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Therapiehund: Pfleger auf vier Beinen

Die 13-jährige Juliane hat nach einem schweren Unfall und langem Koma viele Fähigkeiten verloren. Nun soll ihr Felix helfen: ein Therapiehund. Dank guter Erfahrungen finanzieren Versicherungen nun solchen Beistand.

Von Katharina Kluin

Diese Augen. Groß und pech schwarz sind sie. Drum herum weißes Fell. Von Gesicht zu Gesicht streift der Blick, verharrt kurz, wandert weiter. Felix sucht Kontakt. Zu Michaela, die sein Frauchen ist. Und zu Juliane, die sein Frauchen werden soll. Sehen sie ihm in die Augen, hebt er den Kopf: Bereitschaft.

"Das haben wir geübt

, von Anfang an", sagt Michaela Kittner. "Als Therapiehund muss Felix aufmerksam sein." Mit sechs Wochen kam der Golden Retriever zu ihr in die Ausbildung. Jetzt ist er acht Monate alt. Und noch hat er nicht ausgelernt als Julianes Helfer, Freund und therapeutischer Begleiter.

Juliane Dietl ist 13. Vor zwei Jahren wurde sie in Suhl von einem Auto erfasst und schwer am Kopf verletzt. Erst nach dreieinhalb Monaten erwachte sie aus dem Koma. "Da war sie hilflos wie ein Säugling", sagt ihre Mutter.

Seither kämpft Juliane. Sie hat wieder sprechen gelernt, wenn auch leise und brüchig. Arme und Beine gehorchen ihr, langsam, mit viel Konzentration. Auch ihr geschädigtes Gedächtnis wird immer besser. Aber als sie die Reha-Klinik verließ und ihre Mutter beim Abschied zu den Pflegern sagte: "Bald kommt die Juliane euch auf eigenen Beinen besuchen", da wollte das niemand glauben.

Inzwischen geht sie wieder

, dank Felix. Der Vorschlag, Juliane einen Therapiehund zur Seite zu stellen, kam von der Haftpflichtversicherung des Unfallfahrers - ein bisher einmaliges Projekt, mit dem die "Volksfürsorge" Julianes Heilung voranbringen und langfristig Kosten sparen will. Im Sommer 2004 stellte die Versicherung den Kontakt zu Michaela Kittner her, der Hundetrainerin. Die lebt in Dänemark. Und so verbrachten die Dietls ihre Ferien am Meer.

Felix war erst elf Wochen alt und noch sehr verspielt. Juliane, zunächst nervös, ließ sich von dem fröhlichen Fellknäuel aus der Reserve locken. Um für Felix interessant zu sein, musste sie sich etwas einfallen lassen: ihn rufen, locken, mit ihm spielen. Das allein war ein Fortschritt, im Alltag fehlte ihr der eigene Antrieb.

Am Tag vor der HeimreisE - es war ihr 13. Geburtstag - ließ Juliane den Rollstuhl stehen. Vom Strand bis ins Ferienhaus lief sie. Anderthalb Kilometer. "Hunde können manchmal kleine Wunder bewirken, gerade bei geistig beeinträchtigten Kindern", sagt Anke Proth-mann, Ärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Uni-Klinik Leipzig. Sie hat beobachtet, dass sich manche Krankheiten von Kindern mit Hunde-Hilfe besser therapieren lassen.

In den USA und England werden bereits seit den 60er Jahren Assistenzhunde unterschiedlichster Rassen eingesetzt, speziell ausgebildet für die Bedürfnisse kranker und behinderter Menschen. So können die Tiere Schubladen und Türen öffnen oder Waschmaschinen einräumen. Hunde für Epilepsiekranke erkennen den nächsten Anfall bis zu einer Dreiviertelstunde im Voraus. Forscher stellten 1996 fest, dass sich die Zahl bezahlter Pflegestunden um bis zu 70 Prozent reduzieren kann, wenn Hunde helfen.

In vielen Ländern wird die Ausbildung von Assistenzhunden von gemeinnützigen Stiftungen getragen, in Großbritannien beispielsweise von der Organisation "Canine Partners for Independence". Sie erhält Überschüsse der staatlichen Lotterie, 2003 etwa eine halbe Million Euro.

In Deutschland fehlt solch eine übergreifende Organisation. Unzählige Vereine und private Hundetrainer engagieren sich - wie, das bleibt ihnen überlassen. Bislang gibt es keine verbindlichen Regeln für die Ausbildung der Hunde. "Wegen dieses Klein-Kleins haben die Ausbilder in Deutschland keine Lobby", sagt Felix' Trainerin Michaela Kittner. "Kein Wunder, dass es bislang keine Unterstützung durch die Krankenkassen gab." 15 000 bis 20 000 Euro kostet ein gut ausgebildeter Hund.

Aber es tut sich etwas.

Unfall- und Haftpflichtversicherungen greifen zunehmend in den Behandlungsprozess von Unfallopfern ein. "Wenn man frühzeitig Geld in die Hand nimmt, kann man den Leuten schneller auf die Beine helfen", sagt Bettina Zander, Sprecherin der Volksfürsorge. Im besten Fall könne das Invalidität verhindern - und die Zahlung lebenslanger Renten.

Felix ist mit seiner Trainerin zum ersten Mal bei den Dietls in Suhl. Eine knappe Woche haben sie Zeit, um sich noch besser kennen zu lernen und zu trainieren. Michaela Kittner nutzt diese Tage, um herauszufinden, wo es noch hapert, sowohl bei Felix als auch bei Juliane und ihrer Familie. "Der Hund kann das Wichtigste schon, aber du kannst es noch nicht", sagt sie zu Julianes Mutter, als die die richtige Abfolge von Kommando, Lob und Belohnung durcheinander bringt.

"Am schwierigsten

ist es zu entscheiden, was Felix von sich aus leisten muss und was man von Juliane erwarten kann", sagt Michaela Kittner. Muss Felix auf Julianes schwache Stimme reagieren? Oder kann Juliane lernen, lauter nach ihm zu rufen? Soll er die Handschuhe sofort aufheben, wenn sie auf den Boden gefallen sind? Oder muss Juliane es erst mal selbst versuchen? Fragen, die Michaela Kittner nur in Zusammenarbeit mit Julianes Therapeuten klären kann. Gemeinsam werden sie die Ziele festlegen, die Juliane mit Felix' Hilfe erreichen soll. Ihr Neuropsychologe Winfried Ehrhardt sagt: "Wenn wir es schaffen, dass Juliane mit Felix' Hilfe aufmerksamer wird, Verantwortung übernimmt und bewusster handelt, haben wir eine Menge erreicht."

Aber auch Felix muss lernen. Mit seinen acht Monaten ist er schnell erschöpft. Am Rollstuhl, den Juliane für längere Wege braucht, läuft er nicht gern; lieber jagt er in großen Sprüngen voraus. Michaela Kittner hat sich darum einen Trainingsrollstuhl angeschafft. Mit dem rollt sie über die Feldwege der dänischen Halbinsel Thy und übt mit Felix Gehorsam.

Juliane ist zuversichtlich

. Manchmal, ganz selten, schimmert ein Anflug von Ungeduld hinter den Gläsern ihrer Brille, Traurigkeit. Aber nur kurz. Dann fällt ihr der Satz ein, den sie so gern zitiert. "Wir schaffen das", hat ihr die Großmutter in der Reha gesagt, immer wieder. "Jau, wir schaffen das!"

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