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Umstrittene BBC-Dokumentation: Autopsie einer Fettleibigen – "Es fühlt sich an wie Butter"

In der BBC-Dokumentation "Obesity: The Post Mortem" schneiden Pathologen eine übergewichtige Frau auf, um so vor den Gefahren von Übergewicht zu warnen. Eine schockierende, aber aufschlussreiche Form der Aufklärung. 

Die Macher der BBC-Dokumentation "Obesity: The Post Mortem" wollen über die medizinischen Folgen von Übergewicht aufklären

Die Macher der BBC-Dokumentation "Obesity: The Post Mortem" wollen über die medizinischen Folgen von Übergewicht aufklären

Übergewicht zählt zu den größten Gesundheitsrisiken der heutigen Zeit. In Deutschland bringt mehr als jede zweite Frau zu viele Kilo auf die Waage, bei den Männern sind es sogar zwei Drittel. Bereits seit Jahren warnen Mediziner vor einer regelrechten Epidemie der Fettleibigkeit – die Folgen für die Gesundheit haben kann: Übergewicht erhöht das Risiko für zahlreiche Krankheiten, darunter Bluthochdruck, Schlaganfall und Diabetes Typ 2. 

Die BBC hat nun eine umstrittene Dokumentation veröffentlicht, um vor den Folgen von zu viel Gewicht zu warnen. In "Obesity: The Post Mortem" wird die Autopsie einer übergewichtigen Frau gezeigt. Die Pathologen Mike Osborn und Carla Valentine untersuchen den Körper nach möglichen Auswirkungen des Gewichts. Dafür müssen sie ihn öffnen. Die grundlegende Frage dahinter: Jeder weiß, wie Übergewicht von außen aussieht. Doch welchen Schaden richtet das Fett im Verborgenen an – an lebenswichtigen Organen wie Herz, Leber und Lunge?

Das Bild, das von der Frau gezeichnet wird, bleibt vage – nur wenige Informationen werden dem Zuschauer verraten: Die Frau sei knapp über 60 Jahre alt gewesen, 1,64 Meter groß und fast 107 Kilogramm schwer. Sie stamme aus Long Beach, Kalifornien, und habe eingewilligt, ihren Körper nach dem Tod der Wissenschaft zur Verfügung zu stellen. Auch die Todesursache wird den Zuschauern verraten: Herzversagen.

"Ziemlich viel Fett"

Die Aufnahmen sind drastisch – und nichts für schwache Nerven. In Nahaufnahme setzt die Pathologin das Skalpell an und zieht es der Länge nach über den Brustkorb. Die Kamera folgt dem Schnitt. Gelbes Fett kommt zum Vorschein, das an klumpigen Pudding erinnert. Carla Valentine löst zunächst die Fettschürze und tastet sich im Anschluss zu den Organen vor. "Es fühlt sich ähnlich wie Butter an", sagt Valentine. Sie müsse aufpassen, dass sie mit ihrem Skalpell nicht abrutsche.

"Es befindet sich ziemlich viel Fett um die Organe", bestätigt auch Mike Osborn. Das sei zunächst nichts Ungewöhnliches – auch sehr dünne Menschen besäßen Fettansammlungen um die Organe, wo sie eine wichtige Schutzfunktion erfüllen würden. Allerdings sei die Menge an Fettzellen für eine Frau dieser Größe mehr als man erwarten würde – und das sei problematisch. "Das Bauchfett ist besonders gefährlich", erklärt Osborn. Wissenschaftler vermuten bereits seit längerem, dass es Fettsäuren, Entzündungsbotenstoffe und auch Hormone freisetzt. Dies kann sich ungünstig auf den Blutdruck und auch die Blutfettwerte auswirken.

Auch die Organe der Verstorbenen weisen krankhafte Veränderungen auf:

  • Das Herz ist stark vergrößert und schwer. Laut Mike Osborn sei dies die Folge des hohen Blutdrucks.
  • In den Lungenflügeln hat sich Wasser angesammelt, was auf ein Lungenödem hindeute. Ein Lungenödem kann beispielsweise infolge eines Herzversagens entstehen und äußert sich durch Atemnot.
  • In der Leber befinden sich Fettansammlungen. Sie ist auffällig groß, weich und hell. Mike Osborn erklärt, die Frau habe an einer nicht-alkoholischen Fettlebererkrankung gelitten. Diese kann das Risiko für eine Leberzirrhose und auch Leberkrebs erhöhen.
  • Die Nieren sind vernarbt, was ebenfalls auf den ehemals hohen Blutdruck der Verstorbenen zurückgeführt werden kann.

Pathologe Osborn schlussfolgert, dass die Frau nicht an ihrem Übergewicht verstorben sei. Jedoch habe dieses das Risiko für bestimmte Folgeerkrankungen wie hohen Blutdruck erhöht, die letzten Endes zum Tode führten.

BBC-Autopsie: Sensationshascherei oder wichtige Aufklärung?

Die Veröffentlichung des Videos hat in Großbritannien eine Grundsatzdebatte losgetreten: Wie weit darf medizinische Aufklärung gehen? Ist es ethisch vertretbar, den Körper einer Toten vor einem potenziellen Millionenpublikum zur Schau zu stellen? Auch zahlreiche Medien äußerten sich kritisch zu der BBC-Dokumentation: Die Tageszeitung "The Guardian" bezeichnet das Video etwa als "grausam" und "reines Spektakel". Sie wirft der BBC vor, "fat-shaming" zu betreiben – also übergewichtige Menschen an den Pranger zu stellen.

Im Gegensatz zu der leidenschaftlich geführten Diskussion kommt das BBC-Video überraschend nüchtern und ohne Wertung daher: Es beschränkt sich auf medizinische Informationen, erklärt, ordnet ein und lässt auch Betroffene zu Wort kommen. In einzelnen Sequenzen erklären übergewichtige Menschen, warum sie zugenommen haben, wie es ihnen damit geht und mit welchen Anfeindungen sie deshalb zu kämpfen haben. Auch medizinische Probleme werden beleuchtet.

Im Zentrum steht dabei nicht die Frage "Wann muss ich abnehmen?", sondern vielmehr "Was macht das Übergewicht mit mir, meinem Körper und meiner Psyche?". Klar wird: Übergewicht ist keine Frage der passenden Bikinifigur, keine Frage der Optik. Übergewicht ist in erster Linie ein medizinisches Problem. Wer abnimmt, tut das nicht für die Gesellschaft – sondern für sich. Und seine Gesundheit.

Was passiert mit uns, wenn wir sterben?
ikr
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