfernungen in den letzten Jahren um etwa 50 Prozent gestiegen", sagt Gerhard Kolde vom Dermatologischen Zentrum in Berlin. Die Kosten variieren je nach Intensität des Bildes und der Dichte der Farbpigmente zwischen 50 und 300 Euro pro Sitzung, häufig sind zehn oder mehr Termine nötig.

Michelle Weber wird am Ende für die Prozedur rund 2500 Euro ausgegeben haben - das Stechen hatte sie nur ein paar Hundert Mark gekostet.

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